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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Das Wort Biosprit hat bei deutschen Autofahrern keinen guten Klang. Der Grund ist ein Kraftstoff namens E 10. Der stand im Verdacht, dass er den Motoren der Autos schaden könnte. Auch Carmen Rios sieht bei dem Wort Biosprit rot. Dabei hat die Frau gar kein Auto. Und sie wird auch niemals ein Auto besitzen. Denn die Frau aus Nicaragua ist eine ganz einfache Frau. 55 Jahre alt, sechs Kinder, Witwe. Zum Thema Biosprit kann sie trotzdem eine ganz Menge erzählen. Vor einigen Monaten war sie deshalb in Deutschland. Carmen Rios kommt aus einem Land, wo Biosprit produziert wird. Ihre ganze Familie ist zwischen Zuckerrohr aufgewachsen. Daraus hat man in Nicaragua schon immer Zucker gewonnen - und natürlich auch Schnaps gebrannt. Aber seit dem Boom des Biosprits hat sich etwas geändert. Denn jetzt wird aus Zuckerrohr auch Treibstoff. Der Druck auf die Menschen in den Zuckerrohr - Plantagen hat seitdem enorm zugenommen. Immer höhere Erträge pro Hektar müssen erzielt werden. Carmen Rios hat es besonders hart getroffen. Sie hat nacheinander ihren Vater, ihren Bruder und schließlich auch ihren Ehemann verloren. Alle drei sind an Nierenversagen gestorben. Die Regierung von Nicaragua hat mittlerweile eingeräumt, dass das mit dem Pestizideinsatz auf den Plantagen zusammenhängt. Aber nicht alle Konzerne erkennen ihre Verantwortung an. Deswegen hat Carmen Rios eine Protestbewegung für bessere Arbeitsbedingungen organisiert. Dass deutsche Autofahrer Biosprit ablehnen, hat die energische Frau dann auch irgendwie gefreut. Für sie ist alles ermutigend, was die Nachfrage nach Biosprit bremst. Für mich ist es manchmal schon erschreckend, wie sehr unser Lebensstil Auswirkungen auf Menschen an ganz anderen Orten in der Welt haben kann. Biosprit ist dafür ein gutes Beispiel. Der Energiehunger der Autos verdrängt in vielen Ländern den Anbau von Grundnahrungsmittel. Wir leben eben in einer globalisierten Welt. Umso wichtiger ist es, auf Stimmen wie die von Carmen Rios zu hören.

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Wenn ein Kind drei Monate alt ist, schläft es nachts durch. Wenn es ein Jahr alt ist, macht es die ersten Schritte. Und im Alter von zwei Jahren fängt es an zu sprechen. So ähnlich steht es im Lehrbuch. Aber jeder, der Kinder hat oder früher einmal hatte, weiß: Kinder haben ihr eigenes Tempo. Die halten sich nicht an solche Vorgaben. Für Eltern ist das nicht immer einfach. Vor allem in einer Zeit, die verlangt, immer vorne mit dabei zu sein. Da kann schon im Mutterleib die Kopfgröße ein Anlass zur Sorge sein. Und nach der Geburt wird erst recht jede Abweichung aufmerksam verfolgt. Kann das Kind schon mit seinen Händen etwas anfangen oder nicht. Gott sei Dank gibt es Ergotherapie. Spricht es zu wenig. Dafür gibt es Logotherapie. In der Schule kommt die Angst dazu, ob das Kind mitkommt. Zum Glück gibt es ja Nachhilfe. Manche dieser Fördermaßnahmen sind sicher sinnvoll. Ob aber ein ständiges Fördern der Kinder so gut ist, daran hat Remo Largo seine Zweifel. Der Mediziner war lange Jahre Professor für Kinderheilkunde in Zürich. Sein Fazit: Eltern sollten sich nicht ständig darum kümmern, dass Kinder Fortschritte machen. Kinder, so sagt er, kann man gar nicht beliebig fördern. Man kann ja auch nicht beliebig Nahrung in sie hinein stopfen, auch wenn es die allerbesten Lebensmittel sind. Eltern sollten mehr vertrauen, dass die Kinder sich selbst entwickeln wollen. Und ihnen dabei ihr eigenes Tempo lassen. Das ist eine überraschende Empfehlung. Und sicher nicht ganz einfach. Sie verlangt einiges an Mut. Zum Beispiel, es auszuhalten, wenn das eigene Kind nicht so schnell ist wie die anderen. Natürlich kann die Förderung von Kindern sinnvoll sein. Aber wenn Eltern in ihren Kindern vor allem ein Projekt sehen, das unbedingt gelingen muss, dann wird es schwierig. Solchen Eltern rät der Kinderarzt Remo Largo zur Gelassenheit. Kinder sind nicht dazu da, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Wichtiger für Eltern ist es, eine intensive Beziehung zu ihren Kindern zu entwickeln. Eine gute Beziehung trägt ein Leben lang. Sie ist das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können.

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Regeln und Gesetze müssen eingehalten werden. Das lernt schon jedes Kind. Aber manchmal ist es besser, wenn Recht und Gesetz nicht das letzte Wort haben. Ein Beispiel dafür ist für mich der Fall der afrikanischen Zwillinge Christiane und Philippe. Vor zwölf Jahren wurden sie in dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste geboren. Wenige Wochen vor ihrer Geburt floh der Vater nach Deutschland, weil er bedroht wurde. In Hamburg erhielt er Asyl. Einige Jahre später konnte auch die Mutter nach Deutschland ausreisen. Doch die Kinder durften aus rechtlichen Gründen nicht nachkommen. So lebten sie in Afrika bei Verwandten. Aber im Frühjahr dieses Jahres überschlugen sich die Ereignisse. In der Elfenbeinküste brach ein offener Bürgerkrieg aus. Verzweifelt versuchten die Eltern von Hamburg aus, Kontakt zu ihren Kindern aufzunehmen. Sie waren überglücklich, als sie erfuhren, dass ihre Kinder den Krieg überlebt hatten. Aber der Junge und das Mädchen waren durch die Kriegswirren schwer traumatisiert. Die Eltern setzten nun alle Hebel in Bewegung, die Kinder nach Deutschland zu holen. Doch die deutschen Einreisebestimmungen ließen das auch jetzt noch nicht zu. Bis es zu einer unerwarteten Wende kam. Eine große Zeitung wandte sich an den Innensenator in Hamburg. Der nahm Kontakt mit den zuständigen Behörden auf. Und siehe da: In diesem ganz speziellen Fall wurde eine Ausnahme gemacht. Für die beiden traumatisierten Kinder wurde auf einige der gesetzlichen Bestimmungen verzichtet. So wurde eine Einreise der Kinder möglich. Ein großes Glück für Kinder und Eltern! Und für mich ein Beispiel dafür, dass manchmal Barmherzigkeit vor Recht gehen muss. Diese Lebensweisheit findet sich schon beim Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens. Als er vor 1.600 Jahren eine Regel für sein Kloster verfasste, gab er dem jeweiligen Abt folgenden Rat: Der Abt muss alle Regeln und Gesetze kennen. Aber immer, wenn er über einen der Mönche entscheiden muss, soll ihm Barmherzigkeit wichtiger sein als ein strenges Urteil.

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„Eure Bibel ist aber auch nichts für Warmduscher" hat mir einmal ein kritischer Zeitgenosse gesagt. Und hat mir dann die Geschichte vom Propheten Elija und den 450 Priestern des Gottes Baal erzählt. Das Ganze spielt im 9. Jahrhundert vor Christus und ist im Alten Testament der Bibel nachzulesen, im 1. Buch der Könige. Der König von Israel hatte eine Frau, Isebel. Die hatte aus ihrem Heimatland ihre eigene Religion mitgebracht. Dazu gehörte auch der Gott Baal, der für das Wetter und den Regen zuständig war. Während einer großen Dürre, die  historisch nachgewiesen ist, lässt sie ihre Priester vor dem Altar des Gottes Baal beten und tanzen. Das ruft den Propheten Elija auf den Plan, dem das überhaupt nicht gefällt. Es gibt nur einen Gott in Israel, sagt er, und das ist nicht Baal. Auf dem Berg Karmel, an dessen Flanke heute die Stadt Haifa liegt, kommt es zum Konflikt.  Zwei Opferaltäre werden gebaut, erzählt die Bibel, einer für Jahwe, den Gott Israels, einer für Baal. Das Opfer für Baal bleibt unberührt, auf den anderen Altar fällt Feuer vom Himmel herab und verzehrt es. Damit ist klar: der eine Gott Israels hat das Gebet des Elia erhört, Elija hat gewonnen. Die fremde Religion hat sich als unwahr erwiesen. So weit, so gut. Aber was dann passiert ist ziemlich haarsträubend. Elija nutzt die Gunst der Stunde und lässt alle 450 Priester des Baal kurzerhand hinrichten, nach dem Motto: „Priester weg, Probleme weg". Und so etwas in der Bibel. Nackte Gewalt, die sogar von Gott noch gebilligt wird. Ist das die Botschaft? Wer weiter liest, stellt fest, dass dieser Ausraster für Elija nicht ohne Folgen bleibt. Die Königin schwört ihm blutige Rache, er muss fliehen und verfällt in tiefe Depression. Er will sogar sterben, weil er an sich selbst verzweifelt. Ja es stimmt, die Bibel ist nichts für Warmduscher, es geht manchmal ganz schön gewalttätig her. Aber die Botschaft ist klar: Gewalt erzeugt immer Gegengewalt und wer meint, im Namen Gottes töten zu dürfen, der ist auf dem Holzweg.

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Es soll ja mittlerweile Lehrer geben, deren größte Angst am Morgen nicht mehr der Gang in die pubertierende achte Klasse ist. Die größte Angst ist ein High-Tech Produkt, das in immer mehr Schulräumen die gute alte Schiefertafel ersetzt, das  White- oder Smartboard. Das Smartboard ist wie ein großer Computerbildschirm, auf dem Texte, Landkarten oder Rechenaufgaben abgebildet werden können. Man kann mit dem Finger oder einem digitalen Stift darauf schreiben. Die Oberfläche ist berührungsempfindlich. Und wenn man weiß, wie sie funktioniert, kann sie fast alles. High-Tech eben. Von der Technik überforderte Lehrerinnen und Lehrer würden sich am liebsten selbst abschaffen, würden damit aber einen ganz anderen Trend unterlaufen: den High-Touch. Den hat der Zukunftsforscher John Naisbitt in seinem Buch  „8 Megatrends, die unsere Welt verändern" bekannt gemacht. Eigentlich beschreibt er damit etwas ganz Selbstverständliches: Er bezieht sich auf den Umgang mit Menschen im Gegensatz zum Umgang mit Technik. Er möchte zeigen, dass die völlige Automatisierung weiter teile unserer Geschäfts- und Lebensabläufe früher oder später scheitern müssen. Es gibt, sagt Naisbitt,   keinen Ersatz für die "persönliche Note". Anstatt High Tech für Technik also High Touch, das englische Wort für Berührung. Dieses Wort hat ja im Deustchen zwei Bedeutungen: berühren mit der Hand  aber auch berühren, anrühren mit dem herzen. Das kann heißen, dass ich in der Schule auch etwas lerne und behalte, weil Lehrerin oder  Lehrer mich persönlich angerührt, damit innerlich erreicht und einen Lernprozess ausgelöst haben. Anderes Beispiel: kein Pflegeroboter könnte das persönliche Angebot des Pflegers oder der Pflegerin ersetzen, kein Fernseher die gemütliche Runde im Freundeskreis, kein frommer Brief den Besuch des Seelsorgers. Wenn in den biblischen Geschichten davon die Rede ist, dass Jesus Kranke heilt, hat das fast immer mit Berührungen zu tun. „High-Touch" im wahrsten Sinne des Wortes. Klar, Technik kann viel und ist ein Segen, der wahre Segen aber sollte immer der Mensch bleiben.

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„Haste was, dann biste was." Eigentlich mag man diesen Spruch nicht besonders gern, aber wenn man das Leben nüchtern betrachtet, ist es genau so. Warum also groß darüber reden? Ganz einfach: weil es ganz schön gefährlich werden kann, wenn ganze Gesellschaften nach diesem Prinzip leben und handeln. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: die Krawalle in England.  Da bleiben mir auch die Bilder von Menschen in Erinnerung, die plündernd durch die Gegend ziehen, Flachbildschirme und Computer wegschleppen.  Im Fernsehen hat jemand eine Erklärung dafür versucht:„ Schaffe eine Gesellschaft, in der materielle Dinge über alles gehen. Erhöhe die Steuern für die Armen und reduziere sie für die Reichen. Mache Werbung für alles, ungeachtet dessen, dass es sich die Leute eigentlich nicht leisten können. Und dann zünde die Lunte." Auch Griechenland erfährt jetzt, was passieren kann, wenn jemand Feuer an diese Lunte legt. Seit den rigorosen Sparmaßnahmen steigt nämlich die Kriminalitätsrate sprunghaft an. Denn es gibt genug Menschen, denen jetzt das Geld  richtig knapp wird. Und leider gibt es viele, die jede Gelegenheit ergreifen, sich das zu klauen, was sie sich nicht mehr leisten können. Das Ganze spiegelt, was ein Großteil der Gesellschaft eben längst zur Maxime erhoben hat: „Ich bin, was ich habe." Wenn ich nichts habe, bin ich nichts. Deshalb nehme ich es mir mit Gewalt, wenn ich das Gefühl habe, mir wird etwas vorenthalten.  „Unsere Gesellschaft hat sich Konsumenten erzogen, wir sollten aber eine Gesellschaft von Bürgern erziehen." Das hat der Erzbischof von Canterbury gesagt. Recht hat er, und ich glaube, jeder von uns kann sich da an die eigene Nase fassen. Unser herrschendes Wirtschaftssystem vom wachsenden Markt hat uns das „Haste was, dann biste was" erfolgreich eingebläut und es profitiert prima davon. Dabei ist der Mensch doch viel mehr als nur Konsument. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, warum manchmal ganze Stadtteile brennen.

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Was Naturbeobachter so alles heraus bekommen: Singvögel, die in Städten leben, singen lauter und höher als ihre Artgenossen auf dem Land. Das ist kein Wunder, denn gegen den Lärm, der in einer Stadt produziert wird, muss man irgendwie ja anzwitschern. Der Mensch scheint eine andere Strategie gegen Lärm zu entwickeln. Er setzt sich Kopfhörer auf und übertönt den Lärm von außen mit anderen Geräuschen. Oder er baut Schallschutzfenster ins Haus ein, damit die Außengeräusche nicht rein und plärrende Fernseher oder röhrende Haartrockner und Staubsauger nicht raus können. Von der Bohrmaschine des Heimwerkers ganz zu schweigen. Aber im Ernst: Lärm begleitet unser ganzes Leben und ich glaube fast, dass er auch unsere Sinne trübt, wenn es um das Religiöse geht. Wenn es um das Hören auf das geht, was jenseits unseres Alltags, des Sicht- und Greifbaren geschieht. Wenn es um das geht, was die ganz leisen Stimmen uns erzählen wollen.
Ein Beispiel ist der Prophet Elija aus dem Alten Testament der Bibel. Der hat laut und wild gepredigt, hat im Namen Gottes herumgewütet und wahrscheinlich viel Lärm produziert und Staub aufgewirbelt. Im Endeffekt hat ihn das in die Sackgasse geführt. Und es bleibt ihm nur ein Ausweg - der Weg in die Stille. Ganz allein flüchtet er in die Wüste, will nur noch sterben. Der lärmende Alltag  hat ihn fertig gemacht. Und nachdem er einigermaßen wieder hergestellt ist, hat er eine wunderschöne Gotteserfahrung: er erlebt Sturm, Donner und Erdbeben und in all diesem Lärm ist Gott nicht zu finden. Erst dann, in einem „sanften, leisen Säuseln" so sagt es die Bibel, erfährt er Gottes Anwesenheit. Mir gefällt dieser Wink mit dem Zaunpfahl. Ich weiß, dass ich den Lärm um mich herum nicht abstellen kann, aber so oft es geht, suche ich die Ruhe. Denn es könnte ja sein, dass ich sonst etwas überhöre, was wirklich wichtig ist.

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