Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Bei dem sind alle guten Worte umsonst." Sagen die Eltern von Lukas zu mir. Ich kenne ihn, auch mich hat er im Konfirmandenunterricht oft zur Weißglut gebracht. Lukas ist inzwischen fast 17 und hat schon eine Jugendstrafe bekommen. Wegen einer Prügelei auf dem Bahnhof. Die Eltern sind am Ende. „Bei dem sind alle guten Worte umsonst!" sagen sie.
Gute Worte kommen scheinbar nicht an. Vielleicht kennen Sie das auch. Dieses Gefühl von Ohnmacht. Dabei müssten gute Worte doch Wirkung haben.
Der Prophet Jesaja meint: Gottes Wort wirkt. Ganz sicher. „Wenn der Regen vom Himmel fällt, schreibt er, dann kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt.
Er feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das Gott spricht: Es wird nicht wieder leer zu Gott zurückkommen, sondern bewirkt, was er will."
Gottes Wort wirkt. Wenn das stimmt, dann kann man als Mutter oder Vater von so einem Kind wie Lukas schon fragen: Wie kommt Gottes Wort an das Ohr meines Kindes?
Wie kommt Gottes Wort in mein Wort, sodass es nicht umsonst ist?
Ich muss an meine Mutter denken. Wie oft hat sie sich den Mund fusselig geredet.
Und ihre Worte gingen bei mir links rein und rechts wieder raus. Aber auch wenn ich nicht das gemacht habe, was sie wollte, habe ich gespürt: Sie hängt an mir. Sie gibt mich nicht auf.
Früher habe ich hinter den guten Worten nur Belehrungen gehört. Heute erkenne ich darin die Liebe und Zuneigung meiner Mutter. Das hat mir über die Jahre doch den Rücken gestärkt.
Wer gute Worte macht, tut das nie umsonst. Auch wenn die gewünschte Wirkung scheinbar ausbleibt. Denn wer gute Worte macht und es auch so meint, ist ein Botschafter der Liebe Gottes. Und diese Liebe hinterlässt immer eine Wirkung. Gute Worte, liebevolle Worte sind wie ein warmer Regen auf ausgetrocknete Erde. Da entsteht etwas. Da kommt noch was. 
 „Bei dem sind alle guten Worte umsonst!" Ich kann den Frust der Eltern von Lukas gut verstehen. Dennoch: Irgendwann wird sich zeigen, welche Wirkung ihre guten Worte gehabt haben. Vielleicht wenn Lukas selbst Kinder hat und ihnen gute Worte mitgeben möchte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11635

Nach dem Gemeindefest sitzen wir noch lang zusammen. Reden über Gott und die Welt. Irgendwann wird es kontrovers. Das liegt am Thema: Es geht um den Islam. Vielen passt es nicht, dass in Deutschland Muslime ihren Glauben praktizieren, mit Kopftuch und Moscheebau. Die wollen sich nicht integrieren hier, heißt es dann.
Wie zum Beispiel die Familie Yildirim. Die wohnt gegenüber vom Gemeindehaus. Ömer der Großvater, hat immer eine weiße Kappe auf. In den 70igern kam er als Gastarbeiter nach Deutschland. Seine Kinder sind hier geboren und die Enkel auch. Ömer ist praktizierender Muslim. Er hat seine Art zu glauben aus der alten mit in die neue Heimat genommen. Ömer hat immer die Tsbih, die islamische Gebetskette in der Hand.
„Das ist der Untergang des Abendlandes", führt einer in unserer Diskussion an. Da ergreift Frau Müller Partei: „Früher hab´ich auch so geredet. Seit 30 Jahren wohnen Günther und ich neben den Yildirims. Nie haben wir außer Guten Tag ein Wort miteinander geredet.
Aber in der Zeit als Günther krank war und ich wochenlang um sein Leben gebangt habe.
Da hab´ ich die Nachbarn richtig kennen gelernt. Wieder mal stand der Krankenwagen bei uns vor der Tür. Und sie haben meinen Günther mitgenommen. Ich hab allein zu Hause gesessen. Ich habe mich gefragt, wie es weiter gehen soll, warum passiert das gerade  uns?
Da hat es an der Tür geklingelt. Die große Enkelin von den Yildirims stand da:
Mein Opa schickt mich. Wissen sie er kann nicht so gut deutsch. Aber wir haben gesehen, dass der Notarzt bei ihnen war. Und mein Opa hat gesagt: Birsen, sag der Nachbarin:
Wir beten alle für ihren Mann. Gott ist barmherzig. Gott ist sehr groß. Allahu akbar"
Still ist es geworden, als Frau Müller erzählt hat von Günther und Ömer und Birsen.
Sicher gibt es viel, was Christen und Muslime unterscheidet und voneinander trennt.
Ich bin überzeugt, es bringt uns, die wir hier in Deutschland leben, näher zusammen, wenn wir auf die Gemeinsamkeiten sehen. Gott ist barmherzig. Daran glauben Christen genauso wie die Muslime. Und Gott ist groß. Größer als wir alle es uns vorstellen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11634

„Im Mai zu trocken und im Sommer zu kalt. Was die Menge angeht, wird das kein Rekordjahr. Aber bei der Qualität habe ich ein gutes Gefühl", erzählt mir unser Winzer.
Klasse statt Masse! Darauf können wir uns also freuen, wenn der 2011er in die Flasche kommt.
„Der Wein erfreut des Menschen Herz", steht schon in der Bibel. Wein, das ist schon zu biblischen Zeiten ein hohes Kulturgut und Ausdruck von Lebensfreude. Deshalb war das erste Wunder, das Jesus vollbracht hat, bei einer Hochzeit. Da hat er zu vorgerückter Stunde Wasser zu Wein gemacht. Nicht irgendein Fusel, weil die Leute ja eh schon ein bisschen angeschwipst waren. Ein Klassewein, wie alle gemeint haben.
Was wäre das Leben, ohne solche überraschend schönen Momente? Zusammen sitzen und feiern. Bei einem guten Tropfen. Über den Geschmack ins Schwärmen kommen. Sich dabei verstehen und tief verbunden fühlen über den Moment hinaus. Eine wunderbare Zeit, die man miteinander verbringt. Einfach, indem man sich zuprostet und sagt: Ist das Leben nicht schön! Nicht immer, aber jetzt und hier.
Jesus hat solche Momente immer wieder mit dem Wein in Verbindung gebracht. Dass der Wein des Menschen Herz erfreut, das hat er sicher gewusst. Und es auch reichlich genossen. Kein Wunder, dass Spötter ihn einen „Fresser und Weinsäufer" geschimpft haben.
Deshalb ist ein kein Zufall, dass Jesus bei seinem letzten Mal mit seinen Freunden gesagt hat: dieser Wein da, in dem steckt etwas von der Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt.
Deshalb bin ich mitten unter euch, wenn ihr in meinem Namen Wein trinkt und Brot esst.
Man braucht nicht den Superluxus, keine Flat-rate für Spaß, es kommt auf die Qualität an. Der besondere Wein, der besondere Moment, der das Leben wertvoll macht. Das ist es.
Im Mai zu trocken und im Sommer zu kalt. Vielleicht war dieses Jahr bei Ihnen auch kein Rekordjahr. Aber wenn die Qualität stimmt, wenn es diese Momente gibt, mit einem Menschen, mit dem Kreis von Freunden, dann ist es trotzdem gut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11633

Aufrichtig sein - das klingt gut, das klingt so einfach. Aber Jan war nicht aufrichtig. Der Junge, 10 Jahre ist er alt, hatte offensichtlich etwas ausgefressen. „Was ist denn mit dir?", frage ich ihn nach der Unterrichtsstunde. „Nichts, gar nichts", sagt er. Und wird dabei so rot wie ein Apfel an unserem Apfelbaum. „Tschüss", ruft er und saust davon.
Nur - man begegnet sich halt wieder. Und auch beim nächsten Treffen ist sein Gesicht wie ein offenes Buch, mit der Überschrift: „Habe schlechtes Gewissen!"
Irgendwann sprudelt es allein aus ihm heraus. Er hat einen Euro genommen. Und hat sich nicht getraut, etwas zu sagen.
Soll ich jetzt schimpfen? Stehlen ist schließlich stehlen.
Nein, ich habe nicht geschimpft mit ihm. Ich habe ihn gelobt. Nicht für seine Tat. Den Euro muss er zurückgeben. Aber für seine Ehrlichkeit habe ich ihn gelobt.
Ehrlichkeit- ist das nicht genau das, was man heute oft vergeblich sucht? Sogar bei denen, die Vorbild sein wollen? Da hören wir manchmal: „So genau muss man es auch nicht nehmen mit der Ehrlichkeit. Jeder hat ja Dreck am Stecken. Warum solltest du was zugeben?"
„Wenn du etwas zugibst und bereust, dann wird es wieder zu recht kommen." Das habe ich zu Jan gesagt. Und dabei insgeheim gehofft, dass das auch stimmen wird -dass ihm vergeben wird.
Jan jedenfalls hat seine Tat zugegeben. Er hat es genau genommen mit der Ehrlichkeit. Gott sei Dank! Sein strahlendes Gesicht danach, das hätten Sie einmal sehen sollen! Ein offenes Buch mit der Überschrift: „Ich bin ja so erleichtert!"
Ihm hat es wohl am meisten gut getan, dass er ehrlich war. Wie wenn Steine vom Herzen fallen.
Zugeben, ehrlich sein - das ist nicht immer leicht. Aber wenn ich es schaffe, dann fühle ich mich erleichtert, muss nichts mehr verbergen, muss keine Rolle mehr spielen. „Wenn du etwas zugibst und bereust, dann wird es wieder zu recht kommen." Vielleicht nicht mit allen Menschen. Ganz gewiss aber mit Gott. Und mit dir selber!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11604

Es gibt Menschen, die kann ich nur bewundern. Da war dieser Mann, vor vielen Jahren bin ich ihm begegnet, der hatte in seinem hohen Alter mehr als nur einen Kummer. Seinen Sohn hat er früh verloren, dann auch seine Frau. Und er selber war auch nicht gerade gesund und auch nicht begütert. Und doch: Da ging eine Heiterkeit von ihm aus, die war geradezu ansteckend. „Wie machen Sie das?", frage ich ihn. „Wie schaffen Sie es, trotz allem so gelassen zu sein?"
Er zwinkert mir zu, steht auf und geht zu seinem Klavier. Dann beginnt er zu spielen. Und ist wie in einer anderen Welt. All das Schwere, was er mir auch erzählt hatte, bekommt auf einmal Flügel und fliegt davon. Er bleibt eine ganze Weile im Klavierspiel versunken, bis er aufhört und mich anschaut. „Es ist auch die Musik, die mir hilft," sagt er. „Diese wunderbaren Melodien verbinden mich mit denen, die mir jetzt so fehlen." Dann steht er auf und sagt entschieden: „Man darf nur nicht zu viel grübeln. Ich glaube, sonst wäre ich schon im Kummer versunken."
„Und außerdem", und jetzt lächelt er wieder - „außerdem gibt es doch so viel Schönes auf dieser Welt. Warum sollte ich mich nicht noch am Gesang der Vögel, an den bunten Blättern -oder eben an meiner geliebten Musik erfreuen?"
„Ja, warum nicht"?, denke ich, als ich mich von ihm verabschiedet habe und wieder meiner Wege gehe. Der Mann hat recht. Zu viel Grübeln bringt gar nichts. Zu viel Grübeln  - damit will ich doch nur unter Kontrolle zu bringen, was sich vielleicht gar nicht kontrollieren lässt: die kleinen und großen Sorgen, die Angst vor dem, was kommen kann. Und dabei verliere ich oft den Blick für all das Schöne, die schönen Melodien, das leuchtende Herbstlaub.
Nein: Naiv war der Mann nicht. Er hat auch geweint über seinem Kummer. Aber er hat wohl verstanden, was Martin Luther einmal sagte:
„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht verhindern. Doch du kannst verhindern, dass sie Nester in deinem Haar bauen!"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11603

„He, ihr beiden, könnt ihr mir mal helfen?" sagt der Vater zu seinen beiden Söhnen. „Nö, keine Lust!", sagt der eine. Ja, sagt der andere. Der schnelle Jasager hat es nachher wohl vergessen - auf jeden Fall rührt er später keinen Finger. Aber der Sohn, der Nein gesagt hat - der überlegt es sich anders, und packt am Ende mit an.
Ein kurze Geschichte, die Jesus mal erzählt hat. Und die mir durchaus bekannt vor kommt.
Ja sagen geht manchmal echt leicht. Es auch zu machen, nicht immer. Wer Ja sagt, hat erst mal die Anerkennung und das Lob, noch bevor irgendwas getan ist. Die Nein-Sager haben es viel schwerer, erst einmal. Sie ziehen den ganzen Ärger auf sich.
Jesus redet in der kurzen Geschichte aber noch von einem besonderen Neinsager. Einer, der Nein sagt zu Gott, wenn der etwas von uns will. Nein sagen, wenn ich merke: Hier braucht mich Gott. Nein sagen zu der Stimme meines Gewissens.
Nein sagen zu Gott, oder ihn gar nicht zur Kenntnis nehmen, das ist heute fast schon normal. Und vielleicht war es das damals schon so, als Jesus diese Geschichte erzählte.
Aber die Geschichte sagt: Wer heute Nein sagt, der ist für Gott noch lange nicht passé.
Am Ende findet der Neinsager vielleicht doch noch ein Ja. Wie der Mann, den ich mal im Krankenhaus besuchte. Er sei Atheist, sagte er mich gleich. Er wollte nur an das glauben, was man beweisen kann. Durch die Krankheit ist er nachdenklich geworden.
Und er bittet mich: „Erzählen Sie mir mal von Gott." Das habe ich dann auch gemacht. Und als ich fertig bin, sagt er: „Ja, das mit der Liebe und der Vergebung, das scheint mir wirklich wichtig zu sein."
Und weil er mehr davon erfahren möchte, verspreche ich ihm, wiederzukommen.
Als ich nach dem Besuch die Türe hinter mir schließe, denke ich: „Der hat sein Leben lang nein gesagt, hat gezweifelt und nichts von Gott wissen wollen. Und doch hat Gott seine Tür wieder ganz weit auf gemacht."  Vielleicht fällt Gottes Tür nie ganz zu. Und jeder Tag ist eine neue Chance, durch sie hindurch zu gehen und Erfahrungen zu machen -  mit seiner Liebe und seinem Ja zu uns!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11602

„Gott Lob, der Sonntag kommt herbei..." So heißt es in einem Gesangbuchlied. Der Liederdichter im 17. Jahrhundert hat dabei vielleicht an eine schwer schuftende Bauernfamilie gedacht. Am Sonntag, endlich, darf mal Ruhe sein. Da wird früh am Morgen nur noch das Vieh gefüttert und versorgt, aber ansonsten ist endlich einmal weniger zu tun. So war es früher bei vielen. Und ähnlich heute noch bei manchen, die fast rund um die Uhr schaffen müssen und kaum einen freien Tag haben.
Gott Lob, der Sonntag kommt herbei- für manche gilt das heute genauso wie damals. Für die ist der Sonntag auch ein echter Schatz - ein Tag, an dem sie endlich mal sagen können: Heute habe ich frei! So wie es Gott ja auch gemeint hat - „Am siebten Tage sollst du ruhen"!
Dass Wirtschaft und Gesellschaft darauf oft keine Rücksicht nehmen, das ist ja kein Geheimnis. Weshalb sich die Kirchen ja auch beharrlich um einen echten Sonntag bemühen.
Aber was mache ich selber damit? Ich denke ja auch oft - Sonntag, oh, je, morgen schon geht alles wieder los. Und statt zu ruhen, packe ich den Sonntag oft voll mit Aktivitäten, die auch etwas von Alltagsunruhe haben. Und so wird aus dem Sonntag fast ein normaler Tag.
Dabei ist der Sonntag doch ein echtes Geschenk Gottes. Ich verstehe das wie eine freundliche Einladung. Schau doch, sagt Gott, heute hast du die Chance, noch mal genau hinzuschauen. Was ist wirklich gut für dich? Was ist wirklich wichtig? Etwas Ruhe, der Abstand zum Alltäglichen und Zeit für die wichtigen Beziehungen: die zu Gott, zu meinen Lieben, zu mir selbst. Um all das zu erfahren, da hilft mir ein Wort aus der Bibel, ein vertrauter Vers, ein Lied. Oder die Gemeinschaft mit anderen, die wie ich ihrer Seele eine Pause gönnen wollen, die Zeit haben wollen für Gott und für das, was er uns schenkt. Neues Licht, neue Hoffnung. Jeden Sonntag neu feiern wir, dass Jesus auferstanden ist, dass das Leben siegt und die Liebe stärker ist als alles, was Menschen kaputt machen will.
Denn so geht das Lied auch weiter: „Gott Lob, der Sonntag kommt herbei, da wird die Woche wieder neu! Heut hat mein Gott das Licht gemacht, mein Heil hat mir das Leben bracht."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11601