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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Zu Hause ziehen die Engel ihre Flügel aus." Auch Engel werden einmal müde, erklärt mir die vierjährige Clara. Und dann ziehen sie zu Hause ihre Flügel aus.
Dass auch Engel eine Pause brauchen, war mir bisher nicht klar. Aber vermutlich hat Clara recht mir ihrem Blick auf die himmlische Arbeitswelt: Sogar Gott ruhte einen ganzen Tag, erzählt die biblische Geschichte, nachdem er sechs Tage lang die Welt und die Menschen erschaffen hatte. Also kein Wunder, dass auch Engel mal ihre Flügel ausziehen.
Nun habe ich keine Flügel, aber eine Menge Dinge, die mir Beine machen. Laptop und Handy, Terminkalender und E-Mail halten mich auf Trab. Und das hört auch zu Hause nicht auf. Denn das ist ja der große Fort-schritt, dass ich auch zu Hause noch einmal schnell die E-Mails checken oder an einem Artikel arbeiten kann, dass ich überall privat und beruflich  erreichbar bin und der Unterschied zwischen Arbeitsplatz und zu Hause verschwimmt. Das hat freilich seinen Preis. Die Bereitschaft, sich stören zu lassen und schnell noch etwas zwischendurch zu machen, im wahrsten Sinn des Wortes nicht abzuschalten - das kostet Aufmerksamkeit und Konzentration, die an anderer Stelle fehlen. Aber so ist nun einmal der moderne Büroberuf, und es ist mir zur Gewohnheit geworden, ich kann das nicht lassen.
Oder doch? Wenn selbst die Engel, diese Symbole ewiger Hilfs- und Dienstbereitschaft, einen Platz haben, wo sie ihre Flügel ausziehen - kann ich mir dann nicht auch einen Platz gönnen, wo ich Handy und Laptop ablege und nicht mehr beachte? Wenn sogar Gott nach sechs Tagen Schöpfungsarbeit sich einen Ruhetag gönnte - muss ich dann ernsthaft immer erreichbar sein?
Clara hatte mit ihrem Blick auf die himmlische Arbeitswelt Recht. Nicht einmal Engel sind immer im Dienst, immer erreichbar. Und ich muss es auch nicht sein. Deshalb kann ich mir zu Hause mehr Abstand von der Arbeit gönnen. Denn zu Hause ziehen selbst die Engel ihre Flügel aus.

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Die letzten werden die ersten sein: Im Billigflieger gibt es für uns keine reservierten Sitzplätze, also versuchen wir möglichst einen der vorderen Plätze zu bekommen, damit wir nach der Landung wieder schnell draußen sind.  Aber wir haben Pech und bekommen nur hintere Plätze. Mein Sitznachbar flucht: Jetzt werden wir erst als letzte aus dem Flieger kommen und als letzte in der langen Taxischlange stehen und warten.
Doch es kommt anders: Nach der Landung verzögert sich der Ausstieg. Die vordere Tür klemmt. Nach einigem Hin und Her kommt die Durchsage: Ausnahmsweise muss der Ausstieg über die hintere Tür erfolgen. Jetzt sind wir die ersten und sitzen zehn Minuten später in einem der begehrten Taxis.
Ja, so kann's gehen, sagt Jesus in der Bibel, die ersten werden die letzten sein, und die letzten werden die ersten sein. Er beobachtet bei einer Einladung, wie sich die ersten Gäste die besten Plätze sichern, dann aber auf die schlechten freien Plätze verwiesen werden, als die letzten, aber vornehmeren Gäste eintreffen. Wie im Billigflieger sind hier die ersten die letzten - und die letzten die ersten.
Doch diese Lebensweisheit ist nicht wirklich hilfreich. Sie macht nur klar: Manchmal tauschen die ersten und letzten überraschend ihre Plätze - aber es wird immer erste und letzte geben.
Wenn Jesus selbst diese Regel einschärft: Gilt sie dann auch für den Glauben, gibt es - um im Bild zu bleiben - auch im Himmel erste und letzte Plätze, und muss ich auch bei Gott aufpassen, dass ich nicht vom ersten auf den letzten Platz verdrängt werde? Doch da wählt Jesus ein anderes Bild: Das Himmelreich ist für ihn wie ein großes Festmahl, bei dem es nicht nur einzelne geladene Gäste gibt, sondern zu dem alle gleichermaßen eingeladen sind und alle gedrängt werden, teilzunehmen. Und hier gibt es keine guten und schlechten Plätze mehr, hier gibt es keine ersten und letzten mehr, sondern alle - auch die letzten - sind zu ersten geworden.
Bei Gott sitzen wir nicht im Billigflieger, sondern alle an einem runden Tisch. Und da sind alle letzten für immer zu ersten geworden.

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„Ich glaube nicht an Gott - aber er hat mir immer geholfen." Dieses schräge Glaubensbekenntnis sagt mir ein alter Mann im Pflegeheim. Er überblickt sein langes Leben und ist mit dem Ergebnis durchaus zufrieden, nicht zuletzt weil ihm der Gott, an den er nicht glaubt, immer geholfen hat.
Dieses Glaubensbekenntnis klingt amüsant, ist aber wohl Unsinn. Wer nicht an Gott glaubt - wie soll der Gottes Hilfe erkennen?
Ich sprach mit einem Freund darüber, und er schickte mir daraufhin eine Ansichtskarte. Sie zeigte eine große Anzahl unterschiedlicher Menschen, und der Bildtitel lautete: Ich glaube an Dich. Doch die Unterschrift hieß nicht „dein Hans" oder „deine Grete", sondern: „Dein Gott". -„Ich glaube an Dich, Dein Gott". Diese Botschaft hat mein religiösen Weltbild zurechtgerückt Bisher stand für mich im Vordergrund: Es kommt darauf an, dass wir Menschen an Gott glauben. Aber die Postkarte dreht die Richtung um, hier spricht Gott, der an die Menschen glaubt. Der so sehr an die Menschen glaubt, dass er ihnen seine Schöpfung anvertraut, ihnen sogar seinen Sohn Jesus schickt und nicht aufhört, in sie zu investieren. Und die Bibel betont, dass Gott nicht an der Menschheit an sich, als Gattung interessiert ist, sondern auf jeden einzelnen setzt und den Glauben an den Menschen nie verliert „Ich glaube an dich, dein Gott".
Jetzt verstehe ich auch den alten Mann im Pflegeheim besser. Er glaubt nicht im gängigen Sinn an Gott, hat keinen Zugang zu religiösen Riten und frommen Texten, fühlt sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig und besucht keinen offiziellen Gottesdienst. Aber so paradox es klingen mag: Auch wenn er nicht an Gott glaubt, fühlt er, dass Gott an ihn glaubt. Es mag wichtig sein, an Gott zu glauben, aber noch wichtiger ist, dass Gott an uns glaubt - trotz und mitten in unserem eigenen Unglauben. Damit wir ähnlich wie der alte Mann sagen können: Der Gott, an den zu glauben mir so schwer fällt, hat mir dennoch immer geholfen.

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Wenn in der Familie oder in der Firma , im Verein oder auch in der Kirche etwas Wichtiges zu entscheiden ist - wie geht man da vor? Mancher meint: Am besten von oben eine Entscheidung treffen und nicht zu viel Beratschlagen und Diskutieren. Das ist zu mühsam und bringt eh nichts. Der Heilige, der heute im Kalender steht, sah das vor 1500 Jahren schon anders: der heilige Benedikt. In seiner Klosterregel hat er ein eigenes Kapitel geschrieben mit der Überschrift: „Die Einberufung der Brüder zum Rat." Es beginnt mit den Worten: „Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen."  (vgl. Die Regel des heiligen Benedikt, Kapitel 3) Ich nehme mal an: Dieser Klosterrat, der da zusammenkam, war eine bunte Truppe. Da waren Alte und Junge, solche, die keine Lust hatten, sich mit dem wichtigen Thema zu beschäftigen, und andere, die zu jedem Thema gerne redeten. Vermutlich hätte es auch damals vor 1500 Jahren der Abt einfacher gehabt zu sagen: ich bin der Chef, ich treffe die Entscheidungen, basta.  Und in der katholischen Kirche, so meint man vielleicht heute, hätte er doch auch sagen können: Ich bin vom heiligen Geist erwählt, ich bin der Hirte, ihr habt meine Entscheidungen zu befolgen, basta. Aber so steht es nicht in dieser alten Mönchsregel. Der heilige Benedikt empfiehlt eben ganz im Gegenteil:  Wenn etwas Wichtiges zu behandeln ist, ruft die ganze Gemeinschaft zusammen! Natürlich weiß auch er:  Es kommt darauf an, wie dieser gemeinsame Rat nun verläuft. Und deshalb gibt er in seinem Kapitel weitere Empfehlungen, die erstaunlich modern klingen. Er schreibt: „Die Brüder sollen jedoch in aller Demut und Unterordnung ihren Rat geben. Sie sollen nicht anmaßend und hartnäckig ihre eigenen Ansichten verteidigen." Also: gemeinsam Beraten ist wichtig, aber es muss auch jeder gut überlegen, was und wie er redet. Keiner soll auf seiner Meinung beharren. Alle sollen gut aufeinander hören. Dann kann aus dem Beratschlagen wirklich eine gute Entscheidung werden. Damals beim heiligen Benedikt war das so - und heute in der Familie oder Firma ist das genauso. Das Kapitel der Benediktregel endet so: „Tu alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen." (vgl. Sir 32,19)

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Übermorgen, juhu, geht's in den Urlaub. Ich bin schon eifrig am Packen. Und ich brauche dafür einen Gegenstand, den wohl wenige Menschen für die Urlaubsvorbereitung benutzen: meine Küchenwaage. Ich  gehe nämlich eine Woche auf Hüttentour in die Berge. Hüttentour, das heißt: Wir wandern jeden Tag von einer Hütte zur nächsten, und wir haben dabei unser ganzes Gepäck immer dabei. Wer so eine Tour schon einmal gemacht hat, der weiß: Da kommt es auf jede hundert Gramm an. Wenn ich sechs, sieben Stunden den Rucksack rauf und runter trage, dann bin ich sehr froh, wenn der nicht zu schwer wird.  Die wunderbare Berglandschaft richtig genießen - das kann ich eben nur, wenn mir nicht Schultern und Gelenke schmerzen.  Also: Es lohnt sich, mein Gepäck gut abzuwägen. Im wahrsten Sinne sozusagen: abzuwiegen. Muss wirklich noch ein weiteres Paar Socken sein, wie schwer ist das überhaupt? Und reicht nicht ein einziger leichter Fleecepulli? Es ist anstrengend, dieses Packen mit der Waage. Aber ich finde es auch faszinierend. Vor allem, weil ich am Ende staune, mit wie wenig Gepäck ich auskomme. Wie wenig ich brauche, wenn ich eine Woche unterwegs sein will.  Auch auf der Tour selbst staune ich dann immer wieder. Ich vermisse nämlich sehr selten wirklich etwas. Meistens komme ich mit dem Wenigen, was ich dabei habe, bestens aus. Ich  muss eben nicht für jedes Wetter fünffach Klamotten dabei haben. Ich muss auch keine komplette Kameraausrüstung  mitschleppen. Und auch - das fällt mir besonders schwer - keine drei dicken Bücher. Es geht auch ohne. Es geht zumindest mit weniger. Und das ist eine gute Erfahrung. Und es ist eine Erfahrung, die mich auch zuhause immer wieder inspiriert. Manchmal mustere ich auch meine Wohnung mittlerweile mit meinem Hüttentouren-Blick. Ich lege natürlich nicht gleich jedes Kleidungsstück und jedes Buch auf die Waage. Aber ich überlege mir manchmal: Was brauche ich denn wirklich von all den Dingen, die ich mit durchs Leben schleppe? Ich glaube: Nicht nur auf der Bergtour, auch auf meiner Lebenstour ist das eine gute Idee: leichtes Gepäck!

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Ich kann's noch gar nicht richtig glauben: am Donnerstag geht es wirklich wieder in die Berge! Ich freue mich riesig drauf. Seit Jahren bin ich jeden Sommer eine Woche auf Hüttentour in den Alpen.  Dieses Jahr sind wir auf dem Lechtaler Höhenweg unterwegs. Für mich ist das Urlaub pur: Durch wunderbare Landschaft wandern, die Ruhe genießen, auf einem Gipfel stehen.  Es ist ein ganz eigenes Gefühl von himmlischem Glück, das ich da oben empfinde. Kein Wunder: Der Himmel ist mir oben in den Bergen ja auch etwas näher. Und der Gott des Himmels und der Erde vielleicht auch. Seit Jahrtausenden verbinden die Menschen mit den Bergen auch Himmlisches und Göttliches. In etlichen Religionen gibt es Berggötter und Gipfelheiligtümer. Und auch der Gott der Bibel, der Gott der Juden und Christen, lässt sich dort oben besonders finden. „Mit meiner Stimme rufe ich zu Gott, und er antwortet mir von seinem heiligen Berge", so heißt es zum Beispiel in den Psalmen (Psalm 3,4). Moses steigt auf den Berg Sinai hinauf und bekommt dort oben von Gott die Zehn Gebote überreicht (Exodus/2 Mose 19). Und auch Jesus wandert auf einen Berg, um dort zu beten (Markus 6,46; Matthäus 14,23).  „Ihr Gott ist ein Gott der Berge" (1 Könige 20,23) Das behaupten in der Bibel einmal auch die Berater eines Königs, der gegen das Volk Israel kämpfen will. Und sie meinen, sie könnten diesem Gott der Berge ein Schnippchen schlagen, wenn sie sein Volk unten in der Ebene herausfordern. Aber der Plan geht natürlich nicht auf. Die Israeliten siegen gegen den fremden König. Ihr Gott ist zwar einerseits ein Gott der Berge - aber er wirkt auch in der Ebene. Und das finde auch ich ganz gut so. Denn: nach dem Bergurlaub geht es ja nächste Woche auch für mich wieder runter ins Tal. Nach wunderbaren Wander- und Gipfelerlebnissen muss ich wieder hinunter in die Niederungen des Alltags. Und ich weiß: Auch dort wartet Gott auf mich. Aber ich kann dort im Alltag auch  aus der Kraft schöpfen, die ich bestimmt vom Berg mitbringen werde.

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Eine ganze Weile lang verlief unser Abend  unter Freunden harmonisch. Es ging um unsere grundsätzliche Haltung gegenüber der Welt und den Menschen, und da waren wir uns einig: Wir wollen aufmerksam sein für die Welt um uns herum und gerecht und friedlich umgehen mit den Menschen in unserer Umgebung. Aber dann erzählte eine von uns von einem ganz konkreten Fall. Und mit einmal war es vorbei mit der Harmonie. Wir kamen heftig ins Diskutieren. Unsere Freundin erzählte: Sie hat in ihrer Firma einen Kollegen, der blockiert ihre Arbeit und macht ihr außerdem noch ihre Erfolge streitig. Dummerweise ist es nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Abteilungsleiter, wenn auch nicht ihr eigener. Wie soll sie jetzt bloß reagieren? Bei uns gingen die Meinungen weit auseinander. Etliche meinten: Sie muss klein beigeben. Dem anderen Recht geben. Um ihren Frieden zu haben und eben nichts zu riskieren. Ein paar andere und auch ich waren da anderer Ansicht: Sie muss doch kämpfen für ihr Recht, auch für die gute Sache, die sie vertritt. 
Es gab für beide Seiten Argumente.  Aber eine Begründung hat mich doch ziemlich wütend gemacht, und sie hat mich auch noch einige Zeit nach diesem Abend beschäftigt. Manche sagten: „Seid doch nicht so naiv, dass ihr in der Firma für Gerechtigkeit sorgen könntet. Die Welt läuft eben nach anderen Regeln, als ihr das gerne hättet." Das hat mich, ehrlich gesagt, schockiert: Eben noch reden wir darüber, wie wir friedvoll und gerecht in dieser Welt handeln wollen. Und dann kommt ein Fall aus unserem Alltag: Und wir sagen: Nein, dafür gilt das jetzt nicht mehr. Da müssen wir uns natürlich anpassen. Ich gebe zu: Ich bin vielleicht auch einfach vom Typ her kämpferischer drauf als andere, und manchmal muss sogar ich Kompromisse eingehen. Aber trotzdem: Für mich heißt genau das: Leben nach ethischem, nach christlichem Maßstab. Ich will das, was mir grundsätzlich wichtig und heilig ist, ganz konkret leben. Mich zum Beispiel für Gerechtigkeit einsetzen. Und wenn das heißt: sich in der Firma unbeliebt machen, einen Streit riskieren - dann gehört vielleicht genau das auch mal dazu.

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