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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich habe kurz hintereinander zwei kostbare Dinge verloren, und wiedergefunden:
Einmal meine EC-Karte: Ich will gerade bezahlen und zücke mein Portemonnaie - da sehe ich: sie ist weg! Und wie sehr ich auch in meiner Handtasche herumwühle, sie bleibt verschwunden. Und ich habe auch nicht die geringste Ahnung, wo sie abgeblieben sein könnte: es muss auf alle Fälle vor dem Wochenende gewesen sein. Da wird einem mit einem Mal ganz heiß und kalt! Sofort sehe ich im Geiste mein ganzes Konto ausgeräubert, das Geld weg, der lang ersehnte Urlaub dahin... 
Aber noch am selben Tag erhalte ich die erlösende Auskunft von meiner Bank: Ich könne meine EC-Karte an der Tankstelle abholen. - Ach, ja richtig, das Tanken hatte ich schon völlig vergessen. Jedenfalls, ich bin in die Luft gesprungen vor Freude und Erleichterung!
Und in derselben Woche verliere ich meinen Ring - ein Erbstück, das ich meiner Tochter versprochen habe. Eben steckte er noch an meinem Finger, plötzlich ist er weg. Ich durchsuche alles, fahre in den Supermarkt, in dem ich vormittags einkaufen war und suche den Boden ab, ja, kippe sogar den Müll im Vorgarten aus - nichts. Bestimmt ist er mir irgendwo vom Finger gerutscht und ich sehe ihn niemals wieder... Was wird wohl meine Tochter dazu sagen? Irgendwann im Laufe des Tages räume ich die Zeitung weg, und da liegt er, mitten auf dem Tisch. - War das eine Freude!!! Denn alles ist noch mal so kostbar, wenn man es verloren glaubt...
Das ist eine Erfahrung, die ist allgemeingültig, die macht fast jeder Mensch auf der Welt. Deshalb erzählt auch die Bibel so gerne Geschichten vom Verlorenen. Weil man an dem Beispiel so gut erklären kann, wie das ist: mit Gott und seinem Verhältnis zu den Menschen, die ihm verloren gegangen sind. Die sich abgewandt haben, nicht zur Gemeinde gehören, nicht zur Kirche. Ja, manchmal nicht einmal mehr zur Gesellschaft.
Und doch - in den Augen Gottes sind die Verlorenen noch mal so kostbar. Deshalb gibt er die Suche nie auf. Und wenn so einer wieder zu Gott findet, dann herrscht eine solche Freude im Himmel... - grad so wie bei mir, wenn ich meine EC-Karte wieder finde. Oder den alten Ring. 

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Ein Pfarrer wurde einmal gefragt: Kann man beim Beten rauchen?
- Was denken Sie?
Von uns Frauen heißt es ja bekanntlich, wir könnten jede Menge Dinge auf einmal machen. Bei mir ist es nicht so weit her damit. Natürlich kann ich jemandem ein Glas Wasser einschenken und gleichzeitig reden - kein Problem. Und ich habe schon einige Männer beobachtet, die sind damit überfordert. Die nehmen zwar die Flasche Wasser in die Hand, aber sie müssen erst zu Ende sprechen, bevor sie sich dem Eingießen widmen. Was dazu führt, dass manch eine ungeduldige Frau - wie ich - ihnen die Aufgabe abnimmt...
Ich kann auch noch ein paar andere Dinge gleichzeitig machen: ich kann staubsaugen und Hörbuch hören. Oder Unkraut jäten und Hörbuch hören. Oder fernsehen und meinem Mann mal eben am Rücken kratzen. - Tätigkeiten eben, bei denen man nicht groß nachdenken muss. Aber sobald eine Sache meine ganze Konzentration erfordert, hört es auf.
Wenn ich nicht mit dem Herzen bei der Sache bin, wird alles nichts. Denn ich kann nicht mit ungeteiltem Herzen bei mehreren Dingen gleichzeitig sein. Dann gelingen mir nicht einmal die Nudeln.
Kochen ist da überhaupt ein gutes Stichwort: Ich habe sogar schon die Eier versehentlich in den Ausguss gekippt, weil mich jemand abgelenkt hat. Oder Salz genommen statt Zucker. Aber wenn ich mit ganzer Hingabe koche, dann schmecken sogar die einfachsten Gerichte wunderbar.
Und auch im Gespräch brauche ich die ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn sich da jemand dauernd einer Nebenbeschäftigung widmet, fühle ich mich nicht ernst genommen. Und mit dem Beten verhält es sich ganz genauso. Dabei kann ich nicht noch gleichzeitig die Spülmaschine ausräumen und mit dem Geschirr klappern. - Was soll dann dabei herauskommen? Oder anders gefragt: Warum sollte mir Gott dann überhaupt zuhören?
Nur in Notsituationen ist das anders: Da braucht es schon mal das Stoßgebet zum Himmel, gerade weil ich mit dem Auto unterwegs bin.
Deshalb auch die weise Antwort des Pfarrers: Nein, beim Beten kann man nicht rauchen. Aber beim Rauchen kann man schon mal beten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11517

Wir haben einen Weinstock im Vorgarten, voll mit üppigen Trauben, die hängen nur so über den Zaun, dass es eine Pracht ist. - Saftige, blaue Weintrauben, eine wahre Verlockung für jeden, der daran vorbeigeht.
Vor ein paar Tagen komme ich mit dem Auto nach Hause, da sehe ich eine Frau, die nascht von meinem Weinstock. Ich kurble das Fenster runter und sage:
„Die sind gut, nicht wahr? Nehmen Sie sich davon, soviel sie tragen können. Wir schaffen das sowieso nicht."
Sie sieht mich an und läuft eilig davon. Das verstehe ich nicht. Ich habe sie wirklich freundlich angesprochen. Aber womöglich fühlte sie sich ertappt und dachte, dass ich sie veräpple. - Was kann man da machen?
Ich schreibe auf ein großes Plakat: Pflücken erlaubt und gerne gesehen!
Das hefte ich für jedermann sichtbar an den Zaun. Mal sehen, was jetzt geschieht. Aber, nicht zu glauben: es geschieht gar nichts. Ich bin richtig enttäuscht. Ich dachte: jetzt wird da ordentlich geerntet! Stattdessen habe ich den Eindruck, es wird weniger genascht, denn je. Wittert denn jeder gleich eine Falle, wenn es mal etwas umsonst gibt?
Zwei Tage später komme ich wieder mit dem Auto nach Hause. Da steht eine Frau mit ihrem Enkelkind am Zaun und beide bedienen sich sichtlich vergnügt an den Trauben; das Kind hat schon einiges an Früchten verdrückt, wenn man sein T-shirt betrachtet. Ich steige aus und gehe zu ihr.
„Na, das ist ja mal schön, dass jemand mein Plakat ernst nimmt und zugreift."
„Ja", sagt sie, „wissen Sie, vor ein paar Tagen bin ich mit meinem Mann hier entlang gelaufen. Da wollte mein Enkel auch schon von den Trauben naschen, aber der Opa hat das verboten. Was meinen Sie, wie wir uns gefreut haben, als wir das Plakat heute sehen!"
Das finde ich toll! Mag sein, dass ich manch einem, dem die Früchte aus Nachbar´s Garten sowieso am besten schmecken, den Spaß verdorben habe. Aber jenen, die immer ganz streng mit sich selbst sind und jeder Verlockung widerstehen, denen macht so eine Erlaubnis sichtliche Freude. Und es werden mehr und mehr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11516

der Herr hat´s genommen
Können Sie sich das vorstellen: an einem einzigen Tag alles zu verlieren, was Ihnen lieb und teuer ist?
So ergeht es dem biblischen Hiob: er verliert an einem einzigen Tag alles, was er besitzt: sein ganzes Hab und Gut, und dazu noch seine Kinder.
Als Hiob von seinem Unglück erfährt, zerreißt er seine Kleider, fällt auf die Erde, betet und spricht die berühmten Worte: „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen; gepriesen sei der Name des Herrn."
Mir kommen diese Worte oft in den Sinn - aber man sollte es sich zweimal überlegen, ehe man sie ausspricht. Denn es macht einen großen Unterschied, ob ich das - wie Hiob - zu mir selbst sage, oder zu einem fremden Schicksal.
„Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen; gepriesen sei der Name des Herrn."  - Diese Worte sind alles andere als tröstlich für einen anderen, der gerade einen Verlust erlitten hat. Denn sie sprechen ihm das Recht ab, um das Verlorene zu trauern. Nach dem Motto: Nimm's nicht so tragisch. Sei doch froh, dass du noch lebst.
So ähnlich ist es einem Freund von mir ergangen: er hatte einen Tumor am Bein, man musste ihm die halbe Oberschenkelmuskulatur entfernen. Aber wenn er mit dem Verlust haderte, musste er sich jedesmal anhören: Sei doch froh, dass du nicht das Bein verloren hast.
Auch Hiob geht nicht gleich zur Tagesordnung über, nachdem ihm das alles widerfahren ist. Hiob reagiert erstmal heftig und emotional: er zerreißt seine Kleider und wirft sich zu Boden und betet. Und er wird auch nicht gleich wieder aufgestanden sein. Die Bibel schildert das nur ganz verhalten und knapp. Denn wenn jemandem so etwas Schlimmes widerfährt, dann beobachtet man seine Reaktion nicht unverhohlen. Dann tritt man beiseite und lässt dem Menschen Raum für seinen blinden Schmerz.
Hiob nimmt sein Schicksal an und bekennt sich weiter zu dem Gott, von dem alles kommt, und zu dem alles zurückkehrt:
„Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen; gepriesen sei der Name des Herrn." Ein unverbrüchliches Vertrauen spricht aus diesen Worten. Ein solches Vertrauen kann man keinem einreden oder abverlangen. Wir können es nur erbitten und ihm Raum geben, zu wachsen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11515

„Wie ist das eigentlich im Leben nach dem Tod?" fragt mich eine Frau. „Ich war zweimal glücklich verheiratet, und bin zweimal verwitwet. - Muss ich mich dann im nächsten Leben für einen von beiden entscheiden? Oder wie geht das..."
Gute Frage. Haben Sie sich das auch schon mal überlegt? Ich kenne einige, die ihren Ehepartner verloren haben und wieder geheiratet haben. - Wie ist das dann eigentlich, im nächsten Leben?
Jesus wurde das auch mal gefragt. Die Leute, die ihn fragten, wollten ihn allerdings mit ihrer Frage überlisten. Denn sie gehörten zu einer religiösen Richtung, die nicht an die Auferstehung der Toten glauben. Und so erzählen sie ihm die Geschichte von einer Witwe, die gleich siebenmal verheiratet war, bis sie schließlich selber stirbt. Und sie fragen Jesus:
„Wie ist das nun? Wessen Frau ist sie, wenn die Toten auferstehen? Sie war ja mit allen sieben verheiratet."
Und wie sie das fragen, kommen sie sich ganz schön schlau vor. Denn sie denken: Jetzt haben wir dich, Jesus. Jetzt werden wir dir - und allen, die da um dich herum stehen - einmal zeigen, wie absurd das alles ist, mit der Auferstehung. Denn wie soll das gehen, im Himmel: Sieben Männer und eine Frau - was für ein Unsinn!
Da sagt Jesus: „Ihr seht die Sache ganz falsch. Ihr kennt weder die heiligen Schriften, noch wisst ihr, was Gott kann. Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden leben wie die Engel im Himmel." (Mt 22, 29-30)
„Ihr seht die Sache ganz falsch", antwortet Jesus. Und ich verstehe ihn so:
Das Leben nach dem Tod ist nicht eine einfache Fortsetzung vom Leben hier, mit den gleichen Gesetzen und Spielregeln. Im Leben nach dem Tod ist alles ganz und gar anders - unvorstellbar anders. Und wer die Auferstehung bezweifelt, der ist deshalb noch lange nicht besonders gescheit; der hat einfach nur keine Ahnung, was Gott kann.
Wenn die Toten auferstehen, spielt vieles keine Rolle mehr, was auf Erden so wichtig ist. Da zählt nicht die Anzahl der Ehepartner. Die alten Bindungen und Beziehungen erhalten dort einen ganz neuen Sinn. Jesus beschreibt es so:
„Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden leben wie die Engel im Himmel."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11514

Ich besuche eine alte Dame, die im Sterben liegt. Sie hat ihren Frieden gemacht und ist bereit, zu gehen. Jetzt liegt sie da und wartet. Nein, Beschwerden habe sie keine, sagt sie. Sie ist duldsam. Sie hat schon Schlimmeres erlebt, viel Schlimmeres. Nur manchmal fragt sie sich, warum es so lange dauert.
Aber so ist das nun mal: der Tod hat sein eigenes Tempo. Und er lässt sich nicht antreiben, auch wenn man es noch so sehr möchte. Das gehört zu den Geheimnissen des Sterbens.
Einmal erzählt sie mir: „Abends, wenn es dämmert, erscheinen immer Frauen an meinem Bett. Da hinten, am Fußende. Viele Frauen, aber ich kenne sie nicht. Und sie machen immer den Mund auf und zu, als ob sie mir etwas sagen möchten. Aber ich kann sie nicht verstehen."
„Ist das schön, oder macht ihnen das Angst?" frage ich.
„Nein, das macht mir keine Angst. Das ist schön. Ich schaue immer zu ihnen rüber und frage mich, wer die wohl sind. Jeden Abend ist das so. Und es sind immer die gleichen Frauen. Auch die Hauptfrau kenne ich nicht, obwohl ich ihr Gesicht immer vor mir sehe."
Plötzlich sieht sie mich verwundert an. „Jetzt, wo sie so da sitzen, fällt mir auf: die Hauptfrau sieht genau so aus wie Sie. Nur älter."
Dazu fällt mir beim besten Willen nichts ein. Aber wir beide müssen lachen. „Wie sind denn die Frauen gekleidet?"
„Ganz normale Sachen haben die an", antwortet sie. „Gar nichts Besonderes."
„Sind es Engel?"
„Ich weiß es nicht", sagt sie. "Das kann ich wirklich nicht sagen."
Aber sie erlaubt mir, anderen davon zu erzählen.
Es ist das letzte Gespräch, das wir miteinander führen. Sie lebt nicht mehr.
Aber die rätselhaften Frauengestalten haben mich nicht mehr losgelassen. Für mich sind es Engel-Erscheinungen.  - Engel in Zivil, halt...
Mir gefällt das: Wenn ich einmal sterbe, hätte ich auch gerne solche Erscheinungen an meinem Bett. Nur, ich weiß: das gibt es leider nicht auf Bestellung. Auch das gehört wohl zu den Geheimnissen des Sterbens, dass jeder anders stirbt. Und es auf seine ganz eigene Weise erlebt. Und doch, mein Mut wächst mit jedem wunderlichen Geschehen, das mir Menschen an ihrem Lebensende anvertrauen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11513

Als ich heute, vor 10 Jahren, von dem Terroranschlag auf das World Trade Center erfuhr, kam ich gerade nichts Böses ahnend zur Chorprobe in Waldlaubersheim. Betretene Gesichter schauten mir entgegen. Und ehe ich fragen konnte, was denn geschehen sei, bat mich der Chorleiter, doch bitte mit einem Gebet zu beginnen.
Und mit der Bitte um Gebete oder Andachten ging es weiter, viele Tage lang. Deshalb sind zwei Bilder in meinem Gedächtnis gleich stark: Einmal diese unfassbare Szene, in der das Flugzeug in einen der Türme vom World Trade Center kracht. Das andere die Lichtermeere - der Ausdruck weltweiten Entsetzens und Trauer. Und - es mag merkwürdig klingen - immer kommt mir das Lied von Dietrich Bonhoefer in den Sinn:
"Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich dieser Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr."
Eigentlich widerstrebt mir der Text. Denn die Menschen, die da durch brutale Gewalt aus dem Leben gerissen wurden, die haben doch das krasse Gegenteil erfahren: Von bösen Mächten hasserfüllt umgeben, ausgeliefert, ohne Trost...
Woher kommt mir dieses Gefühl der Hoffnung?
Ich glaube, es war die Stille, die damals eingekehrt ist. Eine Stille, wie ich sie nicht gekannt habe. Eben nicht die laute Empörung, die Schuldzuweisungen, wie es eben sonst so zugeht, wenn etwas Schlimmes passiert. Sondern ein großes, stilles Entsetzen. Überall Blumen, Kerzen, Menschen, denen die Trauer ins Gesicht geschrieben steht. Und das Gefühl, weltweit vereint zu sein. Dagegen ist der Terror machtlos.
Und da weiß ich, warum mir das Lied von Bonhoefers nicht aus dem Kopf geht: Bonhoefer wusste, was es heißt, von bösen Mächten umgeben zu sein. Genau aus dieser Situation heraus - aus der Einzelzelle im Gefängnis - schreibt er gegen sie an: "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar..."
Denn gegen sein Vertrauen haben die bösen Mächte keine Chance. Aus dieser Kraft heraus, in auswegsloser Lage, gefangen eingesperrt, von Hass umgeben, da findet er Worte, die Generationen von Menschen in ihrem Leid getragen und getröstet haben:
„Lass hell und warm die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11512