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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Na, wie geht's?" Die Frage war mir einfach so herausgerutscht. Ich hab da gar nicht drüber nachgedacht. Aber dann hat mich mein Gegenüber zurückgefragt: „Hast Du Zeit? Dann kann ich Dir sagen, wie's mir geht!" - Ich musste ziemlich schlucken. Ich hatte die Frage „Wie geht's?" ‚nur so dahergesagt' - jetzt musste ich mir Zeit nehmen; zum Glück konnte ich's mir erlauben und es wurde ein richtig gutes Gespräch. Sie können mir glauben: Seit diesem Tag kommt mir die Frage: „Wie geht's?" nicht mehr als Floskel über die Lippen, nur so dahingesagt...
Sicher: Oft genug war diese Frage nur ein Zeichen, sie sollte einen kleinen Kontakt herstellen. Eine Antwort habe ich oft gar nicht erwartet. Höchstens die Standardantwort: „Gut - und dir?" Ich finde, die Frage „Na, wie geht's?" darf man nur stellen, wenn man mit einer echten Antwort rechnen kann. Ich kann mich ja auf die Probe stellen und mich selbst fragen: Interessiere ich mich dafür, wie es meinem Gesprächspartner geht? Zeige ich ihm, dass ich tatsächlich „ein Ohr für ihn" habe? Ich selbst habe schon mal erlebt, wie jemand zu mir gesagt hat: „Wie geht's? Gut? Na, schön!" Ich musste gar nicht antworten. Mein Bekannter hat Frage und Antwort übernommen. Ernst gemeint war die Frage also kaum. Dabei kann die Frage „Wie geht's?" Türen öffnen für einen ehrlichen Austausch. Für ein echtes Gespräch. Für einen Moment Vertrautheit. Ich erlebe immer wieder: Viele Menschen brauchen wirklich einen Zuhörer, bei dem sie frohe Erlebnisse erzählen, brauchen eine Zuhörerin, der sie ihren Schmerz oder ihre Traurigkeit anvertrauen können. Ob Ihnen oder mir heute irgendjemand die Frage stellen wird: „Na, wie geht's?"

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„Ich wünsche Dir alles Gute!" - der Wunsch ging mir lange wie selbstverständlich über die Lippen. Heute bin ich der Meinung: „Alles Gute" wünschen, dies ist zu viel des Guten!  Denn „Alles Gute", bedeutet das nicht  den Lottogewinn und monatlich € 5000,- Zuschuss auf Lebenszeit, andauernde Gesundheit bis weit über 100 Jahre, ständige Zufriedenheit und alles (ja: alles!) Glück auf Erden...? Aus diesem Grund habe ich mir angewöhnt, diesen Wunsch etwas bescheidener auszudrücken. Heute sage ich: „Ich wünsche Dir viel Gutes!" - „Viel Gutes", das fällt mir leichter als der allumfassende „Alles-Gute-Wunsch". Denn da habe ich doch ständig den Eindruck, dass er doch nicht in Erfüllung gehen kann. Ich mag diesen Satz: „Ich wünsche Dir viel Gutes!" Ich finde, wir können uns gar nicht genug „viel Gutes" zusagen. Deshalb lasse ich keine Gelegenheit aus, meinen Mitmenschen Gutes zu wünschen. Vor vielen Jahren war ich bei einem Gottesdienst in Italien zu Gast. Am Ende kam eine alte Frau auf mich zu und wünschte mir „pace e bene" - „Friede und Gutes". Ein schöner Wunsch, ein Wunsch, der alles Wesentliche enthält. Gute Wünsche, egal wie sie heißen, kann ich direkt aussprechen - ich kann aber auch Gutes denken. Dem Mann vor mir Gutes zudenken, der traurig und gebückt über die Straße geht. Der Frau, die ich von weitem sehe, und die mit ihrem Kinderwagen versucht, den Bus zu erreichen - ich kann einen guten Wunsch einfach denken, ich darf darauf vertrauen, dass er ankommt. Auf diese Weise fühle ich mich mit anderen verbunden. Bin mit ihnen solidarisch. So wünsche ich Ihnen : „Pace e bene" oder eben: „Viel Gutes!"

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Heute ist der 27. Januar - seit 1996 der offizielle Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurden gegen Ende des 2.Weltkrieges die wenigen Überlebenden des größten deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit.
Mit Jugendlichen der 10. Klasse spreche ich immer wieder über diese Thematik. Da gibt es natürlich die Fragen: Wie konnte es zu diesen schrecklichen Taten des Nazi-Regimes kommen? Warum haben viele Menschen geschwiegen und tatenlos zugesehen? Was haben wir damit zu tun, heute, über 66 Jahre danach?
Und dann versuchen wir uns selbst Antworten zu geben, z.B.: „Menschen damals mussten ihren Mund halten, damit ihnen selbst nichts passiert" oder: „Viele konnten es nicht glauben, was sie teilweise über sogenannte „Arbeitslager" zu hören bekamen". Bei alledem setzen wir uns ehrlich der dauernden Frage aus: „Wie hätten wir uns verhalten, wenn wir damals gelebt hätten?" - „Hätten wir uns gewehrt? Hätten wir etwas gesagt?" Ich finde, es ist wichtig, dass wir uns erinnern, auch dann, wenn wir Jahre später geboren wurden. Es ist notwendig in Achtung vor jedem einzelnen Opfer der damaligen Zeit. Und es gab viele Opfer der Nationalsozialisten: Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Erwachsene und Kinder - jedes einzelne Menschenleben verdient es, nicht vergessen zu sein. Es ist gut, wenn wir uns die Erinnerung wach halten, damit ähnliches niemals wieder geschehen kann. In Wiesbaden gibt es ab heute Abend eine Gedenkstätte in Erinnerung an die Deportation vieler Juden. Sie befindet sich dort, wo früher eine herrliche Synagoge stand, mitten in der Stadt, am Michelsberg. Hier, aber auch an vielen anderen Orten des Gedenkens, sollten wir zeigen: Die Erinnerung darf nicht mit den Überlebenden vergehen, sie muss Mahnung für Gegenwart und Zukunft sein!    

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„Ich möchte nicht in deiner Haut stecken", hörte ich in unserer Straße eine Frau zu einer anderen sagen. Ich bekam nur diesen einen Satz des Gesprächs mit, aber der machte mir unmissverständlich klar: Da geht es jemandem nicht gut. Da ist jemand um seine Situation nicht zu beneiden.

Auch ich habe diesen Satz schon oft gesagt und gedacht: Wenn mir ein anderer erzählt, dass eine schwere Operation ansteht. Wenn ich erfahre, dass eine allein erziehende Mutter um ihren Arbeitsplatz bangen muss. Wenn ich mit bekomme, dass ein junger Mann viel zu früh seine Frau verliert. „Ich möchte nicht in deiner Haut stecken", denke ich dann wie die Frau in unserer Straße.

Und doch: Die beiden Frauen stehen beieinander, sind sich nah - hautnah! Die eine hört der anderen genau zu. Sie ermöglicht der anderen von ihrer Not, ihrer Angst, ihrer Trauer, ihren Schmerzen zu erzählen. Sie fühlt mit und ahnt, wie groß die Not ist. Das ist viel. Sehr viel sogar. Und was sich im Vorübergehen scheinbar abgrenzend anhört, schafft eigentlich Nähe, Offenheit und Mitgefühl.

Wenn Menschen sich in dieser Weise zuwenden, zeigen sie: Dein Kummer lässt mich nicht kalt, dein Problem berührt mich tief, geht mir unter die Haut. „Ich möchte nicht in deiner Haut stecken" heißt dann eigentlich: Ich fühle mich dir hautnah verbunden. Ich bin an deiner Seite.

Gut, dass Menschen sich so nah stehen. Gut, dass Menschen sich in dieser offenen und vertrauensvollen Art begegnen können - mitten am Tag, mitten auf der Straße!

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Skispringen, Biathlon, Riesenslalom, Viererbob - fast täglich überträgt das Fernsehen die Wettkämpfe des Wintersports. Ein ganzes Jahr hartes Training liegt hinter den Sportlern, um dann pünktlich zur Saison, schneller, höher oder weiter zu sein als die anderen. Da geht es um Hundertstel Sekunden, um fehlerfreie Leistungen, um höchste Konzentration.

Wie viele andere schaut sich Eva Skifahrer, Langläufer oder Biathleten gerne im Fernsehen an. Aber Eva interessiert sich nicht für Zeiten oder Zahlen. Ihr ist egal, wie schnell oder weit oder präzise jemand ist. Eva interessiert, ob sich jemand freut oder ärgert, ob jemand lacht oder traurig ist. Eva hat ein Down-Syndrom und wird deshalb vieles nicht können, was andere sich hart erarbeiten. Aber eins kann Eva ausgezeichnet: Eva kann besonders gut mit anderen fühlen.

„Das war super", ruft sie dann. „Das ist toll, dass du das kannst". Und Eva kann mit anderen fühlen, wenn es ihnen nicht gut geht: „Mir geht es heute gar nicht gut. Meine Schwester ist krank", sagte sie neulich.

Sich in andere hinein zu versetzen, mit ihnen zu fühlen, ist eine echte Gabe. Eine Kunst. Ist ganz schön schwer. Und wirklich zu spüren, wie es dem anderen geht, braucht auch tägliches Training und volle Konzentration.

Da trainiere ich nicht schneller, höher oder weiter zu sein als andere, da trainiere ich eher, den anderen wirklich anzusehen, ihm zuzuhören, nachzufragen. Und da trainiere ich, mich selbst zurück zu nehmen, nicht nach meinen Zeiten zu fragen, nicht auf die Uhr zu schauen, schon gar nicht auf die Minute.

Nach so einem Training kann ich vielleicht besser verstehen, was den anderen froh oder traurig macht und kann mich zutiefst mit dem anderen freuen oder mit ihm trauern. So wie Eva das kann. Nicht nur, wenn sie fernsieht, auch, wenn sie mich anschaut. Danke Eva!

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„Noch niemand war heute in unserem Garten!" Häufig konnten wir das diesen Winter feststellen. Denn eine frische Schneedecke bedeckte mehrmals morgens die Wiese. Unberührt, aufgeräumt, sauber: So kann unser Garten sein, wenn Schnee gefallen ist. Faszinierend wirkt das! Und dann kommt oft die Frage: „Wer darf als erster das Schneefeld betreten?" Wer darf als erster Spuren machen, wo noch niemand war.

Den Kindern und auch vielen Erwachsenen macht es einen Riesenspaß, auszuprobieren, wie tief sie mit den Füßen einsinken; alle freuen sich, eine neue Spur anzulegen, selbst einen Weg zu bahnen. Und dann geht der Blick zurück auf die frischen Spuren: Meine Spuren!

Spuren bleiben nicht nur im Schnee. Spuren hinterlassen wir eigentlich ständig in unserem Leben. Mal sind sie ganz deutlich zu erkennen und manchmal sind sie eher versteckt.

Als Mutter zum Beispiel hinterlasse ich Spuren, präge meine Kinder, in dem ich manches erlaube oder verbiete, Dinge erkläre und erzähle, mit meinen Kindern staune und beurteile.

Oder am Arbeitsplatz. Da gelingt es mir ab und zu einer neuen Spur zu folgen, ich entwickle neue Pläne und treibe Vorhaben voran.

Auch als Christin versuche ich, Spuren zu legen. Indem ich von Jesu Leben erzähle. Indem ich immer wieder versuche, nach seiner Botschaft zu leben.

Über das weiße Schneefeld kann ich staunen und alles unberührt und ordentlich lassen. Ich hatte in diesem Winter aber auch viel Freude daran, Spuren zu machen. Spuren zu machen, wo noch niemand war. Die Schneespuren schmelzen mit dem nächsten Tauwetter dahin, mit den Lebensspuren kann das im Glücksfall anders gehen.

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