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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Heißt es in der Bibel.
Selbstliebe und Nächstenliebe gehören zusammen.
Wenn ich mich selbst nicht leiden kann, dann kann ich auch meine Mitmenschen nicht lieben.
Und wenn ich mich selbst zu sehr liebe, dann verliere ich meinen Nächsten aus dem Auge.
Selbstliebe und Nächstenliebe sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
Aber mit der Liebe ist das so eine Sache.
Haben Sie auch manchmal das Gefühl, sich Liebe verdienen zu müssen? In der Familie? In der Partnerschaft?
Respekt, Anerkennung, Erfolg - das kann man sich vielleicht verdienen, aber Liebe? Liebe kann man sich nicht kaufen.
Am Anfang steht die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Bevor das Kind geboren ist, spürt sie es schon. Bevor das Kind sich selbst lieben kann, wird es geliebt, von seiner Mutter und von seinem Vater. Wenn das Kind größer wird, merkt es das erst. Aber die Liebe war schon immer da.
Kinder brauchen sich die Liebe der Eltern nicht zu verdienen - sie haben sie einfach. Selbst wenn Kinder uns oft den letzten Nerv rauben - wir lieben sie trotzdem. Selbst wenn uns die Kinder ärgern bis aufs Blut - wir lieben sie trotzdem. Nichts ist so bedingungslos wie die Liebe zu den eigenen Kindern.
So ist das auch mit Gott. Er liebt uns ohne Bedingungen. Bevor wir uns selbst lieben, liebt uns Gott. Er ist für uns wie Vater und Mutter. Er liebt uns zuerst. Selbst wenn wir nichts von ihm wissen. Seine Liebe macht uns liebenswürdig.
Die Liebe Gottes hält uns die Augen offen. Für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Sie ist so groß: wir können sie sogar verschenken. An unsere Kinder. An unsere Freunde. An unseren Nächsten. Und an uns selbst.

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Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Heißt es in der Bibel.
Nächstenliebe heißt: Hauptsache helfen. Aber wem?
Wer ist denn mein Nächster? Woher soll ich wissen, wen ich lieben soll? Ich kann doch nicht jeden lieben, der mir gerade über den Weg läuft.
Diese Frage steht schon in der Bibel. Jesus erzählt dazu eine Geschichte. Ein Mann wird überfallen und halb tot auf der Straße liegen gelassen. Zwei Männer gehen vorbei und helfen nicht. Sie haben andere Verpflichtungen. Glauben sie zumindest. Ein dritter Mann nimmt sich Zeit und hilft dem Verletzten. Er versorgt ihn und bringt ihn dann in die Obhut eines anderen Mannes.
Mit der Geschichte will Jesus sagen: Man hat nicht immer und überall einen Nächsten. Wenn jemand neben Ihnen an der Ampel steht, dann ist das nicht automatisch Ihr Nächster.
Jesus will sagen: Man wird zu einem Nächsten. Wenn ein Mensch Hilfe braucht, dann werde ich zu seinem Nächsten.
Das ist wie bei Geschwistern. Wann ist man eigentlich eine Schwester oder ein Bruder?
Meine Kinder haben neulich über diese Frage gestritten. "War ich schon ein Bruder, bevor meine Schwester geboren wurde?", hat mein Sohn gefragt. Kann ein Einzelkind eigentlich ein Bruder oder eine Schwester sein?
Nach langem Hin und Her haben wir dann eine Lösung gefunden: Ein Bruder oder eine Schwester wird man erst, wenn noch ein Baby geboren wird. Erst wenn Mama noch ein Kind bekommt, wird aus dem Einzelkind ein Bruder oder eine Schwester.
Und genau so ist das auch mit meinem Nächsten.
Ein Mensch, der Hilfe braucht, wird auf einmal zu meinem Nächsten.
Wenn mich niemand braucht, dann habe ich auch keinen Nächsten.
Wenn ich aber jemanden sehe, der Hilfe nötig hat, dann ist das auf einmal mein Nächster. Und dann soll ich ihm helfen.

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Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Steht in der Bibel.
Lieben! Das ist doch eine Zumutung. Ich kann doch nicht jeden lieben, der mir über den Weg läuft. Einige Menschen sind mir von Anfang an unsympathisch. Da geht die Tür auf und schon weiß ich: der gefällt mir nicht. Ich weiß oft gar nicht, warum.
Die Haare, der Mund, das Auftreten? Einfach unsympathisch.
Der Typ erinnert mich vielleicht an den Ex-Freund meiner Frau!
Die Frau spricht wie meine alte Lehrerin!
Der Mann sieht genauso langweilig aus wie mein Onkel Willi.
Wenn Ihnen das auch manchmal so geht: Das ist völlig in Ordnung. Wir müssen deshalb kein schlechtes Gewissen haben.
Erstens ist nicht jeder Mensch automatisch mein Nächster.
Und zweitens: Die Liebe, von der die Bibel spricht, ist nicht die romantische Liebe.
Es geht nicht um starke Gefühle und nicht um die Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Freunden. Vielleicht sollte man besser gar nicht von Liebe sprechen, besser wäre: Solidarität oder Hilfsbereitschaft.
Wenn Ihnen irgendjemand über den Weg läuft und Hilfe braucht, dann soll es Ihnen egal sein, ob der Ihnen sympathisch ist oder nicht. Sie müssen ihn nicht lieben. Sie sollen ihm nur helfen. Das ist im Grunde alles.
Es geht nur darum, zu helfen, wo es gerade nötig ist - ohne zu fragen, ob Ihnen der Mensch gefällt, der Hilfe braucht. Lieben heißt handeln. Lieben heißt: die eigenen Pläne zurückstellen. Lieben heißt: Umwege in Kauf nehmen und Zeit und Kraft verschenken. Und damit zu rechnen, dass auch ich auf Hilfe und Unterstützung hoffen kann - auch wenn mich jemand nicht mag.
Christen brauchen sich also kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie jemanden nicht so sympathisch finden. Das ist in Ordnung! Wir müssen nicht jeden lieben. Aber dem Nächsten helfen sollen wir, ob sympathisch oder nicht: Hauptsache helfen!

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Wir Deutsche haben ein Problem mit Ausländern, mit der Integration, meinen viele. Ich glaube, das stimmt nicht, es ist kein wirklich deutsches Problem. Mir scheint das universal zu sein, viele Länder sind davon betroffen: In Bulgarien werden Sinti und Roma menschenunwürdig behandelt, Kurden werden in der Türkei bedrückt, koptische Christen in Ägypten bedrängt. Schade!
Was ist da in uns Menschen, dass wir Fremden mit Argwohn begegnen? Gott, hast Du vergessen, in uns etwas zu installieren? Haben wir ein warmes Herz etwa nur für uns selbst, aber einen Stein in der Brust, wenn wir Fremden begegnen? Wieso gehen wir nicht freundlich und neugierig auf Menschen zu, die zu uns kommen? Klar sind die anders als wir. Aber das ist doch gerade der besondere Reiz, wenn wir dorthin in den Urlaub fahren. Das suchen wir doch: Die Fremdartigkeit und Buntheit der Welt, das Exotische in fernen Ländern, die Lockerheit der Italiener, die Impulsivität der Spanier.
Ich saß vor kurzem im Zugabteil, da meckert die Frau neben mir zu ihrer Freundin: „Die Griechen, die sind jetzt pleite, da kannste jetzt auch nicht mehr hinfahren. Man weiß ja nicht, ob´s da noch sicher ist." Ich spüre bei den beiden Frauen Angst. Sie fühlen sich unsicher.
Schade, denn Integration funktioniert ja genau anders herum:
Wenn ich mich sicher fühle und mich ohne Furcht auf denjenigen freue, der mir Neues entgegen bringt. Integration von Fremden heißt: Offen sein für neue Begegnungen ohne Angst und ohne Furcht.
Dazu braucht es zweierlei: Erstens muss ich wirklich offen sein wollen für solche Kontakte, auf der Straße, im Zug, im Einkaufscenter an der Kasse. Mal ein kurzes Gespräch wagen, ein freundlicher Blick, ein Lächeln öffnet mich für fremde Menschen neben mir.
Und es braucht hier ein Zweites: Bitte, liebe integrationswillige Menschen in unserem Land, nehmt solches Lächeln auch an, ihr dürft darauf vertrauen, wir meinen es ehrlich und heißen euch willkommen in unserem Land.
Mein Kölner Lieblings-Kabarettist Jürgen Becker sagt das so:  Geht doch heute mal raus unter die vielen bunten Leute auf die Straße. Integriert heute mal jemanden. Und lasst euch heute mal integrieren. Denn sich gemeinsam zu integrieren macht am meisten Spaß.
Danke Jürgen, ich glaube, die Bibel könnte das nicht schöner sagen.

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Manchmal frage ich mich: Wie ist das beim letzten Gericht am Ende meines Lebens? Wenn meine letzten Tage gekommen sind und ich, wie die Bayern es sagen, vor meinen Herrgott treten muss?
Ich weiß, das ist eine schwere Frage, so früh am Morgen. Niemand lässt sich gerne kontrollieren. Und am Ende meines Lebens, da weiß ich jetzt schon: vieles werde ich nicht bereinigt und gelöst haben. Ich werde manchen manches schuldig geblieben sein.
Wie stelle ich mir meinen Gott eigentlich vor, der mich am Ende der Tage fragen wird: „Na, wie wars denn? Wie bist Du durchs Leben gekommen? Zeig mal deine Fahrkarte.
Mir ging das vor kurzem so. da fragt mich letzten Freitag auf der Rückfahrt von München der Schaffner nach meiner Fahrkarte: „Guten Morgen. Noch jemand zugestiegen? Die Fahrkarten bitte!"
Ein groß gewachsener Mann, blonde Haare, bayerischer Akzent. Ich schaue ihn freundlich an, das mache ich immer so. Kontrollen sind meist irgendwie unangenehm. Da bin ich betont brav, zurückhaltend, übermäßig freundlich und ein bisschen auch kleines Kind.
Ich schaue an dem Bundesbahnschaffner hoch. Groß ist er, einen freundlichen Blick und Humor hat er und wie die Bayern wohl sagen würden, alles in allem eine stattliche Figur. Er schaut sich alles genau an, lächelt, schnipst mit der Zange meine Fahrkarte durch und sagt mit tiefer Stimme: „Bei Ihnen sieht alles insgesamt sehr gut aus. Das passt."
Ich schaue hoch an ihm und bin entlastet, als würde mir gerade ein Chefarzt meine Gesundheit erklären.
„Bei Ihnen sieht alles insgesamt sehr gut aus. Das passt."  Dieser Satz am Ende meiner Tage! Das wäre mein Wunsch, meine Erwartung, ja das wäre meine Hoffnung. Wenn Gott so vor mir stünde, später mal. Mich anschaute, lächelt und sagt: „Das passt". Schnips.
Ich wünsche mir einen freundlichen Gott. Einen der mir mit einem Lächeln begegnet. Am Ende meiner Zeit. Er müsste nicht blond sein, auch nicht so groß und er müsste keine drei Streifen an seiner Jacke tragen wie der Kontrolleur eben. Aber freundlich, das sollte er schon sein. Und ich glaube fest daran, so darf ich ihn mir wünschen: Meinen Gott.
Als einen guten Reisebegleiter durch mein Leben, der mich wenn´s soweit ist fragt und kontrolliert, ausgestattet mit einer ruhigen und tiefen Stimme, lächelnd und vielleicht sogar auch mit einer Portion stattlichem Humor. Das passt. Schnips.

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Gestern habe ich einen Engel gesehen. Auf dem Bahnhof. Er ging zehn Schritte vor mir und stieg mit mir in den Zug nach Mainz. Ein Engel, kein Quatsch! Große Flügel, weiß silbrig schimmerndes Gewand, männlich, südländischer Typ, etwa 30 Jahre alt.
Wir haben Oktober, also mit Fasching hat das nichts zu tun. Was macht der Engel im Zug?
Ich setze mich mal in Blickrichtung Engel. Ich bin nämlich eher ein neugieriger Typ. Möchte wissen, wie Engel so sind. Engel, wann sieht man die schon mal?
Der Engel isst einen Apfel. Er guckt aus dem Fenster. Seine Flügel hat er leicht in den Sitz gedrückt. Die Landschaft fliegt hinter ihm an seinem Fenster vorbei.
Er ist wohl Student aus Mainz, denke ich, irgend so ein Projekt, oder vielleicht eine Werbeveranstaltung einer Versicherung? Ich will ihn damit keinesfalls disqualifizieren, sie wissen wie ich meine. Immerhin, er ist ein Engel.
Nächste Haltestelle muss ich raus. Ich gehe an ihm vorbei, stoppe kurz und spreche ihn schmunzelnd an: „Guten Morgen lieber Engel, das ist ja ein tolles Kostüm, schön von einem Engel früh morgens begleitet zu werden."
Eigentlich wollte ich ja fragen: „Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Was soll das?" Hab ich mich aber nicht getraut. Irgendwie hab ich vor Engeln doch erheblichen Respekt.
Der Engel schaut mich an, mustert sein Gewand, sortiert seine Flügel und sagt dann: „Sie wollen bestimmt wissen, was ich hier mache? „Stimmt", antworte ich. Der Engel guckt mich an und spricht: „Sag ich aber nicht. Engel verlieren nämlich ihre Wirkung, wenn sie zu viel reden. Kommen Sie gut durch diese Woche. Alles wird gut. Ihnen einen schönen Tag und: Fürchte Dich nicht!" Ich steige aus, der Zug fährt weiter.
Ich hab was gelernt, gestern im Zug, über Engel: Nicht fragen, sondern genießen! Man darf sie beobachten wenn man sie sieht, aber nicht nach ihren Aufgaben fragen! Sie sind wohl oft dicht dabei in meinem Alltag. Manchmal ganz deutlich, mitunter sehe ich sie auch nicht direkt.
Woran man Engel immer erkennen kann? Sie schenken eine angenehme Atmosphäre, begleiten uns still durch Gutes und Schweres. Sie sind gute Wegbegleiter, ganz nahe dabei , vielleicht heute in Ihrem Betrieb, in der Schule, nachher in meiner Freizeit. Engel reden wenig und wenn sie etwas sagen, meinen sie meist dieses: „Fürchte Dich nicht, Gott ist heute ganz nah bei Dir!"

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„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid." Jesus sagt das zu den Überlasteten. Sie brauchen Unterstützung und Hilfe. Beladen und Mühselig sein, das kennt ja jeder irgendwie. Jeder hat hier wohl seine eigenen Baustellen.
Ist Ihr Leben auch mühselig? Hat man Ihnen wieder zu viel aufgeladen, haben Sie Schweres zu tragen? Schwere Gedanken, die Erkrankung, Finanznot, den Todesfall in der Familie?
Jesus sagt: „Kommt her zu mir, wenn ihr mühselig und beladen seid." Das ist ein gutes Angebot, denn in dem Wort „mühselig" steckt eigentlich etwas ganz Schönes:
„Müh - Selig", das heißt wohl: Auf meine Mühe folgt das Selige, nach meiner Mühsal wird es mir gut gehen im Herzen und in der Seele.
Hey, soll das etwa heißen, dass ich mich trotz und gerade wegen auferlegter Last mühen soll? Woher soll dazu bitte die Kraft kommen? Das klingt ja nach totaler Überforderung!
Jesus bietet hier an: Der Weg muss nicht alleine gegangen werden, die Mühsal und Überforderung kann ich teilen.
„Komm, wenn du mühselig und beladen bist; ich will dich erquicken", sagt Jesus und bietet dem Überforderten an, dass er ihm auf dem Weg die nötige Kraft schenkt. Er will uns helfen, uns... „erquicken". Ein seltsames Wort. Es meint so viel wie:
„Quicklebendig" will Gott uns ausstatten, wenn gleich der Tag beginnt. Quirlig, rege und leidenschaftlich darf ich in meinen Tag gehen. Darf mich von den schönen Dingen im Leben leiten lassen und auch das Schöne sehen, nicht allein die Mühsal. Quicklebendig will Gott mich machen, damit Mühsal und Last besser getragen werden können.
Ein göttliches Angebot: Gott hat uns nicht in dieser Welt ausgesetzt, er begleitet uns, hält zu uns, in guten und besonders auch in den schweren Stunden. Heute und in den nächsten Tagen, wenn eine Prüfung ansteht, oder beim Arztbesuch oder nachher, in dem schon längst überfälligen Gespräch mit einem, der mir Mühe macht.
Gott, sei bitte gleich neben mir, ich kann dich heute wahrlich brauchen. Es ist ein gutes Gefühl, nicht alleine zu sein. Schenke mir ein Stück deiner Klarheit, damit die Mühsal realistisch und nicht übermächtig wird. Gott sei heute mit mir, halte mich, damit ich nicht stürze und sei über mir und schütze mich. Erquicke mich heute! Das heißt, mach mich leicht und kräftig, denn schwer und beladen bin ich sowieso. Geleite mich durch den Tag und durch die Mühsal, die vor mir liegt, mach mich quicklebendig und belohne mein Tun später mit einer seligen Ruhe im Herzen.

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