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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Braune Erde - darüber ein endlos blauer Himmel - dazwischen ein Stuhl. Einfach so, zwischen Himmel und Erde, ein ganz normaler Stuhl. Ein ungewöhnliches Bild, fremd, ein Hingucker. Wir haben es in der Adventszeit benutzt, um auf die Andachten in der Krankenhauskapelle aufmerksam zu machen. Eine Liedzeile stand auf dem Bild: Wie soll ich dich empfangen...Ein adventliches Thema: einen Stuhl freilassen für den Gast, der kommen will.
Ein junger Mann hatte sich von dem Bild ansprechen lassen. Er lungerte zur angegebenen Zeit in der Kapelle herum und wollte grade wieder gehen, weil er merkte, dass außer ihm niemand gekommen war. Ich setzte mich zu ihm und kam schnell ins Gespräch: Ja, seine Therapie gehe langsam voran, aber er wollte jetzt den Dritten mal wieder ins Boot holen - offenbar meinte er Gott. War vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, nicht wegen Geld, sondern weil ihm der ganze Firlefanz in der Kirche nichts sagte. Zu viel Weihrauch, zu wenig Substanz, zu viele Regeln und Vorschriften, zu wenig Lebenshilfe. Zu viele Glaubenswahrheiten und Dogmen, zu wenig Gefühl. Ich konnte das ganz gut nachvollziehen. Aus der ganzen Fülle dessen, was zur Kirche dazugehört und zum Christsein, auszuwählen, was zu einem persönlich passt. Das finden, was mir hilft. Das ist nicht einfach. Da kann es passieren, dass jemand vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
Wenn Jesus uns hier jetzt hören würde, er würde sagen: eigentlich ist es ganz einfach. Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Mehr will ich gar nicht. Als ich das zitierte, schlug der Satz ein wie eine Bombe. Es war wie mit Händen zu greifen, dass dieses Wort den Mann mit voller Wucht getroffen hatte und wir spürten beide, wie auch der Geist Gottes plötzlich mit im Raum war: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich dabei. Gott zu lieben und den Nächsten und sich selbst, das ist nicht schwer. Das ist Glaubenssubstanz, das ist Lebenshilfe, das ist Gefühl. Ich bin sicher, dass dieser Mann seinen Weg finden wird, grade jetzt, wo er gemerkt hat: der Dritte sitzt immer im Boot.

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Meine Güte, was für ein Leben! In einer Gastwirtsfamilie geboren, mit 12 den Vater verloren, mit 14 Jahren die Mutter. Er studiert Theologie in Wittenberg, geht dann nach Berlin. Paul Gerhardt. Mit verschiedenen Arbeiten schlägt er sich durch, widmet sich der Kunst und kann endlich, mit 48 Jahren, heiraten und eine Familie gründen. Da hatte er auch eine Anstellung als Pfarrer und konnte sich umso mehr der Kunst widmen, seine Lebenserfahrungen in Gedichte und Lieder zu fassen. Leider standen der Familie noch viele Schicksalsschläge bevor: von 5 Kindern sind 4 im ersten Lebensjahr verstorben. Das war damals häufig, aber es wird trotzdem der Mutter und dem Vater sehr weh getan haben. Diese Geschichte ist 400 Jahre her und fasziniert mich deshalb, weil ich Lieder dieses Pfarrers kenne. Von ihm stammt das Karfreitagslied "Oh Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn" und das Frühlingslied „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit". und das Adventslied „Wie soll ich dich empfangen und wie begn ich dir". Paul Gerhardt hat grade in diesem Lied eine sehr vorsichtige und bescheidene Frömmigkeit zum Ausdruck gebracht, die auch gut in unsere Zeit passt. Er fordert sein Herz auf, es soll Gott loben, so gut es kann. Ich kenne viele Leute, die von sich sagen. Ich bin nicht so ein Kirchenläufer. Aber die haben vielleicht auch ein Herz, das Gott lobt, so gut es kann. Die sprechen vielleicht ein Stoßgebet in der Not: Lieber Gott, mach was!!! Und schämen sich fast, das einzugestehen. Sie werfen sich vor, dass sie sich nicht an Gott wenden dürften, wenn sie in Not sind, weil sie ja nicht regelmäßig in die Kirche gehen. Ich finde das Unsinn: Gott ist ja grade einer für die schlechten Tage. An guten Tagen schick ich trotzdem manchmal ein Stoßgebet ab. Danke, lieber Gott, für die Krokusse im Garten und für mein gemütliches Bett. Aber wirklich regelmäßig bete ich doch eher, wenn's mir schlecht geht. Dann brauche ich Gott besonders. Anscheinend ging es Paul Gerhard genau so. Er hatte ein schweres Leben und brauchte Gott oft, aber sein Herz lobt Gott nicht überschwänglich, sondern eben: so gut es kann.

 

 

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„Sind Sie eigentlich religiös oder neutral?" Diese Frage traf mich vom Balkon im 2. Stock unseres Krankenhauses, als ich auf dem Heimweg war. Oben stand Schwester Eberhard. Ich hab gern mit ihr zu tun, sie hat ein waches Auge auf Menschen, denen es nicht so gut geht und die mal jemanden zum quatschen brauchen. Und es ist ihr egal, von welcher Kirche ich komme und es wäre ihr vermutlich auch egal, wenn ich zu keiner Kirche gehörte, Hauptsache, der Mensch, der ihr anvertraut ist, findet ein offenes Ohr bei mir. Bin ich religiös oder neutral? Auf diese Frage wusste ich nicht so recht zu antworten, also erst einmal die Gegenfrage: Was meinen Sie damit? Sie hatte eine Patientin, die ein Gespräch wollte, Seelsorge genauer gesagt, aber nicht mit jemand religiösem, sondern mit einem neutralen. Gut, morgen früh gehe ich bei ihr vorbei. Schwester Eberhard war zufrieden.
„Sie schickt der Himmel." Begrüßte mich am nächsten Tag die Patientin. Toll, das hat mich sehr gefreut. Es stellte sich heraus, dass sie mit der Telefonkarte nicht zurecht kam und ich ihr helfen sollte, die Nummer frei zu rubbeln. Zu früh gefreut also, sie hatte mich nicht wirklich als Himmelsbotin gesehen sondern einfach als Alltagshilfe. Also neutral. Nicht religiös. Wenn ich mir aber vorstelle, wie abgeschnitten ein Mensch ist, der beispielsweise aus dem Hunsrück 80 km hierher gefahren kommt, seit morgens früh mit verschiedenen Untersuchungen beschäftigt ist, dauernd warten muss, vielleicht nichts zu essen bekommt von lauter fremden Menschen umgeben, traut sich nicht zu klingeln und will endlich mal mit zuhause reden, kommt aber mit dem Telefon nicht zurecht, dann ist das wirklich ein großes Glück, wenn jemand hilft und ein paar Minuten später vertraute Stimmen im Ohr klingen Trost zusprechen, Mut machen. Und es spielt keine Rolle, ob die Menschen das als „religiös" ansehen oder als „neutral". Ob es ein Gespräch ist über Leben und Sterben und Tod und Auferstehung oder ob ich die Ziffern auf der Telefonkarte freirubbele. Wichtig ist, dass der Mensch Zuwendung erfährt.

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Sechshundert Hexen leben in einem Dorf in Ghana, lese ich. 600 Männer und Frauen, die als Hexen verschrieen sind und aus ihren Heimatdörfern fliehen mussten. Dort konnten sie nicht mehr sicher leben. Und es gibt noch mehr solche Dörfer. Der Hexenglauben ist immer noch nicht ausgestorben, sagt der katholische Bischof von Yendi in Ghana. Noch immer werden unschuldige Frauen, Männer und sogar Kinder als Hexen verfolgt. Genauso, wie bei uns im Mittelalter Hexenverfolgungen gang und gäbe waren und furchtbares Elend über Menschen brachten: Sie werden von Nachbarn oder Verwandten angezeigt, der Hexerei bezichtigt, sollen schuldig sein an Krankheiten, Ehestreit, Todesfällen oder Missernten. Wieso es immer noch diesen Glauben an Hexerei und Zauberei gibt? Der Bischof sagt: Die Menschen brauchen Erklärungen für alles; sie wollen verstehen, warum etwas geschehen ist. Und es gibt viele traditionelle Erklärungen und Bräuche, die von jeher überliefert worden sind. Da gibt es die Vorstellung vom bösen Blick, von heimlichen Zaubersprüchen und magischen Ritualen. Traditionelle Menschen, so sagt der Bischof, wissen nicht, warum Kinder mit Behinderungen geboren werden, woher schwere Krankheiten kommen oder wieso Beziehungen scheitern. In ihrer Vorstellung sind andere Menschen dafür verantwortlich. So werden vor allem Schwächere der Hexerei beschuldigt, Menschen, die irgendwie anders sind. Um diese Menschen zu schützen, gibt es in Ghana seit einiger Zeit die Hexendörfer. Dort können die Betroffenen zur Ruhe finden und sicher leben. Der Medizinmann hilft auf traditionelle Weise, indem er magische Kräfte unschädlich macht. Das ist für die Menschen sehr wichtig, die in Ritualen großgeworden sind. Aber der Medizinmann sorgt auch dafür, dass die Regeln des Zusammenlebens eingehalten werden. Christliche Priester versorgen die Dörfer mit Hilfsgütern und unterstützen die Betroffenen auch seelisch. Vor allem unterhalten sie Schulen. Je besser die Menschen ausgebildet sind, desto kleiner wird das Phänomen des Hexenglaubens, sagt der Bischof. Sicher brauchen die angeblichen Hexen die Unterstützung durch die weltweiten Hilfswerke. Aber vor allem brauchen sie mutige Menschen wie die christlichen Priester und Bischöfe. Indem diese in die Hexendörfer gehen, zeigen sie allen: es gibt keinen Grund, sich vor den dort lebenden Menschen zu fürchten. Das ist die wirksamste Hilfe!

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Die Wut ist schuld. Oder besser gesagt: eine wütende Frau aus meinem Bekanntenkreis. Sie liest Zeitung, sie hört Nachrichten, sie hat offene Augen für das, was um sie herum passiert. Und es passiert ja dauernd etwas. Die Welt ist voll mit schlechten Nachrichten. Das macht sie immer wieder wütend. Wütend fragt sie: Wo ist da Gott? Und sie fügt hinzu: Ich weigere mich, an einen Gott zu glauben, der eine so unvollkommene Welt zulässt.
Es ist eine alte Frage: Wo ist Gott, wenn soviel schief läuft? Und es ist immer wieder die Frage, die selbst wackere Christen ins Schleudern bringt. Es gibt kluge Antworten und kluge Bücher zu dieser Frage. Aber das hilft im Zweifelsfall nicht wirklich weiter. Denn meine Bekannte hat mich gefragt und ich will mich nicht herausreden. Ich muss selber Rede und Antwort stehen. Ich fange an, nach Worten zu suchen. Ich habe auch keine einfachen Antworten, woher denn. Aber manchmal helfen Beispiele. Die Erfahrung, dass Menschen in leidvollen Situationen doch dabei bleiben, an Gott zu glauben, auch wenn sie von Zweifeln geschüttelt sind. Viele Beispiele fallen mir ein, aktuell besonders das einer Frau, die sehr schwer erkrankte. Sie hat Gott angeklagt, sie hat gehadert und getrauert, und sich verlassen gefühlt. Sicher hat sie über lange Zeiten nicht gewusst, wie sie ihr Schicksal verstehen soll. Aber sie blieb dabei: Gott ist der Herr des Lebens. In allem. Auch in dem, was nicht zu verstehen ist. Und das hat ihr Kraft gegeben. Für mich ist das der springende Punkt: dieses „nicht verstehen". Und es ist der Moment, in dem meine Gesprächspartnerin aufhorcht. „Ja," sagt sie, „vielleicht ist das mein Denkfehler. Ich möchte so gerne verstehen, warum diese Welt so ist, wie sie ist. So brüchig und so gefährdet. Und oft so ungerecht." Sie sagt auf einmal selbst: „Ich glaube, ich möchte, dass Gott immer alles gut macht und dass es kein Leid gibt, nirgends. Ich möchte einen „lieben Gott" haben. Aber vielleicht ist dieser Gott wirklich ganz anders." Ja. Vielleicht ist Gott ganz anders. Wahrscheinlich. Gott bleibt ein Geheimnis, rätselhaft. In der Bibel aber sagt Gott von sich selbst: Ich bin der, der da ist. Daran möchte ich mich halten.

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Haben wir nun Winter oder Frühling? Seit Wochen kann sich das Wetter nicht so recht entscheiden. Doch Schneeglöckchen, Hyazinthe und Primeln stört das alles gar nicht. Sie strecken ihre Köpfe aus der Erde und wachsen, und manche blühen schon, egal ob es schneit oder nicht. Staunend stehe ich vor diesem Wunder. Ich sehe grüne Spitzen und Blütenköpfe, hier - und da. Wie ein Kind staune ich, was in den Gärten passiert, jetzt, im Februar. Wochenlang sah es so aus, als würde die Natur schlafen. Und jetzt staune ich über die tapferen Pflanzen, die sich aus kaltem Boden herausschieben. Von nichts lassen sie sich aufhalten! Das ist einfach herrlich. Gerade noch war ich mies drauf, weil mir dieser Winter auf die Nerven geht. Aber jetzt gehe ich leise summend wieder ins Warme. Ist das schön, mit welcher Kraft die Pflanzen wachsen! Ich staune - und das verzaubert mir den Morgen. Staunen hat mir meine Mutter beigebracht. Oder nein, eigentlich konnte ich das schon, als ich ganz klein war. Alle kleinen Kinder sind Weltmeister im Staunen. Alles ist neu, und aufregend, und interessant. Und meine Mutter hat das Staunen weiter gefördert. Ganz oft hat sie gesagt: „Horch mal" oder „guck mal" oder „riech mal", „schau, wie schön das ist!" Und dann blieb ich stehen und guckte, oder horchte. Und so mache ich es heute noch. Ganz bewusst tue ich das, jeden Tag. Ich bleibe stehen, schaue für einen Moment auf einen Baum, zu den Wolken, zu einem glitzernden Schaufenster, spüre meinen Atem, spüre mich, und für mich fühlt es sich so an, als spürte ich in diesem Moment das Leben. Dabei begegnen mir ganz viele Wunder: Die kalte Luft in der Lunge. Feuchter Nebel auf dem Gesicht. Warme Hände in den Handschuhen. Die Hyazinthen im Garten. Ich sehe, und horche, und staune. Das sind Minipausen, die mir gut tun. So, wie ich gestrickt bin, kann ich nicht anders: ich »muss« dann beten. In solchen Momenten möchte ich Gott danke sagen. Danke für das Leben. Und dann gehe ich an meine Arbeit, und der Dank klingt noch lange leise nach.

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