Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Kennen sie den Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Religion? Galileo Galilei soll ihn vor 400 Jahren ungefähr so erklärt haben: „Die Wissenschaft erklärt, wie der Himmel funktioniert. Die Religion erklärt, wie man in den Himmel kommt." Anlass für diese Äußerung war, dass der italienische Mathematiker und Astronom sich vor Vertretern der Kirche rechtfertigen musste. Galilei hatte den Himmel mit seinem Fernrohr aufmerksam studiert. Dabei erkannte er: Die Erde kann nicht im Mittelpunkt des Universums stehen, weil sie sich um die Sonne dreht. Damit geriet er jedoch in Widerspruch zur Kirche. Die damaligen Bibelausleger behaupteten nämlich das genaue Gegenteil - die Erde steht im Mittelpunkt des Universums. Da stand nun Aussage gegen Aussage -aber wer hatte Recht? Galilei war einer der ersten, der ahnte, dass dieser vermeintliche Widerspruch in Wirklichkeit gar keiner war. Denn der Himmel der Bibel ist ein anderer als der Himmel der Wissenschaftler. Der Himmel der Astronomen ist das Universum, bestehend aus etwa 100 Milliarden Galaxien, von denen jede von ihnen wiederum Milliarden von Sternen hat. Die Forscher haben schwarze Löcher und rote Riesen gefunden. Sie konnten den Tod und die Geburt von Sternen beobachten. Sie haben entdeckt, dass das schon jetzt unbegreifbar große Weltall sich noch weiter ausdehnt - mit immer größerer Geschwindigkeit. Zu all diesen atemberaubenden Entdeckungen kann und will die Bibel nichts sagen. Ihr Himmel ist ein anderer. Man könnte ihn als die Wirklichkeit Gottes bezeichnen. Der Himmel der Bibel bedeutet: Der Mensch ist im weiten Weltall kein Zufallsprodukt. Jeder Mensch ist von Gott gewollt. Er hat eine Heimat bei Gott. So sind wir aus astronomischer Sicht ein völlig unbedeutender Planet im riesigen Universum, im Grunde nur Sternenstaub. Aus biblischer Sicht dagegen ist jeder Mensch von Gott ganz besonders geliebt. Beides schließt einander nicht aus. Galilei hat das erkannt. Und so konnte er beides sein, genialer Wissenschaftler und gläubiger Christ zugleich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14620

„Warum passiert so etwas ausgerechnet meinem Kind? Was habe ich mir zuschulden kommen lassen?" So fragt eine Frau, die vor einigen Wochen erfahren hat, dass ihre 19 - jährige Tochter an Krebs erkrankt ist. Die Mutter ist eine religiöse Frau, aber das macht die Situation für sie nicht unbedingt einfacher. Da sie in letzter Zeit nicht mehr so häufig im Sonntagsgottesdienst war, quält sie nun der Gedanke, dass das ein Grund dafür sein könnte, dass ihre Tochter so krank geworden ist. Ein Gedanke eben, wie er einem in einer solchen Situation kommen kann. Als mir die Mutter davon erzählt, widerspreche ich ihr sofort. Was wäre das denn für ein Gott, der Kinder schwer krank werden lässt, nur weil ihre Eltern nicht fromm genug waren! Auf einen solchen Gott kann man getrost verzichten. Die Frau ist erleichtert, aber ihre Frage bleibt. Warum hat das Schicksal in ihrem Leben und im Leben ihrer Tochter so hart zugeschlagen? Früher wurde an dieser Stelle manchmal gesagt: „Gott wird schon seine Gründe haben." Oder: „Gott schickt keine größere Last, als man tragen kann." Zuweilen konnte man auch hören: „Leid kann uns zu besseren Menschen machen." Ich halte keinen dieser Antwortversuche für überzeugend. Vielleicht gibt es auch auf diese Frage gar keine sinnvolle Antwort. Tatsache ist doch: als sterbliche Menschen müssen wir damit leben, das wir in jedem Moment schwer krank werden können. Es trifft alte und junge, arme und reiche, solche, die es verdient haben und solche, die es nicht verdient haben. Gerecht ist das nicht. Für religiöse Menschen bleibt die Hoffnung, dass Gott am Ende darauf eine Antwort geben wird. Bis dahin können eigentlich nur wir selbst die Antwort geben. Indem wir unsere Not und unseren Schmerz miteinander teilen. Indem wir Mitgefühl zeigen mit denen, die leiden. Indem wir einfach da sind, wenn Menschen uns brauchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14619

 Einen Gottesdienst ohne Gott - das wünschte sich ein Brautpaar für seine Hochzeit. „Bei einer kirchlichen Trauung ist doch alles auf den Glauben ausgelegt. Wir möchten, dass bei unserer Trauung wirklich wir als Brautpaar im Mittelpunkt stehen", sagte das Paar, das keinen Bezug mehr zu Glauben und Kirche hat. Ein freier Theologe, der nicht im Auftrag der Kirche arbeitete, erfüllte - gegen ein entsprechendes Honorar - ihren Wunsch. So gab es also eine feierliche Trauung. Sie fand in einer Kirche statt, es brannten Kerzen und es gab festliche Musik. Es wurden Ringe getauscht, und es gab sogar eine Predigt. Nur: Gott kam dabei nicht vor. In der Feier wurde davon erzählt, wie Braut und Bräutigam sich kennen und lieben gelernt haben. Es gab viele gute Wünsche für den gemeinsamen Lebensweg. Alles so, wie es sich das Brautpaar für diesen einmaligen Tag vorgestellt hatte. Und wie es sich jedes Brautpaar der Welt wünscht, nämlich am Tag der Hochzeit im Mittelpunkt zu stehen. Dass dabei aber Gott nicht vorkommen soll, leuchtet mir nicht ganz ein. Für mich ist Gott keine Konkurrenz zum Menschen. So wie ich den Gott der Bibel verstehe, würde ich es sogar genau umgekehrt sagen: Gerade wo Gott vorkommt, steht der Mensch im Mittelpunkt. Denn für Gott gibt es nichts Größeres, als wenn Menschen sich entfalten und glücklich werden. Gott will, dass das Leben der Menschen gelingt. Er will ganz besonders, dass die große Liebe zwischen zwei Menschen glückt. Sich das sagen zu lassen, tut gut, auch und gerade bei einer Hochzeit. Denn menschliche Liebe ist immer auch etwas unsicher. Die Liebe Gottes dagegen ist unerschütterlich. Sie kann die gemeinsame Liebe der Brautleute stützen und tragen. Ich jedenfalls habe mir diesen Zuspruch bei meiner eigenen Trauung gerne sagen lassen. Und manchmal denke ich auch heute noch daran zurück.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14618

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." Eine tiefe Wahrheit steckt für viele hinter diesem Spruch. Eigentlich bin ich locker und freundlich, aber der Stress macht mich hart. Eigentlich bin ich ein friedliebender Mensch, aber meine Nachbarn treiben mich zur Weißglut. Eigentlich will ich meine Kinder geduldig erziehen, aber ich bin oft so hilflos, weil ich sie nicht verstehe. Eigentlich würde ich gerne mal mit der Faust auf den Tisch schlagen, aber ich kann nicht.
Eigentlich, eigentlich, eigentlich. ..
Der Spruch zeigt, dass jeder Mensch auf irgendeine Art und Weise zwei Gesichter hat, die sich sehr voneinander unterscheiden können. Und es gibt genug Menschen, die sich dessen bewusst sind und darunter auch leiden. Im breiten Angebot von Meditations- und Selbsterfahrungsgruppen finden sich deshalb immer wieder genau diese Themen und Fragestellungen:
Was hindert mich denn eigentlich daran, so zu sein, wie ich eigentlich bin? Was macht es mir so schwer, tatsächlich meiner Sehnsucht zu folgen, mein Leben zu ändern, anders auszurichten?
Eigentlich bin ich ganz anders....
In der Bibel gibt es Sätze, die genau diesen Zwiespalt im Menschen thematisieren.  „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein", sagt Jesus in der Bergpredigt. Und wer sein Jünger sein will, der muss sich bei klarem Verstand der Konsequenzen bewusst sein, die daraus erwachsen können. „...der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach", so heißt es im biblischen Klartext. Sich selbst treu zu bleiben, das gibt es nicht zum Nulltarif und kann ganz schön anstrengend sein.  „Eigentlich bin ich ganz anders..." Große Menschen der Geschichte aber auch christliche Vorbilder, Heilige und Märtyrer haben oft dieses Eine gemeinsam: Sie sind sich treu geblieben, haben keine leichteren Wege gesucht.
Unzählige namenlose und auch zu Recht berühmte Menschen nahmen, wie es im Evangelium heißt „ihr Kreuz auf sich" und lebten für ihre Überzeugung, in allen Religionen und Weltanschauungen. Und ich stehe staunend, skeptisch, vielleicht ein wenig niedergeschlagen, hilflos und die Schulter zuckend vor diesen Menschen und überlege, wo mein Beitrag, mein Platz sein könnte. Vielleicht belasse ich es heute Morgen einfach mit einem kurzen Gebet: Herr, gib mir Kraft und steh mir bei, ein Mensch zu sein, der nicht anders werden muss, um heute sein wahres, sein menschliches Gesicht zu zeigen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14525

„Eine Brücke lasst uns bauen, von hier bis an des Himmels Rand, eine Brücke voll Vertrauen, jedem Menschen, jedem Land". Das ist der Refrain eines Liedes, das man in Gottesdiensten singen kann. Der Text kam mir in den Sinn, als ich vor kurzem über eine echte Brücke gegangen bin. Und zwar über die Freundschaftsbrücke, die Kleinblittersdorf im Saarland mit Grosbliederstroff  in Lothringen verbindet. An der Freundschaftsbrücke  kann man den wechselhaften Lauf der Geschichte zwischen den beiden Ländern Deutschland und Frankreich gut nach verfolgen. Eine erste Brücke gab es nämlich erst 1880, nachdem das französische Lothringen zum deutschen Reich gefallen war und es keine hinderliche Grenze mehr gab.  1939, nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, wurde sie gesprengt. Dann war -zumindest brückenmäßig- Funkstille zwischen den beiden Dörfern, die zwar den gleichen Namen tragen, aber zu verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen gehören. Am 22. Januar 1963 haben dann die beiden großen politischen Brückenbauer dieser Zeit, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, den Élyséevertrag unterzeichnet. Der Vertrag verpflichtet beide Regierungen zu einer konsequenten Zusammenarbeit.  Ein Jahr später, 1964 gab es auch wieder eine Brücke zwischen den beiden Dörfern im Saarland und in Lothringen. Denn mindestens genauso wichtig wie kurze Wege in der Politik sind die kurzen Wege von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch. Heute kann man aussuchen, ob man zum französischen oder zum deutschen Bäcker geht. Und sonntags kann man auf deutsch oder französisch im Gottesdienst zu Gott beten und singen. Denn die beiden Pfarrkirchen liegen dank der Brücke nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Freundschaftsbrücken gibt es heute zum Glück an vielen Orten in den deutsch-französischen Grenzgebieten. Aber noch wichtiger sind die Menschen, die über die Brücke gehen, denn erst dadurch wird das Lied mit Leben erfüllt:  „Eine Brücke lasst uns bauen, von hier bis an des Himmels Rand, eine Brücke voll Vertrauen, jedem Menschen, jedem Land".

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14524

Inspektor Rebus löst seine Mordfälle  in Edinburgh in Schottland. Er ist Einzelgänger, verbeißt sich regelrecht in seine Fälle und hat ein Alkoholproblem. Mit seinen Mitarbeitern trifft er sich deshalb schon Mal in seiner Stammkneipe zum Meinungsaustausch. Da kommt neben den Ermittlungen auch ab und zu Grundsätzliches aufs Tapet.  Und so lese ich folgenden Dialog in meinem Krimi:

„Früher bin ich auch in die Kirche gegangen", fuhr Tibbet fort." Hab mit vierzehn damit aufgehört. Meine Mum ist an Krebs gestorben, danach hab ich keinen rechten Sinn mehr darin gesehen."
„Sie waren früher auch Kirchgänger, stimmt's?"
„Mag sein, ja", räumte Rebus ein und blies Rauch in die Luft. „Vor Jahren hab ich's in ein paar Kirchen probiert. Antworten hab ich keine gefunden."
Goodyear nickte. „Was Colin gesagt hat, trifft auf ziemlich viele Leute zu, glaub ich. Ein geliebter Mensch stirbt, und wir geben Gott die Schuld daran. War das bei Ihnen auch so?" „Gar nichts war", erklärte Rebus mit eisiger Miene...
(Ian Rankin, Ein Rest von Schuld, München 2008,  S. 235)

Ja, wer als Polizist ständig mit Mord und Totschlag konfrontiert wird, der kann den Glauben an Gott im wahrsten Sinne des Wortes verlieren. Und wer von Berufs wegen immer auf der Suche nach klaren  Antworten ist, der erst recht. Denn das ist eine der unbequemsten Tatsachen des christlichen Glaubens: es gibt auf die Frage nach  dem Leid in der Welt keine befriedigende Antwort. Warum Menschen unbegreiflich grausam sein können, warum Kinder sterben und Eltern weiter leben, warum die einen putzmunter und die anderen todkrank sind: ich weiß es nicht. Und ich habe großen Respekt vor den Menschen, die sich mit dem Bild eines gütigen Gottes, der die Menschen liebt, abquälen und diese Vorstellung einfach nicht mit der Realität in Einklang bringen können. Und weil das nicht geht, legen die einen den Glauben ab, andere sperren ihn weg, so wie der Inspektor im Krimi mit den Worten: „Gar nichts war...". Es gibt aber auch die, die akzeptieren, dass Gott nicht alle Probleme löst. Dass er kein Gott ist, den wir nach unseren Maßstäben schnitzen können. Er bleibt unbegreiflich und trotzdem vertrauen sich Menschen ihm an. Das ist ein Glauben, der unglaublich klingt. Aber genau das macht's ja eigentlich aus.....

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14523