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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Leben Sie in einer festen Partnerschaft? Und planen sie vielleicht in den nächsten Wochen einen gemeinsamen Sommerurlaub? Dann könnte sie folgende Anekdote interessieren, die ich vom Pfarrer einer Nordseeinsel gehört habe: da geht ein Mann 14 Tage lang jeden Morgen zu ihm in die Messe. Irgendwann kommen sie nach dem Gottesdienst  ins Gespräch und der Mann verrät ihm: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich mache mit meiner Frau Urlaub hier und die halbe Stunde im Gottesdienst ist die einzige Zeit am Tag, wo ich mal meine Ruhe habe." Abends um 7 bietet derselbe Pfarrer eine kurze Andacht mit Musik an. Die wird von vielen Urlaubern gerne besucht. Da sagt ihm hinterher eine Frau: „Wissen Sie, Herr Pfarrer diese paar Minuten am Tag sind die einzigen, in den denen ich mich mal von meinem Mann erholen kann." Ja, Routine und Gewohnheit in einer Partnerschaft sind zwar etwas völlig Normales, können aber auch ganz schön Wallung verursachen, wenn sie durcheinander geraten. Manchmal braucht man da noch nicht einmal einen gemeinsamen Urlaub, es reichen oft schon ein Wochenende oder ein langweiliger, verregneter Sonntag um sich richtig auf die Nerven zu gehen. Angeblich soll ja die Scheidungsrate in Deutschland nach der Urlaubssaison besonders hoch sein. Wenn also „kleine Fluchten" wie die in die Kirche hilfreich sind, um Spannung aus einer Beziehung herauszubekommen,  dann würde ich als Pfarrer zuhören und - schweigen. Heute beginnt wieder ein Wochenende und für viele wohl gleichzeitig der Start in die Ferien.  Wenn Ihnen also ihre Partnerin oder ihr Partner in den nächsten Tagen aus irgendeinem Grund auf die Nerven gehen,  dann reden Sie darüber am besten miteinander und räumen Sie die Probleme hoffentlich weg. (Probleme lösen?) Aber vielleicht geht das ja auch nicht so einfach. Dann bleibt noch immer die Flucht in eine Kirche oder Kapelle. Da kann man ganz einfach nur sitzen und seine Ruhe haben. Und auch wenn Ihnen dort  kein verständnisvoller Pfarrer begegnen sollte - Einer ist garantiert da, der Ihnen zuhört, auch wenn sie gar nicht damit rechnen.

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Die Hütte ist  gerammelt voll, die Leute stehen bis zur Tür hinaus. Kein Durchkommen ist mehr möglich. In Kafarnaum, dem Dorf am See Gennesaret in Israel hat Jesus sozusagen ein Heimspiel. Hier kennt man ihn, hier hat er zumindest eine Zeit lang gewohnt, einige seiner engsten Freunde stammen von hier. Jetzt ist er gerade mal wieder zu Hause. Und das ganze Dorf ist zusammen gekommen um ihn zu hören. Vielleicht hoffen manche auch klammheimlich auf ein spektakuläres Wunder. Der Mann soll ja tatsächlich Kranke heilen können, und das nur durch seine Anwesenheit, die Kraft seiner Gedanken oder das Auflegen der Hände. So was heute auch hier, dann hätte man was zu erzählen. Die vier Männer, die einen Kranken auf einer Bahre zu Jesus bringen wollen, haben wohl auch davon gehört. Sie finden das Gedränge aber gar nicht gut. Sie kommen nämlich einfach nicht durch. Keine Chance. Aber anstatt entnervt wieder nach Hause zu gehen, greifen sie zu drastischen Maßnahmen. Sie steigen Jesus regelrecht aufs Dach. Sie hieven die Bahre nach oben und decken kurzerhand an einer Stelle der Hütte das Dach ab. Dann lassen sie den Kranken  herunter, direkt Jesus vor die Füße. Das ist für mich schon das erste Wunder: dass es Menschen gibt,  die nicht aufgeben, sondern das Unmögliche durch ungewöhnliche Maßnahmen möglich machen. Wenn es durch die Tür nicht geht, dann eben durchs Dach.  Dann das zweite Wunder: Der Hausherr reagiert nicht stinksauer. Schließlich hat man ihm gerade die Hütte kaputt gemacht. Jesus bleibt ganz ruhig. „Als er ihren Glauben sah...." steht in der Bibel. Und der muss so groß gewesen sein, dass alles andere nebensächlich wurde. Und dann das dritte Wunder: durchs Dach hat man den Kranken auf seiner Bahre herunter gelassen, auf eigenen Füßen geht er durch die Tür wieder hinaus, geheilt. Sie hatten doch etwas zu erzählen, die Leute aus Kafarnaum. Dass dieser Jesus wohl wirklich etwas ganz Besonderes sein muss. Dass da jemand Freunde hat, die nicht aufgeben, die auch ungewöhnliche Wege mit gehen. Und dass Glaube zwar nicht unbedingt Berge versetzt, aber manchmal Dächer abdeckt. (abdecken kann?) Oder anders gesagt: manchmal muss man sogar Jesus aufs Dach steigen, um sich Gehör zu verschaffen.

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Also da käme ich schon ins Grübeln: wenn ich 25 oder 30 Euro für einen Kasten Bier bezahlen sollte. Das ist schon ein stolzer Preis, auch wenn es sich um eine absolute Kultmarke handelt. Ganz uninteressant wird es für den Bierliebhaber an Rhein und Mosel oder in der Pfalz, wenn man zum Kauf sogar extra nach Belgien fahren muss. Die Rede ist vom Bier der Trappistenabtei Westvlederen. Die  liegt in Flandern, nicht sehr weit vom französischen Dünkirchen weg im Landesinneren. Die Mönche der Sankt Sixtus Abtei brauen ein Bier, das auf internationalen Bier-Rating-Seiten regelmäßig auf die allerersten Plätze gewählt wird. Der Nachteil für den Liebhaber: man kann es nur an der Klosterpforte kaufen und die Abgabe ist streng begrenzt. Die Trappisten, die hier leben,  sind ein so genannter kontemplativer Orden. Das heißt: hier wird viel gebetet, viel geschwiegen und viel gearbeitet. Denn die Trappisten leben nach der Grundregel des Hl. Benedikt: „Bete und arbeite - ora et labora". Auf der Internetseite der Abtei Westvlederen steht ein Satz, der mir gut gefällt: „Wir leben nicht um zu brauen, wir brauen, um zu leben." Damit rücken sie unmissverständlich die Prioritäten klar, um die es in ihrem Kloster geht. Es geht um die Spannung, den Wechsel von Beten und Arbeiten, von Ruhe und Bewegung, von Leistung bringen aber dann auch wieder loslassen zu können und alles Gott zu übergeben: den Stress und die Arbeit, die Ruhe und das Gebet. Dieser ständige Wechsel, dieses Gleichgewicht, das macht das Leben der Mönche reich, nicht der Erlös aus dem Bierverkauf. Ich lebe nicht in einem Kloster sondern im ganz normalen Wahnsinn mit Beruf, Familie und all den tausend kleinen Dingen, die jeden Tag noch gemacht werden müssen. Da gerät das Gleichgewicht von Arbeit und Muße ganz schnell mal durcheinander. Doch gerade jetzt an den langen Abenden im Sommer kann ich manchmal die Zeit am Grillfeuer im Garten genießen. Dazu gehört für mich  - Sie ahnen es schon - meistens auch ein Fläschchen Bier. Dann so ins Feuer schauen - ja das ist wie meditieren, und manchmal auch beten: dann danke ich dem Lieben Gott für diesen schönen und wichtigen Augenblick der Entspannung und dafür, dass er dem Menschen die Kunst des Brauens verliehen hat.

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„Ist´s an Siebenschläfer nass, regnet´s ohne Unterlass." Ja, heute ist der Siebenschläfertag. Und die alte Bauernregel besagt, dass die aktuelle Wetterlage für den ganzen Hochsommer bestimmend bleibt. Warten wir´s ab. Mit den gleichnamigen Nagetieren haben die „Siebenschläfer" nichts zu tun. Nach einer Legende mauerten die Römer Mitte des dritten Jahrhunderts sieben junge Christen in einer Höhle bei Ephesus in der heutigen Türkei ein. Es war die Zeit der Christenverfolgungen. Knapp 200 Jahre später habe ein Bauer die Höhle wieder geöffnet. Dabei seien die Jünglinge erwacht. Sie waren nicht gestorben, sondern nur in eine Art „Dornröschenschlaf" gefallen. Diese Wundergeschichte erzählten sich nicht nur die Christen. Sie ist auch unter Muslimen sehr bekannt, finden sich die Siebenschläfer doch auch in einem Kapitel des Koran, in der 18. Sure. Das wöchentliche Freitagsgebet zitiert daraus. In Europa gibt es zwei Kirchen, die den Siebenschläfern geweiht sind. Eine steht im niederbayerischen Rotthof, die andere in Le Vieux Marché, einem Städtchen in der Bretagne. Und dort geschieht seit 1954 Erstaunliches. Christen und Muslime veranstalten eine gemeinsame Wallfahrt zu den „Sept Saints", den Sieben Heiligen. Ein französischer Islamwissenschaftler hatte die Idee dazu. Gemeinsam beten und feiern seither hunderte von Pilgern an einem Juliwochenende - vereint im Gedenken an die „Siebenschläfer". Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen Lesungen aus der Bibel und dem Koran. Für Christen und Muslime sind die jungen Männer Zeugen für die Auferstehung, die Christentum und Islam übereinstimmend bekennen. Wer offen ist für den interreligiösen Dialog wird viele überraschende Gemeinsamkeiten entdecken. So sehen gläubige Muslime in Jesus einen bedeutenden Propheten, verehren seine Mutter Maria und auch Johannes den Täufer. Natürlich bleibt auch viel Trennendes zwischen den beiden Religionen. Aber gerade dann sind verbindende Elemente wie die „Siebenschläfer"-Tradition sehr hilfreich für das Gespräch. Vielleicht schon heute, als Einstieg sozusagen, wenn man sich mit islamischen Nachbarn oder Arbeitskollegen über´s Wetter unterhält. Sie wissen ja: „Ist´s an Siebenschläfer nass, regnet´s ohne Unterlass."

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Von Helmut Schmidt stammt der Satz: „Wer Visionen hat, sollte lieber zum Arzt gehen!" Bei allem Respekt vor dem Altkanzler. Aber hier möchte ich widersprechen! Wer immer nur die gerade anliegenden Probleme lösen will, der bleibt schnell im Alltagstrott stecken. Das gilt auch für die Politik. Auch da sind Visionen nötig. Wo wären wir heute, hätten Politiker trotz Krieg und Völkerhass nicht auch von einem freien und geeinten Europa geträumt und dann konsequent dafür gearbeitet? Auch die Kirche braucht Visionäre, Menschen, die sich mit dem Hier und Jetzt nicht zufriedengeben. Die sich nicht begnügen mit seelenloser Routine und der Verwaltung des Mangels. Die katholische Kirche hatte einen solchen Visionär an ihrer Spitze: Papst Johannes XXIII. 50 Jahre ist das her. Mit 77 war er zum Papst gewählt worden. Und was niemand von diesem alten Mann erwartet hatte: Johannes berief ein Konzil ein, das II. Vatikanische. Mit dieser Versammlung von 2.500 Bischöfen aus aller Welt endete das Mittelalter in der Kirche. Genau das wollte der bescheidene und humorvolle Bauernsohn auf dem Stuhl des Petrus. Das Evangelium Jesu sollte auch die Menschen der modernen Zeit erreichen. Mit dem Konzil schottete sich die Kirche nicht länger ab gegen eine vermeintlich „böse Welt", sondern sie öffnete sich für alle, die mit ihr für eine bessere Zukunft arbeiten wollten. Eine ungeahnte Aufbruchstimmung gab Johannes recht. Die meisten Katholiken begrüßten die längst fälligen Reformen, die das Konzil beschloss. Heutzutage dagegen beklagen viele Stillstand und Rückschritt in der Kirche. Sie vermissen den Mut zu notwendigen Veränderungen. Auch deshalb kamen vor ein paar Wochen 80.000 Gläubige zum Katholikentag nach Mannheim. Sein Motto: „Einen neuen Aufbruch wagen". Zur Zeit eher eine Vision. Darin drückt sich die Sehnsucht nach einer Kirche aus, die neue Begeisterung für das Evangelium entfachen kann. Vielleicht erfüllt sich ja dann auch der Traum von Papst Johannes XXIII. Er hatte seinen Kritikern damals erklärt: „Wir sind nicht auf Erden, um ein Museum zu hüten, sondern um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schöne Zukunft bestimmt ist."

 

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Was geht in Menschen vor, die von Zehntausenden bejubelt und gefeiert werden? Wie etwa die Fußballstars jetzt gerade bei der Europameisterschaft? Oder die Musiker und Sänger auf den großen Bühnen dieser Welt? Was wären die Stars ohne ihre leidenschaftlichen Fans? Sie geben ihren Idolen das Gefühl: Ihr seid die Größten, Ihr seid die Besten! Und so baden die Stars in den Ovationen ihrer Anhänger. Auch Jesus hatte seine „Fans". Und das waren nicht nur seine unmittelbaren Jüngerinnen und Jünger, die mit ihm durch die Lande zogen. Immer wieder berichten die Evangelien, wie sich die Leute um Jesus scharten, wenn er ihnen vom Reich Gottes erzählte. Von der Freiheit der Kinder Gottes, von Gerechtigkeit, Versöhnung und einem allumfassenden Frieden. Das taten in jener Zeit viele Wanderprediger, aber bei Jesus war es etwas anderes. „Er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten" (Mk 1,22; Mt 7,29), so überliefert es das Neue Testament. Die Leute spürten: Jesus macht keine frommen Sprüche. Bei ihm stimmen Worte und Taten überein. Einmal unterbrach ihn eine begeisterte Zuhörerin: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat!" Das war ein Riesenkompliment für Jesus. Noch heute lobt man im Nahen Osten einen Menschen, indem man dessen Mutter lobt. Und wie reagiert der Mann aus Nazaret? Er antwortet: „Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen." (Lk 11,27-28) Nein, Jesus geht es nicht um sich. Er will nicht bewundert und verehrt werden. Alle Titel, die man ihm anträgt, lehnt er ab. Als die Menge ihn zum König ausrufen will, macht er sich aus dem Staub. Jesus geht es allein um die Sache Gottes. Im Vaterunser bringt er es auf einen kurzen Nenner: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden."  Diese Erde soll also dem Willen Gottes entsprechen. Das ist das Projekt Jesu: die Welt menschlicher zu machen. Alle sind zur Mitarbeit eingeladen, die das Evangelium begeistert aufnehmen. Das meint Jesus, wenn er der Frau antwortet: „Selig sind (...) die, die das Wort Gottes hören und es befolgen."  Der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) hat es so formuliert: „Christus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger."

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