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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich möchte nie wieder erleben, dass ein Kind meines Landes das gleiche erleiden muss wie mein Kind!" Das sagte bei einer Veranstaltung in unserer Hochschulgemeinde Yayi Diouf. Die heute 52 Jahre alte Frau aus dem Senegal hat vor sechs Jahren ihren Sohn verloren. Er ist im Meer ertrunken. Wie viele junge Afrikaner wollte auch er als Bootsflüchtling Europa erreichen. In seinem afrikanischen Heimatland sah er keine Perspektive mehr. Doch das Boot sank, alle 80 Männer starben im Meer. Für die Mutter war es ein harter Schlag. Denn es war ihr einziger Sohn. Ein Jahr lang konnte Yayi Diouf überhaupt nichts mehr machen. Doch als sie sah, dass weiterhin junge Männer auf Boote stiegen, um die gefährliche Überfahrt zu wagen, wurde ihr klar: Das konnte sie nicht weiter mit ansehen. Als allererstes begann Frau Diouf, mit den Frauen zu sprechen, die auf gleiche Weise wie sie ihre Söhne verloren hatten. So entstand eine Organisation, in der sich Frauen gegenseitig über den Verlust ihrer Söhne hinweg helfen. Aber das reichte Yayi Diouf nicht. Es musste unbedingt etwas getan werden, um junge Menschen von der lebensgefährlichen Überfahrt abzuhalten. Seit dieser Erkenntnis ist Frau Diouf unermüdlich unterwegs, um jungen Menschen in drastischen Bildern die Gefahren der Überfahrt zu schildern. Sie erzählt auch von Afrikanern, denen es in Europa gar nicht gut geht. Aber nur Negativbeispiele allein überzeugen junge Menschen nicht. Sie brauchen Perspektiven in ihrem Heimatland. Daher hat Yayi Diouf mit anderen Frauen kleine Werkstätten und Läden eröffnet, die jungen Menschen Arbeit geben. Als sie vor wenigen Wochen bei ihrer Deutschlandreise bei uns in Koblenz war, hatte sie auch einen Wunsch an ihre deutschen Zuhörer. „Auch ihr könnt uns helfen! Bitte sorgt dafür, dass die internationalen Fangflotten nicht mehr unsere afrikanische Küste leer fischen." Dann könnten die jungen Männer nämlich von ihrer Arbeit als Fischer leben - statt lebensgefährliche Überfahrten zu riskieren.

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„Sie retten die Welt auch nicht mehr!" So fertigte mich vor kurzem ein Verkäufer ab. Folgendes war passiert: Ich hatte in einem Jeansladen eine schöne Jeanshose entdeckt und wollte sie kaufen. Das Problem war nur, dass sie nicht in der passenden Größe vorrätig war. Der Verkäufer meinte, das sei gar kein Problem. „Am einfachsten ist es, wenn sie die Hose in der gewünschten Größe im Internet bestellen." Doch im Internet bestelle ich selten. Nicht, weil ich zu dumm dafür wäre, sondern aus Überzeugung. Ich bin nämlich der Auffassung, dass durch den zunehmenden Internethandel  immer mehr Fachgeschäfte schließen müssen. Und das finde ich nicht schön. Das sehe ich auch in meiner Stadt. Gerade die kleinen Geschäfte geben immer mehr auf. Es ist vielleicht nicht der einzige Grund, aber es spielt sicherlich eine Rolle. Ich möchte nicht, dass unsere Städte immer öder und langweiliger werden. Also kaufe ich in den Geschäften meiner Stadt ein, wenn es irgendwie möglich ist. Das habe ich auch dem Verkäufer so erklärt. Doch der lachte mich nur aus: „Sie retten die Welt auch nicht mehr!" Das fand ich nun nicht gerade sehr aufbauend. Vor allem störte mich die tiefere Botschaft dieser Antwort: Dieser Welt ist sowieso nicht mehr zu helfen. Letztlich sind alle Bemühungen, sie besser zu machen, verlorene Liebesmüh. Diese Ansicht teile ich nun aber ganz und gar nicht. Zwar lese und höre auch ich jeden Tag die negativen Meldungen in der Zeitung oder im Radio. Aber von der Verlorenheit dieser Welt bin ich nicht überzeugt. Ich glaube, dass Gott diese Welt nicht ihrem Schicksal überlassen wird. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es nicht umsonst ist, wenn ich etwas tue, damit die Welt lebenswerter wird. Auch wenn meine Mittel bescheiden sind und sich der Erfolg vielleicht nicht sofort oder gar nicht einstellt. Die Überzeugung, dass diese Welt nicht verloren ist, treibt mich an. Und die lasse ich mir von niemandem nehmen.

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Schimpansen sind unsere nächsten tierischen Verwandten. Sie haben vieles mit uns Menschen gemeinsam. Zum Beispiel fast 99% aller Gene. Das gleiche Blutgruppensystem. Und sie können vieles, was nur wir Menschen können. Werkzeuge benutzen. Farben sehen. Lachen. Kürzlich hat man festgestellt, dass sie sogar in der Lage sind, ihren Tag zu planen. Da tun ja selbst wir Menschen uns manchmal schwer. Es gibt Leute, die haben aus diesen erstaunlichen Ähnlichkeiten ihren eigenen Schluss gezogen: Eigentlich sind wir als Menschen gar nichts Besonderes. Wir sind nur besonders hoch entwickelte Affen. Das ist nicht ganz falsch. Und doch sträubt sich in mir etwas gegen diese Schlussfolgerung. Manchmal bin ich richtig froh, wenn die Wissenschaftler mal etwas herausfinden, was uns von ihnen unterscheidet. Vor kurzem haben Heidelberger Forscher so etwas entdeckt. In einem Experiment sollten Schimpansen Futter untereinander aufteilen. Dabei stellte es sich heraus, dass es den Tieren völlig egal war, ob es dabei gerecht zuging. Hauptsache war nur, dass sie selbst möglichst viel Futter bekamen. Ob der eine dabei viel und der andere fast gar nichts erhielt, war ihnen völlig egal. Man hat das gleiche Experiment auch mit Kleinkindern durchgeführt. Das Ergebnis fiel ganz anders aus: Schon Dreijährige haben nicht nur den eigenen Vorteil im Blick. Sie zeigen die Tendenz, mit anderen zu teilen. Schon länger vermuten Forscher, dass der Gerechtigkeitssinn eine rein menschliche Eigenschaft sein könnte. Menschen, so könnte man sagen, ist der Sinn für Gerechtigkeit sozusagen in die Wiege gelegt. Das unterscheidet sie von Tieren. Menschen denken nicht nur an sich. Sie sind bereit, anderen etwas abzugeben. Sie haben ein Gespür dafür, dass auch andere etwas zum Leben brauchen. In der Bibel heißt es, dass Tiere und Menschen zwar am gleichen Tag erschaffen wurden, aber nur der Mensch Ebenbild Gottes ist. Vielleicht ist diese Ähnlichkeit mit Gott ja genau das, was den Unterschied ausmacht: die Fähigkeit, mit anderen teilen zu können.

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„Vater der Armen" haben die Franzosen den Priester Abbé Pierre respektvoll ja fast mit Ehrfurcht genannt.  Bis zu seinem Tod 2007 war er regelmäßig der beliebteste Franzose. 1949 hat er die Organisation „Emmaus" gegründet. Verarmte und obdachlose Menschen finden hier bis heute Hilfe und Arbeit und können so wiederum anderen Menschen helfen. In den Emmaus-Gemeinschaften  kann man den Geist von Abbé Pierre und seine Ideen am Besten kennen lernen.

 In diesem Jahr wäre Abbé Pierre  100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist ein kleines Buch erschienen mit dem Titel „Was ist das, der Tod?"  Mit Jugendlichen hatte Abbé Pierre über den Sinn des Lebens gesprochen und erzählt, wofür es sich zu leben lohnt und worauf er hofft. In ganz klaren und einfachen Worten beschreibt er, woher er die Kraft und die Gelassenheit nahm, lebensbedrohliche Situationen im  2. Weltkrieg, das Leben im Widerstand und dann  die schweren Nachkriegsjahre zu bestehen. Es ist die Hoffnung, ja die Zuversicht auf ein Jenseits bei Gott. Das klingt jetzt vielleicht für manchen naiv und weltfremd, aber das ist Abbé Pierre nie gewesen. Er war ein Kämpfer für ein besseres Leben. Auf die Frage: „Wofür ist es gut, an Gott zu glauben?",  antwortet er: „Man muss überzeugt sein, dass Gott nichts als das Gute für die Menschen will, aber dass dieses Glück von uns abhängt". Im Gespräch mit den Jugendlichen erläutert er den Satz noch einmal: „Weißt du, das Leben ist nichts anderes als der Glanz der Farben, die man ihm verleiht." Abbé Pierre hat in düsteren Zeiten seinem Leben bunte Farben gegeben. Die Kraft dazu fand er im Glauben und es ist toll, dass es bis heute immer wieder Menschen gibt, die den Pinsel in die Hand nehmen und kräftig mit malen.

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„Lachen eine körperliche Reaktion, die man unterdrücken muss." „Vom Besuch von Komödien wird abgeraten, da dort meistens über andere Menschen gelacht wird."

Die gelehrten Kirchenväter der ersten christlichen Jahrhunderte waren anscheinend eher düstere Gesellen.  Denn  sie hatten beim Studium der Bibel festgestellt:  an keiner Stelle in den  in den Evangelien  wird davon erzählt, dass Jesus jemals gelacht habe. Das stimmt. Allerdings kann ich mir überhaupt nicht vorstellen dass Jesus einer war, der zum Lachen in den Keller gegangen ist. Das passt nicht zu einem Menschen, der gerne andere um sich versammelte und der sich gerne zum Essen einladen ließ. Deshalb ist auch in meiner Sammlung von Jesusbildern ein Foto, das  einen laut lachenden Jesus zeigt. Riesengroß prangt es im Original auf der Außenwand einer amerikanischen Kirche.  Es eines meiner Lieblingsbilder. Denn man darf nicht vergessen:  „Freude", das ist eines der zentralen Wörter und ein zentraler Wert in der Botschaft Jesu. Und zur Freude gehört nun mal das Lachen. „Euer Herz wird sich freuen. Und eure Freude wird keiner von euch  nehmen" (Joh16,22) heißt es einmal im Johannesevangelium. Und der Apostel Paulus schreibt einmal  an die Gemeinde in Ephesus: "Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!" (Eph5,19) So gesehen, könnte es in unseren Kirchen gerne etwas fröhlicher und lockerer zugehen. Eben weil er in der Kirche seiner Zeit so wenig Heiterkeit und herzliche Fröhlichkeit fand, gründete beispielsweise der Hl. Philipp Neri im 16ten Jahrhundert seine Gemeinschaft, das so genannte Oratorium. Hier trafen sich Gleichgesinnte zum Beten, Singen und Diskutieren.  Und schon bald wurde sein Haus in Rom „Herberge der christlichen Fröhlichkeit" genannt. Denn er hatte  erkannt, dass Freude der selbstverständliche Ausdruck eines  Menschen ist, der sich von Gott getragen weiß.  Und obwohl er das eigentlich gar nicht wollte, gründeten sich weitere Gemeinschaften, die in seinem Sinne leben wollten. 81 davon gibt es bis heute.  Es lohnt sich also, etwas mehr zu lachen im Leben. Denken Sie daran, wenn sie mal wieder einen zu ernsten Gottesdienst besuchen sollten. Und vergessen Sie es auf keinen Fall, wenn Sie heute anderen Menschen begegnen.

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„Ester ging auf der Lichtung hin und her. Sie dachte nach und dann hatte sie eine Idee: „Die ganze Welt ist voll von Toten", sagte sie. „In jedem Gebüsch liegt ein Vogel, ein Schmetterling, eine Maus. Jemand muss nett sein und sich um sie kümmern. Jemand muss sich opfern und sie beerdigen. „Wer?" sagte ich. „Wir!" sagte sie.

Haben Sie schon einmal eine tote Hummel oder eine Spitzmaus beerdigt?  Einen alten Hamster oder eine Amsel, die gegen die Fensterscheibe geflogen ist?  Ester und ihre Freunde kennen sich da aus. Denn sie sammeln tote Tiere und richten ihnen eine schöne Beerdigung  aus. Und lernen über den Umgang mit dem Tod nebenbei ganz viel vom Leben. Das Bilderbuch: „Die besten Beerdigungen der Welt" erzählt auf eine herrlich unverkrampfte Weise, wie Kinder sich mit dem Thema „Tod" beschäftigen. Aus Langeweile beschließen die drei Freunde, tote Tiere zu sammeln und sie stilvoll zu beerdigen. Die Aufgaben werden verteilt: einer bekommt die Schaufel, um das Grab auszuheben. Einer schreibt Gedichte und liest sie bei der Beerdigung vor, und Esters kleiner Bruder Putte ist fürs Weinen zuständig. Und weil er noch so klein ist, müssen die anderen ihm erklären, warum die Spitzmaus einfach nur rum liegt und sich nicht mehr rührt. Und das klingt dann so: „Wir erklärten, dass alles, was lebt, sterben muss. Alle, alle, und du und du auch. Das ist blöd und traurig und alle weinen."

Aber weil sie sich so eifrig in ihr Spiel als Beerdigungsunternehmen vertieft sind,  schwindet langsam, von einer Beerdigung zur nächsten, die Angst vor der seltsamen, unbekannten, unheimlichen Wahrheit „Tod". Der Hase z.B. wird mit Kopfkissen und einer karierten Decke begraben und bekommt ein Gedicht:

Leg dich ruhig zur Ruhe nieder
Du weißt, schon bald seh'n wir uns wieder.

Und nach einem langen anstrengenden Arbeitstag schläft der kleine Putte bei der letzten Beerdigung ein. Am nächsten Tag spielten sie dann etwas ganz anderes.

Und ich klappe den Buchdeckel zu und denke mir: manchmal können gute Kinderbücher auch Erwachsenen helfen, die Tatsache des Todes so ins Leben hinein zu holen, dass die Nächte wieder heller und die Tage wieder bunter werden.

Ulf Nilsson/ Eva Eriksson  Die besten Beerdigungen der Welt,  Moritz Verlag Frankfurt/M. 2006

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Wenn Sie einmal einen „philosophischen Friedhofsgarten" besuchen möchten, müssen Sie in die äußerste westliche Ecke von Rheinland-Pfalz fahren. Kurz bevor die Saar  in die Mosel fließt liegt das Dorf Kanzem.  Hier wächst nicht nur ein guter Wein, hier hat man auch vor einigen Jahren einen nicht genutzten Teil des Friedhofes zu einem Landschaftsgarten umgestaltet, dem „Philosophischen Friedhofsgarten".

Wer will, kann sich hier Gedanken über Leben und Tod, über Werden und Vergehen machen. Durch die ganze Anlage windet sich ein künstlich angelegter Bach, der „Fluss des Lebens". Vier verschiedene Gartenabschnitte sind Symbol für die Lebensabschnitte des Menschen. Im ersten Teil, dem „Garten des Werdens" fließt das Wasser noch verspielt wie die Kindheit.

Der zweite Teil ist der „Garten des „Seins". In seinem Zentrum steht ein Glaspavillon. Seine kleinen, bunten Fenster werden nach und nach gestiftet und erinnern oft an Menschen, die den Stiftern wichtig sind. Dann kommt der dritte Teil, der  „Garten des Abschieds". Hier stehen Bänke, auf denen man sich ausruhen kann. Fast schnurgerade fließt der Lebensfluss jetzt hinab ins so genannte Paradies, dem letzten Teil bis zum Saarufer. Freie Natur, verwelkte Blätter, kahle Äste. War's das jetzt?, fragt man sich als Besucher.

Die Antwort gibt ein kurzes Gedicht von Hilde Domin:

„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst."

Nur neuen kurze Wörter,  doch ganz viel Bedeutung. Die Dichterin  sieht die welken Blätter, schreibt aber von etwas anderem. Vom Leben, von den Knospen, die man erst beim zweiten Hinsehen wahrnimmt. Klar, es gibt schönere Zeiten für einen Besuch im Friedhofsgarten als den Monat November oder speziell heute den Totensonntag. Für Christen haben diese Bilder viel mit dem Leben zu tun. Denn das ist der Glaube: dass es mit dem Tod nicht vorbei ist, dass unsere Verstorbenen für immer bei Gott sind.  „Tröstet einander mit dieser Hoffnung", sagt der Apostel Paulus deshalb. Novembergedanken, denen man kaum einmal Raum und Zeit lässt. Im Friedhofsgarten in Kanzem an der Saar kann man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes in aller Ruhe nachgehen.

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