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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In unserem Badezimmer habe ich vor kurzem einen Riss entdeckt. An einer Wand. Nicht breit. Aber deutlich. Erst bin ich erschrocken. Dann aber hat mich ein Freund beruhigt. „Das macht nichts," hat er gesagt. „Das passiert oft in alten Häusern. Und auch in neuen. Da reißt der Putz ein bisschen. Kein Grund zur Unruhe." Ich war erleichtert. Hab mir vorgenommen, Farbe zu kaufen und den Riss einfach zu übermalen. War ja schließlich ein ganz dünner Riss. Aber so richtig kriege ich den Riss seitdem trotzdem nicht aus dem Kopf. Im Badezimmer sagt er mir, dass die Wohnung schon älter ist, eine Geschichte hat. Und dann stellen sich eben Risse ein, kleine Macken kommen dazu, Löcher in den Wänden von Bildern, die auf- und wieder abgehängt werden. Ganz ähnlich, wie in meinem Leben. Auch hier gibt es diese Risse. Sicher auch, weil ich älter werde. Meine Haut wird rissiger. Das ist sichtbar. Und macht mir kaum etwas aus. Mehr machen mir die unsichtbaren Risse aus. Die nur ich kenne. Die Freundschaft, die auf Eis liegt. Sich nicht mehr kitten lässt. Weil wir beide nicht über die alten Verletzungen und Kränkungen hinwegsehen können. Die lange Zeit der Arbeitssuche und der vielen Absagen. Das liegt schon länger zurück. Und hat trotzdem Risse hinterlassen. Die haben mein Selbstbewusstsein mächtig beeinträchtigt. Ich weiß, dass andere Menschen auch diese Risse in ihrem Leben haben. Beziehungen, die auseinander gehen, Konflikte mit den Kindern, der Stress auf der Arbeit. All das prägt das Leben und hinterlässt seine Spuren.
Die Risse im eigenen Leben lassen sich nicht so leicht reparieren, wie die Risse an der Wand. Sicher: Ich kann manches vergessen. Aber zumeist geht es mehr darum, dass ich mich mit meinen Rissen versöhne. Dass ich lerne, mit meinen eigenen Rissen zu leben. Sie annehme. Weil sie zum eigenen Leben gehören.
Deshalb habe ich auch den Riss im Badezimmer noch nicht repariert. Er erinnert mich an die Risse in meinem eigenen Leben. Und daran, dass ich mit ihnen leben muss.

 

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In den Ferien habe ich endlich wieder ein paar Bücher gelesen. Das geht vielen so: Ferienzeit ist Bücherzeit. Und ein Krimi darf da natürlich nicht fehlen. Der bietet im besten Fall Spannung, Unterhaltung und ein bisschen was für den Kopf. Nicht nur für mich. Krimis landen in den Bestsellerlisten in schöner Regelmäßigkeit ganz oben. Die Frage „Wer war's?" treibt viele Leserinnen und Leser um. Mich auch.
Aber mehr noch beschäftigen mich oft die Themen und Figuren, die in einem Kriminalroman eine Rolle spielen. Drogen, Missbrauch, Eifersucht, Gier, Alltagsmenschen und Verrückte. All das findet sich im Krimi. Und ich erfahre im besten Fall etwas über unsere Gesellschaft - vielleicht sogar über mein eigenes Leben.
In letzter Zeit mache ich darüber hinaus immer wieder eine überraschende Erfahrung: In Krimis werden immer häufiger auch religiöse Fragen thematisiert. Klar, Priester als Täter oder als Detektiv, das kennt man schon. Aber oft genug geht es um grundsätzlichere Fragen: Gibt es Gerechtigkeit? Ist der Kommissar eine Art kleiner Gott? Lassen sich schwere Taten überhaupt vergeben? Sorgt Religion für Gewalt? Schon die Bibel geht diesen Themen nach. Der Mord von Kain an Abel gilt als erster Kriminalfall der Menschheitsgeschichte. Zur Erinnerung: Da sind die beiden Brüder: Abel und Kain. Abel ist Schafhirte, sein Bruder Kain Bauer. Beide sind fromm, opfern immer einen Teil ihres Ertrags an Gott. Aber Gott, so erzählt es die Bibel, sieht Abels Opfer an. Für Kain hat er keine Augen. Da packt Kain die Wut und er tötet seinen Bruder. Gott selbst betätigt sich als Kommissar. Er löst den Fall - und verbannt Kain. Schon in dieser Geschichte stellen sich viele elementare Fragen: Warum sieht Gott den Kain nicht an? Ist Gott vielleicht sogar Mitschuld am Brudermord? Und warum muss Kain töten? Gibt es keinen anderen Ausweg? Und schließlich: Wie kann ein Mensch mit seiner Schuld leben? Vor diesem Hintergrund klingt die Abel-Kain-Geschichte wie ein moderner Kriminalroman. Spannend finde ich, dass viele Romane von heute diese grundsätzlichen Fragen aufgreifen. Und mich weiterdenken lassen. Auch in den Ferien.

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Der Satz ist mir hängen geblieben: Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten. Entdeckt habe ich diesen Satz auf einem großen, offiziellen Schild. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, ganz vorschriftsmäßig auf dem Radweg. Aber der endete plötzlich. Fußgängerzone. Und da stand dieses Schild. Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten.
Ich kann das Schild verstehen. Fahrrad und Fußgänger, das gibt immer wieder Probleme. Gerade in Fußgängerzonen. Oft genug rasen die Fahrradfahrer ohne viel Rücksicht zu nehmen. Immer wieder aber erlebe ich auch, dass sich Fußgänger einfach auf dem Radweg aufhalten. Beides eher unvernünftig. Weil aber nicht jeder nur vernünftig ist oder sein will, dafür brauchst dann Regeln - und Schilder.
Mit vielen Regeln im Alltag ist das ja so: Sie sind eigentlich ganz vernünftig. Dass man an Ampeln wartet. Dass man andere höflich begrüßt. Dass man sich in der Schlange nicht vordrängelt. Dass man kein Geld klaut. Wenn sich nicht die meisten an diese Regeln halten würden, dann wäre das alltägliche Leben ganz schön schwer. Viele Regeln helfen mir deshalb durch den Tag.
Problematisch wird's, wenn nur noch die Regeln zählen. Wenn also nicht mehr die Vernunft hinter der Regel wichtig ist, sondern die Regel an sich. An dem Problem reibt sich schon vor 2000 Jahren Jesus auf. Da gibt's bei den Juden die Sabbatregeln. Am Sabbat soll niemand arbeiten, der nicht muss, man soll wenig unterwegs sein, Ruhe halten, Muße haben. Ganz vernünftig. Einen Tag der Ruhe. Aber dann gibt es schon damals die Menschen, die nur noch darauf gucken, dass sich alle ja an jede kleinste der Sabbatregeln halten. Und die vergessen: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.
Eine wichtige Einsicht auch für heute: Die Regeln sind für den Menschen da - und nicht der Mensch für die Regel. Und wenn sich dann alle an die vernünftigen Regeln halten, die für den Menschen da sind, dann braucht es eines Tages das Schild nicht mehr: Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten.

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Als  Gott nach langem Hin und Her den Menschen so geschaffen hatte, dass er ihm gefiel, mit Armen und Händen zum Greifen, mit Beinen zum Gehen und einem Kopf zum Denken, da gab es nur noch ein Problem. Der Mensch stand nämlich in der Gegend herum und rührte sich nicht vom Fleck. Anscheinend wusste er nichts mit sich anzufangen. Das sah Gott sich eine Weile an, dann wurde es ihm zu bunt. Er streckte seine Hand aus, piekste den Menschen mit seinem Finger in den glatten Bauch und sagte: „Jetzt sieh mal zu und setz dich in Bewegung. Mach was aus dir, deiner Zeit und deiner Welt." Der Schubs half, zumindest zunächst einmal. Jedenfalls hat seitdem  jeder Mensch einen Bauchnabel. Er trägt quasi den Fingerabdruck Gottes an sich, der ihn ein für allemal in Bewegung gesetzt hat. Eine  Kindergeschichte, die zwar nicht wahrheitsgemäß erklärt, wo der Bauchnabel herkommt, aber dafür eine andere Wahrheit in ein schönes Bild verpackt: es ist nicht meine Bestimmung, dumm in der Gegend herum zu stehen. Jeder Tag, der mir gegeben ist, will gestaltet und ausgefüllt sein. Und das, was Gott jedem unterschiedlich mit in die Wiege gelegt  hat, kann so eingesetzt werden, dass ich am Ende sagen kann: „War ein guter Tag." O je, ich weiß, das klingt jetzt ganz schlimm nach plattem Motivationsgeschwätz nach dem Motto: „Vorwärts, du schaffst das." Dabei liebe ich auch Tage und Zeiten, an denen ich mich morgens noch einmal rumdrehe, keine Lust habe und den ganzen Tag sehr gerne einfach mal nur rumhänge. Muss auch mal sein, keine Frage. Aber dann, wenn's drauf ankommt und es sooo furchtbar schwer fällt,  in die Gänge zu kommen, pieksen Sie sich doch  leicht in den eigenen Bauchnabel und denken Sie dran: hier hat Gott auch bei Ihnen seinen Fingerabdruck hinterlassen um Ihnen  auf die Sprünge zu helfen. Vielleicht hilfts ja!

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Eigentlich soll man nachts ja schlafen und sich erholen. Das gelingt mir aber nicht immer. Ab und zu liege ich wach. Dann werden manchmal kleine Probleme und Aufgaben, die noch vor mir liegen, ganz groß und Angst erregend. „Wie soll, wie kann ich das nur schaffen", denke ich dann und wälze mich von einer Seite auf die andere. Am nächsten Morgen ist die Angst vorbei alle Probleme sind wieder aufs rechte Maß gestutzt. Meist erledige ich dann diese Sache recht schnell, damit sie mich nicht nachts noch einmal unnötig quält. Das Probleme nachts größer sind als tagsüber erfährt auch Jakob, der Stammvater des Volks Israel. Die Bibel erzählt das als Kampf mit Gott in der Nacht. Jakob war mit seiner ganzen Familie auf dem Weg zu seinem Bruder, mit dem er sich versöhnen wollte. Eine schwere und unangenehme Aufgabe. Alles hatte er schon über den Fluss geschafft, der im Weg lag. Nur er selbst war noch am anderen Ufer.  Eigentlich gab es kein zurück mehr. Doch dann, in der Nacht kommen die Zweifel und die Ängste: „Kann das gut gehen?" Erst am Morgen, als die Sonne aufgeht, weicht die Angst. Die Bibel erzählt, dass Jakob Gott um seinen Segen bittet. Den bekommt er auch. Dann zieht er weiter. Seine Entscheidung steht. Er will dem Bruder begegnen. Aber er hinkt seitdem. Spurlos ist das Ganze nicht an ihm vorübergegangen. Mir gefällt diese Geschichte, denn ich finde meine eigenen Gefühle darin wieder, wenn ich nachts wach liege. Und den Segen Gottes zu erbitten für das, was vor mir liegt, ist nicht die schlechteste Vorbereitung auf einen neuen Tag. Ganz egal, ob ich mutig und forsch hinein gehe oder hinkend und zögerlich mit kleinen Schritten.

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Da erzählt Jesus seinen Freunden eine Gleichnisgeschichte, die mich lange geärgert hat. Ein Geschäftsmann vertraut seinen Angestellten Geld an, dem einen viel, dem nächsten weniger und dem dritten noch weniger. Der Auftrag: macht mehr daraus! Die beiden ersten schaffen das auch, der Dritte gibt nur das zurück, was der Chef ihm vorher gegeben hat. Zwei werden gelobt, der Dritte bestraft. „Nehmt ihm das wenige ab und gebt es dem, der am meisten erwirtschaftet hat." Total ungerecht, dachte ich immer, das ist Kapitalismus pur, und das in der Bibel. Danach folgt noch  der unverschämte Satz: „Wer hat, dem wird gegeben."  Theologen erklären das Ganze als Bildgeschichte, mit der Jesus sagen wollte: „Ich habe euch eine wunderbare Botschaft gegeben. Gott ist mein und euer Vater. Er liebt euch so, dass ihr um euer Leben nie mehr Angst haben müsst. Also geht los, und bringt diese Botschaft überall hin." Es geht also gar nicht um Geldvermehrung, es geht um die Ausbreitung der christlichen Botschaft. Und die ist es wert, dass man sich für sie einsetzt.  Motivationstrainer finden wieder eine andere Aussage. Jeder hat seine Talente und Fähigkeiten, der eine viele, der andere wenige. Und trotzdem ist jeder gleich viel wert, der Schlauere und der nicht so schlaue, die Sportskanone und der intellektuelle Stubenhocker. Worauf es ankommt: „Mach was draus. Vergrab dich nicht und vor allem nicht deine Talente. Pflege sie und nutze sie. Und du wirst erfahren, dass dein Leben  reicher wird und du glücklich werden kannst."  Ja, das stimmt. Wer singen kann, soll singen und nicht sagen: es gibt andere, die können das doch viel besser als ich. Wer gern bastelt und werkelt, an Motoren schraubt und anpackt, der sollte nicht Philosophie studieren, bloß weil die Eltern es erwarten. Ja, der Motivationstrainer hat recht. Tu, was dir Freude macht und verfolge dieses Ziel konsequent. Und wenn der Theologe Recht hat, dann schaut Gott voller Liebe auf seine Geschöpfe und sagt dem, der viel kann: das hast du gut gemacht. Und dem, der weniger kann, auch.

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Dieser David ist ein aufgewecktes Bürschchen und kann seine älteren Geschwister ganz schön nerven. Eigentlich sollte der gerade ganz woanders sein und die Herde der Familie hüten. David aber ist wieder ausgebüchst. Er muss immer dahin, wo am meisten los ist. Aber gerade jetzt können seine Brüder ihn gar nicht gebrauchen. Schließlich sollen sie für ihren König kämpfen. Der Gegner steht schon in Sichtweite vor ihnen und brüllt seine Schmährufe herüber. Da kommt dieser vorwitzige Kerl und will wissen, was los ist. Und kapiert noch nicht einmal, dass er jetzt stört: „Was hab ich denn gemacht? Ich hab doch nur gefragt." (!Sam17,29) David lässt nicht locker und erfährt so von Goliath, dem riesigen Krieger der Gegner, vor dem alle Angst haben. Was dann folgt, ist eine der bekanntesten Geschichten der Bibel. Der kleine Hirtenjunge David besiegt den erfahrenen, bis an die Zähne bewaffneten Soldaten Goliath. Nicht nur Theologen, Pfarrer oder Religionslehrer erzählen diese uralte Geschichte, man erzählt sie auch auf den „TSCHAKA - Du kannst das!" Seminaren von Motivationstrainern. Warum hat David gewonnen? Weil er schneller war als Goliath. Der dachte noch gar nicht an Kampf, da hatte er schon einen Kieselstein am Kopf. David hat gewonnen, weil er sich nicht an die Regeln hält. Der tut einfach das, was er am Besten kann. Der lässt sich nicht rein reden und in keine Rüstung zwängen. Der bleibt beweglich. Ein rotzfrecher Bengel mit jeder Menge  Selbstbewusstsein. Typischer Erfolgsmensch, Alphamännchen, immer vorn dabei. Kein Wunder, dass David später König wird. Ja, man kann sich durchaus von dieser Geschichte motivieren lassen, kann lernen, dass man seine Stärken suchen soll und sich darauf verlassen kann. Das Wichtigste aber steht in der Bibel ein ganzes Kapitel vorher: Gott hat David unter seinen besonderen Schutz genommen (1Sam16,13). Als Christ glaube ich gerne, dass dieser Schutz jedem gilt - auch den Kleinen und Wortlosen, den Großen und Unbeweglichen. Ja, eigentlich gilt sie auch dem Goliath. Was der heute dazu sagen würde, das würde mich echt interessieren.

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