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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Eintritt frei!
Diesen Werbetext hatte ich eine zeitlang
als Schriftzug bunt auf meinem Auto stehen.
Und wenn ich durch die Stadt gefahren bin,
habe ich durchaus damit Aufmerksamkeit erzeugt.
Leute haben mich darauf angesprochen, so und so,
zustimmend und ablehnend.
Aber wehe wenn ich mit meinen damals pubertierenden Kinder
irgendwo hin fahren sollte.
Kamen wir etwa an einer roten Ampel zum Stehen,
dann beugten sie sich auf der Rückbank ganz tief runter,
damit sie ja niemand sehen und erkennen sollte.
Sie schämten sich für den Spruch auf dem Auto.
„Du mit deiner fahrenden Sakristei!"
haben sie dann zu mir gesagt
und gehofft,
dass es dunkel ist,
bis ich sie wieder abhole.
Heute lachen wir gemeinsam darüber.
Und doch spüren wir auch,
wie notwendig es nach wie vor wäre,
ganz viel Werbung für den Kirchgang am Sonntag zu machen.
Es muss ja nicht so wie in meiner Kindheit sein,
wo der Gang zur Kirche am Sonntag so selbstverständlich war,
wie der Besuch der Schule über die Woche,
oder der Gang zur Arbeit auf dem Feld und im Stall
oder in der Werkstatt und im Büro.
Damals gehörte es sozusagen zur wöchentlichen Volkszählung,
im Gottesdienst anwesend zu sein.
Wer fehlte, stand im Verdacht, Hals über Kopf
nach Amerika ausgewandert zu sein.
Natürlich ist da auch viel Zwang dabei gewesen
und nicht nur Überzeugung.
Und wir sollten auch nicht verschweigen,
dass auch heute noch an jedem Sonntag mehr Leute in die Kirchen gehen,
als zu den durchaus attraktiven Bundesligaspielen.
Immerhin.
Aber die Bänke sind trotzdem sehr leer.
Und daran sind nicht nur die Leute schuld.
Das haben wir uns auch als Kirche ganz hart erarbeitet,
indem wir zu lange zu unbeweglich gewesen sind.
Es hat sich nämlich längst gezeigt,
dass alternative Gottesdienste
zu anderen Zeiten,
mit anderer Musik,
mit mehr Kommunikation und Erlebnis
dass die durchaus auf Zustimmung stoßen.
Da gibt es garantiert auch Angebote in ihrer Nähe.
Und wenn sie sich einmal
neben dem unverzichtbaren traditionellen Ablauf
etwas Anderes wünschen,
dann machen sie sich morgen mal auf den Weg.
Da gibt es allerhand zu erleben.
Sonntags ist Gottesdienst
So und anders
Und überall gilt noch immer mein alter Werbespruch:
Eintritt frei

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14617

Es gibt keine Büttel mehr,
das waren früher die Amtsboten,
die Gemeindediener.
Männer,
die früher durchs Dorf gelaufen sind,
mit der Schelle unterm Arm,
Damit haben sie dann laut gebimmelt
dass die Leute aus den Häusern herbei gelaufen sind
und wir Kinder sind mit ihnen gesprungen  durchs ganze Dorf.
Und wenn dann genug Leute
und genug Aufmerksamkeit da gewesen ist,
die Einschaltquote also gestimmt hat,
dann hat er wieder die Schelle unter den Arm geklemmt
und von einem Stück Papier
wichtige Neuigkeiten ausgerufen.
Zum Beispiel,
dass heute von 2-4 das Wasser abgestellt
oder der Strom unterbrochen wird,
oder dass Morgen Mittag um eins zwei drei
der Einnehmer kommt.
Das war die fahrende Amtstube,
die dann in der Schule
oder einem anderen öffentlichen Raum
die Steuern und Abgaben
bar auf die Hand
von den Leuten abkassiert hat.
Gemeindediener - lange vor SMS und mail und Fax
war das die schnelle kurze Nachricht auf zwei Beinen.
Das Ausrufezeichen der Gemeinde,
es wurde mehr oder weniger geachtet und ernst genommen,
je nachdem, ob der Büttel nüchtern war oder eher nicht.
Wo pflegen wir heute solche Formen der Kommunikation
und Nachrichtenverbreitung?
Auch in Zeiten von sozialen Netzwerken durch den Äther
ist das ja wichtig.
Die „Mensch -z u - Mensch - Inspiration"
so ganz leibhaftig.
Jesus,
den stelle ich mir auch so ähnlich vor,
wie ein Amtsbote Gottes.
Der ist auch durch die Dörfer gezogen,
seine Anhänger haben allerhand Gebimmel gemacht
und die Leute sind zusammen gelaufen,
um zu erfahren,
was es Neues gibt
vom lieben Gott.
Manchmal ist er auch auf einen Berg gegangen
oder in ein Boot gestiegen,
und dann hat er lauthals ausgerufen,
was im Hier und Jetzt
um Gottes und der Menschen Willen
zu tun und zu erwarten ist.
„Selig seid ihr!" hat er gerufen, oder:
„Seid fröhlich und getrost!
Ihr seid das Salz der Erde!
Ihr seid das Licht der Welt!
Lasst euer Licht leuchten!
Gib dem, der dich bittet!
Liebt eure Feinde!
Sorget nicht zu viel, sucht vielmehr Gottes Reich!"
Und so weiter.
Und heute,
da braucht es immer noch solche Büttel,
Männer und Frauen,
die mit ihrer Art zu leben,
klar und deutlich weitersagen,
dass es auf Gott ankommt.
Mal sehen, wer heute Gottes Gemeindediener wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14616

Es gibt keine Sendepausen mehr.
Weder im Radio
noch im Fernsehen
noch überhaupt im Leben.
Wir sind immerzu auf Sendung
ununterbrochen aktiv.
pausenlos am Netz.
In meiner Kindheit,
als wir den ersten Schwarz-Weiß Fernseher
mit seinen 3 Programmen bekamen,
Da fing das Fernsehprogramm tatsächlich
erst am späten Nachmittag an,
mit der Drehscheibe
oder was es auch war.
Wir durften da sowieso nicht kucken,
weil das während der Arbeitszeit gewesen ist.
„Nur Faulenzer sitzen vor dem Fernsehkasten!"
Sagte man uns damals.
Und Faulenzen, das war verboten.
Auch in der Nacht war dann irgendwann Schluss.
Das Testbild erschien,
und nur noch ein Ton.
Und nichts mehr
hat gerappelt in der Kiste.
Das ist verdammt lang her.
Heute haben wir unzählige Programme und Sender
und es geht rund um die Uhr.
Sendepause,
das bedeutet heute technische Panne,
eine schnell zu behebende Komplikation.
„Wir bitten um etwas Geduld",
wird ganz schnell eingeblendet
und um Entschuldigung gebeten.
Weil Sendepausen dürfen einfach nicht sein.
Und so sind wir denn auch sonst pausenlos unterwegs,
schalten nicht mehr aus oder ab.
Heilsame Unterbrechungen können wir uns kaum leisten.
Wir sind immer online und aktiv.
Nichts tun, abschalten,
wird oft als Versagen und Schwäche ausgelegt.
Auf allen Kanälen sind wir dabei,
machen wenns sein muss sogar mehrere Programme gleichzeitig
und gönnen niemandem einen Sendeschluss.
In einem Gedicht der Theologin Dorothe Sölle heißt es:
„Du sollst dich selbst unterbrechen.
Zwischen Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein
und Freude,
dem Gruß des Engels lauschen,
der sagt:
Fürchte Dich nicht!
Zwischen Aufräumen und Vorbereiten
zwischen Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an den ersten Schöpfungsmorgen
deinen
und aller Anfang,
als die Sonne aufging
ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit,
die niemandem gehört,
außer dem Ewigen."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14615

„Hast du auch ein sauberes Taschentuch eingesteckt?"
Die Frage hat meine Mutter fast jeden Morgen gestellt,
wenn wir in die Schule gegangen sind.
Ein sauberes Taschentuch,
das gehörte zur Grundausstattung für den Alltag.
Was heute die Visitenkarte ist,
das war früher mal das Taschentuch.
In meiner Erinnerung so groß wie ein Badetuch,
fein zusammengelegt
und unbedingte Voraussetzung
für einen guten Start in den Tag.
Egal ob man Schnupfen hatte, oder nicht,
ein Taschentuch,
ein Stofftaschentuch,
frisch gewaschen und gebügelt,
das gehörte in die Hosentasche.
Sonst war man nicht angemessen angezogen
und ungezogen.
Es war geradezu ein Ausdruck von Anständigkeit und Würde,
wenn man bei Bedarf ein sauberes Taschentuch vorweisen konnte.
Von der Taufe bis zur Beerdigung
spielten Taschentücher früher eine Rolle.
Die Paten verschenkten sie gerne mit Stickerei und Namenszug
und die Männer, die den Sarg zum Grabe trugen,
die hatten auch immer weiße Taschentücher dabei.
Man konnte mit ihnen winken und weinen.
Man konnte sie sich an heißen Tagen auf dem Feld
über den Kopf zusammen binden
und bei Zahnschmerzen das Gesicht damit verpacken.
Und,
man konnte sich einen Knoten hinein machen.
Ein Knoten im Taschentuch,
das war eine Gedächtnisstütze,
ein Erinnerungsinstrument.
„Ich mach mir einen Knoten ins Taschentuch!",
damit ich in dem Moment,
in dem ich es aus der Tasche ziehe,
daran denke,
an mein Versprechen,
an meinen Auftrag,
an meine große Liebe
Weil der Mensch halt so vergesslich ist.
Das steht schon in der Bibel so oft.
Man kann gar nicht so viele Knoten machen,
wie man bräuchte,
um das zu ändern.
Darum spielt die Bibel auch ständig memory mit den Leuten
und sagt:
Vergesst nicht!
Vergesst Gott nicht
und was er Euch schon Gutes getan hat!
Ein Knotenpunkt fürs gute Gedächtnis.
Das brauchen wir.
Schon in der Hochkultur der Inkas von Südamerika
kannte man die so genannte Knotentechnik.
Mit verschieden geknüpften Fäden und Knoten hielt man damals schon
das ganze Grundwissen für Wirtschaft und Politik fest,
machte es sozusagen die Welt begreifbar
im wahrsten Sinne.
Sich mit einem Knoten etwas merken,
das ist also alter Brauch und bewährte Methode.
Und wofür würden sie heute
Einen Knoten ins Taschentuch machen?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14614

„Davor zieh ich meinen Hut!"
Das sagt man so,
wenn man Respekt und Hochachtung empfindet
vor einem Menschen,
vor seiner Leistung
und vor seinem Erfolg.
In Wirklichkeit aber ziehen wir heute keine Hüte mehr.
Das ist fast ausgestorben.
Früher,
also im letzten Jahrtausend,
wenn ich da mit meinem Großvater durchs Dorf gegangen bin,
dann sind wir kaum vorwärts gekommen,
weil er vor Jedermann,
der uns begegnet ist,
den Hut gezogen hat.
Und den Hut,
den zieht man nicht einfach so
im Vorübergehen.
Da ist er stehen geblieben,
zumindest einen kleinen Moment,
hat grüßt,
zugenickt,
hat nachgefragt wies geht und steht
in Stall und Haus
und Feld und Flur.
In meiner Erinnerung hat das
gefühlte Ewigkeiten gedauert,
bis wir dann endlich beim Bäcker
oder auf der Post angekommen sind.
So viele gezogene Hüte
habe ich seitdem nie mehr gesehen.
Mein Großvater und seine Altersgenossen
haben sie alle mitgenommen in den Himmel.
Dort hängen sie jetzt an der göttlichen Garderobe
und kein Mensch fragt mehr danach.
Schade um diese eindrucksvolle Art und Weise,
sich so eindrucksvoll gegenseitige Wertschätzung
und Aufmerksamkeit zu schenken.
Denn nur wer sich geschätzt und geachtet fühlt,
ist selbst auch behütet
kann auch viel leisten
und womöglich alles unter einen Hut bringen.
Das könnte uns womöglich besser gelingen,
wenn wir wieder
neue Signale der aufmerksamen Beachtung erfinden würden
Erklären wir doch diesen Dienstag kurzerhand zum
Tag der unsichtbar gezogenen Hüte.
Und gehen wir wieder einmal etwas bedachtsamer
durch die Straßen und Gassen.
Sagen:
„Grüß Gott!"
zueinander
und ziehen erst
innerlich den Hut
und dann weiter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14613

Wie lange gibt es wohl die Briefträger noch?
Ich glaube,
die stehen auf der Liste der bedrohten Arten ganz oben.
Dabei sind sie so wertvoll, so wichtig,
so unverzichtbar auch.
Für manche Leute sind sie auch heute wieder
der einzige Mensch, der vorbeischaut.
Aber jetzt nach Weihnachten,
nachdem die Päckchen und Karten alle ausgetragen sind,
da bringt er nichts mehr.
Der Briefkasten ist leer.
Außer Werbung und Rechnungen hat der Briefträger kaum noch was
zuzustellen.
Ja, ich glaube fast,
er ist vom Aussterben bedroht.
Weil die Konkurrenz so groß ist.
Was der gute alte Briefträger noch nachvollziehbar
von einem Ort zum anderen getragen hat,
das fliegt heute unfassbar schnell durch die Luft.
Könnten wir den Wörtersalat sehen,
der da per SMS und mail und skype durch den Äther fliegt,
wir könnten die Hand nicht mehr vor den Augen sehen.
Unfassbar,
was wir da alles durch die Luft sausen lassen.
Und da kommt der gute alte Briefträger bald nicht mehr mit.
So schnell wie er auch sein mag,
so fleißig wie er marschiert,
so rekordverdächtig er auf seinem einzigartigen Fahrrad strampelt
bei Wind und Wetter
so mutig wie er manch bissigen Hund
mit Leckerlis besticht,
er wird bald nicht mehr konkurrenzfähig sein,
fürchte ich.
Da geht uns womöglich ein Kulturgut
mitsamt gelbem Wagen verloren,
wer weiß.
Ich tröste mich ein bisschen damit,
dass nach biblischer Auftragslage
und Befund
wir alle
Briefträger sind.
Unterwegs im Namen des Herrn.
Und dabei bleibt es auch in Zukunft.
Einmal heißt es nämlich bei Paulus:
„Ihr seid ein Brief Christi!"
Alle Leute,
meint er,
seien so etwas
wie Gottes Post
an die Welt.
Also nicht nur Überbringer der Botschaft,
sondern die Botschaft selbst.
Und je nachdem,
was wir für eine Botschaft verkörpern,
sind wir entweder Briefe,
die mit anderen abrechnen wollen,
oder solche,
die grüßen und küssen
oder womöglich mahnen und anklagen,
die loben oder toben.
Wir alle sind auch heute wieder Gottes Post auf zwei Beinen
Unterwegs,
um in Umlauf zu bringen,
was Gott uns allen hinter die Ohren und ins Herz schreiben will:
Seine Liebeserklärung nämlich.
Mal schauen, was heute im Briefkasten ist...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14612