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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wir sitzen im Michel in Hamburg. Lassen den Raum auf uns wirken. Neben mir sitzt unser Achtjähriger. Plötzlich sagt er: „Also hier wohnt Gott!"
„Naja", sage ich, „du kannst Gott überall begegnen." Mein Sohn unterbricht:
„Aber dann hört er hier bestimmt besser!"
Viele Menschen besuchen Kirchen wie den Michel in Hamburg oder den Dom in Mainz. Was berührt sie an solchen Kirchenräumen?
Warum muss man überhaupt solche heiligen Räume haben? Kann man nicht auch draußen Gott begegnen?
Das haben sich schon die alten Israeliten gefragt. Als die vor vielen tausend Jahren noch ein Nomadenvolk waren, da hatten sie noch kein Gotteshaus. Sie hatten die Erfahrung gemacht: egal wo sie waren - ob in der Wüste oder in den Bergen, ob im Land oder am Meer: überall war ihr Gott dabei. Für Gott hatten die Priester ein Zelt gebaut- das Stiftszelt. In ihm wurden alle heiligen Gegenstände aufbewahrt. Und wenn das Volk weiter zog, wurde das Zelt eingepackt und kam mit und mit ihm Gott.
Dann aber wurde das Volk sesshaft.
Es gab Dörfer und Städte mit Ackerbau, Viehzucht und Handwerk.
Und nun stellte sich die Frage: wo wohnt denn jetzt unser Gott? Manche sagten: „Lasst uns ein festes Haus für Gott bauen!" Andere waren dagegen:
„Meint ihr, ein festes Haus passt zu Gott? Gott ist doch immer frei und geheimnisvoll!"
Viel später erst wagt es König Salomo den ersten Tempel zu bauen.
„Ich weiß, dass du immer frei bist, „ sagt er zu Gott. „ Du brauchst kein Haus. Aber  wir Menschen, wir brauchen diesen Ort. Dein Ohr sei an diesem Ort. Um der Menschen willen!"
Und so ist das bis heute geblieben.
Gott braucht keine Kirchen, aber wir brauchen sie. Damit es einen geschützten Raum gibt für unsere Gebete. Damit unsere Fragen, Ängste und Freuden einen Ort haben. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen schon vor mir im Hamburger Michel waren! Voll Freude oder Verzweiflung, interessiert oder gelangweilt. Jeder Stein in dieser Kirche könnte davon viele Geschichten erzählen.
Kirchen sind für Menschen gemacht. Weil viele das Gefühl haben: „ Hier hört Gott besser!"

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Wir sitzen im Hof eines Klosters. Vor uns auf dem Boden sind ganz viele Wege in den Stein geritzt. Sie führen kreisförmig um eine Mitte herum. Ein Labyrinth.
Mein Sohn probiert jeden Weg aus und stellt dann fest: „ Man kommt ja immer an. Egal von wo man losgeht. Jeder Weg führt zur Mitte."
Ich wandere auf dem Höhenweg bei Maria Laach. Ein Schild weist mich auf die Teufelskanzel hin. Toll, sage ich mir, da will ich hin! Bestimmt ist das ein bizarrer Felsen mit wunderbarer Aussicht!. Ich gehe los, es ist warm,  ich gehe und gehe, werde unruhig. Jetzt muss es doch kommen, aber keine Teufelskanzel. Habe ich eine Abzweigung übersehen?
Also versuche ich einen anderen Weg. Über Gräser hinweg, Wildblumen wachsen rechts und links, hohe Tannen. Es ist ganz still im Wald, nur ich, mein Hund und die Natur. Wunderbar. Nur weit und breit keine Teufelskanzel. Das gibt's doch nicht!
Enttäuscht setze ich mich auf einen Baumstumpf.
Keine Teufelskanzel, kein bizarrer Felsen. Und doch: es war eine herrliche Wanderung! Genau das wollte ich doch ursprünglich.
Wunderschöne Ausblicke, Stille, das Rauschen der Blätter und es geht mir gut, wie ich hier so sitze! Es ist wunderschön.
Ich denke an meinen Sohn, wie er das Labyrinth ausprobierte. „Man kommt immer an. Egal von wo man losgeht. Jeder Weg führt zur Mitte!"
Er hat Recht.
Manchmal klammert man sich viel zu sehr an ein bestimmtes Ziel. Dabei schenkt uns Gott so viel Schönes auf unserem Weg. Freundliche Menschen, neue Aufgaben ,die uns herausfordern, Zeit zu genießen, Zeit sich zu bewähren. Bis wir ruhig werden und in der Mitte ankommen- bei Gott.
Mir macht das Mut, einfach mal loszulaufen und dabei die Augen offen zu halten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11212

„Warum gibt es rote und schwarze, weiße und gelbe Menschen auf der Welt?", so fragte der afrikanische Bischof Tutu einmal. Das war auf einem Kirchentag vor knapp tausend Leuten. Verblüfft schauten wir uns um:  tatsächlich: wie verschieden wir alleine schon aussehen! Obwohl wir ja meist Deutsche waren, Weiße. Dabei gibt es ja noch asiatische Menschen und farbige! Warum sind wir so verschieden?
Daran musste ich denken, als mich Leute ansprachen auf eine Predigt von mir. Die einen fanden die toll. Andere fanden sie unmöglich: „Das hätte auch jemand sagen können, der nicht an Gott glaubt!", meinten sie.
Das hat mich ziemlich getroffen, und ich frage mich: warum meinen manche, dass  ihre Art zu glauben und zu leben die einzig richtige ist?
Für mich steckt hinter diesem Verhalten Angst.
Angst, von dem, was so ganz anders ist, selbst infrage gestellt zu werden.
Einer, der anders glaubt und fühlt, ist ja wie eine Anfrage an mich: Bist du sicher, dass es so, wie du glaubst überhaupt richtig ist? Da scheint es wohl für manche einfacher zu sein, den eigenen Glauben anderen überzustülpen.
Dabei ist der, der von Herzen glaubt, der freieste Mensch der Welt.
„Prüft alles" ,sagt Paulus, „das Gute behaltet." Welche Freiheit atmet aus diesen Worten. Keine Angst sich dem fremden Gedanken zu nähern.
Ich bin überzeugt:  Das Christentum hat sich deshalb so ausgebreitet, weil es diese Freiheit im Glauben gehabt hat. So  konnte es andere Kulturen integrieren, andere Gewohnheiten und Bräuche in sich aufnehmen. Und damit das eigene Denken und Fühlen bereichern.
„Warum gibt es rote und schwarze, weiße und gelbe Menschen auf der Welt?"  hat  Bischof Tutu uns auf dem Kirchentag gefragt.. Niemand antwortet. Da lacht er übers ganze Gesicht: „Ist doch klar! Weil Gott viel mehr Phantasie hat als wir!

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„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" (Sprüche 31,8)
Steht in der Bibel, im Alten Testament.
Amnesty international macht das. Seit 50 Jahren schon. Tut den Mund auf und spricht für die, die verlassen sind. In Gefängnissen, Flüchtlingslagern und Slums. Ehrenamtliche und Hauptamtliche sprechen  und schreiben Briefe an Minister und Regierungen. „Lasst die Gefangenen frei, die ihr ins Gefängnis gebracht habt, nur weil sie eine andere Meinung haben. Achtet die Menschenwürde - auch bei denen, die sich schuldig gemacht haben."
Jeden einzelnen suchen sie. Nicht nur prominente Gefangene wie Ai Weiwei. Auch Unbekannte wie die Studentin Ayat Al-Qarmezi aus Bahrain. Sie kam ins Gefängnis, weil sie ein kritisches Gedicht gegen den König vorgetragen hatte. Amnesty international schreibt Briefe für sie. Und fordert uns normale Bürger auf, ebenfalls Briefe zu schreiben. Per Post, per Fax oder per E-Mail. Also habe ich eine E-Mail an den König von Bahrain geschrieben.
Was können Briefe schon ausrichten? Fragen viele. Sie können, das haben sie bewiesen. Wenn ein König, wenn ein Staatsoberhaupt innerhalb kurzer Zeit mit zigtausend Briefen und E-Mails wegen eines einzelnen Menschen bombardiert wird - das macht schon Eindruck. Denn jeder Brief sagt ihnen: Die Welt beobachtet euch. Und den Betroffenen sagen sie: Ihr seid nicht allein.
Manchmal sprechen und schreiben sie vergeblich. Wie neulich zum Beispiel. Da wurde im US-Bundesstaat Alabama der geistig behinderte Eddie Duval Powell hingerichtet. Er war des Mordes schuldig gesprochen. Die Briefaktion wurde beendet. Aber der Kampf gegen die Todesstrafe geht weiter.
„Wie hältst du das aus, dauernd mit dem Leiden konfrontiert zu sein?", wird eine Ehrenamtliche von Amnesty international gefragt. Sie sagt: „Wenn ich einen ehemaligen Gefangenen in Freiheit treffe, in seine Augen sehe und seine Stimme höre - dann wird mir ganz schwindelig vor Glück. Wer dieses Privileg jemals erfahren durfte, wird mich verstehen." Und so tut sie weiter ihren Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.

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„Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat." Von C.G. Jung ist der Satz, dem großen Psychoanalytiker. Depression - die Dame in Schwarz. Jeder vierte Deutsche hat ihren Auftritt schon mal erlebt. Viele auch mehrmals.
Aber wer hat schon gerne diese Dame in Schwarz am Kaffeetisch sitzen? Ich stelle mir das vor. Eine Erdbeertorte auf dem Tisch. Eigentlich liebe ich Erdbeertorte. Aber mit der schwarzen Dame am Tisch kriege ich keinen Bissen runter. Kaffee vielleicht. Schwarz und möglichst bitter, sehr bitter. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Wir schweigen uns an. Es ist schwer, mit der Dame in Schwarz allein zu sein. Aber bin ich denn allein?
Bin ich nicht. Da sitzt noch jemand am Tisch. Ich habe ihn nicht gleich bemerkt. Die Bibel beschreibt den zweiten Gast so: „Mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast." Gott mit hellem Kleid sitzt auch am Tisch. Er wirft etwas Licht auf die Dame in Schwarz. Auch auf mich. Das hilft. Jetzt kann ich ihr zuhören.
„Nimm mich ernst", könnte sie sagen. „Tu nicht so, als wäre alles o.k. Das macht dich krank. Schau an, was ich alles in mir verschlossen habe: Deine ganzen Gefühle. Deine Trauer und deine Wut. Aber nicht nur die. Auch deine Freude und dein Glück. Alles habe ich in Schwärze gehüllt. Aber nicht, um deine Gefühle zu töten. Nein, sondern, um sie zu retten.
Als ich entstand, warst du noch zu klein. Da musstest du deine Gefühle verschließen. Die Verletzungen an deiner Seele waren zu groß. Aber jetzt bin ich da, um dir das alles zu zeigen. Schick mich nicht weg. Schau genau hin. Unter der Schwärze sind die Farben deiner Gefühle. Eine ganze Farbpalette. Schön und prächtig. Verschwende doch nicht deine Kraft, um mich zu verbergen. Das klappt eh nicht. Setz dich einfach neben mich. Dann weinen wir ein wenig zusammen. Und dann lachen wir und essen deine Erdbeertorte. Das tröstet nämlich. Und dann bitten wir Gott, uns zu verraten, wo man so helle Kleider herkriegt."

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„Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf", steht in der Bibel. In Psalm 127. Und der singt ein Lied der Faulheit. „Es ist vergeblich, dass ihr früh aufsteht und danach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen." Lasst das mal Gottes Sache sein und vertraut drauf: „Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf." Das klingt schön. Aber vielleicht gehören Sie auch zu denen, die früh aufstehen, danach lange sitzen und sich viele Sorgen machen. Und die alles, nur nicht faul sein wollen. Dabei ist Faulheit wichtig. Sie fördert die seelische Widerstandskraft, die so genannte „Resilienz".
Und es ist tatsächlich so: Manche Probleme lösen sich über Nacht von selbst. Im Schlaf. Vor allem im sogenannten REM-Schlaf. Das ist der Schlaf, bei dem wir träumen und die Augen sich dabei hin- und herbewegen. Im Schlaf vollbringt unser Gehirn die größte geistige Leistung, ohne dass wir was davon mitkriegen. Da arbeitet das Gehirn wie eine „Mülltrennanlage". Der Alltag wird sortiert. Wichtiges vom Unwichtigen getrennt. Und Probleme werden gelöst. Das wussten die Psalmbeter schon vor 2 ½ tausend Jahren! „Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf", Überhaupt erzählt die Bibel von einigen großen Schläfern. Von Elia zum Beispiel. Der ist vor Erschöpfung eingeschlafen. Eine Depression hat ihn umgehauen. „Burn out" würden wir heute sagen. Ein Engel erscheint ihm und stärkt ihn. Allerdings braucht Elia dann drei Anläufe, bis er wieder auf die Füße kommt. Manchmal reicht einmal  schlafen nicht aus.
„Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf."
Aber wo Sie jetzt schon mal wach sind, kann ich Ihnen sagen: Tagträume helfen auch. Sich die Zeit nehmen. Dasitzen und einfach vor sich hingucken. Oder einen Spaziergang machen. Am besten in der Arbeitszeit, so zwischendurch. Arbeitsforscher haben herausgefunden: Unternehmen, die das ihren Mitarbeitern erlauben, sind produktiver. Diese kleinen faulen Auszeiten machen Leute kreativ. Wirklich wahr.
Wenn Ihre Firma das noch nicht erkannt hat, können Sie sich ja andere Zeiten der Faulheit nehmen. Jetzt in der Ferienzeit zum Beispiel. Oder abends: Statt Fernsehen einfach nur dasitzen und da sein. Und Gott die Sorgen überlassen. Der gibt's im Schlaf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11208

Muss ich in der Religion eigentlich alles glauben und verstehen? Drei Geschichten aus drei Religionen.
Sie ist auf dem Weg in den Gottesdienst. Die alte jüdische Dame in einer Seniorenresidenz in Frankfurt. 96 ist sie. Es ist Sabbatabend. Der Rabbi hat sie eingeladen. Seit sie da wohnt, geht sie immer in den Sabbatgottesdienst. Dem Rabbi zuliebe, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Ein Fernsehteam begleitet sie bis zur Tür. Ob sie oft betet, wird sie gefragt. „Beten? So ein Quatsch. Ich gehöre einfach dazu. So ist das Leben." Sagt's, verschwindet in der Synagoge und lauscht dem fremden vertrauten Klang der hebräischen Worte. Vielleicht wird sie einige mitmurmeln. Sie weiß nicht, wie das geht: beten. Sie tut's einfach. Weil sie dazu gehört. Das erleichtert das Herz.
In seinem Roman „Tausend strahlende Sonnen" erzählt  Khaled Hosseini von Mulla Faizallah in Afghanistan: Der gibt der kleinen Mariam Koranunterricht. Einmal sagt er ihr, dass er den Sinn der arabischen Worte im Koran eigentlich nicht verstehe. Aber er liebe ihren Klang. Sie trösten ihn und erleichtern sein Herz. „Auch dich werden sie trösten, Mariam', sagt er. ‚Du kannst sie aufrufen, wenn du Kummer hast. Und du wirst nicht enttäuscht sein, denn Gottes Worte täuschen nie, mein Mädchen.'
Szenenwechsel: Mittagsgebet in meiner Kirche in Frankfurt. Mehrere Wochen hintereinander dieselben Gebete und Lieder. Viele kenne ich auswendig. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Spreche die Worte irgendwie mit. Verstehe nicht wirklich. Wie geht das eigentlich - beten? Manchmal weiß ich es nicht. Aber ich tu es trotzdem. Der Klang erleichtert mein Herz. Ich gehöre dazu. So ist das Leben.
Drei Geschichten aus drei Religionen. Judentum, Islam, Christentum.  Alle haben Worte, die wir aufrufen können, wenn wir Kummer haben. Worte, die wir nicht immer verstehen oder glauben müssen. Der Theologe Fulbert Steffenski meint: „Sie sind die Notsprache, wenn uns das Leben die Sprache verschlägt." Auswendig gelernte Worte. Deren Klang uns tröstet. Gut, wenn wir solche Worte haben.

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