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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

... der gewinnt an Lebensqualität! 

Ich hoffe, dass Sie heute morgen schon einen guten Kaffee genießen konnten. Leider hat der auch eine Kehrseite: Im Regelfall werden die Arbeiter auf den Kaffeeplantagen ungerecht entlohnt und oft auch menschenunwürdig behandelt - das habe ich vor Ort schon miterlebt. 

Auch beim Fleisch gibt es eine Negativseite: Es gehört zu unserer Esskultur einfach dazu, oft ist es das Beste an einer Mahlzeit. Aber für eine Fleischkalorie werden mindestens sieben Getreidekalorien verbraucht - eigentlich eine Verschwendung, wenn Millionen von Menschen hungern. 

Auch das Auto hat etwas Zwiespältiges an sich: Die meisten kommen ohne Auto nicht aus, es ist einfach notwendig; Autofahren kann auch Spaß machen - und zugleich verpesten wir damit unsere Umwelt. 

Die Beispiele zeigen: Ob wir wollen oder nicht - wir tragen dazu bei, dass durch unser alltägliches Leben die Ungerechtigkeiten und Umweltschäden in unserer Welt weiter gehen, ja schlimmer werden. Es ist so gut wie unmöglich, das zu vermeiden. Zugleich sind wir dafür mitverantwortlich. Und wir kommen da nicht heraus. 

Es lebt sich einfacher, wenn man diese Spannung ausblendet. Aber dann besteht die Gefahr abzustumpfen. Die Gefahr, dass wir die Ungerechtigkeit, das Schädliche, das wir selbst mitverursachen, gar nicht mehr sehen. Die Kunst ist, mit dieser Spannung zu leben: Dass ich mich am Kaffee und Fleisch und Auto freuen kann und sie genieße. Und dass ich auch sehe, was sie an Zwiespältigem mit sich bringen. Es zeichnet einen reifen Menschen aus, dass er wach und bewusst lebt, dass er sich auch Rechenschaft gibt über das, was sein Verhalten unausweichlich mit sich bringt.

 Der nächste Schritt wäre: Ich ändere meine Lebensgewohnheiten und vermeide dadurch manches Negative. Das geht in gewissem Maß. Gerade die Fastenzeit lädt dazu ein, das einmal auszuprobieren. Zum Beispiel mit der Aktion "Autofasten" - zeitweise weniger, bewusster Auto fahren. Oder durch den Kauf von fair gehandeltem Kaffee, es gibt da sehr aromatische Sorten. Wer seinen Fleischkonsum reduziert, der kann die Erfahrung machen: Wenn es dann Fleisch gibt, schmeckt es umso besser! Wer bewusst lebt, der gewinnt an Lebensqualität!

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"Ich bin ja nicht verpflichtet, aus meinem Leben eine Karriere zu machen. Das ist ein enormer Zuwachs an Freiheit." Das schreibt die Lepraärztin und Ordensfrau Dr. Ruth Pfau. Genau diese innere Freiheit hat dazu geführt, dass sie dann doch Karriere gemacht hat, wenn auch anders. Ruth Pfau ist eine bekannte Frau und hoch angesehen. Sie ist u.a. Trägerin des Ramon-Magsaysay-Awards, des asiatischen Friedensnobelpreises. Und sie hat einige Ehrungen des Landes Pakistan bekommen. Jetzt ist sie 82 Jahre alt und blickt auf ein erfülltes Leben zurück. 

Und sie ist nach wie vor aktiv engagiert. Anfang der 60er Jahre hat sie in der Hauptstadt von Pakistan ein Leprabehandlungszentrum gegründet. Seit ihrem ersten Besuch in einer Leprakolonie hat sie das Leid dieser Menschen nicht mehr losgelassen. Durch ihren unermüdlichen Einsatz ist die Lepra in Pakistan unter Kontrolle. So manches Abenteuer hat sie dabei erlebt.

Einmal hat sie eine 13-jährige Leprakranke aus einer Berghöhle befreit. Die Dorfbevölkerung hatte sie dort zwei Jahre zuvor eingemauert, aus Angst vor Ansteckung. Die Frau ist inzwischen erwachsen, verheiratet und Mutter von vier Kindern. 

Ruth Pfau lebt mit ihren 82 Jahren immer noch in Pakistan. Warum hat sie ihr abenteuerliches Leben nicht längst gegen ein beschaulicheres Rentnerdasein in der deutschen Heimat eingetauscht? Aus Liebe zu den Menschen in Pakistan, die ihr ans Herz gewachsen sind; und aus Liebe zu diesem Land, das sie so sehr fasziniert.  Auch wenn sie darunter leidet, dass die Frauen noch längst nicht gleichberechtigt sind und dass der Terrorismus zunimmt. 

Ihre Liebe und Treue zu den Menschen dort ist für Ruth Pfau Ausdruck ihrer Liebe und Treue Jesus Christus gegenüber. Sie schreibt: 'Jesus Christus war Gott und ist in unser Leid eingetaucht, in die letzte unsinnige Unverständlichkeit, in das Grauen des Grauens. Und ich habe versprochen, ihm nachzufolgen - in einer raschen und jugendlichen Unbekümmertheit, in einem Griff nach den Sternen, und in einem Alter, in dem man noch nicht weiß, was man tut (sonst würde man es nicht tun). Und dieses Ja hat mich durch alle Höhen und Tiefen meines Lebens getragen.' 

Anregungen zu dieser Ansprache habe ich erhalten von dem Artikel über Ruth Pfau von Dorothee Wanzek "Ich will mein Ja nicht zurücknehmen" in der Zeitschrift "Glaube verbindet.", Benno-Verlag Leipzig, Ausgabe "Ostern 2012", S. 4-7, und aus mehreren Büchern über Ruth Pfau, die ich besitze.

 

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Ich war zehn Tage im 1000-Sterne-Hotel. Ja, Sie haben richtig gehört: 1000 Sterne. Oder noch viel mehr. Wir haben unterm freien Himmel übernachtet. In der Wüste. Also dort, wo man die Sterne in der Nacht so gut sieht wie irgendwo sonst - weil es in der Wüste kein Streulicht von Siedlungen gibt. 

Mit 20 Leuten waren wir in Ägypten in der Wüste Sinai unterwegs. Wir haben nicht einfach Trecking gemacht, sondern Exerzitien. Eine bewusst spirituelle Zeit in der Wüste. Eine Zeit der Selbsterfahrung und der Gotteserfahrung. 

Mitten in der Nacht sind wir in der Wüste angekommen. Kalt war es. Isomatte, Schlafsack, schnell waren alle eingeschlafen. Und morgens sind wir in einer völlig anderen Welt als zuhause aufgewacht. Steine, Sand, Felsbrocken, nackte Bergrücken. Richtige Stein-Wüste. Zehn Tage hielt uns diese extreme Landschaft gefangen. Erst am letzten Tag sind wir wieder anderen Menschen begegnet. Geführt wurden wir von Beduinen. Jeden Tag einige Stunden Marsch, immer ein anderes Nachtlager. 

Kein eigenes Zimmer, kein Bett, kein Bad. Kein warmes Wasser, kein elektrisches Licht, kein Fernsehen, kein Internet. Kein gewohnter Tagesablauf. Nichts war wie sonst zuhause. Ich habe gemerkt: Eine gewohnte Umgebung und gewohnte Abläufe geben Halt. Das gab es hier in der Wüste alles nicht. Es ist ein Lebensraum, auf den man sich völlig neu einstellen muss. In dem ich neu lernen muss, wie das Leben geht. Und in dem ich erfahren kann, was wirklich lebensnotwendig ist. Ein Schluck Wasser ist auf einmal eine reine Wohltat - wenn er aus dem Brunnen mitten in der heißen Wüste kommt. Ein Stück frischgebackenes Fladenbrot ist ein Hochgenuss. Wenn es rund um mich nur noch Steine, Sand und Felsen gibt, und Hitze, und das tagelang, ohne Ausweichmöglichkeit, dann schärft das die inneren Sinne für das, worauf es im Leben ankommt.  

Natürlich freue ich mich jetzt zuhause wieder über mein Bett und die warme Dusche. Aber ich erlebe das alles bewusster, als etwas, was nicht selbstverständlich ist. Und ich unterscheide klarer als vorher, was für ein gutes Leben wesentlich ist und was zweit- und drittrangig ist. So wird das Leben intensiver.

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„Wie könnt ihr in diesen Zeiten nur euer Haus verkaufen?" Diese Frage haben uns Freunde in den vergangenen Wochen häufig gestellt - seit wir uns entschieden haben, unser kleines Haus zu verkaufen und in eine innerstädtische Mietwohnung zu ziehen. Der Euro verfällt, die Mieten steigen, die Nachbarn sind schwierig und die Innenstadt ist laut. Noch viele andere Gründe werden uns vorgehalten, warum ein Hausverkauf - gerade jetzt - völlig unvernünftig ist.

Nun haben wir viele Gründe für unseren Umzug. Wir wollen zum Beispiel kürzere Wege und eine bessere Verkehrsanbindung. Aber anstatt sich auf eine langwierige Debatte einzulassen, verweist meine Frau halb ernst, halb scherzhaft auf die Jahreslosung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." Diesen Bibelvers hat eine christliche Gemeinschaft als geistliches Motto für das Jahr 2013 ausgelost. Wir haben hier sowieso keine bleibende Stadt, und deshalb fällt es uns auch leichter, unser Haus zu verkaufen. -

Es ist nicht gerade üblich, einen Hausverkauf auf einen Bibelvers zu stützen, und mir würde das alleine auch nicht ausreichen. Aber so ist ja auch nicht: Wir haben - wie gesagt - viele handfeste Gründe für diesen Umzug, denen freilich die Argumente unserer Freunde gegenüberstehen. Der Verkauf bleibt ein Wagnis. Ist es in einer solchen Situation nicht hilfreich, sich durch die Bibel zu Gottvertrauen und Risiko anstiften zu lassen? Den Sprung zu wagen in eine Veränderung, die wir wollen und für gut halten, die aber riskant bleibt?

Gottes Wort macht ein Wagnis möglich, das auf Vertrauen basiert. Wer auf Gott vertraut weiß: Auch wenn ich scheitere, falle ich nicht ins Bodenlose. Deshalb kann ich etwas riskieren.

Gottes Wort ersetzt nicht Nachdenken und Überlegung. Es ist auch keine Entschuldigung für Leichtsein oder Unsinn. Aber es kann eine Ermutigung sein. Und wo brauchen wir Ermutigung mehr als bei wichtigen, aber ungewissen Entscheidungen?

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Der zweijährige Junge darf nicht mitmachen. Er kann das Lied von den „Lustigen Handwerkern" in und auswendig. Aber beim Elterntag in der Kita dürfen nur Kinder ab drei auftreten. Deshalb bugsiert die Erzieherin den Jungen freundlich, aber bestimmt von der Bühne zu seinem Vater. Der Kleine versteht die Welt nicht mehr. Sonst wurde er immer gelobt, wie gut er schon singen kann. Und jetzt darf er nicht mehr mitmachen - weil er erst zwei ist!

Der Junge wird die Erfahrung noch häufiger machen, dass er zu klein oder zu groß oder nicht gut genug ist, um mitzumachen. Und er wird diese Erfahrung mit vielen teilen, die zu alt oder zu jung sind, die falsche Staatsbürgerschaft oder das falsche Geschlecht haben oder aus anderen unverständlichen Gründen nicht mitmachen dürfen - als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene.

Hier ging es nur um ein kleines Lied, aber schon bald wird es ernst: Viele Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien bekommen eine schlechtere Schullaufbahnempfehlung als ihre gutbürgerlichen Klassenkameraden - trotz gleicher Noten. Noch immer hat die soziale Herkunft in Deutschland großen Einfluss auf die Bildungslaufbahn von Kindern. Noch immer kommt es nicht alleine darauf an, was einer kann und ist, sondern woher er kommt und wie ihn andere einstufen.

Eigentlich sollte dieses Thema erledigt sein. Schon der Apostel Paulus prägte den christlichen Gemeinden ein, dass solche Unterschiede keine Rolle mehr spielen dürfen, dass zumindest unter Christen nicht mehr entscheidend sein soll, welche Herkunft einer hat, weil doch alle in Christus die gleiche Zukunft haben. Und dass es nur darauf ankommt, dass jeder seine Gabe leben und zum Ausdruck bringen kann.

Das beseitigt nicht alle Unterschiede, ist kein Aufruf zur Gleichmacherei. Aber Unterschiede sind kein Argument mehr, um Chancen und Möglichkeiten vorzuenthalten. Zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, zwischen alt und jung darf nur noch unterschieden werden, um gezielt Hindernisse aus dem Weg zu räumen, aber nicht um auszuschließen. Ob der kleine Sänger zwei oder drei ist, ist nicht entscheidend. Hauptsache: Er kann singen.

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Wohlstand ist mehr als Geld und Besitz. Das hat auch eine Expertenkommission des Bundestags erkannt. Deshalb soll künftig für die Wohlstandsmessung nicht mehr alleine gezählt werden, was in einem Jahr gekauft und verkauft wurde, an Waren und Dienstleistungen. Sondern auch Einkommens- und Vermögensverteilung, Bildung und Gesundheit, Umwelt und Natur sollen in die Berechnungen einbezogen werden. Die Experten hoffen so auf eine realistische Einschätzung des Wohlstands in unserem Land. -

Es ist eine Binsenweisheit, dass Kauf und Verkauf alleine nicht den Wohlstand in einem Land beschreiben können. Wer unverkäufliche Werte schafft, etwa weil er seine alten Eltern pflegt, kommt hier zum Beispiel gar nicht vor. Ich habe aber Zweifel, ob wir überhaupt entscheidend weiterkommen, wenn wir außer dem Geld noch anderes zählen, also Schulabschlüsse und Arztbesuche, CO2-Ausstoß und Insektenarten. Kann man Wohlstand wirklich zählen?

Die Bibel hat einen Begriff, der Wohlstand weit über das Zählbare hinaus beschreibt: „Schalom", Frieden." Schalom" meint ein erfülltes Leben, meint einen umfassenden Frieden, der nicht zu trennen ist von Gerechtigkeit und Solidarität. Ausdrücklich schließt er Gesundheit und Wohlergehen ebenso ein wie materielle und äußere Sicherheit. Dieser Schalom ist eine komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit. Er ist letztlich ein Geschenk Gottes.

Eine solcher Schalom kann nicht gezählt, gewogen oder gemessen werden. Aber er bringt zum Ausdruck, worum es wirklich geht: Um eine Gesellschaft in Frieden, Wohlergehen und Gerechtigkeit, jenseits aller Statistik.

Die Politik wird auch weiterhin zählen müssen. Aber ihr sollte klar sein, dass beim Zählen zunächst nur Zahlen herauskommen. Ob die Menschen wirklich ein gutes Leben führen, wird nicht nur von Zahlen abhängen, sondern auch von ihren Erfahrungen und Wahrnehmungen. Gerechtigkeit und Frieden wollen wir erleben, nicht zählen.

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