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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: (...) Der dich dein Leben lang mit seinen Gaben sättigt; wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert." (Psalm 103,2.5)
Mich fasziniert bei diesem Vers aus Psalm 103 immer wieder der Vergleich mit dem Adler - nicht in erster Linie aus persönlichen Gründen. Natürlich wäre es reizvoll, fliegen zu können, aus eigenem Antrieb, jung zu bleiben, antriebsstark. An das aber denke ich nicht, wenn ich das Bild faszinierend finde. Es geht mir um mehr - wenn Menschen darüber klagen, dass es nicht mehr „so ist wie früher", „wenn Kräfte schwinden im Alter", „wenn die power fehlt": Ich möchte nicht einstimmen in Klagelieder über das „Heute" im Vergleich zum „Gestern"; ich möchte diesen Satz mit Leben füllen: „Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: (...) Der dich dein Leben lang mit seinen Gaben sättigt; wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert." Für mich geht es da ums Vertrauen in Gott - in ihm kann ich mich verwurzeln, von Ihm kann ich Kraft beziehen. Ich kann immer neu stark werden - eben wie der Adler... Wenn etwas nicht so läuft wie geplant, wenn statt eines Erfolgs die Niederlage ansteht, dann muss ich nicht gleich alles aufgeben. Ich kann wieder aufstehen!  Es ist gut, wenn ich hin und wieder zurückschaue, wenn ich mir - wie im Psalm zum Ausdruck gebracht - sage „vergiss nicht". Im Zurückschauen allein jedoch lebe ich kein „Heute" und kein „Morgen", deshalb gilt für mich: ­ Das, was Menschen vor langer Zeit erfahren haben, was in diesem Psalm 103 zum Ausdruck kommt, das ist auch heute aktuell: Gott begleitet uns, Gott gibt unserem Leben neue Kraft.

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Es gibt Tage in meinem Leben, da komme ich mir mehr vor wie in einer steinigen Wüste als in einer blühenden Landschaft - vieles scheint in grauen Tönen, da fehlt der innere Antrieb, die Lust am Leben. Dies erfahre ich umso stärker, je mehr unerledigte Aufgaben mir einfallen - immer mal wieder gibt es solche Phasen, und ich weiß, dass es vielen von uns ähnlich geht, vielleicht auch ihnen...!
Da gibt mir der folgende Satz zu denken: „Die Wüsten müssen bestanden werden, die Wüsten der Einsamkeit, der Weglosigkeit, der Schwermut, der Sinnlosigkeit(...); denn Gott, der die Wüste schuf, erschließt auch die Quellen, die sie in fruchtbares Land verwandeln." Geschrieben hat dies Alfred Delp, ein katholischer Priester, der von den Nationalsozialisten umgebracht wurde.
Die Wüste wird zu einem Ort, in dem neues Leben entsteht - wer schon mal in einer Wüste war, kann dies bestätigen. Aber im Alltag, wenn ich mir vorkomme „wie in einer Wüste" - hilft mir das etwa auch? Ich glaube  - ja! Vielleicht sind es manchmal zu viele Aufgaben, die mir gleichzeitig in den Sinn kommen, die mich in Beschlag nehmen, und ich weiß plötzlich nicht mehr, wo ich anfangen soll. Weil vieles „grau in grau" erscheint, fehlt der Antrieb, der klare Blick, die Orientierung. „Wenn Du einen Brunnen gräbst, musst Du an einem Ort graben", so habe ich mal gelesen in meinem Kalender; und genau dieser Spruch kommt mir in den Sinn. Das heißt doch: Wenn ich an vielen unterschiedlichen Stellen zu graben beginne, verzettele ich mich; wenn ich hier und da ein bisschen grabe, werde ich wohl kaum Wasser finden. Dann bleibt die „Wüste" der ungemütliche Ort, dann bleibt es „grau in grau". Also will ich mich konzentrieren, eins nach dem anderen anschauen, anpacken. Dann kann ich dies auch für meinen Alltag erfahren, was Alfred Delp geschrieben hat: „Gott, der die Wüste schuf, erschließt auch die Quellen, die sie in fruchtbares Land verwandeln."

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Ich gehe davon aus, Sie kennen diese Situation: Es ist nur noch wenig Zeit, Sie sind spät dran, es gibt noch schnell das ein oder andere einzupacken, sie wollen ja nichts vergessen, sie spüren „Hektik pur", jemand ruft Ihnen auch noch zu: „Auf, auf beeil Dich, mach' schon!" - Momente, wie sie täglich passieren können; ich kann dies gut verstehen, denn auch ich komme nicht gern zu spät zu einem Termin, manchmal muss es dann einfach schnell gehen- und da ist Schnelligkeit dann wirklich angebracht.
Nicht immer jedoch ist es gut, wenn vieles „noch schneller" passieren muss, wenn „Autos noch schneller fahren müssen" und „Arbeit noch schneller erledigt sein muss", wenn wir „noch schneller von A nach B kommen". Glauben Sie etwa, dass es eine höhere Qualität hat, wenn wir „Zeit gewinnen" können, mal abgesehen von sportlichen Wettkämpfen, wo bereits Sekundenbruchteile über die Reihenfolge der Platzierung entscheiden können? „Guten Tag", sagte der kleine Prinz. „Guten Tag", sagte der Händler. Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. „Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken". „Warum verkaufst Du das?" sagte der kleine Prinz. „Das ist eine große Zeitersparnis", sagte der Händler. „Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche." „Und was macht man mit den dreiundfünfzig Minuten?" „Man macht damit, was man will..." „Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte", sagte der kleine Prinz, „würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen..." Ich möchte Sie für heute einfach mal ermuntern, manches langsam zu tun - es muss dadurch nicht schlechter sein, vielleicht gelingt es sogar besser! Versuchen sie doch einfach mal, langsamer unterwegs zu sein, nicht vieles „schnell, schnell" zu erledigen, sondern bewusster - dies kann beim Einkaufen sein, beim Unterwegssein zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, beim Gespräch am Telefon, bei der Arbeit am Computer, wo auch immer! Bestimmt können Sie spüren, dass es gut tut, sich von der Hektik um Sie herum nicht sofort anstecken zu lassen. Ich finde, es ist wohltuend, wenn ich den inneren Zwang, alles möglichst schnell zu erledigen, besiegen kann. Und ich staune immer wieder darüber, wie mir auf diese Weise mitunter sogar mehr gelingt.

  

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Sie blieb sich immer treu, sogar zu ihrer eigenen Beerdigung kam sie zu spät. Liz Taylor. Sie war in ihrem Leben immer unpünktlich gewesen und hatte deshalb verfügt, dass auch ihre Beerdigung später anfangen sollte. Auch bei dieser Gelegenheit sollten alle auf sie warten müssen - so ist sie sich treu geblieben. Wie bleibt man sich eigentlich treu ? Zunächst muss da wohl etwas sein, dem ich treu bleiben kann: eine Persönlichkeit, ein bestimmter Charakter. Im Lauf meines Erwachsenenlebens höre ich ja irgendwann auf, mich erziehen zu lassen und fange an, mich selbst zu erziehen. Ich entdecke Eigenschaften und Verhaltensweisen an mir, die ich angenehm finde: so will ich sein. Die bestärke und fördere ich. Und ich entdecke Seiten an mir, die mir nicht gefallen. Da versuche ich Abhilfe zu schaffen, die sollen nicht so stark zum Vorschein kommen. Es ist wie im Sportstudio: da formen die Menschen ihren Körper, hier geht es mehr um das Wesen, um Charaktereigenschaften, um die Persönlichkeit. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan des Satzes: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich tue mir selbst regelmäßig Gutes, gehe wandern, genieße meine freie Zeit. Und ich möchte auch, dass es anderen gut geht, da spende ich manchmal Geld, wie jetzt bei der Katastrophe in Fukushima. Oder ich übe ein Ehrenamt aus. Oder ich spende Blut. Beides ist mir wichtig, die Liebe für mich selbst und die Liebe für die anderen, und in dem Punkt versuche ich, mir treu zu bleiben. Wer mich kennt, weiß: meine Lieblingsfarbe ist grün. Egal, ob ein Paar neue Socken oder ein neues Auto, am liebsten in Grün. Auch da bleibe ich mir seit Jahren treu, und ich käme zwar nicht - wie Liz Taylor - zu spät zu meiner Beerdigung, aber wahrscheinlich wäre mein Sarg grün.

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„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht." Alter Spruch aus Kindertagen, der mich ziemlich geprägt hat. Wenn wir gelogen hatten, wurde das gebeichtet und ich war damals fest überzeugt, dass man immer die Wahrheit sagen soll. Ich denke, dass wir als Erwachsene gelernt haben, das etwas weniger eindeutig zu sehen. Einerseits gibt es theoretisch nach wie vor eine hohe Wertschätzung für Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit. Gruppierungen, Parteien, Einzelpersonen genießen ein hohes Ansehen, wenn sie sich und ihren Überzeugungen treu bleiben, ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, auch nach Jahren noch zu dem stehen, was sie früher schon vertreten haben. Andererseits kennen wir Notlügen, Halbwahrheiten, Werbeaussagen, taktische Aussagen und ähnliches. Wir wissen, dass wir nicht alles glauben können, was gesagt und geschrieben wird. Ich möchte eine Lanze brechen für die einfache, klare Wahrheit. Als die deutschen Soldaten endlich offen davon sprechen durften, dass in Afghanistan Krieg herrscht und wir als Volk durch unsere Armee in Kriegshandlungen verwickelt sind, da hatte sich an der Sache nichts geändert. Aber die Wahrheit durfte endlich frei ausgesprochen werden. Und es fühlt sich anders an, wenn ich nicht drum rum reden muss, sondern aussprechen kann, was ich sehe. Ähnlich ging es wohl auch einem Ehepaar, die bei mir saßen, schon über 40 Jahre verheiratet,  er krebskrank. Endlich brach die Wahrheit aus ihr heraus, ich kann nicht mehr, ich liebe dich nicht mehr, auch wenn du krank bist, muss ich mich von dir trennen. Sie hatte das lange verborgen gehalten, auch vor sich selbst, aber nachdem die Wahrheit mal im Raum stand, fühlte sie sich endlich frei - und auch er merkte: das lag ja schon dauernd in der Luft, jetzt ist es endlich mal ausgesprochen. Die Wahrheit auszusprechen, kann ungeheuer erleichtern. Und ich stehe auf festem Grund, muss nicht dauernd überlegen, was ich wo wie gesagt habe. Ich sage es, so wie es ist

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Wiesenschaumkraut - Himmelschlüssel - Veilchen - Gänseblümchen - jede Art von Grünzeug musste im Mai herhalten. Als Kinder haben wir im Marienmonat zu Ehren der Muttergottes einen kleinen Altar gebaut mit Blumen und Kerzen und einem Kreuz. Angesichts der überwältigenden Fülle an Sträuchern und Blumen war es fast schwer, sich zu beschränken: aber irgendwann war der Tisch voll mit Vasen und Kerzen und es sah wunderschön aus, ich sehe es bis heute vor meinem geistigen Auge. Meine Lieblinge waren die Tränenden Herzen: Schwarzer Zweig, daran hängt eine blassrosa Blüte in Herzform mit einem kleinen weißen Tropfen. Vor kurzem habe ich erfahren: auf französisch heißt es Coeur de Marie: Herz Mariens. Noch schöner. Es erinnert an die Tränen der Mutter Jesu über ihren verstorbenen Sohn. Und mich erinnert es heute an die Tränen aller Mütter (und Väter) über ihre verstorbenen Kinder. Sei es das tot geborene, sei es das Kind, das einem Verkehrsunfall zum Opfer fiel. Kinder sterben an Krebs, sie werden überfallen, sie kommen bei einem Amoklauf ums Leben, bei einem Tsunami und im Krieg. Wir trauern um jeden Toten, aber es berührt uns besonders, wenn Kinder ums Leben kommen, da ist für unser Gefühl so viel ungelebtes Leben, das nicht zur Entfaltung kommen kann. Schmerz und Trauer stehen - nicht nur am Maialtärchen - unverbunden neben der überschäumenden Kraft der Natur, neben dieser Lebensfreude, die uns überwältigt. Unverbunden - aber es wirkt doch aufeinander ein. In der Schönheit der tränenden Herzen ist eine Erinnerung an die Trauer um die Verstorbenen. Und in unsere Trauer hinein sagt die Auferstehung in der Natur im Frühling: sei nicht ganz ohne Hoffnung, aus dem toten Holz kommt wunderbares neues Leben, vielleicht auch in dir.

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