Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ist ein zur Hälfte gefülltes Glas halb voll oder halb leer? Das hängt ganz davon ab, woran man sich orientiert. Der eine sagt: Auch wenn ich schon ein halbes Glas getrunken habe: Es ist immer noch halb voll!
Wer so denkt, schaut auf das, was er hat. Eine optimistische Sicht der Dinge, aber keine falsche! Die Grundhaltung ist Freude: Ich habe noch ein halbes Glas zu trinken! Mir geht es gut, mir fehlt nichts!
Anders die Sicht dessen, der nur ein halb leeres Glas vor sich sieht. Er hat genauso viel wie der andere, doch er sieht auf das, was nicht mehr da ist: Eben war mein Glas noch voll! Jetzt fehlt schon die Hälfte, bald wird es ganz leer sein ... Eine pessimistische Sicht der Dinge, aber ebenfalls keine falsche! Es stimmt ja: Bald ist alles ausgetrunken. Die Grundhaltung ist Sorge: Wie lange wird das, was ich habe, noch reichen? Was mache ich, wenn nichts mehr da ist?
Beide haben recht - und ich möchte beider Gefühl ernst nehmen. Aber wenn ich den Pessimisten trübsinnig in sein für ihn schon halb leeres Glas blicken sehe, dann möchte ich ihm doch zurufen: Kopf hoch! Du hast noch etwas! Du verdirbst dir ja den ganzen Genuss daran, wenn du nur auf das schaust, was nicht mehr da ist!
Im letzten Buch der Bibel steht ein guter Satz, den ich ihm sagen könnte: "Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut - du bist aber reich." (Offb 2,9) Wenn wir uns in der Welt umschauen, dann fällt es nicht schwer, überall halb leere Gläser zu sehen. Auch in unserem reichen Land spüren wir immer mehr, dass es nicht mehr so rund läuft, wie wir es gewohnt waren. Kaum eine Arbeitsstelle ist noch sicher - wenn man denn überhaupt eine hat. Alles wird teurer, immer mehr Menschen können sich immer weniger leisten. Und die Nachrichten berichten uns von genügend Problemen.
"Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut - du bist aber reich." Wenn ich mich sorge, dann hilft es mir durchaus, auf das zu schauen, was ich habe. Auf meinen Reichtum. Der kann sich an ganz unerwarteten Stellen zeigen. An einem schönen Samstag, den ich mir von Verpflichtungen freihalten kann. Ich freue mich auf diesen Tag. Und vielleicht kommt mir eine gute Idee, die mir in meinen Sorgen weiterhilft!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12917

"Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?" So fragt der Beter im 42. Psalm. Und er antwortet sich selbst: "Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."
"Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?" Was kann nicht alles geschehen, was auch eine starke Seele betrübt! Ich denke an den plötzlichen Tod von Menschen, die für viele ein Anker waren. Ein Unfall, bei dem junge Menschen ums Leben kommen. Für andere sind es Sorgen um die Kinder. Finanzielle Sorgen. Oder ein heftiger Streit, bei dem Menschen einander tief kränken und verletzen. Und als würde das alles noch nicht ausreichen, hören wir in den Nachrichten ständig von Katastrophen, Kriegen, Umweltzerstörung.
Und nun: "Harre auf Gott!" Ein ganz altes Wort: harren. Wir kennen es eher in anderen Worten: ausharren, beharrlich sein. Geduldig warten und auf seinem Posten bleiben, heißt das. Da lässt sich jemand nicht einfach wegschieben, sondern bleibt und sagt, was für ihn dran ist. Harre auf Gott! Lass dich nicht beiseite schieben, wie schlimm es auch kommen mag! Harre aus, wenn du auch glaubst, es geht gar nicht mehr, wenn du das Gefühl hast, alle Kraft hat dich verlassen!
Die Psalmen in der Bibel beschreiben die Not, in die wir geraten können, in kräftigen Worten und Bildern. In diesem 42. Psalm heißt es einmal: "Alle deine Wasserwogen gehen über mich!" Doch der Beter lässt nie nach, auf Gott zu harren. Harren: Das ist mehr als warten. Ich warte auf einen Zug oder auf meinen Besuch. Harren: da wartet der ganze Mensch. Mit Leib und Seele. Die Bibel sagt: Er wartet nicht umsonst. Gott ist da.
Das haben Menschen immer wieder erfahren - genauso wie der Beter des Psalms. "Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist." Jemand, der bedrückt und niedergeschlagen war, hat erlebt: Ich kann mein Gesicht wieder heben. Es gibt eine Hilfe. Ich habe einen Gott.
Ich leihe mir diese alten Worte gerne. Manchmal fällt es mir schwer, eigene Worte zu finden. Wie gut, dass es schon welche gibt! "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12916

"Dieser Auftrag da muss am besten vorgestern fertig sein!" Erst lache ich noch, dann merke ich: Der meint das ernst! Es gibt Menschen, die leben nur auf der Überholspur. Und wenn sie da nicht weiterkommen, überholen sie rasch mal rechts. Wonach jagen die eigentlich? Vielleicht nach Geld, Erfolg, Macht, Ansehen, Einfluss, Glück. Aber bitte nicht auf meine Kosten!
Dass es auch ganz anders geht, zeigt mir dieser Ratschlag aus der Bibel: "Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!" (1Tim 6,11) Ein weiser Rat eines Älteren an seinen jüngeren Mitarbeiter. Er soll sich nicht einfach nur vornehm zurückhalten, wenn die anderen dem Geld und dem Erfolg hinterherjagen. Er soll auch jagen. Aber Gerechtigkeit, Liebe, Geduld. Kann man das denn überhaupt jagen?
Wenn "jagen" bedeutet: Das will ich haben! Da will ich hin! - dann ja. Gerechtigkeit, das heißt nicht nur, das ich jedem genau seins zuteile. "Gerecht" werden in der Bibel Menschen genannt, die Gott und ihren Mitmenschen gerecht werden. Gerecht ist, wer die Gebote hält. Wer dafür sorgt, dass niemandem Unrecht geschieht. Hilft, wo es nötig ist. Sich nicht verhärtet und andere nur noch als Mittel für den eigenen Erfolg benutzt.
Mit diesem einen Wort "Gerechtigkeit" fasst die Bibel zusammen, was für einen Menschen gut ist. Daraus ergibt sich alles andere: So ein Mensch ist fromm - er ist aufmerksam gegenüber allem Leben und dessen Ursprung. Er weiß, dass er nicht alles aus sich heraus schaffen kann. So ein Gerechter glaubt - er ist ein Mensch voller Vertrauen, dem man Vertrauen schenken kann. Er begegnet anderen Menschen achtsam und liebevoll, bewahrt Geduld, wo andere den Kopf verlieren, bleibt sanftmütig, wo andere explodieren.
Ein jahrtausendealtes Idealbild eines gütigen, gerechten Menschen. Aber sind es nicht genau all diese Eigenschaften, die uns heute so verzweifelt fehlen? Erfolg und das schnelle Geld machen uns nicht wirklich reich. Vor allem machen sie einsam. Doch schon ein einzelner Gerechter kann vielen anderen das Gefühl geben, wichtig zu sein und etwas beitragen zu können. So wachsen neue Gerechte heran. Danach möchte ich jagen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12915

gepflanzt an den Wasserbächen
Erst wenn die Bäume frisches Laub tragen und die Obstbäume blühen, ist für mich richtig Frühling! Das ganze Land trägt ein grün-weiß-rosa Kleid. Aber es gibt Gegenden, in denen keine Bäume gedeihen. Es ist zu trocken oder zu kalt. Dort können auch Menschen nur schlecht überleben. Genau wie Bäume brauchen wir Wasser und ein bisschen Wärme.
Vielleicht werden darum Menschen gerne mit Bäumen verglichen! Das geschieht schon in der Bibel. Im 1. Psalm heißt es: "Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht." (Ps 1,3)
Ein schönes Bild! So möchte ich gerne sein: Ein kräftiger grüner Baum an einem schönen Bach. Ein Baum, der Blüten trägt und einmal reiche Frucht bringen wird.
Wie ein Baum, das heißt: Ich habe eine klare Position. Man kann sich auf mich verlassen. Ich stehe nicht heute hier und morgen da. Wenn ich etwas versprochen habe, dann stehe ich auch morgen noch dazu. Wenn ich eine Meinung geäußert habe, dann kann ich die zwar ändern, wenn sich wichtige neue Gesichtspunkte ergeben. Aber ich habe nicht nur jemandem nach dem Mund geredet und sage einem anderen das genaue Gegenteil davon.
Grüne Blätter, viel versprechende Blüten, reiche Frucht - wenn ich das alles bei einem anderen Menschen entdecke, dann freue ich mich! Frische und Lebendigkeit, Ideen, Träume, Visionen, Hoffnungen, Erwartungen an das Leben - und irgendwann sind die Früchte reif! Aus den Ideen und Visionen ist etwas geworden, an dem viele teilhaben können. Ein gelungenes Projekt. Ein anregendes Kunstwerk. Ein Fest, an das alle gerne zurückdenken. Ein kunstvoll komponiertes Menü. Die Lösung eines bisher scheinbar unlösbaren Problems.
Manchmal müssen wir lange warten, bis die Früchte reifen. Mir kommen Menschen in den Sinn, die für ihre Ideen und Fähigkeiten noch nicht den richtigen Platz gefunden haben. Ich werde weiter auf sie setzen. Ich freue mich schon an der Blüte - und lasse nicht nach, auf die Frucht zu hoffen. Ich entdecke überraschende und bereichernde Gaben bei anderen und auch bei mir selbst. Gott hat uns so reich beschenkt - wie viel können wir einander geben!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12914

Schwäche zeigen: bloß nicht! Jeder wird mich über den Tisch ziehen. Mein Vorgesetzter wird denken, er kann mit mir machen, was er will. In der Familie bin ich endgültig der Fußabtreter für alle. Wo ich nachgebe, werden die anderen es hemmungslos ausnutzen. Reiche ich den kleinen Finger, nehmen sie die ganze Hand. Gebe ich einen Fehler zu, kann ich mir bald einen neuen Job suchen!
Aber kann ich denn immer stark sein? Was mache ich mit der Schwäche, die ich fühle? Bei wem darf ich mir erlauben, meine Schwäche einzugestehen? Ohne Angst, dass andere nachgreifen und noch nach mir treten?
Im 71. Psalm steht die kurze Bitte: "Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde!" (Ps 71,9) Irgendwann werden wir alle einmal schwach. Irgendwann im Laufe dieses einen Dienstags können Sie oder ich einen Moment erleben, wo wir denken: Mist, da ist etwas schiefgegangen! Hoffentlich merkt es keiner! Oder: Ich bin hier überfragt! Ich weiß das nicht, ich kann es nicht! Was jetzt?
"Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde!" Eine Bitte an Gott. Gott ist die Kraft, die mich hält, wenn ich keinen Halt mehr spüre. Wenn ich mich schwach und hilflos fühle. Wenn mir der Boden unter den Füßen fortgezogen wird und mir einen Moment die Luft wegbleibt. "Verlass mich nicht!" Im Psalm ist das die Bitte eines alten Menschen. Doch auch Jüngere können sich so verlassen fühlen. Ich weiß noch gut, wie verlassen und schwach ich mich oft in der Schule gefühlt habe.
Der Mensch, der diesen Psalm betet, erinnert sich daran, wie Gott ihn in anderen Situationen gestützt und stark gemacht hat. "Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde!", bittet er. Doch nur wenige Sätze später sagt er schon: "Ich gehe einher in der Kraft Gottes." Das Gebet hat ihm Kraft gegeben. Er hat neues Vertrauen. Jetzt ist es nicht mehr schlimm, wenn er schwach wird.
Nicht jeder kann so umstandslos und vertrauensvoll mit Gott sprechen. Doch eines kann ich auch ohne Worte: mich einlassen auf meine Schwäche, im festen Vertrauen darauf, nicht mutterseelenallein zu stehen. Mir Kraft schenken lassen. Und selbstbewusst zu meiner Schwäche stehen. Nobody is perfect!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12913

Eine neue Woche liegt vor mir. Voller Aufgaben und Begegnungen. Ich werde angenehme Erfahrungen machen - und es wird sicher auch den einen oder anderen Ärger geben. Wie gehe ich damit um?
Eine Begegnung fällt mir wieder ein. Ein zugiger und ungemütlicher Bahnhof in Holland. Eilige Reisende hasten aneinander vorbei. Jeder ist mit sich beschäftigt, keiner schaut den anderen an. Dort suche ich die Toilette auf - und stehe vor dem Wärter: einem umwerfend fröhlichen Mann mittleren Alters. Mit unerschütterlich strahlender Laune weist er mir den Weg. Er macht noch eine lustige Bemerkung, die ich leider nicht verstehen kann - lachend versucht er es mit ein paar Brocken Deutsch, dann wendet er sich genauso fröhlich dem nächsten Reisenden zu.
Seine gute Laune steckt an. Gerade an diesem Ort hätte ich damit nicht gerechnet! Der Bahnhof ist für mich wie verwandelt. Die Zugewandtheit und Herzlichkeit des Mannes hat mir gut getan. Ein Satz von Jesus kommt mir in den Sinn: "Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt." (Joh 13,35)
Ich weiß gar nicht, ob der lustige Holländer Christ war. Doch er zeigt mir, was der Satz Jesu im Alltag bedeuten kann: Offen sein für eine menschliche Begegnung. Den anderen fröhlich entwaffnen. Ihn überraschen mit einem Verhalten, das er nicht erwartet. Kennzeichen: Liebe. Daran soll man Jesu Jünger erkennen.
Das lässt sich leicht missverstehen. Denn es bedeutet gerade nicht, dass ich alle Konflikte zudecke und meinen Ärger runterschlucke, Streit vermeide und immer nur lieb zu den anderen bin. "Liebe" ist ein sehr großes und missverständliches Wort. In unserem Alltag brauchen wir es sozusagen in kleiner Münze. Da hilft mir die Erinnerung an den fröhlichen Mann auf dem holländischen Bahnhof. Sie hilft mir, stehenzubleiben und meine Mitmenschen einmal richtig anzuschauen. Wahrzunehmen, wie es ihnen geht, was sie jetzt brauchen. Und dann etwas zu tun, was allen gut tut.
Und wie war das mit dem Ärger? Er ist schon kleiner geworden, wenn es mir gelingt, so mit meinen Mitmenschen umzugehen. Und vielleicht fällt uns jetzt gemeinsam etwas ein, wie wir unseren Streit klären können!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12912