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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der neue Tag beginnt mit dem Abend zuvor. Das ist eine wichtige Erfahrung in der christlichen Spiritualität. Wie es mir morgens geht, das hängt auch davon ab, wie ich den Tag zuvor beendet habe. Wenn ich noch Sorgen und Unverdautes in den Schlaf mitnehme, dann wirkt das weiter. Deshalb ist mir ein bewusster Abschluss des Tages ganz wichtig. Das ist auf verschiedene Weise möglich. Ich wohne in Speyer direkt am Dom. Und so schließe ich den Tag oft ab mit einem Spaziergang rund um den Dom, spät am Abend, wenn er aus dem Dunkel aufleuchtet. Ich lasse dabei den Tag Revue passieren: Was habe ich erlebt? Was davon bewegt mich jetzt noch besonders? Und ich lege den Tag mit allem Schönen und Beschwerlichen zurück in die Hände Gottes, der ihn mir geschenkt hat. Und dabei inspiriert mich der Dom. Vor zwei Wochen haben wir 950 Jahre Domweihe gefeiert. Seit fast einem Jahrtausend kommen Menschen zum Dom, mit den Freuden und Sorgen ihres Lebens, mit ihrer Sehnsucht, mit ihren Lebenshoffnungen. Seit 950 Jahren kommen Menschen hier mit ihren Anliegen zu Gott, zünden eine Kerze an, beten, feiern Gottesdienst. Mit dieser langen Geschichte ist der Dom ein gewaltiges, steinernes Zeugnis des Glaubens von unzähligen Menschen. Von Menschen, die aus dem Vertrauen auf Gott gelebt haben und leben. Das bewegt mich immer wieder, wenn ich abends meine Runde um den Dom drehe. Ich reihe mich dann innerlich ein in die Reihe der Menschen, die schon jahrhundertelang hier im Dom etwas spüren von der Größe Gottes. Die erleben, wie sehr er sie beschenkt. Beschenkt mit neuer Kraft, mit Trost und Lebensmut. Ich lasse mich dann mittragen von dem Vertrauen, das sie auf Gott setzen. Und in diesem Vertrauen übergebe ich Gott abends die Freuden und Sorgen, die der Tag mit sich gebracht habe. Damit ich dann in Frieden schlafen kann. Und damit ich dann frohgemut und mit frischer Kraft in den neuen Tag hineingehen kann.

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Nur fünf Minuten Fußweg zur Arbeit - das ist super! Von meinem Küchentisch zu meinem Schreibtisch sind es nur 400 Meter. Das weiß ich zu schätzen. Viele haben einen langen Weg zur Arbeit. Und noch aus einem anderen Grund genieße ich den morgendlichen Gang zu meinem Büro. Auf dem Weg komme ich an einer Kindertagesstätte vorbei und an einer Schule. Meistens bekomme ich mit, wie die kleinen Kinder von Mama oder Papa in die Kita gebracht werden. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich diese Kleinen im Vorübergehen erlebe. Das ist Leben pur! Der eine schießt mit seinem Tretrad an mir vorbei, die Mama auf dem Fahrrad hinterher. Dort krabbeln zwei kleine Freunde aus dem Auto und reden schon ganz lebhaft miteinander. Und der nächste kommt auf dem Bürgersteig auf mich zu und strahlt, weil der Papa ihn huckepack auf den Schultern trägt. Einfach schön, das mitzuerleben. Wenn sie später auf dem Spielplatz der Kita sind, dann höre ich vom Büro aus, wie sie sich ihres Lebens freuen. Und ich freue mich, dass diese kleinen Kinder mir fast täglich über den Weg laufen. Dass ich sie erleben kann. Wie lebendig sie sind. Und spontan. Und offen für die Menschen und für alles Schöne, das ihnen begegnet. Wie sie mit einer gewissen Leichtigkeit und verspielt durchs Leben gehen. Wie sie in ihren Gefühlen zuhause sind. Und wie sie strahlen! Und dann oft die Kontrasterfahrung: Wenn ich Erwachsene erlebe, die das verloren haben. Bei denen all das, was sie als Kind ausgezeichnet hat, weg ist, wie eingesperrt. Menschen, bei denen das Kind in ihnen keinen Raum mehr hat, keine Lebenschance. Weil der Ernst der Lebens und manche bittere Erfahrung es überlagert haben. Dann ahne ich, was Jesus mit seinem Satz über die Kinder gemeint hat: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen" (Mt 18, 3). „Himmelreich", das Reich Gottes, das ist der Lebensraum, in dem sich die Menschen mit Hilfe des Geistes Gottes entfalten können und zu ihrem Lebensglück finden. Ich bin heilfroh, dass ich immer wieder die Kleinen von der Kita treffe. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, dass ich „das Kind in mir" achtsam wahrnehme und ihm Raum gebe. Wenn Erwachsene in diesem Sinn „Wie die Kinder werden", dann hält das jung und lebendig.

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Jeder normale Mensch hätte sich krank gemeldet und seine Mitarbeit beim Kurs abgesagt. Krank ist krank. Und Krankheiten kuriert man am besten aus. Damit es einem dann wieder gut geht. Und damit man wieder richtig einsatzfähig wird. Auch Sr. Karla war krank. Die Ordensschwester fast inzwischen fast 70 Jahre alt. Im Sommer war sie vier Wochen lang bei ihren indischen Mitschwestern. Sie hat sie auf ihrem spirituellen Weg begleitet. Viele Gespräche auf Englisch. Anspruchsvolle Arbeit in anstrengendem Klima. Die Luftverschmutzung vor Ort hat ihr den Rest gegeben: Mit einer Allergie und einer Infektion kam sie zurück. Der Arzt hat ihr ein Antibiotikum und Bettruhe verordnet. Aber sie kam trotzdem zu unserem Exerzitienkurs. Unbedacht? Nein. Aus Leichtsinn? Nein. Aus echtem Gottvertrauen. Ob jemand ein bisschen verrückt oder ein bisschen heilig ist, das ist manchmal von außen nicht gleich zu unterscheiden. Sie kam, sie hat uns erzählt, was sie erlebt hat - und dann hat sie losgelegt. Wir haben zu dritt Exerzitien angeboten, Tage der Stille in einem Kloster, eine Woche der Besinnung auf den eigenen Lebensweg und Glaubensweg. Sr. Karla hat neun Menschen begleitet. Das bedeutet neun intensive, fordernde Gespräche am Tag, und das acht Tage lang. Wie will sie das durchhalten, bei der angegriffenen Gesundheit?! Aber sie hat es gut überstanden, sie ist dabei im Laufe der Tage immer munterer geworden - und am Ende ging es ihr richtig gut. Und den neun, die sie begleitet hat, auch. Am zweiten Abend haben wir sie gefragt, wie sie das schafft. Ihre Antwort: „Gott schenkt mir jeden Tag genau so viel Kraft, wie ich für diesen Tag brauche, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Darauf kann ich mich verlassen. Und damit geht es gut." Auf die eigenen, geschwächten Kräfte konnte die Schwester nicht bauen. Aber sie wusste, dass sie sich auf Gott verlassen konnte: „Gib Du mir Kraft von Deiner Kraft!" Und die hat sie geschenkt bekommen. Mir hat das imponiert. Ein Beispiel von echtem Gottvertrauen. Damit wird möglich, was unmöglich scheint. Und damit lebt sich's leichter. Gottseidank!

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„Was zwingt uns denn, die Dinge von ihrer schlimmsten Seite zu nehmen?" fragte der Dorfpfarrer im Taunus seine Gemeinde, nachdem er zuvor alle Schrecken aus den Nachrichten aufgezählt hatte: Den Hunger in Somalia, die Hoffnungslosigkeit der jungen Arbeitslosen und Gewalt und Terror an allen Enden der Erde. Es ging ihm  nicht darum, das Schlechte und Schlimme zu relativieren oder schön zu reden. Sondern ihn bewegten die Ohnmacht und Ratlosigkeit, mit der wir mancher Not gegenüberstehen. „Das Schlimme ist dann am schlimmsten" sagte er, „wenn wir es nicht ändern können." Und damit wollte er sich nicht abfinden. Er glaubte daran, dass die Dinge immer noch eine andere Seite haben, von der aus etwas zu machen ist. Das klingt naiv - und funktioniert häufig dennoch, auch bei großen Problemen: Im Südosten  Berlins gleitet ein ganzer Wohnbezirk allmählich in die wirtschaftliche und soziale Hoffnungslosigkeit. Hier kommt alles zusammen: Leere Fabrikhallen, wirtschaftlicher Niedergang, Arbeitslosigkeit, gleichgültige Politiker und ratlose Bürger. Wie soll sich da etwas verändern? Da gelingt es einem Professor und einer Hand voll seiner Studenten, im Gespräch mit Bürgern einen Anstoß zu geben. Kleine Gruppen, Initiativen und Vereine, Geschäftsleute und Kirchengemeinden tun sich zusammen. Über religiöse und soziale Grenzen hinweg machen sie gemeinsame Sache, um ihrem Quartier eine Perspektive zu geben. Sie erzwingen die Aufmerksamkeit der Politik und bringen die Stadtregierung dazu, eine Fachhochschule im Bezirk anzusiedeln und eine Brücke bauen zu lassen, die das Wohngebiet aus der Isolation von anderen Vierteln befreit. Gleichzeitig stellen sie eine Fülle von Initiativen und Hilfen für die Menschen auf die Beine - alles ohne staatliche Unterstützung oder öffentliche Gelder. Bei einer Versammlung treffe ich auf über 500 Menschen, die sich hier engagieren. Sie haben sich nicht beirren lassen, weder von der Größe des Problems, noch vom Desinteresse der Politik. Sie waren nicht bereit, die Dinge so hinzunehmen, wie sie sie vorfanden. Niemand konnte sie zwingen, die Situation für unveränderlich zu halten. Der Pfarrer aus dem Taunus hätte seine Freude an diesen Menschen.

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Mitten im Gottesdienst fand eine Modenschau statt. "Schönheit" war das Thema des Gottesdienstes. Und da sei eine Modenschau durchaus am Platz, erklärte der Pastoralreferent in der bayerischen Gemeinde. Er sagte: „Kirche darf nicht nur Angebote für die 15% Christen machen, die sowieso kommen, sondern auch für die anderen 85 % Menschen."
Zuerst bin ich irritiert. Ich brauche keine Modenschau im Gottesdienst. Aber dann lese ich, dass  der Vatikan anregt, in den europäischen Großstädten die Evangelien vollständig öffentlich vorlesen zu lassen oder mit Bußfeiern auf die Beichte hinzulenken. Also ich bezweifle, dass das auch nur die 15 % selbstverständlichen Christen erreicht, geschweige denn die übrigen 85%. Vielleicht ist das mit der Modenschau doch nicht verkehrt. Um was geht es? Kirche will ihre Botschaft, zum Beispiel von der Schönheit der Schöpfung, so verbreiten, dass sie verständlich und befreiend ist. Und wenn  Kirche zu allen sprechen will, dann muss sie auch für alle verständlich sein. Und wenn es um das Thema Schönheit geht, dann verstehen auch kirchenferne Menschen eine Modenschau jedenfalls besser als geheimnisvolle Hinweise auf Lilien auf dem Felde oder auf Salomons Gewänder - Bilder, die allenfalls noch regelmäßige Kirchgänger verstehen. Vielleicht ist die Modenschau mitten im Gottesdienst ein Stilbruch. Aber sie macht ernst mit dem Anliegen, die Botschaft des Evangeliums verständlich zur Sprache zu bringen. Die Vorschläge aus dem Vatikan dagegen - öffentliche Lesungen und Bußfeiern - entsprechen zwar dem üblichen kirchlichen Stil, aber das ist vielleicht genau ihr Problem. Und das ist mehr als eine Stilfrage. Es ist die Frage nach der Bereitschaft, sich auf die Lebenswelt der Menschen verständlich einzulassen. Ihre Sprache zu sprechen, ihre Bilder zu benutzen. Vielleicht ist das die aktuelle Aufgabe kirchlicher Verkündigung: Die Botschaft des Evangeliums für alle verständlich zu formulieren. Und sei es mit Hilfe einer Modenschau.

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...verdirbt den Charakter 
Geld verdirbt den Charakter. Diese Alltagsweisheit haben Psychologen jetzt erweitert. Sie untersuchten, wie hilfsbereit Kleinkinder sind. Und fanden heraus: jede Art von materieller Belohnung verdirbt den Charakter. Zweijährige Kinder halten einem Erwachsenen, der sich mit einem schweren Karton abmüht,  spontan die Tür auf. Werden sie dafür gelobt dann tun sie das ganz selbstverständlich auch in Zukunft. Gibt man ihnen aber eine Süßigkeit oder ein Spielzeug, dann schalten sie sehr schnell um und halten die Tür nur noch auf, wenn es wieder eine Belohnung gibt. Die Kinder lernen schnell wie Leistung und Gegenleistung, Lohn und Belohnung zusammenhängen. Sie können sich mit dem Tür-Aufhalten etwas verdienen, und setzen dieses Wissen gezielt ein. Aber bei den Kindern ist noch etwas anderes passiert: Ihre ursprüngliche Hilfsbereitschaft ist erloschen. Es gibt Haltungen und Werte, die kann man nicht bezahlen. Die spontane Hilfsbereitschaft der Kinder lässt sich nicht kaufen. Versucht man es dennoch, dann verflüchtigt sich das Unbezahlbare - und zurück bleibt nur noch die bezahlbare Leistung, das Tür-Aufhalten. Erwachsenen geht es da nicht anders als Kindern. Sie  reagieren deshalb oft zu Recht verärgert oder gar beleidigt, wenn sie Geld bekommen sollen für etwas, das mit Geld nicht zu bezahlen ist. Die meisten Ehrenamtlichen wollen für ihren sozialen, kulturellen oder sportlichen Einsatz kein Geld, sondern Anerkennung. Kommt man ihnen mit Geld, dann fühlen sie sich missverstanden; werden sie nicht anerkannt, fühlen sie sich ausgenutzt. Materielle Belohnung verdirbt dann die Werte, wenn sie mit Geld ausgleichen will, was nicht zu bezahlen ist. Immaterielle Werte können wir auch nur immateriell belohnen - durch Anerkennung, durch Aufmerksamkeit, durch Respekt, durch aufrichtigen Dank. Das ist häufig anstrengender als ein paar Scheine über den Tisch zu schieben. Aber nur so werden Hilfsbereitschaft und Engagement, Entgegenkommen und Freundlichkeit ernst genommen. Anderenfalls muss ich bald auch noch das Tür-Aufhalten bezahlen.

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Heute ist der „Welternährungstag". Eigentlich müsste er „Welthungertag" heißen. Er erinnert daran, dass weit über 800 Millionen Menschen weltweit unterernährt sind und jeden Tag 18000 Kinder  am Hunger sterben. Welternäherung - Das Thema ist wichtig, aber ob ein Gedenktag hilft, ist zweifelhaft. Es wird Konferenzen und Tagungen geben, trotzdem werden die Qualen der Hungernden nicht geringer. Und es werden auch nicht Tausende ihren Geldbeutel öffnen und reichlich spenden oder gar ihre Lebensgewohnheiten ändern, nur weil Welternährungstag ist. Der Gedenktag hat vielleicht den gleichen Sinn wie der heutige Sonntag. Die Bibel schildert den Sonntag vor allem als Unterbrechung -  als Unterbrechung der Arbeitswoche, als Unterbrechung von Anstrengung und Mühe. Die Logik von Arbeit und Leistung wird unterbrochen, damit auch noch Anderes Platz hat,  zum Beispiel Feier und Erholung. Einen ähnlichen Sinn können Gedenktage haben. Der Welternährungstag unterbricht die Selbstverständlichkeit, mit der sich viele von uns im Wohlstand eingerichtet haben. Mitten in unserem guten Leben unterbricht er das Nachdenken, wie es uns noch besser gehen könnte, mit dem Gedanken an 800 Millionen hungernde Menschen.  Die Selbstverständlichkeit, mit der wir unsere Güter genießen, bekommt einen Riss, wenn wir an 18000 Kinder denken, die täglich verhungern. Gedenktage machen die Welt nicht mit einem Schlag besser. Sie stillen keinen Hunger und beseitigen keine Armut. Aber sie unterbrechen den Alltag, durchbrechen das Leben. Wie der Sonntag auch.  Und der Welternährungstag macht deutlich, dass weder unser Wohlstand noch die Not der Hungernden alltäglich oder selbstverständlich sind.

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