Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der katholische Bischof verbrachte mehrere Jahre in Einzelhaft in Vietnam. Von Anfang an nahm er sich vor, gegenüber jedermann in der Haft freundlich zu sein, besonders gegen seine Wärter. Ihm fiel auf, dass die Wächter immer nach wenigen Tagen wechselten. Er fragte seinen aktuellen Bewacher nach dem Grund. Nach einigem Zögern gab der zur Antwort: Unser Vorgesetzter fürchtet, du könntest uns bekehren. Wieder eine Zeit später bemerkte der Bischof, dass die Wärter nicht mehr ausgetauscht wurden. Über lange Zeit behielt er den gleichen Bewacher. Auf die erstaunte Frage des Bischofs antwortete der Beamte: Unser Vorgesetzter fürchtet, du könntest uns alle bekehren.
Bittere Worte, heftige Klagen, auch die Bitte um Gnade - damit hätten die Wachen souverän und professionell umgehen können. Aber die gefährlich ansteckende Freundlichkeit des Bischofs machte sie ratlos. Dabei muss ihm diese Haltung in der Isolation, unter dem Druck der Verhöre und Schikanen selbst schwer gefallen sein. Unter solchen Umständen war Freundlichkeit nicht nur überraschend, sondern erforderte besondere Kraft und Mut. Der Bischof gewann beides vielleicht aus einem Wort der Bibel:
„Liebt Eure Feinde, betet für die, die Euch verfolgen" - diese Worte Jesu können für den Bischof ein schwerer, aber gangbarer Ausweg gewesen sein. Wer seinen Feind liebt, stellt mit aller Kraft die Verhältnisse auf den Kopf. Oder besser noch: Auf die Füße. Er rückt nämlich die Verhältnisse zurecht, damit Menschen nicht mehr Feinde sein müssen, sondern menschlich miteinander umgehen.
Solches Handeln ist riskant und kann als Schwäche ausgelegt und missbraucht werden. Wie bei dem Bischof und seinen Bewachern kann es aber auch ansteckend sein. Die Hoffnung auf mehr Menschlichkeit ruht auf den Menschen, die dieses Wagnis eingehen, und auf den Beispielen, die gelingen. Mit seinem Beispiel erfüllte der Bischof eine entscheidende Hoffnung: Dass wir einander nicht Feinde sein müssen, sondern Menschen sein können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11043

In der Straßenbahn wurde die Situation allmählich bedrohlich. Die vier glatzköpfigen Männer mit Springerstiefeln und Bierflaschen in der Hand machten lautstark auf sich aufmerksam und warfen aggressive Blicke auf die Fahrgäste. Diese wiederum verhielten sich so unauffällig wie möglich. .Das aber machte die jungen Männer noch aggressiver.
Da erhob sich eine junge Frau, ging auf die Gruppe zu und fragte: Entschuldigen Sie bitte, ich bin hier fremd, hält die Bahn auch da und dort und wie komme ich dann weiter nach soundso?
Die Szene veränderte sich in Sekunden. Aus den aggressiven Kerlen wurden hilfsbereite ortskundige junge Männer, die gemeinsam beratschlagten, was für die Frau der beste Weg sei. Die Frau hörte aufmerksam zu, wiederholte noch einmal die empfohlene Verbindung, ob sie auch alles richtig verstanden hatte, bedankte sich freundlich und setzte sich wieder hin. Die jungen Männer blieben bei der einmal gefundenen Freundlichkeit und stiegen irgendwann aus.
Was hier passierte, war erstaunlich: Die junge Frau bestätigte die wilden Kerle keineswegs in ihrer aggressiven Selbsteinschätzung. Weder kuschte sie vor ihnen, noch rief sie die Männer empört zur Ordnung. Sie nahm die Männer ernst und erkannte, dass sie Stärke zeigen wollten. Doch während sich die vier Männer Stärke nur als Aggression vorstellen konnte, entdeckte die junge Frau in ihnen eine andere Stärke: die Stärke der Hilfsbereiten, die ihr als alleinstehender Frau bei dem komplizierten fremden Fahrplan helfen konnten. Sie deckte an den jungen Männern eine Seite auf, die diese vielleicht gar nicht kannten, aber mit Hilfe der Frau gerne annahmen.
Das hätte auch schief gehen können und funktioniert sicher nicht immer. Doch einfach wegsehen oder sich innerlich empören ist auch keine Lösung. Die junge Frau hat mit ihrem Beispiel gezeigt, wie man mit solchen Situationen auch umgehen kann. Sie hat die Männer ernst genommen in ihrem Bedürfnis nach Stärke. Und hat ihnen ermöglicht, Stärke zu zeigen, ohne gewalttätig zu sein. Ich wünsche mir die Stärke dieser jungen Frau.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11042

Es soll uns gut gehen als Verbraucher. Deshalb gibt es Verbraucherberatung und Verbraucherschutz, Verbrauchertipps und sogar ein Verbraucherministerium. Kein Wunder: Verbraucher halten die Wirtschaft am Laufen und sind die größte Interessengruppe, die man sich vorstellen kann. Denn Verbraucher sind wir alle.
Und trotzdem finde ich die ungebrochene Begeisterung für den Verbraucher merkwürdig. Denn der teils hemmungslose Verbrauch beschert uns einige unserer größten Probleme:CO2 in der Atmosphäre, fragwürdige Tierhaltung, abgeholzte Landschaften im Regenwald. Können wir uns wirklich so naiv und unbeschwert von Wirtschaft und Werbung als Verbraucher feiern lassen?
Die Bibel hat eine andere Sicht. Nach der Erschaffung von Himmel und Erde, so erzählt sie, macht Gott den Menschen zum Gärtner in seinem Paradiesgarten. Und der Mensch darf alles nutzen, aber zugleich ist er verantwortlich für das Gedeihen des Gartens. Und dem Menschen geht es gut, es fehlt ihm an nichts, so lange er die Grundlagen nicht gefährdet, auf denen die Früchte entstehen. Der paradiesische Mensch war ein Nutzer, kein Verbraucher.
Nutzer und Verbraucher sind zwei unterschiedliche Konzepte. Beim Verbraucher steht die Welt als Material und deren Verwertung im Mittelpunkt. Woher das Material kommt, wohin die ausgepresste Materie geht, ist vorerst nicht im Blick. Der Nutzer dagegen schaut auch auf die Grundlagen, auf das Woher und Wohin. Der kahle Apfelbaum im Winter ist für den Verbraucher schlimmstenfalls nur Brennholz, der Nutzer sieht daran die Äpfel des kommenden Jahres und wird sich hüten, den Baum zu fällen. Die Bibel sieht die Welt von Anfang an nie nur als Material, sondern immer als von Gott anvertrautes Gut. Das dürfen und sollen wirnutzen, aber nicht verbrauchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11041

„Herr, gib uns deinen Frieden". Ein kirchlicher Kanon ist das, der mich immer besonders bewegt, wenn ich ihn singe. Nicht nur, weil darin so eindringlich um den Frieden gebetet wird. Sondern auch: weil das eines der ersten Lieder war, die ich vor 35 Jahren in der Kinderschola gelernt habe. Ich konnte kaum richtig lesen, da bin ich mit Begeisterung jede Woche zur Chorprobe gegangen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie mein Glaube an Gott heute aussehen würde ohne Musik. Von Anfang an war Singen für mich untrennbar mit Glauben verbunden.
Und ich finde es wunderbar, dass viele Kinder das heute immer noch so erleben. Heute, am Mittwoch, beginnt in Würzburg ein großes Chorfestival für Kinder und Jugendliche, rund 3000 junge Sängerinnen und Sänger nehmen in den nächsten fünf Tagen daran teil. „Singen von Gottes Wegen" ist ihr Motto. Sie werden zusammen Gottesdienste feiern, Konzerte geben und für den Frieden beten - wer weiß, vielleicht wird auch mein alter Friedenskanon dabei gesungen. Klar, sie werden dabei auch einfach Spaß haben und Gemeinschaft erleben. Aber ich denke: Auch den Glauben werden sie besonders erfahren. Etwas von Gott spüren beim Singen.
Für viele Kinder und Jugendliche ist dieses Glaubenerleben im Kinderchor heute sogar noch bedeutsamer als für mich damals: Denn es gibt ja immer mehr, die zuhause in der Familie von Gott nicht mehr so viel hören. Beim Singen können sie eine Ahnung von ihm bekommen. Kein Wunder, dass es mittlerweile in den Kinderchören auch etliche Taufen gibt - mancher kommt durchs Singen überhaupt erst zum Glauben.
Mir hat das Singen in den letzten 35 Jahren immer wieder dann geholfen, wenn es mit dem Glauben schwerer wurde. In Trauer- und Krisenzeiten tat es gut, wenn mir Lieder in den Kopf und auf die Lippen kamen. Es hat mich getröstet, einen Kanon oder etwa ein Lied aus Taizé immer wieder vor mich hinzusingen. Für mich ist der Gesang schon seit Kindertagen der beste Weg, auf dem Gott in mich hinein kommen kann, bis in mein Herz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11040

Morgen geht sie in die letzte Runde, die Frauen-Fußball-WM, am Abend steigen die beiden Halbfinalspiele, am Wochenende dann das Spiel um Platz 3 und das große Finale. Und ich werd deshalb ziemlich viel vor dem Fernseher sitzen. Vermutlich nicht allein - vielleicht gehe ich sogar zum public viewing. Es gibt zwar nicht ganz so viele Großbildschirme wie letztes Jahr bei der Männer-WM, aber doch einige. Ich guck sie mir seit Wochen schon gerne an, die WM-Spiele, fast egal, ob mit oder ohne deutsche Beteiligung. Zu allererst, weil das richtig spannender und guter Fußball ist. Aber, ich geb's zu: auch, weil es eben Frauen-Fußball ist. Weil ich es klasse finde, dass Frauen endlich auch auf den Bildschirmen zu sehen sind. Weil ich begeistert und irgendwie ein bisschen stolz darauf bin, dass es Frauen sind, die dem Ball nachjagen.
Er ist ja immer noch etwas Besonderes, der Frauenfußball. Von so manchen wird er bis heute belächelt. Und dass ich 2011 überhaupt diese WM gucken kann, das hab ich Frauen zu verdanken, die sich solchem Lächeln und manchem Verbot mutig widersetzt haben. Gegen viele Widerstände haben sie daran festgehalten: Fußball ist natürlich auch was für Frauen - ja warum denn nicht? Sie haben für ihren Sport gekämpft, mit langem Atem sind sie am Ball geblieben. Wie so viele Frauen in anderen Bereichen auch. Frauen können dieses nicht oder jenes nicht, sie sind zu schwach, zu klein, zu wenig durchsetzungsfähig - wie oft bekommen das Frauen bis heute gesagt oder zumindest: zu spüren. Warum verweigert man Frauen das, was sie tun können und tun wollen, nur, weil sie Frauen sind? Die Frage hat schon vor Jahrhunderten eine Heilige gestellt, Theresia von Avila.
Mich freut diese Frauen-Fußball-WM auch, weil sie zu dieser Frage nicht nur Worte liefert, sondern Bilder: von Frauen, die großartigen Fußball spielen. Schnell und technisch brillant und spannend. Ich finde: Diese Bilder stellen manche seltsamen Argumente einfach ins Aus. Denn man kann's ja sehen: Natürlich können die Frauen das genauso wie die Männer. Und manchmal sogar ein bisschen besser.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11039

„Jeder kriegt das gleiche". Dass das nicht immer wirklich gerecht ist, merkt man schnell, wenn man in der Familie oder in einer Firma etwas zu verteilen hat. Geld oder auch: Zuneigung oder Erziehungsmaßnahmen. Es ist eben nicht jeder Mensch gleich. Und deshalb braucht auch nicht jeder das gleiche. Sondern: bisweilen sehr Unterschiedliches. Das wusste schon ein kluger Mönchsabt vor 1500 Jahren. Der heilige Benedikt. Heute, am 11. Juli, ist sein Gedenktag. Am Ende seines Lebens hat Benedikt seine Erfahrungen in einer Mönchsregel zusammengefasst. Bis heute gilt sie in vielen Klöstern auf der ganzen Welt. Aber inspirieren kann einen diese Regel auch für Familien und Firmen. Da heißt es zum Beispiel über den Abt: „Er muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt: Menschen zu führen und der Eigenart vieler zu dienen. Muss er doch dem einen mit gewinnenden, dem anderen mit tadelnden, dem dritten mit überzeugenden Worten begegnen. Nach der Eigenart und Fassungskraft jedes Einzelnen soll er sich auf alle einstellen und auf sie eingehen."
So schreibt Benedikt in seiner Regel. Bis heute wissen Mütter und Väter, Lehrer und Manager ein Lied davon zu singen, wie schwierig und mühevoll das ist: Sich wirklich auf jeden Einzelnen einstellen. Da braucht das eine Kind ständige Kontrolle, das andere seine Freiheit, um gut lernen zu können. Für die eine bedeutet Lob: viele gute Worte, für den anderen einfach nur: eine wortlose Umarmung. Oder auch in der Firma: Der eine Kollege freut sich, wenn man ihm zur Hand geht, der andere kann genau das gar nicht gebrauchen und will alleine etwas leisten. Jeder Mensch ist anders. Das weiß man eigentlich. Aber seit Jahrtausenden ist es trotzdem schwierig, danach zu handeln. Vielleicht vor allem: Weil man oft von sich auf andere schließt. Und denkt: Was mir gut tut, muss auch dem anderen gut tun. Das ist aber nicht so.
Auf den anderen eingehen: Das geht nur, wenn ich weiß, was er braucht, wenn ich ihn kenne, mich für ihn interessiere. Und dann bekommt er nicht das Gleiche. Sondern das ihm oder ihr Angemessene. Das, womit ich gerade ihm oder ihr gerecht werde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11038

Wer Ohren hat, der höre! So sagt es Jesus in der biblischen Erzählung, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird. Die Ohren öffnen - schon Jesus damals meinte nicht nur das simpel: mach doch mal die Ohren auf! Er wollte, dass die Menschen aufmerksam werden, wirklich hinhören auf das, was er sagt. Nicht nur die Ohren an ihrem Kopf sollen sie öffnen, sondern auch: die Ohren ihres Verstandes und die Ohren des Herzens. Ein paar Jahrhunderte nach Jesus schreibt es der heilige Benedikt am Beginn seiner großen, bis heute gültigen Mönchsregel so: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens".
Hinhören, wirklich mit Herz und Verstand aufnehmen, was der andere einem sagen will: Das ist ja bis heute gar nicht so einfach. Fast könnte man sagen: Es ist eine wirkliche Kunst. Wie oft passiert es, dass ich zwar Ohren habe, aber eben doch gar nicht höre, was der andere gerade erzählt. Weil ich mit Gedanken ganz woanders bin, oder aber: weil mir das, was zwischen meinen Ohren passiert, was ich gerade denke und will, viel wichtiger ist als das, was der andere meint. Und doch: Für ein wirkliches Miteinander, für das friedliche Zusammenleben ist dieses Hinhören so unglaublich wichtig. Und eigentlich weiß ich es ja auch: Wie wunderbar es ist, wenn mir der andere wirklich zuhört, wenn er auf Augenhöhe ist mit mir, mir in die Augen schaut und dabei die Ohren spitzt, ganz da ist, mit den Ohren seines Herzens.
Ich wünschte mir, dass wir das in diesen Sommertagen immer öfter hinkriegen: offene Ohren, gegenseitiges Hören. Zum Beispiel, wenn es in der Kirche um Dialog geht, wie gestern und vorgestern bei der großen Zusammenkunft von 300 Kirchenfrauen und -männern in Mannheim oder immer wieder bei Treffen in den Kirchengemeinden vor Ort. Aber auch natürlich im Freundeskreis oder in der Familie. Hinhören und ernst nehmen, was mein Gegenüber sagt, das ist wohl wirklich eine Kunst. Und sie will geübt und gepflegt werden. Wer Ohren hat, der höre.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11037