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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Sechs Tage lang war er schöpferisch tätig. Was er sich ausgedacht hat, war sehr einleuchtend, erhellend und hatte am Ende sogar noch Hand und Fuß. So erzählt die Bibel ganz am Anfang von Gott. Von Montag bis Samstag war Gott kreativ und heute, an einem Samstag hat er es dann auch mal gut sein lassen und gesagt: morgen ist Pause.
Ich weiß nicht, ob Sie auch kreativ sind. Es gibt ja solche Routinearbeiten, bei denen alles von alleine läuft, ohne dass man groß was denken muss. Das kann öde werden. Das andere aber- kreativ sein, sich also wirklich was Neues ausdenken, das ist Schwerarbeit. Ein Glaskünstler hat mir mal erzählt, wie das ist, wenn er kreativ ist. Wenn er zum Beispiel den Auftrag hat, für alte, ehrwürdige Kirchen neue Fenster zu machen.
Da setzt er sich zuerst mal in die Kirche. Stundenlang sitzt er da, schaut sich das Spiel an von Licht und Schatten, fühlt die Weite des Raums, atmet den Geruch von Holz und Staub und Menschen, tastet über die Bänke.
Dann, wieder zu Hause, setzt er sich vor ein Blatt Papier. Den ersten Entwurf zerreißt er immer. Den zweiten und den dritten auch. Irgendwann schält sich eine Idee raus. Und die überarbeitet er dann. Immer und immer wieder.
In der Zeit ist er kaum zu genießen, läuft tags wie ein Tiger durch die Wohnung und wirft sich nachts im Bett hin und her. Manchmal träumt er eine Lösung und stürzt zum Schreibblock, um es schnell festzuhalten, so flüchtig ist das.
Und wann ist es gut? habe ich ihn gefragt. „Wenn alles Geschmäcklerische, alles Kitschige und Geschnörkel weg ist, meint er, wenn nur noch die klare, einfache Form übrig bleibt."
So ist das mit der Kreativität. Da braucht man nicht nur sein Oberstübchen zum Denken, da braucht man auch seine Träume, die Tag- und Nachtträume, die Ahnungen. Die sind manchmal wie Offenbarungen, der eigentliche Durchbruch.
Von Montag bis Samstag war Gott schöpferisch tätig, erzählt die Bibel. Aber am Sonntag, also morgen, hat er es gut sein lassen. Das können wir morgen auch machen. Es gut sein lassen. Gottes wunderbaren Schöpfungswerk - zu dem wir auch gehören- nachspüren. Und die göttlichen Ruhe danach.

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Vor kurzem war ich bei einem 60. Geburtstag. Sehr interessant. Dass das Leben endlich ist, wissen wir ja. Aber an diesem 60. Geburtstag war uns allen diese Erkenntnis vom Kopf in den Bauch gerutscht. Und der Blick ging eher zurück. Na, wie? Haus gebaut, Baum gepflanzt, Sohn gezeugt? Geehrt von der Gemeinde? Bekannt von Funk und Fernsehen? Wer war ich? War ich wer?
Nun, hätte Jesus sich diese Frage an seinem 60. Geburtstag gestellt, die Antwort wäre mager ausgefallen. Mal abgesehen davon, dass Jesus seinen 60. gar nicht erlebt hat. Nicht mal seinen 40. Jesus hat kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt, keinen Sohn gezeugt, jedenfalls soweit wir wissen. Und obwohl er ein kluges Haus war, hat er kein einziges Buch geschrieben. Was hat Jesus hinterlassen? Kein Monument, keine Schätze, keine Schriften, keine Nachkommen. Was für eine Lebensbilanz!
Jesus hat nur eins hinterlassen: Einen Eindruck. Eine Wirkung auf Menschen. Alles, was wir aus der Bibel von ihm wissen, erfahren wir durch den Mund und die Schriften seiner Zeitgenossen. Sie haben weitergesagt und weitergemacht, was sie durch ihn erlebt haben.
Alles, was wir von Jesus haben, sind Spiegelungen seiner Ausstrahlung. Spiegelungen seiner Energie in den Augen und Herzen der Menschen. Brannte nicht unser Herz? Haben sich die Jünger gefragt, als er weg war. Hat er nicht gemacht, dass wir für etwas brennen?
Natürlich haben schon seine Zeitgenossen ihre Lebensbilanz festgemacht an dem, was man sehen und anfassen kann. Zu diesen „mein Haus, mein Boot, mein Bankkonto- Typen hat Jesus gesagt: Sammelt euch keine irdischen Schätze, die doch nur verrosten, keine Aktien, die doch nur von Finanzhaien aufgefressen werden. Sammelt euch lieber Schätze im Himmel.
Schätze im Himmel. Ich verstehe darunter so etwas wie „bleibende Werte". Vielleicht alles, was andere Menschen groß macht. Was die Liebe unter uns groß macht. Spiegelungen unserer Energie in den Augen und Herzen der Anderen. Spiegelungen unserer Liebe, unsrer Großzügigkeit, unserer inneren Freiheit. Schätze, die im Himmel sicher verwahrt sind. Ein Stück vom Glück. Schon vor dem 60. Geburtstag.

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„Gehört Ihnen die Maus?" fragt ein junger Mann und tritt zu mir in den Vorgarten. Dort bin ich grade am Heckenschneiden. Lasse die Schere sinken, ein bisschen unwillig über die Störung. Wie? Eine Maus?
„Ja, sagt er und zeigt auf die Straße. Ich glaub, die Maus da hat was am Bein." Und tatsächlich, da hoppelt eine Maus auf drei Beinen mitten auf die Straße und bleibt sitzen. Mit Herzrasen. Meine Katze, eben noch unter der Hecke, stellt sich in Position. Du könntest das Problem lösen, denke ich und sehe zu, wie der junge Mann ein Auto um die Maus herum dirigiert.
„Wir können die Maus doch nicht ihrem Schicksal überlassen!" meint er. Da kommt schon ein Mädchen mit Schnuller im Mund angerannt und ruft: „Mami, Omi, guck mal, eine Maus!" - „Ja, aber nicht anfassen!" rufen die beiden und kommen näher.
Jetzt stehen wir also zu fünft um die Maus rum. Mitten auf der Straße. Das Mädchen ist entzückt, der junge Mann macht sich Gedanken, wie man ihr helfen kann. Wir Frauen schauen zu.
In anderen Ländern lässt man Katzen und Hunde auf der Straße krepieren, denke ich. Und lässt Menschen mit einem kranken Bein einfach so liegen. Niemand kümmert sich, keiner hat ein schlechtes Gewissen beim Vorbeigehen. Und wir stehen hier zu fünft um eine Maus.
„Na, dann hol ich mal einen Schuhkarton, sage ich zu dem Mädchen und nehme meine Katze mit. Der junge Mann zückt sein i-Phone und ruft das Ordnungsamt an. Nach einer Weile kommt er zurück und meint: die schicken die Feuerwehr vorbei. Das Mädchen jubelt.
Und während wir aufs Feuerwehrauto warten, stellen wir uns mal gegenseitig vor. Ach, Sie wohnen da drüben? Hab ich gar nicht gewusst. Interessant. Die Maus machts möglich.
Und dann kommt tatsächlich ein Feuerwehrauto. Der Feuerwehrmann nimmt die Maus samt Karton in Empfang. „Die setze ich im Feld aus, meint er. „Aber sie hat ein krankes Bein" ruft das Mädchen."-„ Na dann bringe ich sie ins Tierheim." Sprichts und fährt davon.
Was verrückt! Nur wegen einer Maus. Aber vielleicht haben wir einfach nur mal erleben dürfen, was das ist: Respekt vor dem Leben.

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Wie geht es weiter mit unserem Geld? Darüber wird heute um 10 Uhr das Bundesverfassungsgericht urteilen. Beteiligen wir uns an einem gemeinsamen europäischen Schuldenschirm, dem ESM oder nicht? Und wenn ja, wie?
Wirtschafts- und Finanzexperten haben bis zuletzt kontrovers diskutiert. Dass jetzt nicht sie, sondern Juristen entscheiden, finde ich bemerkenswert. Das heißt ja doch: hier geht es nicht nur um Sachfragen, hier geht es auch um Wertentscheidungen. Aus welchem Geist heraus wollen wir handeln?
Was hat oberste Priorität: unseren Wohlstand sichern -  oder die europäische Gemeinschaft zusammenhalten?
Viele haben Angst, dass dieser Schuldenschirm Armut und Unglück über uns bringen wird. Dass die Griechen sozusagen unsere Renten verprassen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Viele sagen das. Warum das aber trotzdem kein Grund zur Panik ist, erzählt die Bibel.
Zum Beispiel in der Geschichte von jener Massenveranstaltung, in der tausende von Leuten zusammengekommen sind.
Vor lauter singen, feiern und Reden hören haben sie gar nicht gemerkt, dass es Abend ist. Zu spät, um noch nach Hause zu kommen. Hier auf dem freien Feld gibt's aber nichts zu essen. Niemand hat an ein Catering gedacht, nicht mal die Veranstalter. Tausende von Leuten, hungrig, durstig und gereizt, das gibt eine Massenpanik, sagen sie.
Aber da tritt einer auf die Bühne, nimmt ein Brot, schaut in den Himmel, bittet Gott um seinen Segen und bricht es auseinander. Dann sagt er den Leuten, dass es davon nur 5 Stück gibt und dass sie das bitte teilen sollen. Und was passiert? Alle werden satt. Warum das so ist, erzählt die Geschichte nicht. Aber mir fallen tausend Gründe ein und sie lassen sich so zusammenfassen:
Nicht nur Gier ist ansteckend. Großzügigkeit ist es auch. Mit Gottes Segen breitet sich dieser Geist der Großzügigkeit massenhaft aus. Und für jeden ist es eine Lust, dabei zu sein und zu begreifen: Nur Teilen macht wirklich reich- auch beziehungsreich. Miteinander Teilen macht reich und satt, auch wenn es nur wenig gibt. Diesen Reichtum wünsche ich uns- wie immer es in Sachen Euro weitergeht.

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Alfred Jussuf steht auf seinem Schild. Er arbeitet in einem Laden für Telekommunikation und jetzt soll er mir meine Telefonrechnung erklären, warum die so hoch ist. Wie Alfred Jussuf hab ich mir immer einen Prinzen aus Tausendundeine Nacht vorgestellt: dunkle Augen, dunkle Locken, schmale lange Nase. Allerdings rheinhessischer Akzent.
„Sie sind von der Evangelischen Kirsche?" fragt er, als er in meinen Papieren liest. „Ja, warum?" Er schaut hoch und lächelt: „Hab isch gute Erfahrung mit gemacht. Wir waren ja eine Flüchtlingsfamilie. Und die Wohnung, die wir zuerst bekommen haben, war gegenüber der evangelischen Kirsche. Mein Bruder und isch, wir waren dort in der Jugendgruppe. Haben Kumbaja my lord gesungen und so Sachen. Escht schön! Eigentlisch haben wir damals in der Kirsche deutsch gelernt." Ich bin ganz berührt. „Ja, und an Weihnachten, sagt er und nimmt Haltung an, da war isch der Titus und mein Bruder war der Thomas."
„Ah, Krippenspiel an Heiligabend! Sage ich. Da haben Sie mitgemacht? Sind Sie nicht Muslim?"- „Na klar bin isch Muslim. Bin isch immer noch. Aber die Weihnachtsgeschischte, die fand isch gut. Ist auch mit Flüschtlingen." Und dann nimmt er ein Formular, tippt etwas in seinen Rechner und sagt: „Isch kümmer misch um Ihre Reschnung. Die ist nischt in Ordnung. Können sisch auf misch verlassen. Haben wir doch nur einen Gott, oder?"
Diese Geschichte wollte ich Ihnen gern heute erzählen, am 11. September. Das ist ja ein Datum. Wegen der Terroranschlägen vor 11 Jahren. Wegen Al Qaida und dem Aufeinanderprallen der Kulturen.
In diesem Telefonladen sind die Kulturen auch aufeinander getroffen. Alfred Jussuf und ich. Islam und Christentum. Da haben doch vor vielen Jahren meine Glaubensgeschwister diese Flüchtlingsfamilie in ihrer Gemeinde aufgenommen. Haben den kleinen Muslimbuben im Krippenspiel mitmachen lassen, ohne ihn bekehren zu wollen. Einfach nur aus Gastfreundschaft und Respekt.
So ist das mit dem Weltfrieden. Der wächst aus unseren guten Taten. Und oft kriegen wir das gar nicht so mit. Wie Frieden wächst und wie aus einem kleinen Flüchtlingsjungen ein so veritabler Kommunikationswirt mit Namen Alfred Jussuf wird.

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Gottvertrauen. Davon hätte ich gerne mehr. Vor allem am Montag. Was da wieder alles auf einen zukommt! Was da wieder alles schief gehen könnte. Da könnte man schon die Krise kriegen. Gottvertrauen ist da aber ne prima Alternative. Und jetzt kann ich mir das bildlich vorstellen, was das ist: Gottvertrauen.
Es war im Urlaub. Ein Dorf am Meer. Blauer Himmel, weiter Horizont, Felsenstrand. Und da auf so einem Felsen sehe ich ihn. Wie er dasteht. Ganz aufrecht, mit Blick in Richtung Osten, der Wind spielt mit seinem Kaftan. Barfuß steht er da, die Augen geschlossen. Vor ihm ein kleiner Gebetsteppich. Dann legt er sich hin. Auf diesen Felsen, der so groß ist wie der Bauch eines Riesen. Da liegt er also, Hände auf der Seite, als würde er diesen Felsenbauch umarmen. Für die Dorfbewohner ist das nichts Besonderes, sie laufen vorbei. Aber ich kann meinen Blick nicht von ihm lösen. Ein muslimischer Fischer beim Morgengebet. Ein Mann im Gespräch mit seinem Schöpfer. Gott ist groß! Ja, denke ich und sage: Vater unser im Himmel.
Vater unser im Himmel. So sollen wir zu Gott beten, hat Jesus gesagt. Wenn wir nicht wissen, wie wir mit unserem Schöpfer reden sollen. Wenn es einem die Sprache verschlagen hat zum Beispiel. Weil etwas so wunderschön ist. Oder weil der Kummer so groß ist, dass die üblichen Worte dafür nicht ausreichen. Vater unser im Himmel. Wir sollen uns Gott vorstellen wie einen guten Vater, hat Jesus gesagt. Vater unser im Himmel.
Als Kind habe ich auch oft auf so flach dagelegen. Und zwar auf dem Bauch meines Vaters. Der hat auch so einen runden Felsenbauch gehabt. Auf den habe ich gelegen und wir haben gespielt, wie das Meer um uns herum tobt. Und dass er der Fels in der Brandung ist. Was er ja auch oft war, so ein Fels. Irdische Väter sind zwar nicht der liebe Gott. Aber sie können einem helfen, dass man sich das vorstellen kann- Vater im Himmel. Und Gottvertrauen haben:
Was so viel heißt wie: flach hinlegen, Arme zur Seite. Fels in der Brandung. Vater unser im Himmel.

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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Ein Psalmwort, das über der neuen Woche stehen soll. Na du, mein Seelchen? Soll ich zu mir sagen. Nun gib dir einen Schubs, überwinde dich mal. Lobe deinen Gott und vergiss es nicht - das Gute!
Vergessen ist ja das Normale. Bei mir fängt das schon im Keller an. Manchmal steh ich da und frage mich: was hast du hier nochmal gewollt? Erst später, am Frühstückstisch fällts mir wieder ein: na klar, das Marmeladenglas. Und wie hießen nochmal die beiden netten Leute, mit denen wir den ganzen Abend verbracht haben? Oh wie peinlich. Ein guter Freund vergisst jetzt im Alter plötzlich Orte, an denen er mal war und Begegnungen, die er hatte. Das macht ihm Angst. Es ist, als ob ihm die Kontrolle über sein Leben langsam wegrutscht, sagt er. Er sei so sehr auf Andere angewiesen, sagt er. Aber die helfen ihm alle gerne, gar kein Problem. Sie sind gern in seiner Nähe, weil er die Güte und Dankbarkeit in Person ist.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das ist eine wunderbare Übung für alle, die zur Vergesslichkeit neigen. Man muss sich ja gar nicht alles merken. Ist nicht nötig. Aber das Gute, das sollte man nicht dem großen Vergessen überlassen. Da wäre ein bisschen Disziplin schon wichtig. „He du, soll man zu sich sagen, he du Seelchen. Merk dir das Gute, das dir über den Weg gelaufen ist. Der unangemeldete Überraschungsgast, die spontane Hilfe, um die du gar nicht gebeten hast. Der Streit, der wider Erwarten gut ausgegangen ist. Merk es dir. Mach ein Foto davon und kleb es in ein Album. Lern es auswendig. Nimm es dir zu Herzen. Und jeden Sonntag holst du es raus, guckst es an und lobst darüber deinen Gott. Weil du das Gute ja nicht erfunden hast. Es ist dir in den Schoß gefallen. Alles Gute kommt ja von oben.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Naja, zugegeben, mein Seelchen ist manchmal schon ein bisschen bockig und will nicht loben. Aber gut zureden, das lässt sie sich gern mal gefallen.

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