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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Irgendwann ist man es satt, immer getragen zu werden." Mit einem tiefen Seufzer spricht mein Gegenüber diesen Satz aus. Mein Gegenüber ist eine junge selbstbewusste Frau im Rollstuhl. Und sie weiß wovon sie redet. Ihr ganzes Leben ist sie getragen worden. Ihre Eltern trugen sie in der Wohnung herum. Die Erzieherinnen im Kindergarten trugen sie von der Spielecke zum Sandkasten und wieder zurück. Selbst von den Lehrern am Gymnasium wurde sie die Treppe zum Physiksaal hoch und runter getragen. Und man merkt ihr heute noch an, wie peinlich ihr dies als junges Mädchen war, besonders wenn sie von Lehrern getragen wurde, die sie gar nicht mochte.
Sie kann sich recht gut allein fortbewegen, vorausgesetzt ein Aufzug oder eine Rampe ist vorhanden und die Türen sind breit genug. Ich wollte sie zu einer Veranstaltung in unsere kirchlichen Räume einladen. Sie hat mich nach einem Aufzug oder einer Rampe gefragt. Und die gibt's bei uns nicht. Ich bot ihr an, sie mit einigen Leuten im Rollstuhl die Treppe hoch zutragen. Und das lehnte sie mit diesem Seufzer ab: „Irgendwann ist man es leid, immer getragen zu werden!" Erst hielt ich sie für stur und versuchte sie zu überreden. Doch im Laufe des Gespräches konnte ich sie immer mehr verstehen.
Denn wenn ich ehrlich bin, auch mir fällt es viel leichter jemanden zu tragen als selbst getragen zu werden. Es ist mir lästig, auf andere angewiesen zu sein, ich möchte mich frei und unabhängig von anderen bewegen können. Behinderten geht es da nicht anders. Deshalb sind Rampen, Aufzüge und breitere Türen kein Luxus, sondern bedeuten für Rollstuhlfahrer mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Heute ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Die UNO hat ihn ausgerufen, um auf die Probleme Behinderter aufmerksam zu machen und für ihre Rechte einzutreten. Am besten mit dem Bau von Rampen und Aufzügen.

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Offiziell ist sie abgeschafft, die Sklaverei. Und daran will man heute am „internationalen Tag der Abschaffung der Sklaverei" erinnern. Denn heute vor 62 Jahren, am 2. Dezember 1949 hat die UNO die Konvention über die Bekämpfung des Menschenhandels verabschiedet. Gut, dass sie somit offiziell und weltweit geächtet ist, die Sklaverei. Schlecht, dass es sie immer noch gibt. Vielleicht sogar mehr als in früheren, vergangenen Epochen der Geschichte. Die weltweite Globalisierung hat dazu geführt, dass auch der illegale Menschenhandel heute weltweit betrieben wird. Die UNO schätzt, dass jährlich mehrere Millionen Menschen von Schleppern und Menschenhändlern verkauft werden. Davon sind 80 % junge Frauen und Kinder. In Asien werden sie meist zu Arbeitssklaven gemacht, in Europa und den USA als Sexsklaven missbraucht und in arabischen Ländern werden sie für niedrige Dienste gekauft, oft verbunden mit sexuellem Missbrauch.
Allein mit der Verabschiedung einer Konvention ist es eben nicht getan. Papier ist bekanntlich geduldig. Und deshalb kann ich heute - am Internationalen Tag der Abschaffung der Sklaverei - auch nicht feiern. Sondern ich möchte Klagen. Klagen darüber, dass Menschen Menschen verkaufen. Sie die Würde des andern missachten, in dem sie ihn als Handelsware behandeln. Doch ich gebe zu, auf Menschenhändler und Schlepper lässt sich leicht schimpfen. Aber die Arbeitssklaven in Asien nähen die billigen T-Shirts, die es auch bei uns zu kaufen gibt und die Sexsklavinnen aus Osteuropa, Asien und Lateinamerika füllen die Bordelle bei uns in Deutschland. Im Schöpfungsbericht der Bibel wird der Mensch als Ebenbild Gottes betrachtet. Ich glaube daran, dass sich in jedem Menschen Gott widerspiegelt. Gerade und besonders in denjenigen, die versklavt und missbraucht werden.

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„Positiv zusammenleben", das ist etwas, was wir alle wollen: Positiv zusammenleben mit unsern Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen und natürlich in der Familie. Gute Beziehungen zu unsern Mitmenschen haben und dabei offen und ehrlich sein können, davon lebt positives Zusammenleben.
„Positiv zusammenleben", so lautet auch das Motto des heutigen Tages. Denn heute ist der Weltaidstag. In diesem Zusammenhang hat der Satz natürlich noch einen anderen Akzent. Denn wenn es um Aids geht, dann sind die Positiven die HIV-Positiven. Die, die sich mit dem Aidsvirus angesteckt haben. „Positiv zusammenleben" bedeutet für sie, offen und ehrlich mit ihrer Krankheit umgehen können. Viele fürchten sich davor, sich zu outen, zu erzählen, dass sie Aids haben. Im Freundeskreis und in der Familie das schaffen viele noch. Und machen häufig damit auch positive Erfahrungen. Wissen sich jetzt noch stärker von ihrer Familie und von ihren Freunden getragen und angenommen. Aber vor dem Schritt, es auch auf der Arbeit öffentlich zu machen, schrecken viele zurück. Sie haben Angst davor, von den andern gemieden zu werden. Obwohl auf der Arbeit kein Infektionsrisiko besteht. Und obwohl man heute dank der Medikamente mit Aids durchaus leben und auch arbeiten kann, haben sie Angst vor einem Karriereknick. Dass sie bei Beförderungen nicht mehr berücksichtigt werden, weil sie ja als nicht mehr so leistungsfähig gelten. Positiv zusammenleben, ehrliche Beziehungen pflegen können: Für Leute mit Aids ist das nicht so einfach. Es gilt ihnen dabei zu helfen. Zum Beispiel dadurch, dass man sich über die Krankheit informiert, Infostände zum Thema gibt es heute in vielen Fußgängerzonen. Durch Spenden an die Aidshilfe oder ganz einfach durch das Tragen der Roten Schleife, die ja ein internationales Symbol für die Solidarität mit Aidskranken ist. Sie macht deutlich: Ja, ich will positiv zusammenleben auch und gerade mit Aidskranken.

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Tja, da hatte ich den Salat. Ich hatte Herrn Müller getroffen, der mir erzählte, erhätte mich im Radio gehört. Das freut mich immer, wenn mich jemand darauf anspricht und ich fragte ihn spontan, worüber er denn mal was hören wolle.  Er grübelte kurz und zögerte, aber dann fiel ihm etwas ein: machen Sie doch mal was über Tiere. Mist. Jeder der mich kennt, weiß, dass ich keine Tierfreundin bin. Die Hunde bellen immer so laut, wenn ich bei meiner Freundin schelle, da traue ich mich fast nicht ins Haus. Und die kleine schwarze Katze im Garten meines Freundes streicht mir gern um die Beine, da hab ich immer Angst, sie springt mir gleich auf den Arm und das ist mir sehr unangenehm. Eigentlich habe ich vor fast allen Tieren Angst. Ich mag Kühe, davon hab ich über 20 in meiner Wohnung - aus Porzellan oder Holz oder so. Und ich mag Schildkröten. Die sitzen in der Sonne, bewegen sich nicht und halten die Klappe,  da muss ich mich nicht fürchten. Und jetzt das: machen Sie mal was über Tiere - Herr Müller erklärte mir auch, dass der Hund der beste Freund des Menschen sei. Hunde seien treu, sie würden nicht widersprechen, sie könnten gut zuhören.
Hm, denke ich mir, das ist doch bei Menschen nicht so viel anders: Die können auch treu sein, die müssen nicht dauernd widersprechen, die können auch manchmal gut zuhören. Der Unterschied zwischen Hund und Mensch ist vielleicht, dass Hunde, wenn sie gut behandelt werden, nicht anders können als treu zu sein. Es liegt ihnen im Wesen, sich dem Mensch anzuschließen, sich von ihm leiten zu lassen,  an ihm zu hängen, Freude über die Gesellschaft zu zeigen. Menschen können ähnlich angenehm sein, aber sie können auch anders. Nicht nur, aber auch deshalb sind ja viele Menschen so überzeugte Tierfreunde.
Ich merke, ich möchte mich nicht gern von Tieren ausstechen lassen: ich will doch für meine Mitmenschen mindestens genau so angenehm sein wie ein Hund. Deshalb bemühe ich mich, treu zu sein. Ich widerspreche nicht dauernd; nur: wenn es mir nötig scheint. Ich höre zu. Ich zeige auch meine Freude, wenn ich jemanden treffe, den ich gern habe. Ich belle halt nicht. Aber das ist verzeihlich, hoffe ich. Auch für Tierfreunde.

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„Wie viel verdienen Sie eigentlich?" Als er das fragte, war ich doch wirklich verblüfft. Wir saßen bei einem offiziellen Essen und er hatte allerlei von sich erzählt. Wie das Haus umgebaut worden war, welche Marke Motorrad er fahre, welche Urlaube geplant seien, wie schön das Leben als Pensionär sei, dass er schon wieder einen Artikel geschrieben habe für eine Zeitschrift - ein bisschen ein Angebergespräch. Oder eher eine Selbstdarstellung; für mich hatte er sich nicht interessiert. Meine Aufgabe sollte sein, ihm bewundernd zuzuhören. Und als wir dann auf das Honorar für seinen Artikel kamen, fragte er ganz direkt danach. Was ich verdiene. Und wo ich wohnen würde und was ich dafür bezahlen müsste. Es war von seiner Seite aus kein ernsthaftes Interesse zu spüren, er wollte nur einordnen, in welche Schublade er mich zu stecken hätte. War ich eher seinesgleichen oder spielt er in einer anderen Liga? Wie die meisten Menschen erzähle auch ich gern etwas von mir. Ich freue mich, wenn jemand Interesse an mir hat, mich nach meiner Arbeit fragt oder meinem Wohlergehen. Aber ich lasse mich nicht gern ausfragen. Das Tischgespräch an diesem Abend habe ich als unangenehm empfunden, da ging es nicht um Austausch und Anteilnahme, sondern darum, die Neugier zu befriedigen.
Neugier - das ist schon kein schönes Wort. Die Gier auf Neues, auf Information, auf Klatsch und Tratsch. Dagegen Interesse - das kommt aus dem lateinischen. „Inter"  steht für zwischen, inmitten und „esse"  heißt sein. Wenn ich also Interesse zeige an jemandem, dann nehme ich teil an seinem Leben, seinen Gedanken und Erfahrungen. Der Neugierige bleibt außen, er schaut zu, will vielleicht einschätzen, beurteilen. Der, der sich interessiert, sucht den Kontakt, er fragt nach, er zeigt Nähe und Anteilnahme. Anteilnahme, das ist glaub ich ein guter Ausdruck für Gottes Einstellung den Menschen gegenüber. Wir Christen glauben, dass Gott  sogar den Himmel verlassen hat, um den Menschen nahe zu sein. Und was er uns schenkt, ist Anteilnahme, nicht Neugier. Deshalb kann ich auch ganz von Mensch zu Mensch mit ihm reden, wenn mich das Leben beutelt. Er interessiert sich für mich. Manche nennen das „beten".

 

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Zum beneiden, diese Leute, wirklich! Das schoss mir immer wieder durch den Kopf, als ich im Spätsommer auf dem Weg zur Arbeit an einer Wiese vorbei fuhr. Ursprünglich war da nichts, aber auf einmal standen ein paar Wohnwagen da, manchmal brannte morgens schon ein kleines Feuer - vielleicht zum Kaffee kochen, vielleicht später für den Grill. Im Lauf der Tage kamen mehr Wohnwagen dazu, Erwachsene und Kinder saßen auf Campingstühlen, zwischen den Wohnwagen flatterte die Wäsche im Wind  und es wirkte beschaulich und gemütlich. Wirklich beneidenswert. Ich arbeite gern, aber nicht immer steh ich morgens gern früh auf und beim Anblick dieser Menschen dachte ich: könnte ich das doch auch öfter, einfach so frei leben, den Kindern zusehen, die Wäsche bewachen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Früher habe ich das gebeichtet: ich war neidisch. Neid gilt als eine der schweren Sünden, mit denen Menschen sich und anderen das Leben schwer machen Denn ob es wirklich so beneidenswert ist, so im Wohnwagen zu leben, unerwünscht zwischen den Wohnvierteln der Etablierten vielleicht ohne Arbeit und festes Einkommen, das ist ja noch die Frage. Also sollte ich nicht neidisch sein auf das Bild, das sich mir da am Wegesrand bietet, sondern den Verstand einschalten und mich an dem freuen, was ich habe: eine Arbeit, die mir meistens Freude macht, auch wenn ich nicht den ganzen Tag in der Sonne sitzen kann. Aber ich will dem Neid doch noch etwas nachspüren. Er weist mich ja auf etwas hin, was ich eigentlich auch erstrebenswert finde. Dieses scheinbare in den Tag hinein leben,  die Ereignisse auf mich zukommen lassen, sich nicht nach der Uhr richten müssen, aufstehen, wenn man wach wird und ins Bett gehen, wenn man müde wird oder zwischendurch ein Nickerchen halten, sich um Wäsche und Kinder kümmern,  am offenen Feuer kochen und gemeinschaftlich essen. Kann ich das nicht auch? Doch. Natürlich.  Dafür gibt's das Wochenende. Und wenn ich mir nicht selbst den großen Freizeitstress mache,  kann ich dann so in den Tag hinein leben wie die Leute im Wohnwagen. Und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Damit wäre ich in bester Gesellschaft, das hat er selber ja auch gemacht: am siebten Tag.

 

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Ich hasse es, zu warten. Wenn ich zum Beispiel in der Warteschlange an der Kasse stehe, die Leute vor mir packen endlose Mengen an Einkäufen auf das Band, dann bin ich fast dran, nur vor mir noch einer, der vom Band erst alles in den Wagen legt, dann das Portemonnaie sucht, umständlich sein Geld rauskramt oder gar mit Karte bezahlen will, dann die PIN falsch eingibt und es noch mal versuchen muss, dann könnte ich verrückt werden. Solche Zeitvergeudung, kann der sich nicht vorher überlegen, wo sein Geld steckt? Nervig! Ich merke oft, dass es mir nicht alleine so geht. Viele Menschen empfinden Warten, egal ob in der Schlange an der Kasse oder im Stau oder an der roten Ampel oder wo auch immer als ziemliche Zumutung. Und ab heute 4 Wochen auf Weihnachten warten, wer soll das aushalten? Viele halten es nicht aus. Schon ab August die „jahreszeitlichen" Süßigkeiten, manche kaufen sich gegenseitig „für Weihnachten" eine Perlenkette oder eine neue Wohnzimmergarnitur oder eine Digitalkamera. Schon im November, weil's da grade im Angebot ist. Und es darf dann auch schon genutzt werden, was soll man  bis zum 24.12. drauf warten,  wenn es ja schon im Haus ist...Vorfreude ist die schönste Freude - ein Omasatz, aber die Lebenserfahrung zeigt uns, dass da etwas dran ist.
Ich setze immer im Mai oder Juni einen Rumtopf an. Erst Erdbeeren, dann Johannis-, Brom-, und Himbeeren. Später Aprikosen, Pfirsiche, im August die Pflaumen.  Dann kommt der Deckel drauf und es heißt abwarten. Zum ersten Advent, das ist heute, lade ich dann Freunde zur Rumtopferöffnung ein - eine schöne Belohnung für die lange Wartezeit. Wenn ich so darüber nachdenke, merke ich: Warten ist nicht immer doof, es kann auch schön sein. Es verlängert eine Freude um die Vorfreude, und diese Vorfreude, das gebe ich gern zu, ist wirklich eine schöne Freude. Also treffe ich mich heute mit Freunden zu einem Spaziergang, mache dann zuhause eine Kerze am Adventskranz an, wir hören schöne Musik, probieren den Rumtopf und genießen den Advent, die wahrscheinlich längste Vorfreude der Welt.

 

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