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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Viele Menschen, die ich kenne, freuen sich auf ihre Rente! Endlich tun und machen, was man will. Endlich die ungelebten Träume verwirklichen!
Schön, wenn sie das dann auch umsetzen können. Manchmal läuft das aber nicht ganz so wie gedacht. Weil die Gesundheit zu schaffen macht. Und dann ist da noch das Gefühl, nicht mehr so gebraucht zu werden, wie früher. Die Welt dreht sich ohne einen weiter - im Beruf, bei den erwachsenen Kindern.
Da drängt sich manchmal die Frage auf: Wer bin ich jetzt? Bin ich überhaupt wer?
Jetzt, wo ich nicht mehr so viel leisten kann?
Diese Frage hat sich Martin Luther schon vor 500 Jahren gestellt. Und als er in der Bibel gelesen hat, hat er eine Antwort entdeckt. Und die lautet:
Du bist wer - egal wie alt, fit oder nützlich du bist. Du bist wer, weil Gott dich wertschätzt. So einfach ist das, sagt er.
Schön, denken Sie jetzt vielleicht. Aber wo kann ich das erleben? Und wann?
Für mich sind das die Momente - in denen ich völlig eins bin mit mir und der Welt - ohne was dafür gemacht zu haben. Wenn ich staunend den Sonnenaufgang betrachte. Oder den Sternenhimmel bewundere, der oft so besonders schön und klar ist in Rheinhessen. Dann weiß ich für einen Moment, jetzt - genau hier - bin ich richtig. Ein gutes Gefühl.
Ich bin Gott was wert. Das merke ich vielleicht auch dann, wenn ich mal klar sehe. Und erkenne, was mir alles geschenkt ist, ohne dass ich dafür etwas geleistet habe. Meine Familie und meine Freunde, dass es die gibt, dafür bin ich sehr dankbar.
Dass Gott mich wertschätzt, das kann ich auch erkennen, wenn ich einen Blick in die Bibel werfe. Dort stehen viele Geschichten von Leuten, die nicht so viel leisten konnten. Und die trotzdem wert geschätzt wurden. In den Jesusgeschichten spielen Kranke und Behinderte eine besondere Rolle. Auch Kinder hat er besonders hervorgehoben. Obwohl die doch zumeist nicht die großen Leistungsträger sind, haben sie einen Platz im Himmel, sagt Jesus.
Du bist also wer, weil Gott dich wertschätzt. Und du hast jetzt schon einen Platz im Himmel, egal wie alt oder gesund du bist, egal ob du etwas leistest oder nicht.
Das lese ich in der Bibel und das begegnet mir jeden Tag, wenn ich offen dafür bin.
Und weil das so ist, kann ich fröhlich und selbstsicher in jeden neuen Tag starten! Und Sie hoffentlich auch!

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„Was soll ich heute bloß anziehen?" Manchmal ist das schon am frühen Morgen eine echt schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn es mir nicht so gut geht. Wenn ich mich nicht so wohl fühle in meiner Haut. Da hilft nicht mal der schicke Rock, den ich mir vor kurzem gekauft habe.
Was soll ich heute bloß anziehen? Für solche Fälle hat die Bibel einen Tipp. Paulus schreibt in einem seiner Briefe: „Zieht an Demut und Freundlichkeit - über alles aber zieht an die Liebe."
Interessant. Demut, Freundlichkeit und oben drüber. Liebe. Wie sieht das wohl aus?
Freundlichkeit und Liebe anziehen. Ich verstehe das so: geh mit einem Lächeln in den Tag. Vielleicht lächelt dann auch jemand zurück. Haben Sie das schon mal ausprobiert? Fremde Menschen in der Stadt anlächeln? Meistens freuen sich die Leute, wenn ich das mache. Und es geht mir gleich ein bisschen besser.
Es geht aber auch noch doller mit der Freundlichkeit. Das hab ich neulich erst erlebt.
Da war ich zu spät dran für den Bus. Als ich etwas gehetzt einsteige, raunzt mich der Busfahrer zur Begrüßung an. Als ich den ersten Ärger runtergeschluckt habe, bedanke ich mich bei ihm freundlich fürs Warten - denn ohne Frage - er hätte auch einfach abfahren können. Daraufhin lächelt er mich an und erzählt von sich, was er morgens so alles erlebt hat. Sehr interessant. Und ich glaube, wir haben uns beide besser gefühlt.
Und wie ist das nun mit der Demut? Kann man sich die auch anziehen? Demut - das ist doch zu wissen: man ist eben nicht unbedingt und immer der Nabel der Welt. Und muss also auch nicht immer und überall perfekt sein. Ich finde das entlastend.
Demut, Freundlichkeit, Liebe anziehen... Mir gefällt er - der biblische Mode-Tipp.
Eine Designerin hat mal gesagt: Meine Mode soll eine zweite Haut sein für die, die sie anziehen. Und ich mache diese Mode, damit sie sich durch diese zweite Haut wohler fühlen in ihrer ersten Haut.
Was auch immer ich anziehe - es soll also zu meinem Wohlbefinden beitragen.
Ich denke, dazu hätte auch Paulus ja gesagt.
Und das Tolle ist: Demut, Freundlichkeit und Liebe als zweite Haut - die machen, dass ich mich wohler fühle.
Und wenn ich mich wohlfühle in meiner Haut, dann finde ich auch morgens was Schönes zum Anziehen.

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Brücken - die haben mich schon immer fasziniert. Das sind doch echte Wunderwerke der Technik. Sie helfen über tiefe Gräben und führen über große Gewässer.
In Istanbul zum Beispiel, da gibt es eine Brücke, die verbindet sogar zwei ganze Kontinente - nämlich Europa und Asien. Ganz schön beeindruckend, finde ich.
Brücken bauen - das ist eine Kunst. Nicht nur in der Natur, sondern auch zwischen Menschen - wenn die Gräben tief geworden sind. Vielleicht weil man sich richtig gestritten hat, weil man enttäuscht ist oder auch weil man aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen kommt.
Einer, der dieses Brückenbauen zwischen Menschen ziemlich gut drauf hatte, war Jesus.
Immer wieder ist er auf Menschen zugegangen und hat eine Brücke geschlagen.
Von solchen Untiefen und Gräben wie Vorurteilen oder auch von persönlichen Enttäuschungen hat er sich nicht zurückhalten lassen. Er wollte, dass die Menschen zusammen kommen, sich respektieren und sich unterstützen.
Wie hat er das gemacht?
Einmal hat er sich zum Beispiel bei dem Außenseiter der Stadt zum Essen eingeladen. Zächäus hieß der und war ziemlich unbeliebt. Auf Kosten seiner Landsleute und Nachbarn war er reich geworden und wohl immer auf seinen Vorteil bedacht. Nicht gerade ein Symphathieträger.
Jesus wusste genau: das gibt bestimmt Gerede und der Typ hat auch einiges auf dem Kerbholz. Aber er wusste auch: wenn ich dem Außenseiter jetzt eine Chance gebe und etwas zutraue, dann muss der kein Außenseiter bleiben und ich gewinne vielleicht einen Freund, auf den ich zählen kann.
Jesus hat Recht behalten. Zachäus hat ihn und seine Freunde begeistert aufgenommen und verpflegt. Mehr noch. Er hat sogar beschlossen, von da an selbst wieder auf andere Menschen zuzugehen und Brücken zu schlagen. Weil er gemerkt hat, das tut mir und anderen gut. Auch Zachäus hat dann was riskiert.
Und genau das lohnt sich, sagt Jesus. Manchmal über den eigenen Schatten springen und  was riskieren. Man muss ja nicht sofort ganze Kontinente verbinden, auch kleine Schritte aufeinander zu sind oft schon ein Kunststück, eine kleine Meisterleistung.
Und wenn erst einmal eine Brücke geschlagen ist, haben meistens beide Seiten etwas davon.
Dabei  muss ich nicht immer selber den Anfang machen. Manchmal sind auch schon längst Brücken für mich gebaut. Die brauche ich dann nur zu entdecken.
Also, nur Mut zum Brückenbauen und entdecken!

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Letzte Woche war ich im Paradies. Es liegt im Westerwald, an der Nister. Das Paradies ist so schön, ich wollte gar nicht mehr nach Hause. Da sind Kühe, die sehen richtig glücklich aus. Und grüne Wiesen, über denen allerlei Insekten summen. Und ein wunderschöner, samtblauer Himmel, über dem hoch oben die Vögel kreisen.
Und das Beste: der kleine Fluß.  - Die Nister.
Jemand hat ein Stück vom Paradies gemäht, so dass wir ganz ungehindert hindurch laufen können, direkt zum Fluss. Und dann: das Flussbett hochwaten - durch das klare, eiskalte Wasser. Ja, das geht, wo es nicht so tief ist. Ein bisschen rutschig ist es schon, aber das macht ja auch den besonderen Reiz. Ich meine, zu einfach darf es ja nicht sein, sich hier zu bewegen. Da braucht es Ruhe und Bedachtsamkeit. Sonst merkt man gar nicht, wo man ist.
Ein Eisvogel fliegt an uns vorbei. Er setzt sich am Flussufer nieder und zeigt sich kurz in seiner ganzen Pracht. Da wage ich kaum mehr zu atmen.
Als ich dorthin gefahren bin, war ich nicht in bester Stimmung. Eigentlich war mir eher nach Verkriechen zumute; nach runtergelassenen Rollläden. -Niemanden sehen, niemanden sprechen, niemanden hören...
Aber wir waren schon so lange verabredet. Und Freundschaften wollen gepflegt werden; da kann man nicht absagen, wie es einem grade passt. Ich mag das ja auch nicht.
Da habe ich mir einen Schubs gegeben, und mich aufgemacht. Und lande mitten im Paradies.
Und dort wird mir auf einmal klar: so ein winziges Stück vom Paradies findet man an vielen Stellen - natürlich nicht gleich mit Fluss und Eisvogel. Aber man kann sich ja auch ein bisschen begnügen.
Im klitzekleinen Paradies kann es auch schon mal regnen und einfach nur nach Erde riechen. Oder nach Waldboden. Oder frischem Laub. Ein kleines Stückchen Natur eben. Und das legt sich wie ein Trostpflaster auf die Seele.

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Endlose Warteschlange am Flughafen; vor mir steht eine kleine Frau, um die siebzig. Sie wirkt nervös; dauernd fällt ihr was runter. Ich bin ihr beim Aufheben behilflich. „Wissen Sie", sagt sie, „ich fliege zum Grab meiner Eltern. Und das ist so schrecklich für mich, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie!"
Und dann erzählt sie, dass sie Ungarin ist, aber schon ewig in Deutschland lebt. Und von ihren Eltern, an denen sie so hing. Und wie sie dann plötzlich hintereinander weg gestorben sind. Und wie furchtbar das für sie war, weil sie nicht dort war. Auch jetzt noch steht ihr das wilde Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
Seither fährt sie Jahr für Jahr an die Gräber, seit zwanzig Jahren. Aber es ist nicht besser geworden, mit ihrem Kummer, nur schlimmer.
„Warum fliegen Sie dann hin?" frage ich. Sie schaut mich groß an.
„Ich muss doch an das Grab meiner Eltern!"
„Wer verlangt das von Ihnen?"
Sie überlegt. „Aber das muss man doch tun!"
„Ich weiß nicht... Ich gehe fast nie an das Grab meines Vaters. Ich trage ihn bei mir, hier in meinem Herzen."
Sie blickt auf mein Herz. „Ja, und das Grab?"
„Für manche ist das sehr wichtig. Sie sind ihren Verstorbenen da nahe. Aber ich fühle das nicht. Für mich liegen da mehr die sterblichen Überreste."
„Sie meinen, nur noch die Knochen?"
„Nicht ganz. Grabstätten erinnern uns an ein Leben; und sie weisen in die Ewigkeit. Und das finde ich schön. Aber ich leide nicht wegen der Gräber. Ich leide daran, dass ein Mensch einfach nicht mehr da ist; ich leide am Trennungsschmerz. Oder weil ich etwas Wichtiges nicht mehr sagen kann. Oder weil ich nicht da war. Und das macht mir Gewissensbisse.
Aber ich glaube, die Toten sind viel großmütiger mit uns, als wir selbst es sind. Wenn ich im Geiste mit ihnen rede, dann sagen sie mir: Das spielt alles keine Rolle mehr. Wir möchten, dass es Dir gut geht.
Und was Sie betrifft", ich schaue die Frau an, "bin ich mir ganz sicher: Ihre Verstorbenen erwarten bestimmt nicht, dass Sie an ihr Grab gehen, wenn Ihnen das so schlecht bekommt."
Sie sieht mich lange nachdenklich an. Dann sagt sie: „Sie haben Recht: meine Eltern hätten nie gewollt, dass ich mich so quäle."
Und plötzlich funkelt es in ihren Augen. „Ich glaub, ich sollte Sie heute treffen!"

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Gedankenverloren verlassen wir das Krankenhaus. Meine Schwester und ich haben eben erfahren: Unsere Mutter ist unheilbar krank; ein, zwei Wochen vielleicht, haben wir noch miteinander.
Traurig steigen wir in den Wagen. Meine Schwester fährt los, dann quietschende Reifen und ein lautes Krachen. Was ist passiert?
Ein anderer Wagen hat uns die Vorfahrt genommen. Meine Schwester hat noch im letzten Moment reagiert und voll in die Bremsen getreten. - Was für ein Glück! Wir steigen aus; das Nummernschild ist abgeflogen und der Kühler ist verzogen. Eine junge Frau kommt auf uns zu. Sie sagt unter Tränen:
"Bitte schreien Sie mich nicht an! Ich bin schuld. Aber bitte schimpfen Sie nicht!"
Sie wirkt so aufgelöst und verletzlich, dass ich instinktiv auf sie zugehe und sie an der Schulter berühre. „Niemand schimpft mit Ihnen!" sage ich.
Meine Schwester kommt hinzu. Die junge Frau sieht uns weinend an und sagt:
„Mein Freund hat Krebs. Und es ist nicht mehr heilbar." Jetzt kommen auch uns die Tränen und wir haben Mühe, nicht loszuheulen.
„Wir hatten auch gerade eine schlimme Mitteilung", sage ich. „Unsere Mutter..." - „Oh, das ist schlimm!" sagt sie. „Das tut mir leid."
„Ja", antworte ich. „Aber Ihr Freund, der wird wohl noch ganz jung sein..."
Und wir erfahren: er ist nicht einmal dreißig.
Und so stehen wir auf der Straße herum und trösten einander. Sie ist froh, dass wir so freundlich zu ihr sind und nicht schimpfen. Und wir sind ein wenig getröstet, weil die junge Frau unseren Kummer genauso ernst nimmt wie ihren eigenen. Obwohl ihr Schicksal doch viel tragischer ist; ihr Freund ist noch so jung.
Wir tauschen Adressen aus, Kennzeichen, Versicherungen, aber eigentlich ist das auf einmal völlig nebensächlich. Was bleibt, ist diese innige Begegnung zwischen Fremden, da, mitten im Chaos. Und das Gefühl: Keiner ist so ganz allein.

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„Ohne ihn" - sagt die Frau und schaut Richtung Himmel - „Ohne ihn hätte ich das alles nie geschafft." Und sie erzählt vom Krieg, von Flucht und Vertreibung. Aber dann kommt eine unglaubliche Geschichte:
„Auf der Flucht gab es immer wieder Luftangriffe. Dann warfen wir uns alle auf den Boden, mitten im freien Feld, völlig schutzlos. Es war schrecklich! Diese Todesangst, das kann sich keiner vorstellen... Aber dieses Mal war es anders. Etwas war anders, ich kann es nicht erklären. Aber ich habe es gespürt. Und wie ich da liege und vorsichtig aufschaue, tut sich plötzlich vor mir der Himmel auf. Es war kein Traum. Der Himmel ging an einer Stelle auf und leuchtete in den wunderschönsten Farben, die man gar nicht beschreiben kann. Und da wusste ich, dass ich die Flucht überleben würde." Sie nickt. „Seither habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben."
Und sie erzählt weiter, wie dieses Ereignis sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Und ihr die Kraft gab, die vielen Schicksalsschläge zu meistern.
Ich glaube ihr, dass sie das genau so erlebt hat. Und natürlich kann sie das nicht rational erklären. Und ich kann es auch nicht. Aber ich muss das auch gar nicht. Denn mir sagt diese Geschichte vor allem eines: das Leben ist viel größer und wundersamer, als wir auch nur ahnen. Der Verstand vermag vieles, aber wenn es um Wunder geht, hilft er nicht immer weiter; manchmal steht er einem sogar ganz schön im Wege.
Wie jenem Mann, der einmal einen Vortrag von Albert Einstein hört, dem berühmten Physiker. Als Einstein fertig ist, steht dieser Zuhörer auf und meint:
„Das ist mir alles viel zu spekulativ; wir sind doch nicht in der Kirche! Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann."
Einstein lächelt und antwortet:
„Dann kommen Sie doch bitte mal nach vorne und legen sie Ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch."
Für manche Dinge zwischen Himmel und Erde ist der Verstand einfach das falsche Instrument. Da braucht es einen offenen Geist. Und ein aufgewecktes Herz.

 

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