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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich brauche die Kirche nicht, um mit meinem Herrgott zu sprechen."
- Das höre ich oft. Und es ist ja auch wahr: Mit Gott kann man überall sprechen, auch im stillen Kämmerlein. Und auch auf der lauten Straße. Ja, sogar auf dem Marktplatz oder in der freien Natur, oder vorm Fernsehgerät. Einfach überall.
Fragt sich: Wozu braucht man dann überhaupt die Kirche?
Ein Witwer erzählte mir von der schlimmen Zeit nach dem Tod seiner Frau:
„Ich dachte lange, ihre schwere Erkrankung und ihr Sterben seien das Schlimmste für mich. Aber das Schlimmste kam erst danach. Als alles vorbei war; nach der Beerdigung. Da fiel ich in ein tiefes Loch. Es machte alles keinen Sinn mehr. Weiterleben - wozu? Ich saß Tage da und starrte nur gegen die Wand. Ich wollte nicht mehr leben. - Ihr einfach hinterher sterben, das war alles, was ich wollte... - Und wissen Sie, was mich gerettet hat?"
Er sieht mich herausfordernd an.
„Meine Gemeinde. Die Gemeinde hat mich aufgefangen. Die haben zwei Wochen lang abwechselnd für mich gekocht; ich hätte ja von selbst gar nichts gegessen. Jeden Tag kam jemand bei mir vorbei und hat dafür gesorgt, dass ich etwas Warmes auf den Teller bekomme. Und dass ich es auch esse. Diese Beharrlichkeit, und dass denen so viel an mir liegt, das hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen."
Wozu man die Kirche braucht? Dazu. Ich brauche die Kirche, weil so eine Gemeinschaft trägt. Man ist für einander da und wird aufgefangen. So ganz von selbst geschieht das freilich nicht. Dazu muss ich mich aus dem stillen Kämmerchen hinaus bewegen; muss den Kontakt zur Gemeinde suchen und mich auf Beziehungen einlassen.
Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20) Wenn wir in seinem Namen zusammen sind, da geschieht etwas mit uns. Da stehen wir mit ihm in Verbindung. Da spüren wir den Geist der Liebe. Und der macht das Herz weit. Und mit einemmal ist es ganz leicht, für einander da zu sein.

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Spüren, wie die Kräfte schwinden, das ist wohl eine der größten Heraus-forderungen des Alterns. Ich ärgere mich ja jetzt schon, wenn ich merke, wie meine Augen stetig nachlassen. - Wie wird das erst, wenn die Knochen wehtun und es Mühe bereitet, die Treppe hoch zu steigen...?
„Ach, alles hat seine zwei Seiten, selbst das", erklärt mir ein Vierundachtzig-jähriger im Krankenhaus. Man sieht ihm gleich an, dass er einen ausge-wachsenen Schalk im Nacken sitzen hat, so wie seine Augen funkeln. Körperlich ist er schwer angeschlagen, Herzprobleme, Wasser in der Lunge, Arthrose... Aber sein Geist sprüht, und wie er vom Bergsteigen erzählt, und was er da so alles erlebt hat, kann ich ihn mir blendend als attraktiven jungen Mann vorstellen.
„Ja", sagt er, „das ist alles schon lange her. Jetzt komme ich kaum noch aus dem Stuhl. Aber dafür sehe ich jetzt Dinge, für die ich früher gar kein Auge hatte. Kürzlich habe ich mich zum Beispiel mit einer Fliege angefreundet.
Die kam dauernd zu mir, ganz zahm war die. Und da hab ich die auf meiner Hand beobachtet - was für zarte Flügel dieses winzige Wesen hat! Und wie eifrig die sich putzt! Und die kann Sachen, von denen kann ich nur träumen: Also, mal abgesehen vom Fliegen - das hätte ich natürlich auch schon immer gerne gekonnt - die kann auch kopfüber auf meiner Hand laufen und fällt nicht runter. Ist das nicht toll?"
Er lacht und funkelt mich mit seinen blauen Augen an.
„Und wissen Sie was?" Fährt er fort. „Wenn ich mir dieses kleine Wunderwerk so betrachte, dann muss ich einfach glauben, dass es einen Gott gibt. So wunderbar, wie das alles erschaffen ist."
Und da muss ich ihm Recht geben. Ich wäre zwar nie auf die Idee gekommen, das ausgerechnet an eine Fliege festzumachen. Aber ihm hat sich nun mal eine ganz gewöhnliche Stubenfliege auf die Hand gesetzt. Und kein wundersamer Schmetterling. Und sie hat ihm im hohen Alter zu einer tieferen Erkenntnis verholfen, als der Anblick grandioser Bergwipfel in jungen Jahren. -
Das wünsche ich mir auch für mein Älterwerden: dass ich mich auch so vergnügt arrangieren kann mit den Einschränkungen.

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Ein Junge steht im Supermarkt in der Schlange. Als es ans Bezahlen geht, merkt er, dass er sein Geld verloren hat. Er wühlt aufgeregt in seinen Hosentaschen, sieht sich auf dem Boden um - aber das Geld ist weg. Er ist den Tränen nah.
„Meine Mutter hat mir doch extra noch fünf Euro gegeben", sagt er.
„Und ich hab ihr versprochen, das Geld nicht zu verlieren."
Die Verzweiflung des Jungen ist so herzerweichend, dass alle Leute in der Schlange mitfühlen. Zwei öffnen zeitgleich ihre Geldbörse und bieten an, dem Jungen auszuhelfen. Aber er schüttelt den Kopf. „Das geht nicht", sagt er.  „Das muss ich meiner Mutter erzählen und die will das nicht."
Daraufhin streckt ihm ein Mann einen Fünf-Euro-Schein entgegen. „Nimm den hier", sagt er. „Dann merkt es deine Mutter nicht."
Aber der Junge schüttelt wieder unglücklich den Kopf. „Nein", sagt er, „das darf ich nicht."
Die Umstehenden blicken einander an; jetzt sind sie ratlos. Und alle sind tief gerührt von der Grundehrlichkeit des Jungen. Der Mann mit dem Fünf-Euro-Schein bespricht sich kurz mit seiner Frau. Dann sagt er: „Komm, wir helfen dir suchen. Vielleicht ist dir dein Fünf-Euro-Schein ja hier im Geschäft aus der Tasche gefallen und liegt irgendwo unter einem Regal." Darauf lässt sich der Junge bereitwillig ein. Der Mann und die Frau gehen mit ihm suchen, die anderen sehen ihnen hinterher. Wie schön, denke ich, dass die beiden sich des Jungen angenommen haben.
Die drei suchen angestrengt das Geschäft ab. Plötzlich hält der Mann einen Fünf-Euro-Schein in die Höhe. „Ich hab ihn!" Ruft er. „Schau, da unten hat er gelegen. Was für ein Glück!"
Der Junge nimmt strahlend das Geld entgegen. Es ist die reine Freude zuzu-sehen, wie die schwere Last von seinen Schultern fällt.
Ich persönlich bin mir ziemlich sicher: Der Mann hat gemogelt.
Vielleicht wollte er den Jungen in seiner Aufrichtigkeit bestärken? Oder ihn vor einer Strafe bewahren? Oder er hat sich selbst in dem Jungen wieder entdeckt, und sich daran erinnert, wie schlimm sich so eine Situation für ein Kind anfühlt? - Ich weiß es nicht. Können Sie es sagen?

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Dicht umdrängen die Kinder den Clown vor der Halle. Immer wieder bläst er einen der länglichen bunten Luftballons auf. „Ich will eine Blume", „ich will auch so einen Hund", „und ich ein Schwert", viele Kinder rufen durcheinander. Der Clown kommt langsam ins Schwitzen. Und doch bläst er einen Ballon nach dem anderen auf. Er verknotet sie quietschend und verschenkt Blumen, Hunde und noch vieles mehr an die Kinder. Glücklich gehen die dann in den Saal und die Kinderfastnacht kann beginnen.
Mit was für einfachen Dingen man doch Kinder glücklich machen kann, denke ich. Ein bisschen Gummi, ein bisschen Luft, eine Idee und ein paar Handgriffe und schon strahlen Kinderaugen. So ein Clown hat es doch leicht, denke ich mir.
Ich hab's da viel schwerer. Schließlich stehen mir die großen Dinge vor Augen: zum Beispiel unser Gemeindehaus. Es ist etwas in die Jahre gekommen. Wir heizen eigentlich mehr die Stadt als unsere Säle. Also sanieren, neue Fenster, neue Heizkörper, neue Türen - vielleicht noch eine Solaranlage aufs Dach. Und weil einige skeptisch sind, mache ich mir viel Arbeit, sitze nächtelang über dem Vortrag für die Gemeindeversammlung. Das muss einfach klappen.
Gott hat aber nicht nur die großen Berge geschaffen, sondern auch die kleinen Blüten auf den Zweigen. Nicht nur das Große ist schön und beeindruckend. Das Kleine ist genauso wichtig und macht ebenso das Leben aus.
Ein Kollege hat so einen wunderbaren Blick fürs Kleine. Auf seinem Schreibtisch liegt immer einen Stapel von Postkarten. Und wenn er sich über jemanden gefreut hat, dann schnappt er sich eine Karte und schreibt einen lieben Gruß.
Eigentlich eine Kleinigkeit: ein bisschen Papier, ein bisschen Farbe, ein lieber Gedanke und fünf Minuten Zeit - fertig. Damit hat er schon viele glücklich gemacht.
Fürs Erste habe ich mir solche länglichen Luftballons gekauft - und ein Buch. In dem steht, wie man diesem bisschen Gummi und Luft so ein buntes Gebilde schaffen kann. Und mit etwas Übung klappt es nun auch. Einige Kinder jedenfalls habe ich damit schon ein paar Mal glücklich gemacht. Vielleicht sollte ich mir als Nächstes einen Stapel Postkarten auf den Schreibtisch legen.

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„Einmal im Leben durch Wuppertal schweben" - heute vor 110 Jahren wurde die Schwebebahn in Wuppertal eröffnet. Eine technische Meisterleistung, die einem mitten in der Großstadt ein ganz besonderes Erlebnis schenkt.
Als ich in Wuppertal studiert habe, bin ich deswegen gerne mit der Schwebebahn gefahren. In der Bahn schwebt man über der Stadt und ein bisschen über den Dingen. Die Menschen, die unten laufen, und die eigenen Probleme erscheinen von hier oben etwas kleiner.
Eine Geschichte in der Bibel beschreibt etwas Ähnliches: Einmal steigt Jesus mit seinen Jüngern auf den Berg Tabor in der galiläischen Ebene. Der Blick von dort oben ist unbeschreiblich. Die Dörfer mit ihren Alltagsproblemen liegen weit weg- ein Ort zum Tiefdurchatmen und zum Genießen.
Und hier oben, hier fühlt sich Jesus wohl, hier fühlt er sich Gott ganz besonders nah. Hier findet er den nötigen Abstand zu dem, was ihn belastet. Hier kann er Kraft und Mut finden für das, was vor ihm liegt. Auch Jesus braucht immer wieder solche Momente, erzählt die Bibel.
In Wuppertal haben die Leute solche Momente in ihrer Schwebebahn. Wir hier in Rheinhessen haben andere Orte. Ein Freund zum Beispiel joggt früh am Morgen auf den Rochusberg bei Bingen. Und wenn er dann von dort oben ins Rheintal schaut, fühlt er sich Gott ganz nah. Ein anderer Bekannter geht dazu lieber in die Kirche - am liebsten in eine leere Kirche mitten in der City. Da sitzt er einfach nur, hängt seinen Gedanken nach und spricht mit Gott.
Aber wie das mit so wunderbaren Momenten ist - sie hören alle irgendwann mal auf. Als Jesus mit seinen Jüngern auf dem Berg Tabor ist, wollen die dort nicht mehr runter. Die Jünger wollen eine Hütte bauen, wollen sich häuslich niederlassen. Aber Jesus ist Realist. Er will nicht flüchten. Sein Platz ist an der Seite der Menschen, die ihn brauchen. So geht es wieder hinab ins Tal.
Meine Fahrt mit der Schwebebahn über Wuppertal war schließlich irgendwann zu Ende. Dann bin ich ausgestiegen und habe mich meinen Aufgaben wieder gestellt. Allerdings mit dem Wissen, dass ich nicht nur einmal im Leben durch Wuppertal werde schweben.

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Hat Ihnen in den letzten Tagen auch der grüne Daumen gejuckt? Die ersten warmen Sonnenstrahlen wecken die Pflanzen aus ihrem Winterschlaf. Grüne Triebe schauen aus der Erde, das Leben erwacht wieder. Nichts wie raus.
Doch ich entdecke nicht nur die Triebe von Schneeglöckchen oder Narzissen. Nein, das Unkraut hat den Winter auch ganz gut überstanden. Also Gummistiefel an, Hacke in die Hand und dann nichts wie ran.
Als ich so im Beet knie, kommt mir eine biblische Geschichte in den Sinn: Ein Bauer hat Weizen gesät. Über Nacht streut ein anderer Unkrautsamen dazwischen. Als nun beides aufgeht, fragen die Knechte: Sollen wir losziehen und das Unkraut ausreißen? Der Bauer bremst sie und sagt: Lasst beides wachsen, denn die Gefahr ist groß, dass ihr die guten Pflanzen verletzt. Wartet bis zur Ernte. Dann könnt ihr viel besser das Unkraut von dem Weizen trennen.
Ein hilfreicher Tipp - also jetzt nicht einfach loshacken ohne nachzudenken. Wie leicht könnte ich die guten Pflanzen verletzten. Und am Ende gäbe es keine schönen Blüten.
Doch die Geschichte ist mehr als nur ein guter Tipp für den Garten. Wenn ich zum Beispiel an meine Kinder denke. So viele Möglichkeiten haben sie im Leben. Und ich wünsche mir für sie, dass sie immer nur die guten Dinge wachsen lassen. Die anderen möchte ich ihnen am liebsten alle verbieten, einfach weg damit. Gerade neuere Erziehungsratgeber ermutigen mich dazu ja.
Aber wenn ich ständig nur Nein sage, gefährde ich meine Beziehung zu ihnen, ja beschädige sie. Das kann so weit gehen, dass sie sich innerlich von mir entfernen. Ja, ich kann sie sogar verlieren, obwohl ich doch eigentlich nur das Beste für sie wollte. „Lass es einfach wachsen", rät mir deshalb die Geschichte auch in diesem Fall. „Lass sie ruhig einmal abends spät ins Bett gehen und dann morgens früh verschlafen in die Schule trotten - auch wenn eine Klassenarbeit ansteht."
Als ich meine Hacke wieder in den Schuppen stelle, habe ich viele Beete vom Unkraut befreit. Doch an einigen Ecken habe ich das Unkraut bewusst stehen gelassen. Da kann beides ruhig noch etwas weiter wachsen. Später kann ich dann viel besser das Unkraut ausjäten. Und bis dahin freue ich mich an all dem frischen Grün in meinem Garten.

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