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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Nach den Sternen greifen - das klingt für mich nach ganz viel Weite, nach einem Himmel voller Sterne. Da stelle ich mir auch jetzt die Weite des Himmels vor.
Gestern vor genau 52 Jahren fand der erste bemannte Weltraumflug statt, damals eine Sensation! Juri Gagarin als erster Mensch im All! Er und andere haben nach den Sternen gegriffen und sind nicht auf dem Boden geblieben. Und manches, was wir heute für selbstverständlich halten, hätte es ohne solche Nach-den-Sternegreifern nie gegeben.
Und trotzdem liegt da auch eine Weisheit drin, wenn jemand sagt: Greif nicht nach den Sternen. Bleib lieber am Boden. Nach den Sternen greifen Menschen ja nicht nur, oft wollen sie die auch besitzen. Auch Teile von unserem Stern, vom blauen Planeten. Wasser soll zur Ware werden. Nach den Sternen greifen - wo viel Weite drin steckt, da wird auf einmal Profit und Ungerechtigkeit daraus, wenn nicht mehr jeder das umsonst bekommt, was er oder sie zum Leben braucht. Wem gehört das Wasser?, wurde in einer Abstimmung im Bundestag gefragt. Ist Wasser ein Menschenrecht oder nicht? Und die meisten Abgeordneten haben gemeint: Wasser darf privatisiert werden, die EU soll darüber bestimmen. Wasser als Ware. Wird nun auch bald die Luft zur Ware?

Die Bibel sagt: „Bleibt bescheiden und sucht das rechte Maß!" Ich denke, das Maß geht verloren, wenn Wasser zur Ware wird oder Fleisch billiger sein muss als für Mensch und Tier angemessen. Wenn wir alles aus der Erde herauspressen. „Bleib bescheiden und such das rechte Maß!" Und das gilt ja nicht nur für die Politik, sondern auch für mich. Ein erhobener Zeigefinger? Nein. Ich verstehe diese Worte als Hilfe: Sei sorgsam, auch mit deinen eigenen Ressourcen! Gott schenkt dir so viel. Weiß es zu genießen und mit anderen zu teilen.Sterne, Wasser...von vielem haben wir eigentlich genug für alle. Wenn wir richtig damit umgehen. Bescheidenheit und Maßhalten ist daher ein guter biblischer Tipp bis heute - das stärkt die, die sich engagieren für mehr Gerechtigkeit, ob es um das Wasser oder um andere Lebensgrundlagen geht. Und stärkt uns alle, in unseren Ressourcen wieder ein anvertrautes Geschenk von Gott zu sehen. Da müssen wir nicht mal nach den Sternen greifen!

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Mal in die Zukunft schauen, wäre das nicht reizvoll? Manchmal mach ich das, beim Arzt oder beim Friseur, die Horoskope in den Zeitschriften lesen. Und dann bin ich erstaunt, was diese Woche mir angeblich bringen soll. Gott sei Dank muss ich das nicht glauben. Aber mal in die Zukunft schauen, wäre schon verlockend. Wenn man vor einer Entscheidung steht - da wär´s doch hilfreich, zu wissen, ob dieser Weg besser ist oder jener! Wie oft muss ich Entscheidungen treffen, ohne die Folgen abzusehen.
Einmal habe ich im Krankenhaus einen Mann besucht, der hat auch gerade in seiner Zeitschrift die Horoskopeseite aufgeschlagen. „Sie wüssten bestimmt gerne, wie alles weitergeht?" meine ich. Ein Lächeln geht über sein Gesicht: „Einerseits ja" sagt er. „Aber, glauben Sie mir, insgesamt bin ich nur froh, dass ich vieles nicht weiß." „Wie meinen Sie das?" -. „Na ja, wenn ich gewusst hätte, wie schwer die Behandlung wird, hätte ich sie wahrscheinlich nie angefangen. Aber jetzt bin ich froh. Und weiß, dass man doch manchmal mehr schafft als vermutet. Deshalb ist es besser, wenn man nicht alles in der Zukunft weiß. Was bringt es mir zu wissen, wie lange ich noch lebe?" Sagt der Mann. „Jetzt lebe ich halt jeden Tag bewusst, egal wie viele ich noch habe."  Es stimmt, habe ich danach gedacht. Die meisten Dinge kann ich vorher nicht absehen. Und deshalb auch nicht entscheiden.
Der Mensch denkt, Gott lenkt. Sagt man. Die Bibel formuliert das so: "Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt." Ich glaube, der Mann, den ich besucht habe, hat das gut verstanden. Grübeln und die Sterne nach der Zukunft fragen - wirklich bringen tut das wohl nichts.
Gott lässt sich nicht in die Karten gucken. Aber ihm vertrauen, dass er meinen Weg lenkt und dass er mir Kraft schenkt für die Zukunft, das kann ich trotzdem. So wie der Mann es am Ende gesagt hat: „Ich muss nicht wissen, was am nächsten Tag kommt, lieber wer am nächsten Tag kommt. Durch manche Menschen gibt Gott mir Kraft, und das ist doch was, oder?" Ganz schön viel ist das, hab ich gedacht, selbst wenn die Zukunft in den Sternen liegt.

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"Du bist mein Stern." sagt die Mutter zu ihrem Sohn. Der ist nämlich mit einem Blumenstrauß von weit angereist. Ihre Augen leuchten noch, als sie mir von diesem Besuch erzählt. "Er ist mein Stern." Das klingt wie ein Lichtblick in der Dunkelheit. Manchmal kann man schon mit Kleinigkeiten einen dunklen Moment aufhellen.
Am Himmel gibt es einen Stern, der ganz besonders hell ist. Das ist der Morgenstern. Bevor die Sonne aufgeht, ist er da.  Christen haben früher die besondere Leuchtkraft des Sterns auf Jesus übertragen: Jesus ist der Morgenstern. Und der leuchtet auch im Dunkeln, bevor der Tag anbricht. An Ostern, das wir gerade gefeiert haben, da war die Auferstehung Jesu Christi von den Toten für seine Freunde wie die Sache mit dem Morgenstern: Da wird etwas ganz hell, obwohl es ringsum noch dunkel ist.
Manchmal fühle ich mich im Dunkeln. Mit meinen Fragen, mit dem Druck, was ich heute alles schaffen soll. Oder wenn ich etwas auf dem Herzen habe. Ostern erinnert mich daran: Das Dunkle, das manchmal das Leben schwer macht, es bleibt nicht. Der Tod bleibt nicht. Es wird hell werden.
Wie der Morgenstern am Himmel gibt es viele kleine Zeichen dafür: Wenn mein Sohn nach einem Streit sich an mich kuschelt und sagt: „Es war nicht so gemeint!" -oder wenn mir ein Mensch nach einem Gespräch sagt: "Das hat mir gut getan!" - so etwas leuchtet in mir wie ein Stern. Und vertreibt in mir die Dunkelheit.
Für die ältere Dame war der Besuch ihres Sohnes mehr als ein Lichtblick. Der Sohn hat nicht nur Blumen mitgebracht. Er hat ihr das Gefühl gegeben: Du bist mir wichtig! Und davon hat die Mutter noch lange gezehrt. Und mir dann glücklich davon erzählt. Als ob sie seine Umarmung jetzt noch spüren könnte. Es ist vielleicht so, wie es ein alter Spruch zu sagen weiß: "Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her!" Da ist wohl doch was Wahres dran. Und für Christen ist es Jesus, der Morgenstern, der sogar bis heute leuchtet und uns manches Licht ins Leben schickt - vielleicht auch heute.

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„Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz gewinnen", heißt es im Psalm 90. Die Tage zählen lernen - wozu soll das gut sein?
In seinem Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell" erzählt der langjährige Spiegelkorrespondent Tiziano Terzani von seiner Krebserkrankung. Terzani weiß, dass seine Tage gezählt sind. Und dennoch erlebt er seine Krankheit als einzigartige Chance, sein Leben ganz neu zu betrachten.
„Es ist vielleicht nicht die schönste, aber die intensivste Zeit meines Lebens" schreibt er seinem Freund. Und der schreibt zurück:
„Muss man denn erst Krebs bekommen, um das Leben genießen zu können?"
Damit der Freund sich das besser vorstellen kann, empfiehlt er ihm eine Übung:
Stell dir einen Tag lang mal vor, du wärest todsterbenskrank.
Du wirst sehen, wie sehr dir dadurch dein Leben plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheint. Und ebenso die Menschen und die Dinge um dich herum. Und vielleicht wirst du feststellen, dass dies womöglich ein gerechteres, ein richtigeres Licht ist.
- Vielleicht, weil man in diesem Licht viel besser Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden kann?
Ich habe es einen Tag lang versucht, mir das vorzustellen: Todsterbenskrank sein: Ich sah früh morgens aus dem Fenster und konnte mich kein bisschen über das Wetter aufregen. Auch über die tausend Schuhe, die bei uns im Eingangsbereich rumliegen, weil unsere Kinder gerade da sind, konnte ich plötzlich lächelnd hinwegsehen. Ich habe mich einfach gefreut, dass sie noch so gerne kommen.
Und dass die eine Nachbarin immer so grantig ist, das tat mir plötzlich Leid für sie. Und als mir an diesem Tag einer die Vorfahrt genommen hat, habe ich nur gelassen mit den Achseln gezuckt.
Warum die Tage zählen lernen? Damit einem klarer wird, wie kostbar sie sind. Unsere Tage zählen, lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen. Oder in einer älteren Übersetzung: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

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Eine meiner Schülerinnen in der Erwachsenenbildung musste ein Referat bei mir halten, über Immanuel Kant, den berühmten Philosophen. Nach dem Referat erzählt sie mir, wie sehr sie der Philosoph beschäftigt hat, Tag und Nacht:
„Ich habe nur noch über das eine Thema reden können: der Philosoph und wie in aller Welt ich ihn der Klasse nahe bringen soll. Auch meine Familie musste sich ununterbrochen meine Gedanken dazu anhören, selbst bei Tisch.
Einmal, beim Mittagessen, sagte mein Mann zu unserer Tochter:
„Geh, hol mal noch 'nen Teller! Der Kant kommt gleich zum Essen."
Ich fand die Geschichte köstlich! Erst einmal freut es mich natürlich riesig, wenn meine Schüler so sehr bei der Sache sind, dass die Philosophen für sie förmlich Gestalt annehmen. Und dann gefällt mir die Vorstellung, wie da noch ein Gedeck aufgelegt wird. -  Ja, ich sehe Kant direkt vor mir, wie er höchst pünktlich zum Essen erscheint, noch schnell Hut und Gehrock ablegt und sich zu Tisch begibt.
Und es ist ja wirklich so: wenn wir in Gedanken ganz mit einer Person beschäftigt sind, dann ist sie auch um uns. Und ist fast zum Greifen nah.
So wie bei diesem einfachen Tischgebet, das ich so oft in meiner Kindheit gehört und mitgesprochen habe:
Komm, Herr Jesus, sei unser Gast
und segne, was du bescheret hast.
Als Kind habe ich das nie verstanden. „Das hat doch die Mama gekocht und nicht Jesus", habe ich eingewendet. Das stimmt. Aber wenn wir in Gedanken bei Jesus sind, und ihm danken für das, was wir zum Leben haben, dann wird er - sozusagen vollautomatisch - unser Gast. Dann kommt er und sitzt mit am Tisch. Wie Kant. Nur - Jesus ist mir noch viel lieber. Bei ihm muss ich mich nicht anstrengen und lauter schlaue Sachen sagen. Von ihm bekomme ich etwas: seine Zuwendung und seinen Segen. Und das ist schön.
Eigentlich könnte ich doch ab und an für ihn mit eindecken... - vielleicht sonntags?

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Demut und Bescheidenheit- diese Tugenden haben bei uns nicht gerade Konjunktur. Aber sie sind ganz wichtig, betont Jesus immer wieder.
Da beobachtet er etwa, wie auf einem Fest einige Leute die Ehrenplätze für sich auswählen. Und er sagt zu ihnen: „Wenn du von jemandem zu einem Hochzeitsmahl eingeladen wirst, dann setz dich nicht auf den Ehrenplatz." (Lk 14, 7ff.) Und er erklärt auch, warum: weil der Gastgeber diesen Platz vielleicht einem anderen zugedacht hat, der ihm wichtiger ist. Und dann kann die Situation ganz schön peinlich werden.
Mir ist das einmal so passiert. Da bin ich ganz und gar blauäugig auf eine Verabschiedungsfeier gegangen. Ich dachte, alle seien eingeladen und da wollte ich nicht fehlen. Ich betrete den Festsaal und schon stehe ich inmitten einer Schar vertrauter Leuten. Und eh ich mich versehe, sitze ich mit ihnen ganz oben am Ehrentisch. Und ich fühle mich auch sehr wohl da.
Bis ich die Einladungskarten entdecke mit dem Festprogramm; die meisten haben die Karte vor sich hingelegt, damit sie den Ablauf besser verfolgen können. „Ist das hier mit Einladung?" flüstere ich meinem Tischnachbarn ins Ohr. Der nickt. „Oh, nein!" schießt es mir durch den Kopf. Am liebsten wär ich im Erdboden versunken. Ich habe dann die nächstbeste Gelegenheit ergriffen, um mich unauffällig zu entfernen; sozusagen gerade noch rechtzeitig, bevor es richtig peinlich wurde...
Was die anderen wohl von mir gedacht haben? Vielleicht: „Voll dreist, wie die sich gleich da vorne breit macht! Die hält sich wohl für ganz schön wichtig."
Bescheidenheit sieht anders aus. Sie nimmt sich zurück und lässt den anderen Raum.
Deshalb rät Jesus: „Wenn du eingeladen wirst, dann lass dich auf dem untersten Platz nieder. Dann kann dein Gastgeber sagen: Freund, rück weiter nach oben!
Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."
Demut vor Gott, Bescheidenheit vor den Menschen - beides ist wichtig. Und dann bleibt immer Spielraum nach oben.

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