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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder täte?" Das ist so ein Satz, der mir immer als Inbegriff des Spießbürgertums vorgekommen ist. Hauptsache nur nicht los gehen. Immer schön alles beim Alten lassen und keine Veränderungen zulassen. „Wo kämen wir denn hin?" Eben! Es könnte aber doch schön sein, sich diese Frage selbst einmal zu beantworten. Nur dazu muss ich leider erst einmal etwas Entscheidendes tun: ich muss losgehen, den alten Standpunkt verlassen und nachschauen, was denn da sein könnte, wo man hinkäme, wenn man los ginge.  Die Gefahr dabei: ich gebe ja damit automatisch etwas auf: Ich verlasse vermeintlich sichere Zonen, in denen ich mich mehr oder weniger bequem eingerichtet habe. „Wo kämen wir denn da hin?" Ich antworte jetzt mal mit dem berühmten Spruch von Franz Beckenbauer: „Schau'n mer mal!"  Der klingt so ganz anders, viel offener, vorwärts gerichtet. „Schau'n mer mal, wo das hinführt." Neugierig vorwärts gehen im Leben, sich überraschen lassen. Das heißt natürlich auch: ein Risiko eingehen. Denn es könnte ja sein, dass es da nicht viel Schönes zu schauen gibt. Aber schau'n mer mal! Ich erinnere mich, dass ich einmal ein für mich damals richtiges Risiko eingegangen bin. Ich habe als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr nach fünf Monaten beim Bund den Wehrdienst verweigert. Ich wusste nicht, wo das hin führte. Damals konnte man, wenn der Antrag in allen Instanzen nicht durchging, im Bau landen. Druck von oben war sowieso vorprogrammiert. Ich habe damals nicht gesagt: „Wo kämen wir denn hin?" Ich hab gesagt: „Schau'n mer mal" und bin mit klopfendem Herzen und ziemlich viel Angst los gegangen. Ich bin, ganz ehrlich gesagt, bis heute stolz darauf. Weil ich mich etwas getraut hatte. Und nicht ängstlich gefragt habe: „Wer weiß, wo das endet?". Ja, und wer weiß, was aus meinem und vielleicht auch aus ihrem Leben bis heute geworden wäre, wenn wir mit ein wenig mehr Gottvertrauen öfter mal gesagt hätten: „Schau'n mer mal!" Da bleibt nur eine Antwort: Schaun'mer halt mal."

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Kennen Sie das TINA- Prinzip? TINA ist die Abkürzung für  „There is no alternative - es gibt keine Alternative". Die frühere britische Premierministerin Margret Thatcher gilt als Erfinderin dieser Floskel. Und auch unsere Politiker benutzen dieses Prinzip fleißig. Was war alles schon absolut ohne Alternative: laut Kanzlerin Merkel das „Hilfspaket" für Griechenland,  laut Minister Schäuble die Neuverschuldung, laut Bundeskabinett  die Anhebung der Rente auf 67 Jahre. Alternativlos ist der  Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Atomkraft galt Jahrzehnte lang als absolut unverzichtbar für das Wachstum und die Energieversorgung. Jetzt zeigt sich sehr schmerzhaft, wohin eine angebliche Alternativlosigkeit führen kann.
Nämlich in Sackgassen, aus denen nur sehr schwer wieder heraus zu finden ist. Kein Wunder, dass das Wort „alternativlos" zum deutschen „Unwort des Jahres" gewählt wurde.
Diesem TINA-Prinzip setzen seine Gegner das  TATA-Prinzip entgegen. Schönes Wortspiel: „There are thousands of alternatives -Eine andere Welt ist möglich." Man darf sich eben nur nicht von den „Alternativlosen" einwickeln lassen. Der Kabarettist Volker Pispers hat eine klare Meinung dazu. Er sagt: „Es gibt einen zuverlässigen Gradmesser dafür, wann ein Mensch sich völlig verrannt hat: sobald er beginnt, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass es zu seinen Ansichten oder Handlungen keine Alternative gibt, kann man getrost davon ausgehen, dass er nicht mehr ganz bei Trost ist."  

Für Christen gibt es eine Aussage mit noch ganz anderer Qualität. Es ist eine der schönsten Stellen aus dem Johannesevangelium der Bibel und es ist eine Verheißung, die man ernst nehmen darf. Da sagt Jesus: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh10,10).

Kein: „Das hat doch keinen Sinn!  Dafür ist es jetzt zu spät!" Oder:„Das ist eben so!" Nein: Leben in Fülle! Das ist eine große Herausforderung. Aber das ist wirklich menschlich. Da bleiben Wahlmöglichkeiten, da herrscht Freiheit im Denken und Handeln. Es ist ein biblisches TATA - Prinzip. Wer davon überzeugt ist, sollte dieses Signal so laut trompeten wie möglich. Für ein Leben mit Alternativen, nicht nur im Himmel - sondern  hier und jetzt.

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Heute hätte Stan Laurel Geburtstag. Er und Oliver Hardy waren „Dick und Doof", Legenden des Stummfilms und tolle Komiker.   „Music box" heißt einer ihrer Filme. Für den haben sie 1932 einen Oscar bekommen. Als Möbelpacker versuchen sie, ein Klavier einen Hügel hinauf und dann ins Haus zu bugsieren. Die Treppe bis zum Haus ist endlos lang. Der eine zieht, der andere drückt. Auf halber Höhe kommt ihnen eine Frau mit Kinderwagen entgegen. Beim Versuch, aus dem Weg zu gehen, rutscht die Kiste mit dem Klavier wieder ganz nach unten. Und die Kinderfrau lacht sie dazu noch aus. Beim nächsten Versuch werden sie von einem hochnäsigen Professor beschimpft, der sich belästigt fühlt. Und wieder rutscht das Klavier bis ganz nach unten. Bis es endlich  da ist, wo es hingehört, lacht der Zuschauer Tränen. Situationskomik vom Feinsten. Ich glaube aber, den Oscar haben Stan und Ollie nicht nur deshalb bekommen. Der ganze Film ist ja irgendwie auch ein großartiges Bild für das Leben. Da schuftet man sich ab, geht Schritt für Schritt vorwärts. Dabei haben viele das Gefühl, dass es im Leben nie leichter, sondern eher immer schwerer wird. So wie die Kiste. Und immer gibt es Menschen, die mich nicht ernst nehmen,  die mich anschreien. Stan und Ollie machen uns vor, wie der kleine Mann da reagiert: man revanchiert sich mit kleinen Fouls, tritt auch schon mal dem ans Bein, der nichts dafür kann. Reagiert mit hilflosem Aktivismus - einfach toll, wie Stanley mit einem kleinen Taschentuch eine riesige Wasserpfütze aufzuwischen versucht.  Aber vor allen Dingen: sie geben nicht auf. Wo ich schon längst alles hingeschmissen hätte, krempeln sie noch einmal die Ärmel hoch und machen weiter. Ollie, weil er ja eigentlich nie Schuld an ihrem Pech hat, und Stanley, weil er seinen Freund ja nicht allein im Schlamassel stecken lassen kann.  Und weil wir das alles auch heute noch so schrecklich doof und zum Lachen finden, vergessen wir manchmal die tiefere Botschaft in diesem Meisterwerk: das Leben ist nicht immer zum Lachen, ganz im Gegenteil. Aber mit einem Lächeln im Gesicht und der Größe, auch über seine eigenen Bemühungen mal lachen zu können und sich nicht so ernst zu nehmen, hat man gute Chancen, auf der Lebenstreppe unbeschadet oben an zu kommen.

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„Es gibt so wahnsinnig viele neue Eindrücke, man kann ganz viele Menschen treffen und kennen lernen, außerdem möchte ich mal bei einem richtig großen Event dabei sein". Mirjam Seibert hat sich als Helferin angemeldet. Obwohl es noch fast ein Jahr dauert, freut  sich die junge Frau heute schon auf ihren Einsatz bei der großen Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier im nächsten Jahr. Da werden einige Hunderttausend Pilger und Besucher rund um den Dom erwartet. Und die kommen nicht nur aus Rheinland-Pfalz oder dem Saarland. Klar, dass es deshalb gute Geister geben muss, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Stefan Baldy war als Kind 1996 als Wallfahrer dabei. Dieses Mal will er aktiv mitmachen, Menschen den Weg zum Dom zeigen, Programme verteilen, Hilfestellung leisten in allen Fragen rund um eine Großveranstaltung. Viele werden gebraucht, damit die vier Wochen Wallfahrt rund um den Dom reibungslos verlaufen können und für jeden Teilnehmer in guter Erinnerung bleiben. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" Dieser Satz des Schriftstellers Erich Kästner könnte das Motto der Helfertruppe sein, denn zu tun gibt es unendlich vieles. Im Pilgerdienst, an den Versorgungspunkten, als Ordner oder als Lektor oder Messdiener im Gottesdienst - rund 2500 Helferinnen und Helfer braucht das Organisationsteam im April und Mai 2012. Bei der letzten Wallfahrt 1996 hat das prima geklappt. Über 700.000 Pilger waren  damals nach Trier gekommen. Dass es für viele zu einem wirklich geistlichen Erlebnis wurde, verdankten sie auch dem Einsatz der Helferinnen und Helfer. Für mich diese Aufgabe ein schönes Beispiel dafür, was es heißt, gemeinsam Kirche zu sein. Ohne die vielen, vielen Ehrenamtlichen, die für Gottes Lohn aus Überzeugung, Freude, Unternehmungslust und aus ihrem christlichen Glauben heraus helfen wollen, ließe sich aber auch rein gar nichts erreichen.  Nein, Gottes Lohn allein ist es zum Glück nicht. Es sind die zahllosen Dankeschöns in vielen Sprachen, die die Helferinnen und Helfer reich machen.

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„Geh aus mein Herz und suche Freud". Dieses Lied des evangelischen Theologen und Dichters Paul Gerhardt ist ungefähr 350 Jahre alt. Und trotzdem steht es immer noch in vielen aktuellen Liederbüchern. Es ist so bekannt, dass es ein Stück deutsches Kulturgut geworden ist. Ich finde es bemerkenswert, wie ein Mann, der den gesamten dreißigjährigen Krieg erlebt, durchlitten und überlebt hat, trotzdem so von Gottes guter Schöpfung und Welt sprechen kann.
„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit an deines Gottes Gaben: Schau an der schönen Garten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben."  Klar, die barocke Sprache ist im 21sten Jahrhundert gewöhnungsbedürftig, aber ich finde es lohnt sich, den Text und die Botschaft des Liedes genau anzuhören. Sieben Strophen allein verwendet er darauf, nur zu beschreiben, wie schön es in dem Garten aussieht, und was es da alles zu sehen gibt. Hand aufs Herz: wann haben sie zuletzt an einer Gartenblume gerochen, wann einer Schwalbe beim Füttern der Jungen zugesehen, wann beim Feldspaziergang eine aufsteigende Lerche beobachtet? Paul Gerhardt nimmt sich ganz viel Zeit dafür. Und das ist wichtig. Wie kann ich heute ein Bewusstsein für den Schutz von Natur und Umwelt entwickeln, wenn kaum noch jemand im Alltag Natur wirklich wahrnimmt und lieben lernen kann? So ein einfaches Lied kann ein Anfang sein. Aber natürlich steckt auch eine andere Botschaft in dem Lied. Das Herz soll schauen, der ganze Mensch also soll sich ergreifen lassen von der Schönheit der Schöpfung Gottes. „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit..." Hier werden Bilder gemalt, Emotionen geweckt, die Sinne angesprochen. Dann kann  der Mensch wirklich eine Ahnung von der Größe Gottes bekommen, staunen und sich freuen. Was nützt alles intellektuelle Wissen, was alles Anschauen und Hören, wenn das Herz nicht angesprochen wird. Vielleicht passt ja in dieser Woche ein Ausflug in die Natur in Ihren Plan. Dann nehmen Sie sich doch einfach einmal etwas mehr Zeit und nehmen Sie Bäume, Wiesen, Blumen und Bäche einmal nicht nur mit den Augen sondern auch mit dem Herzen wahr.

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