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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Eigentlich will ich nur eins von euch wissen, sagt der Mann und schaut in die Runde. Alles gestandene Männer. Sie haben alle schon viele dicke Bretter gebohrt. Aber was sie hier zu bewältigen haben, stellt alles Bisherige in den Schatten. Denn in dieser Runde trauert jeder Mann um sein Kind. Sein geliebtes Kind.
„Ich will eigentlich nur eins von euch wissen,." sagt der Neue. „Kann man das überleben?" Die Männer schauen ihn an. Keiner sagt was.
Und heute ist ihr Tag. Karsamstag, das ist der Tag all derer, die um einen lieben Menschen trauern. Denen etwas vom Herzen gerissen worden ist. Und die sich jetzt fragen: Kann man das überleben? Kommt man da durch?
In der Bibel ist das ein stiller Tag. Gestern, am Karfreitag, ist Jesus am Kreuz gestorben. Und heute am Samstag passiert gar nichts. Jesus wird nur vom Kreuz genommen und in ein Grab gelegt. Die Jünger sitzen zusammen und starren vor sich hin. Sie können es nicht fassen. Und wollen es auch gar nicht.
Die Geschichte vom Karfreitag ist aber keine sinnlose Geschichte. Sie ist aufgeschrieben worden, um die Trauer in all ihren Facetten als etwas zu ehren, was zum Leben dazu gehört. Sie ist aber auch aufgeschrieben, weil sie nicht das Ende ist. Es gibt eine Antwort auf die Frage, ob man da durchkommen kann. Es gibt ein Danach.
Die Geschichte sagt: Der Tod, das war gestern. Da ist Jesus am Kreuz gestorben. Da hat die Welt ausgeatmet. Und heute ist der Tag zwischen Ausatmen und Einatmen. Heute ist alles still. Das christliche Glaubensbekenntnis beschreibt das so:
„Jesus Christus, gekreuzigt, gestorben, hinabgestiegen in das Reich des Todes." Aber dann geht es weiter: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel."
In der Runde der trauernden Väter hat keiner etwas gesagt. Am Karsamstag des Lebens gibt es wahrscheinlich noch keine Sprache. Aber in den Augen der Anderen, da haben sie gesehen: du bist nicht allein auf deinem Weg durch die Hölle. Es gibt einen, der ist da schon durch. Und der erwartet dich auf der anderen Seite. Auf der Seite des Lebens.

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Was für ein Tag heute: Gründonnerstag. Grün nicht, weil es draußen jetzt frühlingsgrün wird. Grün vom Althochdeutschen Greinen- also weinen.
Am Gründonnerstag haben die Leute früher viel geweint. Alle, die sich übers Jahr etwas haben zuschulden kommen lassen, die sind heute wieder in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Und ich kann mir gut vorstellen, wie die Leute sich weinend in den Armen gelegen haben. Endlich haben sie mit Gott und der Welt wieder reinen Tisch gemacht.
Die Idee, reinen Tisch zu machen mit den Anderen, die stammt von Jesus. An jenem Donnerstag, so erzählt die Bibel, war es Jesus klar, dass er nicht mehr lange leben würde. Die Soldaten würden ihn bald holen. Deshalb hat er seine Freunde noch einmal zum Abendessen eingeladen.
Zuerst haben sie genüsslich miteinander gegessen und getrunken. Dann ist Jesus aufgestanden und alle haben gespürt: jetzt wird er etwas Wichtiges sagen. So etwas wie ein Testament. Er hat ihnen Brot und Wein gereicht und gesagt. Wie Brot und Wein, so gebe ich mein Leben hin. Nichts von dem, was ich gesagt und getan habe, werde ich zurücknehmen. Daran seht ihr, dass ich es ernst meine. Und ich liebe euch so, wie ihr seid. Auch dich Judas, obwohl du mich verraten wirst. Und dich Petrus, obwohl du mich leugnen wirst. Was immer auch passiert, ich werde nie aufhören, euch zu lieben.
So hat Jesus reinen Tisch gemacht. Damals an jenem Donnerstag, dem letzten Tag, den er in Freiheit verbracht hat. Erst viel später haben die Jünger das begriffen. Dass er recht gehabt hat mit dem, was er über sie gesagt hat. Sie waren alle keine Helden. Ihr guter Wille hat nur bis zur Türschwelle gereicht. Und genau so hat er sie geliebt.
Bis heute feiern Christinnen und Christen diese Liebe, teilen Brot und Wein miteinander. Waschen einander die Füße und nicht den Kopf. So wie Jesus das gemacht hat. Reinen Tisch eben. Auch du gehörst dazu. Gott liebt dich, auch wenn du kein Held bist.
Also wenn das jemand zu mir sagt, dann rührt mich das immer zu Tränen.

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„Hören Sie endlich mit dem Gequatsche auf, das interessiert doch keinen!" Manchmal bekomme auch ich solche Wutmails. Da muss ich schon mal tief Luft holen. Eine Kollegin schiebt solche Mails sofort in den Papierkorb. Einmal hat sie sich die Mühe gemacht, nachzufragen. Woher der Ärger denn käme. Sie könne ihn nicht verstehen. Und bekam eine erstaunliche Mail zurück. „Sie antworten mir tatsächlich? Eigentlich bin ich nur deshalb so wütend, weil ich nie eine Antwort bekomme."
Selig sind die Sanftmütigen, hat Jesus einmal gesagt. Selig sind, die keine Gewalt anwenden, wenn sie ihre Ziele verfolgen.
Manchmal habe ich den Eindruck, in unsere Alltagssprache frisst sich schleichend Gewalt hinein. Da kübelt jemand ungefiltert seinen Ärger im Internet aus. Nach dem Motto: liest ja doch keiner. Und eine andere löscht reflexartig Mails mit solchem Ärger und merkt nicht, dass sie ihn damit befeuert. Die Gewalt hat oft kein Gesicht, niemand fühlt sich gewalttätig. Sie hat eher System. Und sie lebt davon, dass immer alles ganz schnell gehen muss.
Aber Selig sind die Sanftmütigen, hat er Jesus gesagt. Wie das gehen könnte, davon erzählt eine Geschichte. Da schleppen Männer voller Wut eine Frau mit sich. Sie hat die Regeln verletzt. Und wer das tut, gefährdet die öffentliche Ordnung. „Wir müssen sie bestrafen," sagen die Männer zu Jesus. Und zwar schnell. Sag, dass wir recht haben!"
Aber Jesus sagt nichts. Er malt im Sand herum. Er lässt sich Zeit. Zeit, die der Gewalt gar nicht ins Konzept passt. Gewalt will immer alles schnell machen. Sie setzt Fakten. Und auf die muss man reagieren. Jesus setzt nicht Fakten. Er gibt ihnen die Wahl. „Wer von euch ohne Schuld ist, sagt Jesus, der werfe den ersten Stein auf die Frau." Und die Männer fangen an nachzudenken. Über diese Wahl. Über sich und die Frau. Und ob es vielleicht eine bessere Regel gibt als die, der sie grade folgen.
Das ist es, was die Sanftmut ausmacht. Sie lässt sich nicht unter Druck setzen. Sie nimmt sich Zeit. So lange, bis man nicht mehr Opfer ist, sondern verantwortlich handeln kann.
Selig sind die Sanftmütigen, hat Jesus gesagt. Am Ende werden sie sich durchsetzen.

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Seid wachsam und betet! Immer wieder beschwört Jesus seine Freunde in jener Nacht. Wachet und betet. Ist das die Lösung? Wenn man sich am liebsten im Bett verkriechen und gar nicht mehr aufstehen möchte? Wenn man meint, auf der ganzen Linie gescheitert zu sein: wachen und beten?
Jesus hat das getan, damals in Gethsemane, einem kleinen Garten am Rande der Stadt Jerusalem. Jesus ringt mit sich, mit Gott und der Welt. Er weiß, dass die Soldaten schon unterwegs sind, um ihn gefangen zu nehmen. Er weiß, dass es wahrscheinlich nicht gut ausgeht. Er weiß, dass er es nicht mehr in der Hand hat. Und das lastet bleischwer auf ihm.
Aber er bleibt wach und betet zu Gott: Ich kann nichts mehr tun. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Also mach du.
Als er zu seinen Jüngern zurückkommt, findet er sie schlafend. Sie haben die Situation nicht mehr ausgehalten und sind in eine bleischwere Müdigkeit gefallen.
Diese große Müdigkeit. Vielleicht kennen Sie die auch. Wenn man morgens wünscht, es wäre Abend und man müsste nicht aufstehen. Weil alles so ausweglos erscheint. Wie den Jüngern damals in Gethsemane. Immer wieder rüttelt Jesus sie auf. Wachet und betet! Aber wie soll das gehen?
Dazu hat kürzlich Samuel Koch etwas gesagt. Das ist der junge Mann, der seit einem Sprung über ein Auto in der „Wetten Dass" Sendung querschnittsgelähmt ist. „Mein ganzes Leben habe ich auf Bewegung gesetzt, hat er gesagt. Ich habe Sport studiert, wollte Stuntman werden. Und jetzt bin ich vom Kopf ab gelähmt. Ich hab keine Ahnung, was jetzt mit mir werden soll, habe ich zu Gott gebetet. Also- mach du.
Ich glaube, so könnte Jesus das gemeint haben. Das Beten gegen die Müdigkeit: Nicht irgendwas sagen, sondern Gott die Erlaubnis geben, dass er etwas sagen darf. Zulassen, dass Gott mir etwas zu sagen hat. Also bin ich ganz Ohr und ganz Auge. Gott kann ja durch alles Mögliche zu mir sprechen: durch einen Menschen, durch Musik, durch die Natur. Ich bin ganz Ohr und ganz Auge. Und vertraue darauf, dass Gott mir was zu sagen hat.
Seit Ostern wissen wir: Wenn Gott redet, werden sogar Tote wieder lebendig.

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Wie konnte er nur! Er hat´s doch gewusst! Unbedingt hat er noch sein Projekt, „sein Baby" fertig machen wollen. Und mit Überstunden und Nachtschicht hat er es auch geschafft. Aber danach hat es ihn erwischt. Kreislaufkollaps.
Wie konntest du nur! Immer wieder frag ich mich das. Weil ich mich auch gern mal übernehme und in Situationen hineingerate, die nicht angenehm sind. Wir lieben die Herausforderung, hat eine Bekannte gesagt. Und wir wollen es wissen, obwohl wir es wissen.
Ob das mit Jesus auch so war? Jetzt am Anfang der Woche vor Ostern kann man das ja mal fragen. Die Bibel erzählt, dass er ausgerechnet zum Passahfest nach Jerusalem gegangen ist. Die Stadt war also voll, die Stimmung aufgeheizt. Und sie haben ihm zugejubelt. Wie konnte Jesus nur. Er hat doch gewusst, dass das die Mächtigen provozieren würden. Er hat doch gewusst, wie schnell in der Öffentlichkeit ein „Hosianna" umschlägt in ein „kreuziget ihn". Warum ist Jesus trotzdem nach Jerusalem gegangen?
Hat er es satt gehabt, ständig missverstanden zu werden? Du bist unser Messias, haben die einen gesagt. Du verjagst die Römer. Du bist unser Wunderheiler. Bau dir ein schickes Pilgerzentrum auf dem Berg und wir verehren dich. Und Maria Magdalena hätte wohl gern mit ihm eine Familie gegründet mit vielen Kindern. Aber Jesus wollte das alles nicht.
Und viele wollen das auch nicht. Sie wählen nicht das bequeme Leben. Sie wählen das erfüllte Leben. Sie folgen lieber ihrem Herzen und nehmen dafür viele Unannehmlichkeiten in Kauf.
Und oft wollen sie eben mehr als nur die Herausforderung. Sie wollen einer inneren Stimme folgen, die ihnen sagt: Das ist deine Aufgabe. Und du kannst das. Gott ist mit dir und segnet dich. Ich weiß nicht, ob der Kollege, der den Kreislaufkollaps gekriegt hat, das auch so ausdrücken würde. Ob er so etwas wie einen „Ruf Gottes" gefühlt hat. Ob er es wissen wollte, was er schon weiß.
Am Ende jedenfalls, so erzählt die Geschichte von Jesus, am Ende steht nicht der Kreislaufkollaps. Und auch wenn es so aussieht, als wäre man gescheitert, am Ende steht nicht das Ende, sondern die Auferstehung. Ein neuer Anfang. Alles wird gut.

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