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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

»Gott ist nicht blöd.« Weiß auf schwarz steht dieser Satz auf einer Postkarte. Eine Werbung für ein Theaterstück. Und bei mir funktioniert die Werbung. Ich will wissen, was der Satz mit dem Stück zu tun hat. Ich werde bestimmt rein gehen.

»Gott ist nicht blöd.« Der Satz hat mich die letzten Tage begleitet. Ist Gott wirklich nicht blöd? Blöd ist es, wenn ich mich dumm anstelle, einen Fehler mache, den ich leicht hätte vermeiden können. Blöd ist es, wenn ich mit dem Auto gegen den Pfosten fahre, den ich eben noch gesehen und dann beim Einparken einfach vergessen habe. Blöd ist es, wenn ich eine Bemerkung mache, die kränkt. Dabei wäre es doch so einfach gewesen, den Mund zu halten. Blöd ist es, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und dann fällt mir ein: Das Portemonnaie liegt auf dem Küchentisch. „Ich bin doch nicht blöd," heißt auch: Ich bezahle doch nicht irgendwo mehr Geld, wenn ich in einem anderen Laden das Ganze auch billiger bekomme.

Ich glaube, jeder kennt dieses Gefühl: Da war ich jetzt aber blöd, da hab ich mich blöd angestellt, da bin ich blöd gewesen. Aber kann Gott sich überhaupt so blöd anstellen? Es gibt einige biblische Geschichten, die das nahe legen. Da schafft Gott zum Beispiel die Menschen. Und die haben nichts Besseres zu tun, als sich selbstständig zu machen, wie etwa Adam und Eva. Die sind, wie Kain und Abel, neidisch aufeinander, bringen sich um. Die gehen so schlimm miteinander um, dass Gott schließlich am liebsten wieder reinen Tisch machen würde. Seine Sintflut soll eigentlich alle Menschen vernichten, soll die Fehler der Schöpfung wieder rückgängig machen. Gott, könnte man sagen, war ganz schön blöd, Menschen zu schaffen.

Aber stimmt das? Gott kann ich mit Eltern vergleichen, die ein Kind bekommen. Auch die sind ja eigentlich blöd. Kinder, das heißt Einschränkung: nachts oft raus, enge Terminplanung, Zoff bis in die Pubertät hinein. Aber Kinder sind auch wunderbar, sie lassen einen das Leben neu sehen, sie schenken viele gute Erfahrungen.

Sich auf Menschen einlassen, das heißt, Risiken einzugehen. Das gilt für Gott wie für ein Paar, das ein Kind bekommt. Das ist nicht blöd, das ist mutig. Das ist risikofreudig. Und so stimmt der Satz auch für mich: Gott ist nicht blöd.

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Es ist früh am Morgen, ich hetze mich ab, aber ich habe Glück: Der Zug steht noch am Bahngleis. Ich steige ein, suche mir einen Platz. Schaue aus dem Fenster. Auf dem Gleis nebenan wird gearbeitet. Arbeiter in roten Warnwesten erneuern die Gleise. Auf den Schienen fährt ein Bagger. Ich sehe den Baggerfahrer. Ganz konzentriert sitzt er in seinem Führerhaus. Er schiebt mit der Baggerschaufel Schotter zwischen die Gleise. Er fährt vor, dann hebt er die Schaufel, verteilt etwas Schotter, senkt die Schaufel wieder und fährt zurück. Und nimmt das nächste Stück in Angriff. In aller Ruhe, ohne Eile, aber sehr genau. Er greift sich mit seiner Baggerschaufel eine neue Ladung Schotter, legt sie zwischen den Gleisen ab und fängt wieder an, alles zu verteilen.

Ich gucke noch etwas zu, dann setzt sich der Zug in Bewegung. Während der Bagger weiter vor und zurück fährt und der Arbeiter den Schotter verteilt.

Ich muss ehrlich zugeben, ich habe noch nie über den Schotter zwischen den Gleisen nachgedacht. Jetzt aber empfinde ich Dankbarkeit. Ich kann nur fahren, weil es einen Baggerfahrer gibt, der mit Engelsgeduld den Schotter zwischen die Schienen verteilt. Der in aller Frühe aufsteht, und seine Arbeit macht. Mit Hingabe. Mit Konzentration seinen Bagger bedient, mit der Baggerschaufel umgeht, wie andere Leute mit Messer und Gabel. Der auf jeden Abschnitt der Strecke genau die richtige Menge Schotter einbringt. Und so dafür sorgt, dass die Schienen überhaupt befahrbar sind. Der Baggerfahrer macht, dass mein Zug fahren kann.

Es gehört zu den selbstverständlichen Glaubensätzen unserer Gesellschaft, dass jeder nach sich selbst gucken soll, dass jeder sich um sich und sein Leben kümmern muss. Der Baggerfahrer macht mir deutlich, dass das so einfach nicht ist. Ich brauche andere Menschen, um leben zu können. Um meine Freiheit verwirklichen zu können. Um meine Ziele erreichen zu können - auch mit dem Zug. 

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Das wird heute wieder vermutlich so ein ganz und gar gewöhnlicher Tag. Aufstehen, Zähneputzen, Radio an, Kaffee kochen oder Tee. In die Schule, ins Büro, auf die Straße, zu Hause arbeiten. Vielleicht das Bett hüten. Zeitung lesen. Kurz: Das wird ein gewöhnlicher, ein alltäglicher Tag. Nur minimal anders, als der Tag gestern oder vorgestern. 

Ein gewöhnlicher Tag. Das klingt nach Langeweile und Alltagstrott, das klingt grau und trist. Aber: Was heißt eigentlich „gewöhnlich"? Da stecken die Wörter »gewohnt« und natürlich »wohnen« drin. Gewöhnlich ist also das, wo wir zu Hause sind. Und zu Hause sein, in einer vertrauten Umgebung, mit vertrauten Menschen und Dingen, das tut oft gut.

Ich weiß, wo die Teller im Schrank stehen und wo ich die Nudeln aufbewahre. Ich kann darauf vertrauen, dass mein Lieblingsmoderator im Radio spricht. Ich weiß, wo der Bäcker ist und wer meine Nachbarn sind. Ich kenne die Wege zur Sporthalle und zur Ärztin. Ich weiß, wen ich anrufen kann, wenn ich mal jemandem zum Reden brauche.

Und jetzt stelle ich mir vor, dass das alles nicht da ist. Die Konsequenz ist ganz einfach: Ich muss mich dauernd neu orientieren, alles immer wieder neu entdecken. Ich gebe zu: Im Urlaub ist das schön und spannend. Aber jeden Tag immer alles anders? Das kann ich nicht brauchen.

Kein Wunder, dass auch der Glaube vor allem aus Gewöhnlichkeiten besteht. Gottesdienste sind immer ähnlich, Kirchen sehen meistens wie Kirchen aus, Gebete benutzen die gleichen Wörter. All das kann langweilig sein, es gibt mir aber auch die Chance, im Glauben zu Hause zu sein.

Besonders faszinierend aber am Gewöhnlichen finde ich, dass es das Ungewöhnliche möglich macht. Denn erst wenn vieles vertraut ist, dann kann ich plötzlich das Unvertraute, das Neue entdecken. Kann im Frühling im tristen Grau die ersten Krokusse sehen. Kann am Morgen, wenn ich gedankenverloren zur Arbeit fahre, plötzlich die ersten Störche kreisen sehen. Kann noch halb verschlafen entdecken, dass der Himmel irgendwie anders aussieht.

Ich wünsche Ihnen heute einen ganz gewöhnlichen Tag - voll mit Ungewöhnlichem.

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Ostern ist ein ganz schön schweres Fest. Weihnachten hat's da leichter: Da wird schließlich ein Kind geboren. Das können die meisten nachvollziehen, dass das ein Grund zum Feiern ist. Aber Ostern? Ein leeres Grab, ein Toter wird auferweckt? Ostern ist eine ziemliche Zumutung. Um mit Ostern zurechtzukommen, habe ich mir deshalb sieben Osterregeln aufgeschrieben. Vielleicht ist das ja auch was für Sie.

  • 1. Spreche nicht von der »Auferstehung«. Die biblischen Texte sagen immer nur, dass Jesus auferweckt worden ist. Von Gott. Er ist nicht von allein aufgestanden, hat sein Sachen gepackt und das Grab verlassen. Er wurde auferweckt. Wie ein Kind, das am Morgen von den Eltern geweckt wird.
  • 2. Bleib unsicher, was Ostern angeht. Da kannst du dich an die Freunde Jesu halten. Die wussten auch nicht, was sie vom leeren Grab halten sollten. Die waren unsicher. Das ist kein Fehler und hat auch nichts mit Unglauben zu tun.
  • 3. Lass dir nichts erzählen. Glaube heißt nicht, alles zu glauben, was andere sagen. Auch Petrus hält die Geschichte vom leeren Grab zunächst für Humbug. Deshalb geht er selbst hin, um zu sehen, was Sache ist.
  • 4. Frage, was Auferweckung heißen soll. Also: Was soll das bedeuten, dass Jesus seinen Tod überlebt? Ich glaube, Auferweckung erzählt davon, dass Gott unter allen Umständen das Leben liebt. So intensiv, dass der Tod keine Chance hat.
  • 5. Bleib skeptisch mit der Auferweckung. Schließlich sterben viele Menschen und bleiben tot. Menschen, die du liebst, die dir nahe stehen.
  • 6. Bleib hoffnungsvoll. Die Auferweckung ernst nehmen, heißt, den Tod nicht für das Letzte zu halten. Das Leben und die Liebe sind mindestens so stark wie der Tod. Wenn nicht noch stärker.
  • 7. Bleib auf der Hut. Auferweckung heißt: Es kann alles anders kommen, als gedacht. Mach dich auf alles gefasst. Das Leben hält mehr Überraschungen bereit, als du denken kannst.
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Wir sitzen mit der Familie am Frühstückstisch. „Schade", sagt meine Tochter, „wenn wir die Ostereier essen, dann kann da gar kein Küken mehr rauskommen." „Stimmt," sage ich, „was sollen wir denn da machen?" „Weiß nicht", sagt meine Tochter und beißt in das frisch geschälte, bunte Ei. Dann guckt sie mich an: „Vielleich bringen wir dem Huhn eins von den Eiern zurück." „Warum?", frage ich. „Na ja," sagt sie, „dann hab ich ein leckeres Ei und das Huhn kriegt trotzdem noch ein Küken." „Das wäre ziemlich gerecht," stimme ich ihr zu. „Ja," sagt meine Tochter, „dann bleiben wir alle lebendig." Ich stutze. „Wie meinst du das," frage ich. „Ich muss essen, damit ich leben kann," sagt meine Tochter. Und fügt hinzu: „Und das Küken soll auch leben dürfen." 

Die Geschichte liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück. Aber für mich enthält sie einen wichtigen Ostergedanken. Ostern erzählt vom Leben, erzählt von der Lebendigkeit.

Sicher, am Anfang von Ostern steht der Tod. Jesus ist gestorben, hingerichtet worden. Der Jesus, der Menschen zum Leben verholfen hat. Dem Zöllner, der ausgegrenzt wird. Dem Kranken, der am Rand der Gesellschaft dahinvegetiert. Der Frau, die gesteinigt werden soll. Allen verhilft dieser Jesus zu einem neuen Leben. Seine Botschaft ist eigentlich ganz einfach. Sie lautet: Menschen sollen leben. Und Jesus lebt das vor. Er schenkt Menschen Leben, macht sie lebendig.

Der Tod Jesu beißt sich mit dieser Überlegung. Ausgerechnet Jesus, der Menschen lebendig macht, dieser Jesus stirbt? Und hier kommt dann die Ostergeschichte ins Spiel. Ostern erzählt davon, dass auch dieser Jesus leben darf, dass er sogar den Tod überleben darf.

Ostern macht deutlich, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Egal, wie schlimm es steht, egal wie tödlich die Welt erscheint.

Ich finde, meine Tochter hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Sie denkt an das Leben des Kükens - aber auch an ihr eigenes Leben. Und ist sich sicher: Alle dürfen leben.

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