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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Das Trachten der Menschen ist böse von Jugend an." (Gen 8,21) So sagt es Gott auf den ersten Seiten der Bibel. Gerade hatte er die sündige Menschheit mit Hilfe der Sintflut ausgelöscht. Nur der gerechte Noach und seine Angehörigen hatten überlebt. Jetzt ist ein Neuanfang möglich. Und doch macht sich Gott keine Illusionen über seine Geschöpfe. Er glaubt nicht unbedingt an das Gute im Menschen. Nein, „das Trachten der Menschen ist böse von Jugend an." Ein schonungsloses Urteil. Das jüdisch-christliche Menschenbild ist nüchtern und realistisch. Der Mensch ist nicht von vorneherein gut und selbstlos. Das anzunehmen wäre naiv. Daran bestand auch für Jesus kein Zweifel. Seinen Jüngerinnen und Jüngern erklärte er klipp und klar: „Aus dem Herzen (der Menschen) kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen." (Mt 15,19) Die Berichte der Zeitungen, die Fernsehnachrichten, die eigenen Erfahrungen in unserem Umfeld bestätigen diese Beobachtung. Tag für Tag. Das Böse ist eine Realität. Manchmal erreicht es unfassbare Dimensionen, die sprachlos machen: Oslo, der 11. September, der Archipel GULAG, Auschwitz. Wären die Täter alle geborene Sadisten, dann hätten wir eine Erklärung. Aber so ist es ja meistens nicht: die Menschen mussten nicht so handeln, sie waren frei zu entscheiden und sie hatten offenkundig Lust am Töten. Das Böse ist keine Macht, die von außen kommt. Wir können die Schuld nicht auf Teufel und dämonische Mächte abwälzen. Die Hölle ist von dieser Welt, von Menschen gemacht, die sich bewusst gegen das Gute und für das Böse entschieden haben. Christen werden sich mit Hass und Gewalt nie abfinden. Wo immer möglich, setzen sie den Ausgleich, die Nächstenliebe, und - wenn sie es können - sogar die Feindesliebe dagegen. Das ist der Auftrag des Evangeliums. Dem Bösen mit Gutem zu begegnen. Und doch bleiben Christen auch realistisch: Solange diese Welt besteht, wird der Mensch auch böse sein.

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1949 im Hauptbahnhof Zürich. Am Fahrkartenschalter steht ein alter Mann. Es ist der berühmte Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. Er will ein Ticket nach Rom. Als der Beamte ihm die Karte ausstellt, fällt der 74jährige in Ohnmacht. Aus der Romfahrt wird nichts.
Der Schwächeanfall hatte keine körperlichen Ursachen. C.G. Jung war gesund. Aber die Vorstellung, jetzt nach Rom zu reisen, hatte ihn übermannt. Rom, die Ewige Stadt. Jung war noch nie dort. Immer hatte er davon geträumt, diese einmalige Metropole mit eigenen Augen zu sehen. Endlich in der einstigen Hauptstadt der Welt zu sein, inmitten von soviel Kunst und Geschichte. C.G. Jung hat später erklärt, er habe nach Rom nicht so reisen können wie nach Paris oder London. Mit Rom - so schrieb er - „ist das eine andere Sache." Von dem „Geist, der hier gewaltet hat, (wird) man auf Schritt und Tritt im Innersten betroffen."
Die Geschichte klingt kurios. Aber, kann man den großen Gelehrten nicht auch verstehen? Vielleicht ahnte er, dass seine Sehnsucht besser unerfüllt bleiben sollte. Denn könnte die reale Stadt wirklich seinen Träumen entsprechen? Würde der Zauber Roms nicht zerstört durch geschlossene Kirchen, streikende Museumsbeamte, missgelaunte Hotelangestellte, überquellende Mülltonnen oder das Verkehrschaos? C.G. Jung hat seine römischen Reisepläne aufgegeben. Für immer. Die Sehnsucht zu bewahren, war ihm wichtiger. Vermittelt sie doch eine Ahnung davon, dass es mehr gibt, als das Reale, das wir im Hier und Jetzt konkret erfahren können. Ein irischer Gebetswunsch formuliert das so: „Ich wünsche dir nicht das Paradies auf Erden, aber dass du oft davon träumst. Ich wünsche dir nicht die Erfüllung deiner Sehnsucht, aber dass du sie nie aufgibst. Denn so, in der Ahnung von Wunderbarem, das sich dir jetzt noch verschließt, bist du ein Mensch, der auf dem Weg bleibt."

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„Müssen Christen erst Juden werden?" Diese Frage stellt heute kein Mensch mehr. Das war vor 2.000 Jahren ganz anders. Von der Antwort hing die Zukunft der Jesus-Gemeinde ab. Die ersten, die an den Mann aus Nazaret glaubten, waren ausnahmslos Juden - wie er selbst: die Apostel, die Jüngerinnen und seine Anhänger in Jerusalem. Aber schon sehr bald trugen Missionare das Evangelium über Israels Grenzen hinaus. Die Folge: immer mehr Nicht-Juden begeisterten sich für die Frohe Botschaft und wollten dazugehören. Vor allem in den großen Städten, wo sich zuvor schon viele „Heiden" für den jüdischen Glauben interessiert hatten. Im weltoffenen Antiochia entstand die erste „gemischte" Gemeinde. Hier lebten Judenchristen und Heidenchristen gleichberechtigt zusammen. Genau das aber wollten die Brüder und Schwestern in Jerusalem so nicht. Wenn schon die Heiden im Ausland dazukamen, dann sollten sie erst Juden werden. Das hieß für die Männer: sich beschneiden lassen, den Sabbat einhalten und die strengen Speisegebote der Tora beachten. Dagegen aber liefen der Apostel Paulus und seine Freunde in Antiochia Sturm. Die Taufe muss genügen. Mit ihr wird man Christ. Keine Umwege mehr über das Judentum. Schluss, aus! Die junge Kirche stand vor einer Zerreißprobe. Und wie löste man den Konflikt? Mit einer Konferenz. Die Apostel trafen sich in Jerusalem. Vor der ganzen Gemeinde tauschte man seine Erfahrungen aus. Leidenschaftlich ging es zu, aber auch fair. Am Ende konnte Paulus überzeugen: Es ist der Wille Gottes, dass auch Nicht-Juden das Evangelium annehmen. Und in der Kirche Christi gibt es keine Gläubigen zweiter Klasse. Das Beispiel zeigt: Konflikte gehören zur Kirche. Von Anfang an. Entscheidend ist nur, dass man sie offen anspricht und eine Lösung im Miteinander sucht. Keine autoritären Vorgaben, keine einsamen Entscheidungen. Heute steckt die Kirche wieder in einer Krise. Deshalb hat im Land ein Dialogprozess zwischen Bischöfen und Laien begonnen. Dabei könnte die Jerusalemer Konferenz eine echte Ermutigung sein. Denn danach wurde aus der kleinen Jesus-Bewegung eine weltweite Glaubensgemeinschaft.

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In letzter Zeit ist unter Theologen und Kirchenleuten der Begriff der »Gotteskrise« populär. Gemeint ist damit: Gott ist für viele Menschen heute keine sinnvolle Vokabel mehr. Der Begriff Gott sagt nichts mehr. An Gott zu glauben, dass ist für viele so unvorstellbar, wie zum Mond zu fliegen.
Und so wird die Welt unterteilt in die, die an Gott glauben, und in die vielen anderen, die eben mit Gott nichts anfangen können. Dabei wird eins übersehen: Die Gotteskrise gehört zum christlichen Glauben dazu. Sie ist Teil des Glaubens. Zum einen, weil auch viele Gläubige Probleme mit Gott haben. Weil sie nicht spüren, wo und wie Gott zu finden ist. Weil sie in dieser Welt keine Spuren Gottes entdecken. Weil es gute Gründe gibt, Gott zu verabschieden.
Zum anderen, weil die Probleme mit Gott tief führen. Es ist nämlich gar nicht so klar und deutlich, wie Gott überhaupt gedacht, erfahren, gespürt werden kann. Das fängt schon damit an, dass alles Reden über Gott schnell zum Gerede wird. Dann lässt sich Gott für alles und jedes heranziehen. Auch hier morgens im Radio. Dabei wird vergessen, was die Theologen aller Jahrhunderte immer wieder gesagt haben: Über Gott lässt sich nur annäherungsweise sprechen. Alles, was Menschen über Gott sagen, ist nur ein Bruchstück, ist vielleicht immer eher falsch als wahr. Ich merke vor allem, wenn vom Willen Gottes die Rede ist. „Gott will das so", dass haben Christen vieler Jahrhunderte gesagt. Und ich frage mich dann: Woher wissen die so genau, was Gott will und was nicht? Ich erlebe eher das Schweigen Gottes. Und ich bin überzeugt, dass Gott immer mehr verborgen als offenkundig ist. Ich bin kein Atheist. Ich glaube, dass Gott ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass damit alles klar wäre. Nein, mit Gott ist gar nichts klar. Und das darf auch so sein. Glaube, das erfahre ich immer wieder, ist ein langer Weg. Wer sagt: „Ich glaube", der steht am Anfang dieses Weges. Nicht schon am Ende. Glaube heißt, sich Gott immer wieder anzunähern. Auch durch das Schweigen Gottes hindurch.  

 
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Es ist eines der bekanntesten deutschen Gedichte. In der Schule steht es bis heute auf dem Lehrplan. Viele Erwachsene kennen es. Der Text: »Über allen Gipfeln /Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch.« Ein Gelegenheitsgedicht. Johann Wolfgang von Goethe kritzelte es vor genau 221 Jahren, am 6. September 1780 an die Holzwand einer Jagdhütte im Thüringer Wald. Jetzt können Sie sagen, was hat denn das Gedicht am frühen Morgen im Radio zu suchen. Ein Abendgedicht! Stimmt. Aber für mich ist es über die Jahre mehr und mehr zu einem Morgengedicht geworden. Ein Gedicht, um den Tag gut zu beginnen. Warum? Das zentrale Motiv in Goethes Gedicht ist der Tod. Keine Bewegung ist mehr zu spüren, alles ruht, schweigt. Kein Hauch, auch kein Lebenshauch ist zu spüren. Und es ist klar: irgendwann verstumme auch ich. Bin tot. In vielen Religionen, auch im Christentum, sind Tod und Leben eng miteinander verknüpft. Leben heißt auch, sich auf den Tod vorzubereiten. Heißt, nicht nur nach vorne zu denken, sondern auch zu bedenken, dass das Leben endlich ist. Wenn ich deshalb ernst nehme, dass ich einmal sterben werde, dann kann ich mein Leben klarer sehen. Denn nur wenn ich weiß, dass ich sterben kann, kann es mir gelingen, meine Lebenszeit zu schätzen. Ist ja klar: Wenn ich unsterblich bin, ist alles gleichgültig. Ich kann es heute tun oder morgen oder übermorgen. Wenn mir aber wirklich bewusst ist, dass meine Zeit begrenzt ist, dann muss ich mich anders verhalten. Dann muss ich jedem einzelnen Tag Gewicht geben. Das, was ich tue, bewusst tun. Egal ob es Beruf oder Familie, Freizeit oder Ferien sind. In der christlichen Tradition heißt das: Ars moriendi, die Kunst sein Leben im Angesicht des Todes zu gestalten. Und dazu zählt eben auch, dass ich mir immer wieder vor Augen führe, dass jeder Tag der letzte meines Lebens sein kann. Aber auch den kann ich vom Morgen bis zum Abend in meine Hände nehmen und ihn gestalten, in aller Ruhe und Gelassenheit.

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Ich gebe zu, ich beneide diese Frau. Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, besser bekannt als Mutter Teresa. Nicht, weil sie so bekannt ist. Nicht, weil sie für viele ein Vorbild ist. Sondern wegen ihrer Begegnung mit Jesus. Eine spektakuläre, alles verändernde Begegnung. In ihrem Tagebuch berichtet sie von einer Fahrt durch die indische Metropole Kalkutta. Es ist kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Anjezë ist schon seit fast zwanzig Jahren in Kalkutta. Aber jetzt, am 10. September 1946, mitten in den Slums, im Dreck, begegnet sie Jesus. Er fordert sie auf, ihr Leben zu ändern, alles aufzugeben und ihm in die Slums der Stadt zu folgen. Nur mit dem Ziel, den Ärmsten der Armen zu dienen.
Wow. Das sitzt. So eine Begegnung hatte ich bisher noch nicht. Das bringt mich zum nachfragen: Was ist mein Glaube wert, ohne eine solche persönliche Begegnung? Umgekehrt tue ich mich schwer mit Menschen, die ganz genau das Datum ihrer Bekehrung, ihrer Begegnung mit Jesus oder Gott nennen können. Die wissen, Jesus liebt mich und Gott ist bei mir. Das zu glauben, fällt mir oft ganz schön schwer. Mutter Teresa hatte diese Fragen - scheinbar - nicht. Die Tochter einer albanischen Kaufmannsfamilie weiß schon mit zwölf ganz genau, dass sie Nonne werden will. Mit 18 tritt sie in einen Orden ein, arbeitet wenig später in Kalkutta als Lehrerin. Bis zu dieser denkwürdigen Begegnung mit Jesus. Danach ist alles anders. Sie verlässt ihren Orden und fängt zunächst ganz allein mit ihrer Aufgabe an. Für die Armen dazusein. Wenig später scharen sich andere Frauen um sie, sie gründet einen eigenen Orden, wird zu der Frau, die viele heute noch vor Augen haben, obwohl sie auf den Tag bereits seit 14 Jahren tot ist.
Aber vor Zweifeln und Fragen hat sie die Begegnung mit Jesus nicht bewahrt. Jahrzehntelang kämpft Mutter Teresa - unbemerkt von allen - um ihren Glauben. Sie schreibt in ihrem Tagebuch, das erst nach ihrem Tod veröffentlich wird: „Der Himmel bedeutet nichts mehr - für mich schaut er wie ein leerer Platz aus." Trotz dieser Zweifel hat sie vielen Menschen hier auf der Erde einen Platz geschenkt. Und ob der Himmel wirklich leer ist, das weiß sie jetzt schon im Gegensatz zu uns.

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Beth Ditto ist Sängerin der amerikanischen Band Gossip. In einem Interview wurde sie gefragt: „Beten Sie manchmal?" Und sie hatte eine ungewöhnliche Antwort parat. Ditto sagte: „Ich bin sauer auf Christen, nein, eigentlich auf alle Menschen, die religiös sind. Sie haben etwas, an das sie glauben. Ich probiere stattdessen, an mich selbst zu glauben, mir zu vertrauen. Das ist harte Arbeit, kann ich Ihnen sagen." Eine starke Antwort. Denn Ditto hat ziemlich genau erkannt, was Glauben ausmacht. Glauben heißt, nicht alleine zu stehen. Nicht nur auf sich und seine Fähigkeiten und Möglichkeiten vertrauen zu müssen. Sondern auch mal sagen zu können: Du, Gott, ich kann nicht mehr, jetzt bist du dran. Hilf mir. Nur an sich selbst zu glauben, nur sich selbst vertrauen zu können, das ist da wirklich harte Arbeit. Gerade wenn ich meine Stärken und Schwächen kenne.
Aber Ditto liegt mit ihrer Antwort auch falsch. Denn auch der Glaube ist oft genug anstrengend. Schon weil Gott nicht so einfach zu fassen ist. Gott, das erlebe ich immer wieder, wohnt nicht an der Oberfläche. Gott sitzt nicht jeden Abend beim Essen mit am Tisch. Gott kommt nicht herbei wie ein Geist, den ich nur aus einer Flasche lassen muss, damit er sich um mich kümmert. Gott fehlt - nicht nur den Atheisten, die sagen, dass es keinen Gott gibt. Sondern auch vielen Menschen, die sich um den Glauben bemühen. Gott ist harte Arbeit. Und deshalb ist es manchmal wirklich leichter, auf sich selbst zu vertrauen. Zumal Gott sich oft genug scheinbar aus dieser Welt zurückgezogen hat. Er scheint weit entfernt oder verborgen. Scheint abwesend. Trotzdem kann ich glauben, kann glauben, obwohl ich mich fern von Gott fühle, von Gott vielleicht nicht so viel mitkriege. Ich kann mich so erst auf die Suche nach Gott machen. Auf die Suche nach dem unbekannten, neuen Gott. Auch das ist anstrengend. Aber für mich immer noch überzeugender, als nur auf mich selbst zu setzen. Dazu kenne ich mich dann doch gut genug. Und so bleibe ich bei der harten Arbeit, die Gott heißt.

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