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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute Morgen hat doch tatsächlich mein Wecker versagt. Deshalb bin ich leider zu spät!"- Immer wenn ich meine Tage hab, bin ich nun mal verletzend, da kann ich gar nichts dafür!  Und abends muss ich immer Schokolade essen, meine Mutter hat mich ja auch als Kind nicht gestillt!
Was es alles für Ausreden gibt! Wenn Sie über Ihre Ausreden inzwischen auch lachen können, dann hab ich was für Sie: Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche mit ihrem Motto: Ich war's.  7 Wochen ohne Ausreden. Also sieben Wochen nicht lang um den heißen Brei reden. Sondern sagen, was Sache ist.
„Ich hab den Wecker heut Morgen nicht richtig gestellt- bitte entschuldige. Es tut mir leid, dass ich so gereizt bin. Ach, bei Schokolade verliere ich jede Selbstkontrolle."
So einfach. Und zugleich so schwierig. Weil die schönen Ausreden ja helfen sollen, den schönen Schein zu wahren. Ich bin eigentlich ganz o.k., eine liebe Mutter, treusorgende Gattin und so weiter, es sind nur die Umstände, die Hormone und im Zweifelsfall die schlimme Kindheit. Wer auf so schöne Ausreden verzichtet, stellt sich selber auch ein bisschen bloß. Und das ist gar nicht so einfach.
Aber es ist einfach wahr: So lang ich lebe, mache ich nun mal Fehler. Kaum hab ich mir den einen abgewöhnt, erwische ich mich beim Nächsten.  Wenn ich auf den schönen Schein verzichte, wenn ich zu meinen Fehlern stehe, dann tue ich nichts anderes als die zu sein, die ich nun mal bin. Oder anders: ich werde wirklich- vor mir selber und vor Anderen.
Das kratzt natürlich am Selbstbewusstsein- oder besser gesagt, an der Eitelkeit. Aber es befreit von der Versteckspielerei und macht frei zum wirklichen Leben.
Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten. Hat der Apostel Paulus einmal geschrieben. Da ist kein Gerechter, auch nicht einer.
Paulus kann das so sagen. Weil er weiß: Gott steht zu seinem Mängelexemplar Mensch und liebt es trotzdem. Und diese wunderbare Erfahrung können Sie machen, wenn Sie eine Zeitlang auf den schönen Schein verzichten. 7 Wochen ohne Ausreden. Ganz einfach. Ich war's.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10235

Nur eine Woche ist es jetzt her, seit die Erde in Japan bebt. Seitdem überschlagen sich die Nachrichten und wir haben kaum Zeit, zu verstehen geschweige denn zu begreifen, was die Katastrophe in Japan für uns alle in Zukunft bedeutet.

Wir sehen zerstörte Häuser, Menschen, die über Trümmer laufen und inzwischen auch Tote, die in Turnhallen aufgebahrt sind. Was wir nicht sehen, ist die Verstrahlung, die über den zerborstenen Atommeilern von Fukushima massiv eingesetzt hat. Die Experten meinen: ab heute werden wir wissen, ob die atomare Verstrahlung sogar das Ausmaß von Tschernobyl übersteigen wird. Fukushima, meinte der EU Energiekommissar Günther Öttinger, sei für Ingenieure anscheinend nicht mehr zu kontrollieren, der Atommeiler liege jetzt nur noch in Gottes Hand.

Mir fällt das schwer, daran zu glauben. Liegt es wirklich in Gottes Hand, diese Katastrophe abzuwenden? Und ist es dann sein Zorn über uns,  wenn er es nicht tut?
Ja, wo ist Gott in dem ganzen Wahnsinn? Wo ist der Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann ohne vor den Tatsachen zu flüchten? Wo ist der Ort, an dem man die Kraft findet, den Bildern und der Wahrheit standzuhalten? Wo?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt:

Christen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde,
Schwachheit und Tod,
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

Gott scheint ferne in diesen Tagen. Aber wir können zu ihm gehen, schreibt Bonhoeffer.
Wir finden ihn bei dem Mann, der nur noch die Kleider besitzt, die er auf dem Leib trägt. Wir finden Gott bei der Frau, die auf den Trümmern ihres Hauses herumirrt. Wir finden ihn bei den Helfern, die eine lebensgefährliche Verstrahlung inkauf nehmen, um das Schlimmste zu verhüten. Gott dort, wo Menschen zusammenkommen und für die Opfer beten oder spenden. Die sich über ihr Schicksal informieren, obwohl sie die gar nicht kennen und deren Land noch nie betreten haben. Woran Sie das merken können, wenn Gott da ist? Sie spüren es als Gefühl von Ruhe mitten im Sturm. Sie spüren es anhand der Wachheit, die Sie haben, obwohl Sie eigentlich müde und erschöpft sein müssten.
Dietrich Bonhoeffer beschreibt diese Erfahrung so.

Gott geht zu den Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10282

Die Bibel macht immer einen Unterschied. Was der Mensch sieht ist eins, was Gott sieht, ist etwas anderes. Ich finde das gut zu wissen. Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz. Eine alte- ewig junge Weisheit aus der Bibel.
Und eine tolle Geschichte. Da schickt Gott den alten Samuel los. Er soll den neuen König suchen und findet eine prächtige Familie. Stolz zeigt der Vater seine 7 Söhne. Große, stattliche Männer, Typ Arnold Schwarzenegger- nicht schlecht in einer Zeit, in der Muskeln gefragt sind in der Verteidigungspolitik. Nicht schlecht als Typ für einen König.
Aber Gott will diesen Typ nicht. Er will den anderen. Er will den kleinen David als König haben. Der die Schafe hütet und wunderbar Harfe spielen kann. Wozu muss ein König Harfe spielen können? will Samuel wissen. Und Gott antwortet: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Schöne Bilder von schönen Menschen. Bilder von einem jungen Verteidigungsminister, der einfach immer eine gute Figur macht, egal auf welchem Parkett er sich bewegt. Wir sehen, dass er klug reden kann. Und wir sehen auch, dass er sich in eigener Sache selber widerspricht und gar nicht mehr so klug redet. Das alles sehen wir. Wir sind ja nicht blöd.
Und doch sehen wir nur, was wir sehen. Was uns vor Augen liegt. Wir sehen nie das Ganze. Was wirklich wahr ist, das haben wir nicht im Blick. Wir können nur versuchen, uns der Wahrheit anzunähern, sie immer besser kennen zu lernen. Deshalb stehen unsere Urteile auch immer unter Vorbehalt, es sind vorläufige Urteile, manchmal sogar Vor- Urteile.
Gott aber sieht das Herz, sagt die Bibel. Mich tröstet das. Weil es mir sagt: Ich muss die Meinung von Menschen nicht als göttliche Wahrheit handeln. Ich darf mir einen Vorbehalt bewahren.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott allein sieht das Herz. Er sieht das Herz der Anderen und mein Herz besser als ich es sehen kann. Und wenn ich mit Gott auf Tuchfühlung bleibe, kann ich vielleicht nach und nach ein paar meiner Vor-urteile hinter mir lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10233

Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Dieser Satz ist inzwischen Legende. Margot Kässmann hat ihn zitiert, als sie unter dem Blitzlichtgewitter der Presse von ihrem Amt zurückgetreten ist. Das war ein tiefer Fall für sie: den Fehler mit der Alkoholfahrt zugeben, Amt und Würde abgeben. Wenn man so viel davon gehabt hat, wie das bei den tüchtigen und mächtigen Leuten nun mal so ist, dann fragt man sich ja zu recht: Was bleibt jetzt noch von mir übrig?

Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Den Satz möchte ich Ihnen heute mit auf den Weg geben. Auch wenn Sie keine Ratsvorsitzende sind. Leute wie Sie und ich machen ja trotzdem Fehler. Machen nichts oder schummeln sich um die Wahrheit herum.
Aber das Gewissen bleibt unerbittlich und wenn man mit sich allein ist, klopft es hörbar an und fragt: Willst du nicht mal reinen Tisch machen? Und dich zu deinen Fehlern bekennen? Und um Vergebung bitten? Und anders weitermachen?
In diesen Tagen müssen wir auch der brennenden Frage stellen:
War es nicht ein Fehler in Sachen Kernenergie an die totale Sicherheit zu glauben?
War es nicht ein Fehler, immer nur an der Frage der Sicherheit herumzuschrauben?
Hätten wir uns nicht schon lange der einzigen Frage stellen müssen, die von Belang ist:
Wenn wir den schlimmsten möglichen Unfall denken- und dazu müssen wir derzeit nur die Bilder von Japan anschauen- wären all die Vorteile der Kernenergie das alles wert gewesen? 
Können wir das, was im Ernstfall passiert verantworten? Vor uns, vor den kommenden Generationen und vor Gott? Jetzt ist die Zeit, in der wir sehen können, wofür wir uns so oder so entscheiden.
Jesus hat einmal gesagt: Da ist im Himmel mehr Freude über einen reuigen Sünder als über hundert Gerechte. Freude im Himmel. Ein freies, helles Gewissen. Das ist der Lohn für die Aufrichtigkeit. Und das ist noch nicht alles.
Wie Margot Kässmann haben viele die Erfahrung gemacht: wer sich zu seinen Fehlern bekennt und umkehrt, fällt eben nicht ins Bodenlose.
Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Du findest dich wieder in einer Liebe, die dich hält und trägt. Du kannst weitergehen. Anders als vorher. Mit aufrechtem Gang. Und Güte im Herzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10232

Wenn heute Morgen die Menschen in Tokyo aufwachen, ist ihre Stadt nicht mehr die, die sie mal war. Denn in der Nacht hat der Wind die giftige Wolke über dem Kernkraftwerk in die Straßen und Plätze von Tokyo geweht.
Angesichts dieser Situation würde ich Sie heute Morgen am liebsten zu einer Schweigeminute aufrufen. Eine Minute Schweigen aus dem Radio, Schweigen in den Küchen, in Wohn- und Badezimmern und wo immer Sie jetzt gerade sind. Schweigen für die 35 Millionen Männer, Frauen und Kinder der Stadt Tokyo... Aber weil das mit dem Schweigen ein bisschen schwierig ist im Radio, möchte ich Menschen aus Tokyo selbst zu Wort kommen lassen.

Am vergangenen Sonntag hat die deutsche Gemeinde dort ihren Gottesdienst ausfallen lassen. Die Gläubigen sind zu Hause geblieben. Dafür haben sie sich per Internet Bibeltexte zugeschickt und ein Gebet. Dieses Gebet hat mich sehr berührt. Deshalb möchte ich es Ihnen jetzt vorlesen. Und wenn Sie mögen, können Sie es mitbeten.

Gott, du hast die Welt geschaffen. Dafür waren wir immer dankbar.
Darauf haben wir immer vertraut, dass wir ein Teil deiner Schöpfung sind, von dir gewollt und zu Gutem bestimmt.

Jetzt haben wir erlebt, dass deine Schöpfung auch ein anderes Gesicht hat. Wir haben
erlebt, wie klein wir Menschen sind. Manche von uns haben Stunden der Angst erlebt,
Stunden der Unsicherheit und Sorge. Die Menschen in der Erdbebenregion haben ihr
Leben verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz.

Und der Schrecken ist noch nicht vorbei. Das Kernkraftwerk in Fukushima ist noch nicht sicher.
Dennoch hoffen wir auf dich, Gott, halten an dir fest und bitten dich um deine Gegenwart in all diesen schlimmen Erfahrungen.

Wir bitten für die Familien, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben. Wir bitten
für die Verstorbenen. Wir bitten für die Menschen in den Notunterkünften.

Wir bitten für die Menschen, die vor dem Nichts stehen. Wir bitten für die vielen Helfer,
die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.

An dir halten wir uns fest, Gott, gerade, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.
Auf dich hoffen wir, in allem, was wir erleben, ertragen, durchmachen müssen.

Begleite du uns, dass wir nicht verzweifeln.
Hilf uns, aufeinander zu achten, richtige Entscheidungen zu treffen
und zu helfen, wo wir können. Amen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10231

„Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns." Das hat ein hochrangiger japanischer Beamter am Wochenende gesagt. Und diesen Satz habe ich immer im Ohr, wenn ich die Bilder und Nachrichten aus Japan sehe. Die mich erinnern an die Tsunamis in Südostasien in Südostasien und Haiti und gleichzeitig an das Reaktorunglück in Tschernobyl.
Die Menschen in Japan erleben derzeit eine Katastrophe, wie es sie noch nie gegeben hat. Und immer wenn ich die Bilder von überschwemmten Küsten, Menschen in Strahlenschutzanzügen und Notunterkünften sehe, beschleicht mich Gefühl von Lähmung und zunehmender Dunkelheit.
„Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns." Aber diese Bitte des japanischen Beamten an uns reist mich immer wieder heraus. Dunkelheit und Lähmung. Wenn man einer unerträglichen Situation ausgeliefert ist und ganz einsam. Die Bibel nennt das „Gottesferne".  Weil: wenn das Leben aus dem Körper weicht, dann rückt auch Gott erst einmal in die Ferne.
Unsere Vorfahren haben eine Alternative gekannt zu dieser Art von Dunkelheit und Schockstarre. Es ist ein Gebet, ein Psalm aus dem Alten Testament.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht
und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.

Du aber Herr, sei nicht ferne.
Meine Stärke, eile mir zu helfen.
Und weiter.

Unsere Väter und Mütter hofften auf dich.
Und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet."

Für mich ist das der stärkste Protest gegen Dunkelheit und Lähmung, den ich kenne.
Und eine mögliche Antwort auf die Bitte des japanischen Beamten:
„Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns."

Im Internet habe ich eine Seite entdeckt, in der sich bisher über 32 Tausend Menschen zu Wort gemeldet haben. „Japan, in Gedanken sind wir bei euch." Heißt sie und darin erzählen manche, wo und wie sie Geld spenden, andere verabreden sich, um miteinander zu beten für die Opfer und die Helfer, ja eine Frau hat sogar ein Apfelbäumchen gepflanzt. Jeder tut etwas nach seinem Vermögen. Und antwortet damit auf die Bitte des japanischen Beamten, die auch ich Ihnen heute morgen ans Herz legen möchte: 
„Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10230