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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt sie nicht mehr so oft wie früher, aber hin und wieder ist eine zu sehen, vielleicht kommen sie auch mal wieder neu „in Mode" - so „richtige" Uhren, die zum Aufziehen sind. Nicht dass batteriebetriebene oder mit Solarzellen funktionierende Uhren keine richtigen Uhren wären, aber vom Erleben her sind diese alten Uhrwerke faszinierend. Als Kind habe ich mich gern drüber hergemacht, ich habe so manchen alten Reisewecker auseinandergenommen und dann wieder zusammengebaut - nicht immer ist dieses Experiment dann auch gelungen. Es war für mich wie eine kleine eigene Welt, was es da in einem Uhrwerk zu sehen gab. Die vielen kleinen Rädchen, die zusammenpassen und zusammen laufen mussten. Da gab es Rädchen, die sich schnell drehten - und andere, die langsamer liefen. Am faszinierendsten war die so genannte „Unruh'", ein klitzekleines Rädchen, so etwas wie das Herz des Uhrwerks - es sorgte für den entscheidenden Impuls für alles weitere in der Uhr. Ach so: Und wenn die Uhr stehengeblieben ist, weil keine Spannung mehr da war, weil der Antrieb fehlte, dann musste man sie von außen an einem kleinen Rädchen neu aufziehen - so etwa einmal am Tag war dies der Fall. Für mich sind diese ‚echten' Uhren ein Zeichen für das Leben: Da muss es viele Rädchen geben, die zusammenspielen, damit mein Leben den richtigen „Tick" hat, damit ich überhaupt leben kann! Ja, da braucht es auch so etwas wie eine „Unruh", damit etwas in Bewegung kommt. Ansonsten funktioniert manches im Leben nicht mehr, es ist kein Schwung mehr da, keine Bewegung. Da wäre dann solch ein Rädchen zum Aufziehen ganz gut - so einfach ist es natürlich nicht, aber statt eines mechanischen Rädchens, das uns aufzieht, kann es ja einfach etwas sein, das unserem Leben gut tut, das Genießen eines Konzerts, das Verweilen an einem See, das Hören in die Stille; vielleicht gelingt es Ihnen, gerade jetzt am Wochenende, das Leben zu genießen, die innere Uhr von neuem „aufzuziehen".

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, auch wenn es bereits einige Jahre her ist. „Sie müssen viel trinken, das ist wichtig, damit Sie nicht austrocknen!" - so sagte der Arzt zu meiner Mutter, als diese in der Klinik war. „Aber ich kann doch nicht so viel und andauernd trinken, wenn ich keinen Durst habe!", so erwiderte sie damals. „Dann sollten Sie schnell den Durst wieder lernen!", sagte der Arzt daraufhin.
Ich finde, dies ist so etwas wie ein Bild für unser Leben. Bei hitzigen Sommertemperaturen können wir dies natürlich noch besser nachempfinden: Da brauchen wir Durst nicht extra zu lernen. Dann ist er einfach da. Aber grundsätzlich gilt sicherlich: Durst hat mit unserem Leben zu tun! Wenn wir unserem Körper nicht genügend Flüssigkeit geben, so ist dies nicht nur unangenehm, sondern es macht sogar krank! Wie aber sieht es mit all dem anderen Durst aus, den ich auch habe: dem »Durst nach Ruhe«, dem »Durst nach Liebe«, dem »Durst nach Anerkennung« oder dem »Durst nach Wissen«? Im Getriebe des Alltags spüre ich vor allem den »Durst nach Ruhe, nach Erholung«. Und dann gibt es Lebensphasen, in denen mir mancher Durst abhanden gekommen ist; ich habe dann das Gefühl, dass manche Quellen versiegt oder Brunnen zugeschüttet sind. Das merke ich vor allem, wenn es nicht so läuft, wenn ich enttäuscht bin, Misserfolg habe. Da gilt es dann doch - im übertragenen Sinn -, was der Arzt vor Jahren bereits gesagt hatte: Wir sollten schnell den Durst wieder lernen. Ein offener, ein wacher Blick in die Zauberwelt der Natur, ein unbekümmertes Lächeln, ein spannendes Buch, sportliche Betätigung oder gute Musik haben da schon manchmal wie Wunder gewirkt.

 

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Mir geht das häufig so: Ich mache mir einen Plan für den Tag, einige Termine stehen im Kalender, Aufgaben am Schreibtisch warten auf mich- und am Abend stelle ich fest, dass ich höchstens die Hälfte erledigt habe. Andere Termine, wichtige Dinge sind dazwischen gekommen, und irgendwann im Lauf des Tages habe ich den Plan über den Haufen geworden frei nach dem Motto: „Erstens kommt es anders, zweitens als Du denkst..." Wenn ich mir einiges „einplane", so gebe ich mir auch das Gefühl, dass ich etwas gestalte; oft gelingt dies ganz gut, aber natürlich nicht immer. Vielleicht ist dies besonders spürbar in einem Beruf, bei dem ich als Seelsorger viel mit Menschen zu tun habe. Mitten in der Vorbereitung auf diese Sendung klingelt das Telefon, ich bin gerade allein zuhause und nehme den Hörer ab, am anderen Ende meldet sich eine Frau mit einem persönlichen Anliegen, sie braucht jetzt mein Ohr zum Gehört-Werden - und das ist dann auch gut so, und vorbei ist es mit dem für diesen Tag Geplanten; umso mehr natürlich dann, wenn ich's nicht beim Telefongespräch belassen kann, sondern mich selbst auf den Weg mache, weil ich gebraucht werde. Natürlich muss ich einiges planen für die Woche, für den Tag, sonst entsteht Chaos, sowohl äußerlich als auch innerlich. Aber nicht alles, was auf meinen Plan steht, ist dann genau so umsetzbar. Ich muss zu- und ab-geben. Manches liegt eben nicht in meiner Hand, so ist es im Leben. Ich kann nicht immer alles selbst bestimmen, vieles kommt einfach auf mich zu und verändert meinen Plan. „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!" - so heißt es in einem unserer Kirchenlieder. Mit diesen „neuen Wegen" kann jeder Tag und jede Woche gemeint sein. So darf ich gespannt und voller Erwartung in einen neuen Tag gehen.

 

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Ich stehe in der Tür und winke. Alle Ratschläge bin ich losgeworden und meine Tochter hat sie tapfer über sich ergehen lassen. Sie zieht ihren gepackten Koffer hinter sich her, wohl wissend, dass sie bald ihre Ruhe haben wird vor besorgten Eltern, Warnungen und Empfehlungen. Sie freut sich auf einen Schüleraustausch in Frankreich, auf neue Erfahrungen, interessante Leute und unbekannte Lebensweisen. Ich mag Abschiede nicht besonders gern. Und doch gehören sie immer wieder zu unserem Alltag. Da wechselt der beliebte Kindergartenleiter in eine andere Einrichtung und man erinnert sich an all das Gute, was man zusammen erlebt hat. Eine Schulklasse wird neu zusammengestellt und die beste Freundin landet in der Parallelklasse. Die netten Nachbarn ziehen um und werden beim nächsten Grillfest fehlen. Und auch am Urlaubsort muss ich mich wieder verabschieden von der Ruhe, der erholsamen Zeit und der schönen Landschaft.
Mein Vater und viele andere Westerwälder sagen zum Abschied „Gott walt´s". Das vergisst er nie. Zum Beispiel vor einer weiten Reise, vor einer schweren Aufgabe, zum Segen. Bei uns zuhause gehört das einfach dazu.
„Gott walt´s!" Das meint: Gott walte das, was kommt. Gott segne das, was bevorsteht. Gott halte seine Hand über das, was ich alleine nicht schützen und halten kann. Gott segne die Lieben, die unterwegs sind. All das fasst mein Vater mit dem kurzen Segen „Gott walt´s" zusammen.
Auf ihrer Reise nach Frankreich hat meine Tochter auf einem Bahnhof ein Foto gemacht. „6 Wochen Freiheit" steht an einer Bahnhofswand kunstvoll gestaltet. Freiheit genießen, ja das gönne ich ihr. Und ich spüre, auch mir fällt es leichter, sie mit Gottes Segen ziehen zu lassen. In Freiheit unter Gottes Schutz leben. Das wünsche ich ihr nicht nur sechs Wochen lang. Das wünsche ich uns allen jeden Tag neu.

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„Opa 2008" stand auf der Heckscheibe des Autos, neben dem ich geparkt hatte. Ein Blick auf den Rücksitz ließ mich schmunzeln: Dort war ein Kindersitz montiert und daneben eine Packung mit Salzstangen verstreut. Ich durfte als Kind nie im Auto essen. Die Gefahr, dass Krümel oder Schokoladenfinger die Autopolster verschmutzen könnten, war zu groß. Heute dürfen meine Kinder in Opas Auto selbstverständlich essen. Was machen schon die paar Krümel. „Halb so wild", sagen Großeltern, wenn das zweite Glas Apfelsaft umgefallen ist oder eben eine Tüte Salzstangen aufplatzt. „Das wird schon", versichern sie, wenn die Enkelin immer noch nicht spricht oder das Diktat vermasselt wurde. Ruhe bewahren und das Wesentliche liebevoll im Blick behalten. Das ist, glaube ich, eine besondere Gabe sehr vieler Großeltern. Heute denkt die Kirche an Anna und Joachim, die Eltern Marias, also an Oma und Opa von Jesus. Ich glaube, dass sie ganz wichtig für Maria und Jesus waren, so wie das heute auch in vielen Familien der Fall ist. Aus alten Schriften ist bekannt, dass Anna und Joachim sehr lange kinderlos waren. Geduld und Gottvertrauen konnten in dieser Zeit wachsen. Und ich stelle mir vor, das konnten sie auch gut gebrauchen als dann Maria, ihre Tochter, schwanger wurde und sich auf einen so außergewöhnlichen Weg eingelassen hat.  Anna und Joachim haben gelernt, das Wesentliche zu sehen, das, was das Leben wachsen lässt gegen alle Widerstände.  Das hat bestimmt auch Maria stark gemacht. Und ich bin sicher: Geduld und Gottvertrauen haben sie auch an Jesus weitergegeben. So wie viele andere Großeltern heute auch, wenn sie mit ihren Enkeln backen, singen, lesen, schreinern oder beten. Wenn sie zur Stelle sind und einspringen, weil sie gebraucht werden oder Ruhe bewahren, wenn Salzstangentüten aufplatzen.

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„Mensch, Du hast dich ja gar nicht verändert". Nach vielen Jahren habe ich meine frühere Schulfreundin wieder getroffen. Wir quatschen miteinander und dann sagt sie mir kurz bevor wir wieder auseinander gehen: „Mensch, du hast dich ja gar nicht verändert."
Ich bin sicher, sie hat das ganz positiv gemeint. Aber dieser Satz hat mich doch noch eine Weile beschäftigt. Denn in der Zwischenzeit hat sich eine Menge bei mir verändert. Ich bin mit meiner Familie umgezogen, habe eine neue Arbeitsstelle und zu vielen Themen auch eine andere Meinung als früher. Ich merke, wie der lieb gemeinte Satz mich richtig ärgerlich macht. Schließlich will ich mich doch verändern, weiterentwickeln, dazulernen, nicht stehen bleiben!" So wie die Kinder, die wollen groß werden, selbständig, ja sogar älter und reifer aussehen. Die Jugendlichen sind stolz, wenn sie gesagt bekommen, wie sie sich verändert haben. Soll das etwa plötzlich aufhören?
Der Heilige Jakobus - heute ist sein Namenstag - ist so etwas wie der Heilige der Veränderung. Denn viele Menschen pilgern auf dem Jakobsweg, um sich oder etwas zu verändern. Um in ihrem Leben ein Stück weiterzukommen. Sie wollen unterwegs etwas klären: Wie eine schwierige Situation zuhause gelöst werden kann, wie eine anstehende Entscheidung aussehen oder eine Beziehung wieder belebt werden kann, wo neue Kräfte gesammelt werden müssen, um nicht im Leben auf der Strecke zu bleiben. Sie wollen klären, wo sie sich verändern wollen oder müssen. Und der Weg, das Unterwegs sein verändert sie. Die Bewegung bringt nicht nur ihren Kreislauf in Schwung.
Dafür muss ich nicht nach Santiago de Compostella pilgern. Das merk ich schon, wenn ich mir Zeit für einen Spaziergang nehme. Wenn ich mich bewege, dann werden auch meine Gedanken beweglicher, kreativer. Dann komm ich auf Ideen, wie etwas weitergehen kann, wie eine verhärtete Situation gelockert werden und wie ich meine Einstellung, meine Haltung dazu verändern kann. Deshalb freu ich mich nicht nur, wenn man zu meinen Kindern sagt: „Mensch, haben die sich verändert." Ich hör das auch selbst gern.

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„Was ist denn das für ein Schalter?" Sarah, ein Nachbarskind, fährt zum ersten Mal in meinem Auto mit. Sie drückt und dreht, aber es passiert rein gar nichts. „Den Schalter hat mir meine Mutter geschenkt als ich den Führerschein gemacht habe", sage ich. „Und der Schalter ist gar kein Schalter, sondern eine Medaille auf der der Heilige Christophorus dargestellt ist." Das Kind verdreht die Augen. Klar, dass bei der Frau von der Kirche sogar im Auto was Frommes sein muss. Aber dann hört Sarah doch zu, wieso bei mir Christophorus mitfährt.
Christophorus war riesengroß und besonders stark. Doch er wusste nicht so recht, was er mit seinen Kräften anfangen sollte. Nur eins war für ihn klar: Er wollte nicht über andere Menschen herrschen. Er wollte anderen dienen! Und weil er so stark war, hatte er sich in den Kopf gesetzt, nur dem allermächtigsten Herrn dieser Erde zu dienen. Also dient er dem König, verteidigt als Krieger dessen Land. Dann dient er dem Teufel. Doch auch da hält er es nicht aus. Selbst die Macht des Teufels ist begrenzt.
Schließlich landet Christophorus an einem reißenden Fluss. Kein Schiff und keine Brücke können die Menschen von einem zum anderen Ufer hinüberbringen. Deshalb macht das Christophorus. Als er eines Nachts ein kleines Kind durch den Fluss tragen will, wird die Last auf seinen Schultern so schwer, dass er sicher ist, jetzt dem größten und mächtigsten Herrn zu dienen. Er braucht all seine Kraft, um das kleine Kind sicher zu tragen. Am Ufer angekommen, bestätigt das Kind Christophorus: Ich bin der, den du suchst. Christus.
Der Name Christophorus heißt übersetzt: Der, der Christus trägt. Heute ist sein Gedenktag. Und bis heute wird Christophorus als der Schutzpatron der Autofahrer verehrt. Sicher und beschützt ankommen, das wünschen sich alle, die unterwegs sind.
Mich erinnert die Plakette im Auto aber auch daran, auf meinen Wegen auf das Schwache und Hilfsbedürftige zu achten. Deshalb sage ich Sarah auch: „Groß ist, wer seine Kraft für die Kleinen einsetzt und den Schwachen dient".

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