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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Legt mir einen Nachtischlöffel in den Sarg!", bittet die alte Frau und lächelt verschmitzt. Sie weiß, dass sie bald sterben wird. Trotzdem lächelt sie. Sie hat ihre Familie zusammengerufen, um alles für ihre Beerdigung zu regeln.
Kein leichtes Gespräch! Den Jüngeren fällt es viel schwerer, über den Tod zu reden, als der alten Dame selbst. Jetzt gucken sich alle nur verwirrt an: Was will sie denn um Himmels willen mit dem Löffel?!
"Wisst ihr", sagt sie, "wenn ich irgendwo zum Essen eingeladen bin und es liegt ein Nachtischlöffel am Teller, dann weiß ich: Das Beste kommt noch!"
Als sie bald darauf stirbt, legt die Familie ihr ein Löffelchen in den Sarg. Wie sie es sich gewünscht hat.
Die alte Frau hat gern gelebt! Und sie hat ihr Leben bis zum Schluss ausgekostet. Leben - das ist für sie wie ein schönes Essen in angenehmer Gesellschaft. So ein gut gedeckter Tisch, Kerzen und Blumen, leckeres Essen, lustige Gespräche - ein Abend, an dem man sich richtig wohlfühlt und von dem man noch lange zehrt.
Wenn das Leben wie ein schönes Abendessen ist - was ist dann der Nachtisch? Was will Gott uns noch auftischen?
Dieser Nachtisch gehört nicht mehr zu diesem Leben. Das weiß die alte Dame. Sie hält nicht daran fest, dass hier noch etwas kommen muss. Aber sie freut sich über ihren Tod hinaus darauf, dass Gott noch etwas für uns bereit hält. Darum schmeckt ihr das Leben bis zum Schluss. Das Leben ist ihr so kostbar, dass sie nichts davon vergeuden will.
Das Leben ist kein Nachtisch. Ein sehr entlastender Gedanke! Denn sonst jage ich allem hinterher. Kämpfe darum, dass ich auch nichts verpasse. Muss alles mitnehmen. Dann reicht es nicht, wenn das Leben nahrhaft und wohlschmeckend ist. Nein, süß muss es sein - wie ein Nachtisch! Süß satt - denn dann kommt ja nichts mehr!
Aber wenn Gott das Beste noch für uns bereithält, dann können wir glücklich leben. Davon bin ich überzeugt! Das Leben annehmen auch mit all seinen gar nicht süßen Seiten. Und ab und zu einen verstohlenen Blick auf den Nachtischlöffel werfen: Das Beste kommt noch! Und was es genau ist, das verrät keine gute Gastgeberin, bevor es so weit ist!

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Sintflutartige Regenfälle. Wenn der Himmel pechschwarz wird und es anfängt loszuprasseln, dann sieht es so aus, als ob die Welt untergehen würde. In New York konnte man neulich Angst haben, dass sie wirklich untergeht.
Sintflutartige Regenfälle. Die Redensart erinnert an die Geschichte von der Sintflut. Die steht ganz am Anfang der Bibel. Vierzig Tage und vierzig Nächte Dauerregen. Nur die Arche Noah hat sich noch über Wasser gehalten.
Und dann, als es endlich vorbei ist, tritt Noah aus der Arche und sieht ihn: den Regenbogen.
Ich freue mich immer wie ein Kind an so einem Regenbogen. Er verbindet, was sonst eigentlich nicht zusammengehört: Licht und Wasser, Himmel und Erde! Leben und Tod. Gott und Mensch.
In der Bibel sagt Gott zu Noah: "Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt. Der soll das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde sein."
Gott schlägt einen Bogen zur Erde. Einen leuchtend bunten noch dazu. Der Regenbogen ist flüchtig, geht schnell wieder weg. Aber solange ich ihn sehe, weiß ich: Gott hält sein Versprechen. Gott bindet sich an uns. Das ist, als ob Gott uns vom Himmel aus seine Hand reichen würde. Und wir müssen nicht mehr unverbunden leben. Wir sind nie mehr allein, auch wenn wir uns mal allein fühlen! Das jedenfalls sagt Gott in der Bibel und dafür steht der Regenbogen. Steht da nach der Sintflut, nach der Katastrophe, in die man geraten ist.
Vielleicht haben Sie in diesem Jahr jemanden verloren, der Ihnen lieb und teuer war. Vielleicht war für Sie auch eben noch das Leben ganz bunt und ist auf einmal grau geworden.
Doch dann nimmt Gott seinen Farbkasten und mischt frische, bunte Farben. Eine Palette von rot über grün bis violett. Sieben Farben insgesamt, die ineinander übergehen. Wunderschön!
Vieles wird nie mehr so, wie es einmal war. Da war eine Katastrophe, eine Sintflut und alles ist untergegangen. Aber Gott stellt seinen Bogen in den Himmel. Der ist einfach nur schön. Der ist einfach nur da und erzählt davon, dass Gott uns nicht vergessen hat.
Feuer und Wasser, Himmel und Erde hält dieser Bogen zusammen. Auch Kummer und Zuversicht, Trauer und Hoffnung. Das Leben geht weiter.

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Hoffnung auf eine bessere Welt - viele Menschen leben von dieser Hoffnung. Weil für sie der ganz normale Alltag schon schwer zu bewältigen ist. Menschen in Syrien, Ägypten, Afghanistan könnten ohne diese Hoffnung gar nicht leben.
Immer wieder verbindet sich solche Hoffnung mit einem bestimmten Menschen. Heute vor 49 Jahren hat eine Nachricht die Hoffnung von vielen zerstört: "Präsident Kennedy ist ermordet worden!"
In der ganzen Welt waren Menschen geschockt, haben um Kennedy getrauert. Bei uns in Berlin haben ihn Tausende erlebt, wie er vor dem Rathaus Schöneberg gesagt hat: "Ich bin ein Berliner!"
Kennedy war damals der mächtigste Mann der Welt - und zugleich ein Hoffnungsträger, einer, der für etwas stand: Freiheit und Frieden. Eine neue bessere Welt. Die Menschen haben ihm abgenommen, wenn er sagte: "Ich bin ein Berliner!" Sie haben es ihm geglaubt.
Und so ein Mensch kann einfach so erschossen werden! Was ist jetzt noch sicher? Worauf kann man noch vertrauen? Das haben sich damals viele gefragt.
Andererseits: War das nicht immer so? Sind nicht immer wieder Menschen ermordet worden, an die sich viele Hoffnungen und Sehnsüchte knüpften? Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Olof Palme. Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl. Ja, wenn man noch weiter zurückgeht: Jesus von Nazareth.
Warum muss es immer wieder diese Hoffnungsträger treffen? Warum kann es nicht einfach mal gutgehen?
Mit dieser Frage werde ich nicht fertig. Auch wenn die Welt nun mal so ist, es fällt mir schwer, mich damit abzufinden. Und eigentlich will ich es auch nicht.
Ich will weiterhin daran glauben, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich auch nicht damit abfinden. Die Hoffnungsträger werden. Vielleicht nicht nur in der großen Politik, auch in meinem Alltag. Menschen, die sich um andere kümmern. Die sich engagieren. Die anderen zeigen: Die Welt könnte ganz anders sein.
Solche Leute halten die Hoffnung am Leben. Die Hoffnung auf eine bessere Welt, das Gespür dafür, dass die Welt anders sein müsste.
Das war auch die Hoffnung Jesu. Und die lebt bis heute. Die Hoffnung darauf, dass Gott noch etwas ganz Großartiges für uns bereit hält.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14198

Jetzt ist der Garten versorgt und fertig für den Winter. Ob alle unsere Pflanzen gut über den Winter kommen?
Da ist eine kleine Hortensie, die mickert schon das ganze Jahr über vor sich hin. Steht sie am falschen Platz? Aber die Pflanzen im gleichen Beet gedeihen prächtig! Was ist los mit dieser einen? Krank sieht sie eigentlich nicht aus. Aber blühen will sie nicht mehr.
Bei anderen Pflanzen haben wir längst kurzen Prozess gemacht. Das wird nichts mehr mit der! Also raus damit! Da könnte doch was anderes wachsen!
Warum sollten wir die Hortensie stehen lassen? Ist es gut, Geduld zu haben - mit Hortensien und anderem, was so vor sich hinmickert?
So ähnlich ist das auch Jesus einmal gefragt worden. Und er erzählt von einem Feigenbaum. Den hat einer in seinen Weinberg gepflanzt und freut sich nun auf die leckeren saftigen Feigen. Doch Fehlanzeige! Drei Jahre lang hofft er vergeblich auf Früchte. Der Baum trägt keine einzige. Da sagt der Gartenbesitzer zu seinem Gärtner: Der Feigenbaum da - hau ihn um! Er nimmt den anderen Pflanzen nur Nährstoffe weg!
Doch der Gärtner ist ein geduldiger und bedächtiger Mann. Gärtner sind das in der Regel. Er stützt sich auf seinen Spaten und schiebt seine Mütze ein bisschen zurecht. Dann sagt er: Weißt du was - dieses Jahr lassen wir ihn noch stehen. Ich lockere noch einmal richtig die Erde um ihn, dünge ihn tüchtig - und wenn er dann noch keine Früchte trägt, dann können wir ihn ja immer noch umhauen.
Als Jesus diese Geschichte erzählt, denkt er an Menschen, die in den Augen der anderen ebenso unnütz scheinen wie dieser Feigenbaum. Unnützer Esser! nennen manche die. Oder: Sozialschmarotzer! Was so viel heißt wie: Der taugt einfach nix! Bei dem ist doch Hopfen und Malz verloren!
Ob andere manchmal auch so über uns sprechen? Wie gut, wenn dann einer sagt: Gebt dem doch noch eine Chance! Der soll noch einmal zeigen dürfen, ob nicht doch etwas in ihm steckt!
Mir fallen Menschen ein, die so eine Chance bekommen haben. Und die sie genutzt haben. Das klappt nicht immer. Aber einen Versuch ist es immer wert!
Also werde ich unserer Hortensie auch noch eine Chance geben.

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"Tu, was dir vor die Hände kommt; denn Gott ist mit dir!"
In der Bibel sagt das der Prophet Samuel zu einem jungen Mann. Saul heißt der und hat gerade von Samuel erfahren, dass er König werden soll. Eigentlich hat er nur die Eselinnen seines Vaters suchen sollen. Samuel sagt ihm: Du wirst jetzt kein Eselshüter mehr sein, sondern König über Israel!
Und dann sagt er ihm: "Tu, was dir vor die Hände kommt; denn Gott ist mit dir!"
Ein wunderbarer Satz für einen jungen Mann, der das große Abenteuer seines Lebens noch vor sich hat! Später, als Saul schon lange König ist, hat er diesen Satz leider vergessen. Er fühlt sich überfordert. Überall sieht er Feinde und Widersacher. Und längst ist er nicht mehr der starke, junge Held. Das sind jetzt andere. Saul grübelt und brütet darüber, wie das alles so gekommen ist. Wann ihn das Glück verlassen hat. Wann ihm alles zu schwer wurde.
"Tu, was dir vor die Hände kommt; denn Gott ist mit dir!" Wenn doch jetzt jemand wie der alte Samuel kommen würde, um Saul das zu sagen!
Saul hat schon Grund genug gehabt, Trübsal zu blasen. Und wenn ich andere oder mich selber dabei ertappe, dann gibt es da auch immer gute Gründe. Manchmal ist es doch wirklich, als ob sich alles gegen einen verschwört! Und gut, wenn es dann nur bei Missgeschicken oder kleineren Alltagskatastrophen bleibt! Wenn nicht irgendwas passiert, was einen völlig aus der Bahn wirft.
Wenn ich Menschen sehe, die gerade ein schwerer Schlag aus ihrer bisherigen Lebensbahn geworfen hat, dann bin ich froh, wenn ich sehe, dass sie etwas tun können. Dass ihnen irgendwas vor die Hände kommt und ihre Aufmerksamkeit eine Weile bindet.
Wenn ich Kummer oder Sorgen habe, dann tut es mir gut, im Garten zu arbeiten oder ein paar Hemden zu bügeln. Irgendwas, worüber ich nicht weiter nachdenken muss. Wo meine Hände mehr oder weniger von selber arbeiten. Etwas, das mich daran hindert, zu grübeln und zu brüten.
Nach einer Weile geht es mir dann wieder besser. Und wenn mir dann jemand sagt wie Samuel dem Saul: "Gott ist mit dir!" - dann kann ich das jetzt viel besser glauben. Und mich getrost auf den Weg machen.

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"Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt ..." - so heißt es in einem modernen Kirchenlied. Merkwürdig: Kann denn der Tod singen?
Tanzen kann er immerhin. Auf vielen alten Bildern kann man den so genannten Totentanz sehen. Furchterregende Gerippe zwingen die Menschen, mit ihnen zu tanzen. Ein Bild für unsere Angst vor dem Tod.
"Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt ..."
Wie kann der Tod vom Leben singen? Wird hier nicht der Bock zum Gärtner gemacht?
Das Lied lädt dazu ein, in eine andere Richtung zu schauen. Gewiss, wir müssen immer wieder Abschied nehmen. Das macht traurig. Doch wenn der Tod vom Leben singt, dann schaue ich nicht nur auf meine Trauer, sondern frage mich: Ist es nicht wunderbar, dass ich lebe? Ist es nicht wunderbar, dass der Mensch, den ich lieb gehabt habe, gelebt hat? Wie wunderbar ist es, dass es überhaupt Leben gibt!
Wenn das Leben endlos wäre, könnten wir das vielleicht nicht so spüren.
Der Tod singt. Der, von dem wir es am allerwenigsten erwarten. Der so zum Angsthaben und Davonlaufen ist.
Er singt vom Leben. Von all dem Kostbaren, das wir haben. Morgen schon könnte es zu Ende sein. Darum ist jeder Atemzug so unendlich wertvoll. Jeder unnötige Streit und alle Hektik eine solche Vergeudung.
Ob es mir diese Woche gelingt, mich daran immer wieder einmal zu erinnern? Ob ich überhaupt hinhören kann, wenn mir der Tod davon singt, wie kostbar das ist, was jetzt gerade ist?
Sie und ich, wir können es versuchen. Gelegenheit dazu wird es genug geben. Der graue November ist die perfekte Kulisse für trübe Gedanken! Aber in all diesem Grau in Grau kann auch der Tod vom Leben singen. Vom Leben, das auch mitten im grauen November so wunderbar sein kann. Mich verlockt das, innezuhalten, mich umzuschauen. Ein paar Atemzüge bewusst wahrzunehmen. Aufmerksam die Gesichter um mich herum zu betrachten. Zu entziffern, was sie über das Leben wissen.
Das Lied geht übrigens so weiter: "Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14195

Den Krieg begraben. Das wäre die richtige Aufgabe für den Volkstrauertag. Die Indianer, von denen ich als Junge gerne gelesen habe, begruben gelegentlich das Kriegsbeil. Doch irgendwann haben sie es immer wieder ausgegraben.
Den Krieg begraben. Das ist ein uralter Traum. Schon in der Bibel sagt der Prophet Jesaja, was er in der Zukunft sieht: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen. Denn es wird kein Volk mehr gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen."
Schwerter werden zu Pflugscharen. Raketen zu Baukränen. Die Menschen lernen einfach nicht mehr, wie das geht: Krieg führen.
In Deutschland haben wir das ja eigentlich geschafft: In unserem Land gibt es seit fast 70 Jahren keinen Krieg mehr. Und doch gibt es wieder frische Soldatengräber. Von meist jungen Menschen, die in Afghanistan oder anderswo gefallen sind. Da wird der Volkstrauertag plötzlich ganz aktuell.
Dabei sind noch nicht einmal alle gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs beerdigt. Östlich von Berlin findet man immer noch Überreste. Und die werden richtig beerdigt. Vor ein paar Jahren habe ich einen Mann kennengelernt, der das tut: Erich Kowalke. Wo er lebt, fand im April 1945 eine der letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt. Über 50.000 Soldaten fielen. Deutsche, Polen, Russen.
Nun versucht Erich Kowalke mühsam, Namen herauszufinden. Manchmal hat er Glück und findet eine Erkennungsmarke. Oder jemand kann durch eine Uhr identifiziert werden. Dann werden die Überreste der Gefallenen endgültig begraben.
Sieht es so aus, wenn der Krieg begraben ist? Ein russischer General hat mal gesagt: Der Krieg ist erst zu Ende, wenn auch der letzte gefallene Soldat würdig begraben worden ist.
Ich bin an diesen Gräbern entlanggegangen und habe die Lebensdaten der Soldaten gelesen. Manche waren erst siebzehn, achtzehn Jahre alt. Jugendliche
Ich bewundere das, was Erich Kowalke da tut. Inzwischen hat er einen jüngeren Nachfolger bekommen. Arbeit gibt es noch genug. Bis der Krieg begraben ist. Und erst recht, bis keiner mehr lernt, Krieg zu führen. Kein Volk auf der Welt mehr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14194