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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Unter jedem Dach ein Ach", sagt man. Auch scheinbar zufriedene, ja: glückliche Menschen kennen Angst, Kummer und Sorge. Wenn Menschen spüren, dass sie sich jemandem anvertrauen können, dann erzählen sie davon. Das erleichtert. Ist die Sorge erst einmal ausgesprochen, dann ist sie vielleicht schon nicht mehr so schwer. Nichts drückt mehr als eine Last, mit der ich alleine bleibe. Am Ende übermannt sie mich und ich sehe nichts anderes mehr.
Sorgen, die mich auffressen, Lasten, die mich zu Boden drücken - die hindern mich am Leben. Jesus wusste das gut. Überall sind ihm Menschen mit ihren Sorgen und Lasten begegnet - und sein eigenes Leben war ja nun keineswegs sorgenfrei! Doch er sagt: Sorgt euch nicht um den morgigen Tag, denn der wird für sich selber sorgen! Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last!
Ich finde das befreiend. Und will es am Wochenende mal versuchen: Alles hinter mir zu lassen, was mich bedrückt und beschäftigt. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last. In einen einzelnen Tag passt auch nur ein bestimmtes Maß an Sorge. Und wer weiß, wie viele Tage mir noch bleiben! Jesus lenkt meinen Blick auf den heutigen Tag. Grund zur Sorge gibt es immer - aber gibt es immer ein Heute? Einen Tag, der mir so, wie er ist, geschenkt ist?
Ein Tag, der nicht im Einerlei der Alltage untergeht. Zeit zum Durchatmen und Kräftesammeln, zum Feiern, zum Leben. Ob das Samstag ist oder Sonntag oder ein anderer Tag, ist nicht so wichtig. Hauptsache, wir haben immer wieder so einen Tag!
Jesus lädt mich dazu ein, mich nicht um das zu sorgen, was ich sowieso nicht in der Hand habe. Die konkreten Sorgen muss ich in handliche Portionen aufteilen, die ich bewältigen kann. Jeden Tag ein bisschen davon - und dann auch einmal Tage, an denen diese Dinge keine Rolle spielen dürfen. Da will ich ausspannen vom Alltag, will mir Zeit nehmen, mit meiner Familie lange am Tisch zu sitzen, spazierenzugehen, Freunde zu besuchen, ins Kino oder ins Theater zu gehen - etwas tun, das mir Freude macht. Davon zehre ich an den anderen Tagen.

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Es gibt Menschen, um die mache ich am liebsten einen großen Bogen. Sonst müsste ich sie zur Rede stellen. Doch davor scheue ich zurück. Ich sehe, wie sich jemand richtig gemein verhält, so dass andere unter ihm leiden - jetzt müsste ich eigentlich auf ihn zugehen und ihm ins Gesicht sagen, wie ich sein Verhalten finde! Die offene Konfrontation wagen - auch auf die Gefahr hin, dass es für mich Nachteile hat! Ja, aber bringt das was?
Die Bibel erzählt von so einem unangenehmen Menschen. Zachäus ist Oberzöllner in Jericho und 'ne richtig fiese Möpp! Wer an ihm vorbei will, muss zahlen. Steuern für die Römer, sagt er. Aber Zachäus wirtschaftet vor allem in die eigene Tasche. Dem müsste mal jemand Bescheid geben! Doch keiner traut sich. Zachäus hat die Römer auf seiner Seite - und die haben die Macht im Land.
Da kommt Jesus nach Jericho. Das Volk drängt sich auf der Straße zusammen. Zachäus möchte Jesus auch unbedingt sehen. Aber er ist nicht besonders groß und die anderen sind so viele. Zum ersten Mal hilft ihm weder sein Geld noch seine Macht! Da steigt er auf einen Baum, um Jesus von dort zu sehen. Und Jesus sieht ihn! Was jetzt? Wird Jesus ihm jetzt endlich mal sagen, was keiner sich zu sagen getraut hat? Jesus macht etwas ganz Anderes. Er ruft munter nach oben: Komm runter, Zachäus, meine Freunde und ich haben Hunger und wollen bei dir einkehren!
Jesus verhält sich ganz anders, als Zachäus es erwartet und auch verdient hätte. Darüber ist Zachäus so verdattert, dass er sein Leben völlig umkrempelt. Jesus macht keinen Bogen um ihn. Er meidet ihn nicht. Er kommt als Gast in sein Haus - doch eigentlich ist Zachäus Gast bei Jesus. Zachäus will das Unrecht, das er getan hat, wieder gutmachen. Er beschenkt die, die er vorher beraubt hat.
Jesus hat den Fiesling genau beobachtet und gespürt, was er wirklich braucht, jedoch nie bekommt. Mit Herzlichkeit und ein bisschen List hat er Zachäus verwandelt. Wenn ich es genauso machen will, dann brauche ich Mut und Fantasie. Ich muss mich auf den offenen Konflikt einlassen, vor dem ich Angst habe. Doch einen Versuch ist es immer wert!

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Haben Sie Ihren Weihnachtsbaum schon fortgeräumt? Wir tun das erst heute - und ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, evangelische wie katholische, die es ebenso halten. "Der Baum bleibt bis Lichtmess stehen!", sagen sie selbstbewusst.
Lichtmess oder "Darstellung des Herrn" heißt der heutige Tag, vierzig Tage nach Weihnachten. Vierzig Tage nach Jesu Geburt bringt Maria als gesetzestreue Jüdin die damals vorgeschriebenen Opfer im Tempel dar. Dort trifft sie den alten Simeon. Der hat einmal eine großartige Verheißung bekommen: Du wirst erst sterben, wenn du den versprochenen Heiland gesehen hast! Sein ganzes Leben lang wartet er nun schon darauf.
Warten, bis es soweit ist. Vorgegebene Zeiten einhalten. Sich auf etwas freuen und dann nicht gleich zum nächsten Ereignis übergehen. Das scheint heute nicht mehr recht zu passen. Da kann man schon im Spätsommer Spekulatius und Lebkuchen kaufen - und bereits am 26. Dezember wünscht man einander, "frohe Weihnachten gehabt zu haben". Die Ersten räumen den Baum dann auch schon fort. Wenn ich das nicht tue, dann gehe ich nicht mit der Zeit, sondern bleibe bewusst etwas zurück. Notfalls muss ich sogar gegen die Zeit gehen.
Auf den ersten Blick ist das völlig unzeitgemäß. Aber bräuchten wir das nicht gerade heute? Sich Zeit nehmen, Dinge bewusst in ihrer Reihenfolge erleben. Wissen, wann und wo etwas hingehört und wann es eher unpassend ist.
Simeon hat sich ein ganzes langes Leben Zeit genommen mit dem Warten. Bis sich die Verheißung erfüllt, die er bekommen hat.
Was packen wir nicht alles in unsere Tage! Wie oft nehme ich mir vor, die Dinge dann zu erledigen, wenn sie dran sind - und mir eben nicht mehr aufzuladen oder aufladen zu lassen, als ich in Ruhe erledigen kann! Und dann bleibt es wieder bei dem guten Vorsatz.
Maria und Simeon nehmen sich Zeit. Manches braucht einfach seine Zeit. Manchmal brauche ich Zeit, weil es noch nicht soweit ist, weil die Dinge noch nicht reif sind. Ein alter Brauch wie der, den Weihnachtsbaum bis Lichtmess stehen zu lassen, kann mir helfen, dieses Warten zu üben.

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Man bietet mir eine herausragende, verantwortungsvolle Aufgabe an. Ich fühle mich geschmeichelt und geehrt. Ich will schon zusagen. Doch dann denke ich nach: Passt das zu mir? Bin ich wirklich so, wie die anderen mich sehen? Kann ich das eigentlich, was da von mir erwartet wird - und will ich es überhaupt?
Jetzt brauche ich einen Ort, wo ich ganz für mich sein kann - um wieder zu mir zu kommen und meine Entscheidung gut zu überlegen. In der Bibel ist dieser Ort oft ein Berg. Jesus zieht sich allein auf einen Berg zurück, als das begeisterte Volk ihn zum König machen will. Er hat zu einer riesigen Menschenmenge gesprochen und dafür gesorgt, dass sie satt wurden. Den wollen sie zu ihrem König haben! Begeistert wollen sie ihn einfach mitschleppen. Der wird sie versorgen! Wenn Jesus sie anführt, haben sie ausgesorgt!
Doch Jesus spürt: Die Menschen haben ein Bild von ihm, das nicht zu ihm passt. Er kann nicht der König sein, den sie erwarten. Sonst bleibt er nicht der, der er ist. Deshalb entzieht er sich ihnen und steigt alleine auf den Berg. Nicht einmal seine Jünger nimmt er mit.
Wenn andere uns zu ihren Zwecken gebrauchen oder auch missbrauchen wollen, dann brauchen wir Abstand. Abstand auch von den Menschen, die scheinbar nur Gutes mit uns vorhaben. Das ist nicht leicht. Weil wir manchmal dadurch andere auch verletzen. Viele wollen das um jeden Preis vermeiden. Und schweigen. Machen mit. Folgen dem Bild, das sich die anderen von ihnen machen. Versuchen, so zu sein, wie die anderen sie haben wollen.
Auf Dauer kann das natürlich nicht gut gehen. Und dann sind die anderen erst recht enttäuscht und verletzt. Darum ist es wichtig, sich manchmal einfach zurückzuziehen. Auf einen Berg, in den Wald, in einen anderen Ort oder nur in ein anderes Zimmer.
Freilich können wir dort nicht bleiben. Auch Jesus bleibt nicht auf dem Berg. Wir müssen uns der Auseinandersetzung stellen. Auf unsere Weise, mit unseren Mitteln. Und dabei wir selbst bleiben. Nur so können die, die sich wirklich für uns interessieren, uns kennen und lieben lernen.

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Wer heutzutage keinen Stress hat, der ist ja fast schon nicht mehr normal! Das geht oft schon morgens los. Und ich möchte einfach nur aussteigen!
Jesus fuhr weder Auto noch ICE. Er hatte keinen Terminkalender und brauchte keine Gespräche mit Vorgesetzten oder mit aufgebrachten Kunden zu führen. Doch Stress kannte er auch! Er muss funktionieren, alle wollen etwas von ihm und allen soll er es recht machen. Eine Geschichte, die ich sehr mag, erzählt, wie Jesus daraus aussteigt.
Er sitzt im riesigen Tempelgelände von Jerusalem. Viele Menschen halten sich dort auf. Als sie Jesus sehen, kommen sie alle zu ihm. Das ärgert die Frommen und Gelehrten. Sie haben hier das Sagen - nicht dieser hergelaufene Wanderprediger, der sich gern in aller Öffentlichkeit mit Bettlern, Huren und Zolleinnehmern zeigt! Sie überlegen sich, wie sie ihm eine Falle stellen können. Jesus soll sich entscheiden: für Recht und Ordnung - oder für Liebe und Barmherzigkeit. Sie bringen ihm eine Frau, die beim Ehebruch erwischt worden ist. Hier, Meister, diese Frau muss doch gesteinigt werden! Oder nicht? Was sagst du?
Jesus könnte jetzt viel sagen. Zum Beispiel: Wo ist denn der Mann dazu? Oder: Was soll das? Wann wurde zuletzt eine Ehebrecherin gesteinigt?! Aber Jesus sagt - gar nichts. Er schreibt mit dem Finger auf die Erde. Was er da wohl schreibt? Vielleicht malt er auch nur. So wie manche Menschen beim Telefonieren. Als sie ihn immer weiter bedrängen, sagt er endlich: Wer unter euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein auf sie. Dann malt er weiter auf die Erde. Die Frommen und Gelehrten gehen einer nach dem anderen fort.
Jesus lässt sich nicht unter Druck setzen. Er lässt sich nicht auf eine falsche Alternative ein. Er bleibt cool, steigt aus und hält den anderen einen Spiegel vor: Wollt ihr wirklich so sein? Und wollt ihr wirklich, dass ich dabei mitmache?
Was für eine geniale Idee! Die hätte ich auch gern mal. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: nur einen Schritt beiseite treten und sich das ungute Spiel von außen betrachten. Und plötzlich gibt es nicht mehr nur Entweder - Oder. Plötzlich gibt es einen dritten Weg.

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Vielleicht war es ein Montag, als Jesus ein todkrankes Mädchen heilen sollte. Viel Volk war auf den Straßen und drängte sich um Jesus. Stau! Damals zu Fuß, bestenfalls auf einem Esel. Doch mit dem gleichen Ergebnis: Nichts geht mehr! Der Vater des Mädchens verzweifelt allmählich. Kommen wir noch rechtzeitig?
Jesus kommt aber nicht schneller voran als die anderen. Wie dringend es auch ist - er muss die Ruhe bewahren.
Eine typische Stress-Situation. Unser Alltag ist voll davon. Ich muss zu einem furchtbar wichtigen Termin. Aber dann: Stau auf den Straßen, Gedränge auf dem Weg zur S-Bahn - und nun klingelt auch noch das Handy! Ich werde angerempelt und der andere ist schon weiter, entschuldigt sich vielleicht nicht einmal. Auch Jesus spürt plötzlich, wie ihn jemand am Mantel berührt. Er bleibt stehen und will wissen, wer das war. Die Jünger können ihren Unmut kaum verbergen: Du siehst doch, wie die Leute sich um dich drängen! Und da willst du wissen, wer dich berührt hat? Warum lässt du dich aufhalten? Komm, rasch weiter! Es eilt!
Doch Jesus spürt, dass auch hier jemand in Not ist. Er lässt sich anrühren. Er dreht sich um. Da wirft sich eine verängstigte Frau vor ihm auf die Erde und erzählt ihm ihr Leid: Seit vielen Jahren hat sie Blutungen und kein Arzt konnte ihr helfen. Sie hat sich schon gar nicht mehr getraut, Jesu Zeit in Anspruch zu nehmen. Sie hat sich gesagt: Wenn ich bloß seine Kleider berühre, dann werde ich bestimmt gesund! Und so geschieht es auch. Mitten im Gedränge. Jesus lächelt: Geh in Frieden!
Er funktioniert nicht einfach nur. Er lässt sich berühren. Mitten in all dem Geschiebe nimmt er sich Zeit für eine Begegnung. Bewahrt die Ruhe und strahlt Ruhe aus. Gerade mit dieser Ruhe kann er am Ende auch dem kranken Kind helfen.
Hetze und Stress. Jemand will etwas ganz Dringendes und Unaufschiebbares von mir. Doch gerade dann hilft Ruhe. Nicht nur funktionieren. Mich berühren lassen, wo jemand mich wirklich braucht. Die Zeit muss sein!

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