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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Schnell geradeaus kann jeder, das ist ein Spruch, der jedem Autofahrer oder Motorradfahrer sofort einleuchtet. Wie oft hab ich auf kurvigen Strecken eine Schnecke vor mir, kann nicht überholen, der andere fährt noch langsamer als erlaubt, ich bin komplett genervt und dann wird die Strasse grade, vielleicht zweispurig, und die Schnecke mutiert zur Rennschnecke, fährt ganz fix auf die linke Spur und hängt mich ab. Aber schnell geradeaus kann jeder. Wenn die Strecke dann wieder etwas anspruchsvoller wird, dann zeigt sich fahrerisches Können - oder das Gegenteil. Schnell geradeaus kann jeder - ich finde, das gilt auch in der Partnerschaft. Wenn alles gut läuft in Beruf und Familie, wenn jeder mit sich selbst zufrieden ist, dann ist es leicht, ein glückliches Paar zu sein. Wenn aber die Laune verdorben ist durch ein paar Kilo zu viel oder zu wenig, wenn Geldsorgen drücken, wenn es durch Krankheit Hindernisse gibt auf dem gemeinsamen Lebensweg, wenn ein Paar durch Schwierigkeiten mit den Kindern in eine Sackgasse kommt, dann kann es passieren, dass man dem Partner dafür die Schuld gibt, dass man ihn zum Blitzableiter macht für alles, was schief geht, dass er stellvertretend für den ganzen Ärger eins über die Rübe bekommt. Und schon ist es vorbei mit der schönen Zweisamkeit, mit Harmonie und Liebesglück, dann wird auch noch an dieser Front gekämpft und das ganze Lebenskonzept gerät ins Wanken. Schnell geradeaus kann jeder. Aber wenn es schwierig wird, die Kurve kriegen: zusammen halten, miteinander reden, sich selbst erklären, dem anderen zuhören, die Probleme von außen nicht mit denen in der Partnerschaft vermischen, das ist Können - vielleicht sogar Kunst. Und ich glaube, man kann es lernen. Das ist aber nicht kinderleicht, es ist etwas für Erwachsene, Aber den Führerschein bekommt man ja auch nicht umsonst, der erfordert Fahrstunden und Übung. Vielleicht brauchen wir für unser Leben in Partnerschaft und Familie auch etwas Anleitung und auf jeden Fall Übung, damit wir auch bei kurvenreicher Wegführung oder regennasser Fahrbahn gut ans Ziel kommen.

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Der Himmel kann warten! Doch, so was dürfen auch katholische Menschen denken. Ich arbeite als Seelsorgerin im Krankenhaus. Wegen einer schwer kranken Patientin saßen wir mit mehreren Leuten zu einer Besprechung zusammen. Die Ärztin der Intensivstation war der Meinung, dass die medizinische Behandlung weitergeführt werden sollte. Die Patientin war an verschiedene Schläuche und Maschinen angeschlossen worden und es ging ihr nicht gut. Die Betreuerin der Patientin wollte nicht, dass sie weiter leiden müsste. Man solle doch die Maschinen weitgehend abstellen und die sie in Ruhe sterben lassen. Aber die Ärzte und die Pfleger waren dagegen: es kann noch besser werden, wir haben die Hoffnung, ihr wirklich helfen zu können, wir wollen die Therapie nicht einstellen. Die Betreuerin argumentierte dagegen, die Patientin sei gut katholisch und habe sicher keine Angst vor dem Tod, sie glaube an die Auferstehung.  Deshalb also keine Quälerei, sondern sterben lassen. In dem Moment kam mir die Liedzeile in den Kopf:  Der Himmel kann warten...Ich bin auch katholisch und ich hab zwar Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod. Ich glaube, dass Gott mich da auf ein gemütliches Wölkchen bettet oder irgendwie auf seine Weise dafür sorgt, dass es mir gut geht bei ihm. Insofern also keine Angst vor dem Tod, aber: der Himmel kann noch warten. Wenn ich die Wahl habe, dann lebe ich gern noch eine Runde oder zwei oder drei auf dieser Welt, bevor ich mich in den Himmel rufen lasse. Es gibt  einen schönen Vergleich für das Leben hier und das Leben nach dem Tod. Das Leben eines Schmetterlings. Er lebt sein Raupenleben und ist ganz zufrieden damit, und sieht vielleicht sogar Schmetterlinge, weiß aber nicht, wie nah er denen steht. Dann kommt die Verpuppung und ein wunderbar freies Leben in den Lüften. Vielleicht ist es für uns auch so. Das uns bekannte Leben ist ein Raupenleben, und das bei Gott ein Schmetterlingsleben. Ich freu mich drauf, aber noch ist es ganz nett als Raupe, also bleibe ich dabei: der Himmel kann noch etwas warten.

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Pieks - das war's schon. Jetzt drückt der Sanitäter einen kleinen Tropfen Blut aus meinem Finger, um zu prüfen, ob ich spenden darf. Darauf legen sie großen Wert: Blutspender sind begehrt, aber sie sollen sich nicht selbst schaden, also wird genau untersucht, ob ich gesund genug bin, mein Blut zu spenden. Wenn das geklärt ist, darf ich mir eine der „superbequemen" Pritschen aussuchen und mich hinlegen. Rechts oder links ? Das ist mir egal, meine Venen sind alle ganz gut. Aber jetzt kommt der gefürchtete Moment. Der Sanitäter führt eine Nadel in meine Armvene. Ich spende nicht nur Blut, weil es gebraucht wird, sondern auch, weil ich mir die Angst vor Spritzen etwas abtrainieren will. Das hat allerdings seit 20 Jahren bisher nicht funktioniert. Aber meine Blutgruppe ist selten;  ich bekomme immer eine Extraeinladung zum Spendetermin. Ich geh dann halt hin, hab Angst, spende trotzdem  und muss jedes Mal zugeben: Nein, es tut nicht weh. Und wenn ich dann den halben Liter in der Plastiktüte sehe,  dann denke ich an die Patienten im  Krankenhaus, die Blut brauchen: die werden es zu schätzen wissen. Oder die vielen Unfallopfer - es ist Ferienzeit, wie viele Unfälle werden auch heute wieder passieren -  einer von denen könnte bestimmt meine Spende gebrauchen. Blut kann der Mensch noch nicht künstlich herstellen, wir können es einander nur schenken. Für mich ist das ein tiefes Zeichen der Verbundenheit  vor aller Unterschiedlichkeit  von Mann und Frau, Chinesin oder Deutsche, Muslim oder Christ oder Atheist:  als erstes sind wir  Blutsbrüder und  -schwestern . Blutgruppe A, AB, B oder Null, eine davon passt für jeden Menschen.

 

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„Dreh dich um, dreh dich um, dreh dein Kreuz in den Sturm".....singt Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Zum Meer". Er singt vom verpassten und vom erfüllten Leben, von der möglichen Zukunft - und von der Chance, auch bei schlechtem Start sein Leben zu meistern. Nach vorn soll der Mensch schauen: Hinaus zum weiten Meer! Das klingt verlockend nach Freisein und Zukunft....und macht Angst ....und ist doch wichtig. Aber woher den Mut nehmen für den Weg hinaus aus dem sicheren Hafen? „Dreh dich um" singt Grönemeyer. „Dreh dich um". Das könnte heißen: schau noch einmal, was hinter dir liegt, vielleicht Studium, Schule, eine ungeliebte Arbeitsstelle, eine schwierig gewordene menschliche Beziehung. Aber dann: „Dreh dich um": schau nicht länger auf deine schlechten Chancen von früher, deine bittere Lebensgeschichte. Lass das Schwere dort liegen, und dann die Leinen gekappt, lasse los. „Dreh dich um" kann dann heißen: jetzt schau endlich nach vorn! Sieh in eine neue Richtung! Traue deiner Zukunft! Das braucht Kraft und Mut, vor allem bei Gegenwind. Und deshalb singt Grönemeyer: „dreh dein Kreuz in den Sturm" - das verstehe ich so: nutze die gegebenen Möglichkeiten, die eigenen Begabungen, die Ausbildung, eine stützende Familie, Freunde, Gemeinschaft. „Dreh dein Kreuz in den Sturm" heißt für manche auch: nimm deinen Glauben ernst und die Kraft, die darin liegt. Nutze alles, was Schwung gibt und weitertreibt, was trägt und dir hilft, nach vorne zu kommen. Dazu gehören auch die bitteren Erfahrungen, und Schwierigkeiten, aus denen wir lernen. „Dreh dein Kreuz in den Sturm" - das betrifft täglich einzelne, und immer wieder ganze Generationen: aktuell die vielen jungen Menschen auf dem Weg ins Berufsleben. Ihre Schule ist fertig, oder das Studium, die Ausbildung. Diese jungen Menschen brauchen jetzt besonders viel Mut. Mögen sie den Mut haben, ihr Kreuz in den Sturm zu drehen, damit sie mit großer Kraft vorankommen: Zu ihrem eigenen Leben.

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Vorsichtig wagt sich das kleine Mädchen auf die Rutsche, wartet, guckt, zögert. „Komm, ich halte dich" ruft der Papa von unten. Erst nach einer Weile rutscht das Kind - immer noch ängstlich - dem Papa entgegen. Der fängt sein Töchterchen mit sicherem Griff, ist stolz auf ihren Mut, beide lachen. Das Eis ist gebrochen! Quietschend vor Glück krabbelt die Kleine die Leiter wieder hinauf und probiert es ein zweites Mal, und dann wieder und wieder...und schließlich ist die Rutschbahn erobert, eine neue Quelle von kindlichem Glück. „Komm, ich halte dich" war das entscheidende Wort. Die ausgestreckten Arme. Das Vertrauen auf Halt. „Ich kann mich was trauen, wenn ein anderer mir was zutraut." Eine wichtige Erfahrung - für jeden Menschen. „Komm!", so hat Jesus dem Petrus zugerufen, der unbedingt übers Wasser zu ihm gehen wollte. Das erzählt die Bibel in einer Geschichte vom Seesturm. Petrus sitzt mit anderen Jüngern in einem Boot. Er ist einer, der immer nach vorne will. Er will etwas erleben und etwas wagen. Und jetzt, mitten in einem sturmgeschüttelten Boot verliert er alle Angst, weil er Jesus vor Augen hat. Petrus will zu Jesus, komme was wolle. Und Jesus traut ihm eine Menge zu. Auch in einer so unsicheren Situation wie mitten auf dem aufgewühlten See. Jesus traut dem Petrus zu, dass er das schafft. Eigentlich ist das doch eine unmögliche Szene. Wie kann dieser Petrus glauben, dass das Wasser trägt? Wie kann er so unvernünftig sein, und so unvorsichtig? .....Aber das Unmögliche gelingt. Allerdings nur solange er an sich und seinen Mut glaubt, und solange er an Jesus glaubt. Manchmal ist es wirklich sinnvoll, vorsichtig und vernünftig zu sein. Aber ganz oft ...ist es genauso sinnvoll, mutig zu sein und über den Bootsrand zu steigen. Damit sich etwas bewegt. Damit das Leben anders weitergeht. Damit sich neue Wege öffnen. Jesus ruft jedem zu: „Komm!" Und das heißt: „Hab Vertrauen in deinen eignen Mut! Denn ich bin da."

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„Brautkleid ungetragen zu verkaufen" - hinter solchen Anzeigen stecken Dramen. Aber vielleicht lesen wir so etwas künftig nicht mehr - denn: Jetzt gibt es eine Hochzeits-Versicherung! Für den Fall, dass die Hochzeit abgesagt wird, weil die Brautleute es sich kurz vorher noch anders überlegt haben. Die Versicherung übernimmt dann die Kosten für Kleidung, Ringe, Festessen, Tanzmusik und Blumenschmuck. Ich traute meinen Augen nicht! Geplante Hochzeiten werden schon mal kurzfristig abgesagt. Dahinter steckt möglicherweise eine mutige Entscheidung, sich selbst im letzten Moment noch einen Irrtum einzugestehen. Aber dass man dieses Risiko absichern kann...?
Offensichtlich gibt es Kunden für eine solche Hochzeits-Versicherung. Und darüber bin ich am meisten erschrocken. Wie kann es sein, dass ein Brautpaar auf eine gemeinsame Zukunft hofft und einen glanzvollen Start plant - aber das mögliche Scheitern schon von vornherein beziffert und berechnet? Eine Lebensentscheidung wie eine Hochzeit - die muss ein Paar doch gemeinsam wollen, mit ganzem Herzen und fest entschieden und ohne jede Hintertür. Wie sonst können die beiden auch ein wirklich freies Ja zueinander sprechen? Klar, natürlich bleibt das Risiko im Vorfeld einer Hochzeit - und danach. Leben ist risikoreich, gemeinsames Leben erst recht .....wer wüsste das nicht. Es kann in vieler Hinsicht teuer werden, wenn ich mich falsch oder unglücklich entscheide. Und das kann passieren, selbst wenn ich alles noch so sehr geprüft und überlegt habe. Nie weiß ich hundertprozentig, ob der Boden trägt. Ob ich Halt finde - oder untergehe. Wenn ich mich entscheide, muss ich dem Leben vertrauen, und der Zukunft. Für Christen heißt das auch: den Gedanken Gottes zu vertrauen, die ich nicht kenne. Und das wünsche ich von Herzen allen, die eine große Entscheidung treffen: für sich, für ein gemeinsames Leben oder für etwas anderes Wichtiges. Ich wünsche Ihnen, dass sie den Mut haben, ihrer Zukunft zu vertrauen.

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Und wenn dem Chirurgen die Hand zittert? fragt sich unruhig der Patient. Die geplante Operation an der Wirbelsäule ist gefährlich. Aber er hat keine Wahl. Ohne diese Operation droht eine Lähmung. Nun hängt alles an der Kunst des Chirurgen. Jetzt muss der Patient vertrauen: dem Operations-Team... und seinem Leben. Und er muss den Plänen vertrauen, die Gott mit ihm vorhat. Vertrauen - das üben wir täglich, ohne es zu bemerken: Dass die Bremsen am Auto funktionieren oder die Ampeln sinnvoll geschaltet sind, zum Beispiel. Dass wir unser Wasser unbesorgt trinken können und immer genug Strom aus der Steckdose kommt. Solange alles gut funktioniert, und so lange ich etwas dafür tun kann, dass alles klappt, solange ist vertrauen auch nicht schwierig. Aber es gibt eine andere Weise von Vertrauen, die ist richtig schwer: Vertrauen mitten in Krankheit oder in Gefahr, mitten in einer Lebenskatastrophe. Wenn alles so ganz anders ist, als ich mir das wünsche. Wenn eben nicht alles klappt. Wie kann ich dann vertrauen, dass das irgendwie einen Sinn ergibt und weitergeht und dass es trotzdem eine Zukunft für mich gibt? Dann ist Vertrauen mühsam und schwer. In der Bibel gibt es eine Erzählung, die genau davon spricht - und zeigt, wie es gehen könnte. Die Jünger von Jesus sitzen bei schwerer See im Boot. Jesus ist nicht bei ihnen. Sie haben Angst. Aber dann - wie durch ein Wunder - ist Jesus auf einmal doch da, sie sehen ihn irgendwie in ihrer Nähe - auf dem See. Er beruhigt sie. Alles ist gut! Doch einem mit Namen Petrus reicht diese Ruhe nicht. Er fordert das Schicksal heraus. Er will wissen, was das jetzt bedeutet. Über das Wasser will er auf Jesus zugehen. „Komm!" sagt Jesus. Petrus vertraut. Und das Wasser trägt ihn. Dieser unsichere Grund trägt ihn, solange er vertraut, dass Jesus ihm Halt gibt. Aber dann - ertrinkt er beinahe doch. Als er nämlich aufhört zu vertrauen. Petrus fängt an zu grübeln. Nach Menschenermessen ist er doch total in Gefahr? Vielleicht war es doch keine gute Idee, auf Jesus zu vertrauen?....und geht unter, weil er sich selbst nicht mehr glaubt. Doch Jesus rettet ihn mit beherztem Griff. Und Petrus lernt: Gottvertrauen braucht manchmal ziemlich viel Mut. Denn es bedeutet, daran zu glauben, dass auch ein schwankender Untergrund tragen kann.

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