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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Kennen sie Josef? Der mit der Laterne? Das hätte der Mann sich auch nicht träumen lassen. Dass er mal eine tragende Rolle bekommt in der Weihnachtsgeschichte. Dass er in Millionen von Wohnzimmern, Hotellobbys und Weihnachtsmärkten als Krippenfigur einfach unersetzlich ist. Josef, der Mann, der im Stall die Laterne hochhält.
Josef ist der Prototyp des Mannes, der sich zu Weihnachten fragt: „Was soll ich hier eigentlich?"
Josef wollte nämlich nichts wie weg. Er soll Vater sein für ein Kind, dessen Vater also Erzeuger er gar nicht ist? Er soll glauben, dass seine Maria nichts gehabt haben soll mit einem Anderen? Nur dem Heiligen Geist? Wer bitteschön ist denn das?
So eine Geschichte geht jedem Mensch an die Nieren und jedem Mann an die Männerehre. Soll ich die Geschichte wirklich glauben? Und wenn ich das tue, steh ich dann nicht wie ein Waschlappen da? Und wenn ich es nicht tue, muss ich mir dann nicht die Frau meines Herzens aus dem Herzen reißen? Wie er es macht, es ist verkehrt.
Wie hat Josef das Problem gelöst?
Die Bibel erzählt, dass dem Josef in der Nacht ein Engel erschienen ist. Viele Männer erlauben sich ja nicht zu träumen. Josef hat es getan. Und er hat seine Träume nicht unter den Generalverdacht „wirres Zeug" gestellt. Er hat sie auf sich wirken lassen. Da war ein Engel- ob jetzt einer mit Flügeln oder einer in gelber Latzhose sein mal dahingestellt. Und der Engel sagte: Bleib bei Maria. Das Kind ist ein ganz besonderes Kind. Ein Gotteskind. Ehre hin oder her. Gott braucht dich. Du bist unverzichtbar.
Und deshalb hält Josef bis heute die Laterne hoch im Stall von Bethlehem. Wenn Sie auch so ein Josef-Typ sind. Wenn Sie jetzt vor Weihnachten das brennende Gefühl haben: Was soll ich hier eigentlich?
Dann sei Ihnen gesagt: Auch Sie haben in der Weihnachtsgeschichte eine tragende Rolle! Nicht nur die Engel, auch Frauen wissen es sehr zu schätzen, wenn ein Mann seinen Stolz hinten anstellt, Verantwortung übernimmt und tut, was getan werden muss. Was wären wir ohne Sie, die einfach nur da sind und die Laterne hochhalten. Damals im Stall von Bethlehem und heute.

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Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Ich mag dieses Gebet aus der Bibel. Es ist so wunderbar konkret:
Ein Wort- wie eine Leuchte für meinen Fuß. Wie ein Licht auf meinem Weg. Es kommt ja immer wieder vor, dass ich überhaupt keinen Plan habe, wohin es gehen könnte mit mir. Rechts oder Links. Vorwärts oder Rückwärts. Alles ist dunkel und ich blicke überhaupt nicht durch.
Aber-dein Wort, Gott, das ist wie ein Licht, das mir den nächsten Schritt zeigt. Mich tröstet das. Und nimmt mir Druck. Den Druck, es unbedingt wissen zu müssen, was tun zu müssen, damit es weitergeht.
Der Beter meint: Kommt Zeit kommt Wort. Kommt Zeit, kommt ein Satz, der mich berührt und tröstet. Kommt Zeit, kommt Mensch. Einer, der mir weiterhilft.
Viele denken in diesen Tagen an Samuel Koch, der bei „wetten, dass...? schwer verunglückt ist. Was für ein strahlender Junge, wie hat er darauf gebrannt, etwas Großes zu leisten, Menschen zu verzaubern mit seinen Sprüngen.  Und jetzt liegt er im Krankenhaus und weiß nicht, ob er jemals wieder einen Fuß vor den anderen setzen kann.
Viele, die sich derzeit im Internet darüber austauschen, meinen: lasst uns auch an die anderen denken, die auch verunglückt sind, die auch was Schlimmes erlebt haben. Und wir haben es nicht gesehen. Lasst uns auch an die denken. Mich berührt, wie viel Mitgefühl da unterwegs ist. Das ist für mich wie Licht in der Finsternis.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg- so haben unsere Vorfahren gebetet. Stellvertretend für alle, die nicht wissen, wo es langgehen soll. Ich möchte da gern weiterbeten: Dein Wort, Gott, sei jetzt bei Samuel Koch und bei allen, denen es ähnlich geht. Sag ein Wort zu ihnen. Sie wissen doch nicht, wohin es mit ihnen gehen soll. Sei mit ihrer Familie und den Freunden, die sich Sorgen machen. Sei einfach da, Gott. Und schenk uns allen ein gutes Wort in böser Zeit und aus dem Dunkeln ein Licht.

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Seit Tagen steht sie auf meinem Tisch- eine flache Schale aus Silber. Wunderschön, wie sie so da steht, offen und leer.
Was könnte man da alles rein tun. Tannenzweige mit einer goldenen Kugel drauf. Oder in die Mitte ein roter Engel? Oder Trockene Blätter mit Duftöl drauf! Ich kann mich einfach nicht entscheiden.
Also frage ich einen Bekannten. „Was würde dir besser gefallen: Zweige, Engel oder Blätter?" -Schweigen- „Nu sag schon." - „ Wieso rein tun?" - „Na, das geht doch nicht so. So leer. Da muss doch was rein." -„Wieso was rein?"
Typisch Mann, denke ich und beschließe, eine Freundin zu fragen. Aber er bleibt sperrig, hakt nach. „Wieso was rein tun?"
„Na das sieht noch nach nix aus. Nur so ne Schale. Alle schmücken jetzt ihre Wohnungen und in den Läden überall Weihnachtsdeko - ok, manches ist schon hart an der Kitschgrenze. Aber eine leere Schale. Das geht doch nicht. Das macht mich ganz nervös."
„Aha. Nervös. Interessant." Der Mann macht mich wahnsinnig, denke ich und wechsle das Thema. „Moment mal, unterbricht er mich. Lauf doch nicht gleich davon.  Ich meine es ernst. Leere macht dich nervös? Würde ich mal drüber nachdenken." - „Wieso?"-
„Naja, könnte ja sein, dass dir das nicht nur bei der Schale so geht." Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Aber er ist jetzt hellwach.
„Schlag mal deinen Terminkalender auf. Ist da Leere? Nein. Weil Leere dich nervös macht. Und wie ist das mit dem nächsten Sonntag? Hast du noch nichts geplant. Aber doch schon tausend Ideen, was man alles machen könnte. Weil Leere dich nervös macht. Aber Advent feiern wollen. Und aufs Christkind warten."
Langsam ahne ich, was er meint.
„Schau mal, meint er. Geht's dir nicht in vielem so wie mit der Schale? Du hast dein Leben voll gestopft bis oben hin mit Treffen, Terminen und Projekten.
Aber wie soll Gott dir was schenken, wenn deine Schale bis zum Rand oben voll ist? Wo soll er hin mit seinem Geschenk für dich? Mit einem lieben Wort, mit einem himmlischen Fingerzeig?
Mach deine Schale leer. Werde halt in Gottes Namen ein bisschen nervös. Erst mal. Und dann schau dich um, rieche, atme. Sei einfach da. Und lass dich beschenken.

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Glatt und kühl fühlt er sich an in der Manteltasche. Und immer wenn ich rein greife, legt er sich in meine Hand. Ein kleiner Engel aus Bronze. Mein Wanderengel. Eine Freundin hat ihn mir geschenkt.
Ich habe ihr von einem Streit erzählt mit einem Bekannten. Ich habe den Streit kommen sehen, bin ihm lange ausgewichen. Aber irgendwann kam es zum Eklat. Und müssen wir miteinander eine Lösung finden, einen Weg. Sonst werden sich unsere Wege trennen. Aber die Vorstellung raubt mir nachts den Schlaf. Das das will ich nicht.
Als ich das meiner Freundin erzählt habe, hat sie aus ihrer Manteltasche den Bronzeengel rausgeholt und mir hingehalten. „Kannste haben. Ich brauch ihn grade nicht."
Nun weiß meine Freundin, dass ich nichts mit Esoterik und Engelglaube am Hut habe. Aber sie kennt wie ich ein wenig die Bibel. Und da fliegen einem ja ständig die Engel um die Ohren. Sie rütteln auf, sie beruhigen, sie zeigen den richtigen Weg und vor allem sagen sie oft nur das eine: „Fürchte dich nicht."
Als Maria schwanger wird mit dem Jesuskind und nicht weiß, was tun. „Fürchte dich nicht! Gott ist mit dir." Als Josef abhauen will, weil er sich betrogen fühlt. „Fürchte dich nicht! Gott ist mit dir."  Und als die Hirten das Helle am Himmel für den Anfang vom Weltuntergang halten, da rufen die Engel: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren."
„Fürchte dich nicht!" Das flüstert mir meine Wanderengel immer zu, wenn ich ihn in die Hand nehme. „Du hast Grund, dich zu fürchten, ja. Aber fürchte dich nicht. Du bist nicht allein. Nicht alles hängt von dir ab. Ob du geschickt genug, intelligent genug, stark genug bist. Gott schickt dir Boten, Vermittler, Gott schickt dir Hilfe, die buchstäblich vom Himmel fällt. Vertraue deinen Fähigkeiten. Aber rechne auch mit dem Unberechenbaren. Baue auf Gottes Möglichkeiten. Kurzum: Fürchte dich nicht!"
Ein paar Wochen noch werde ich meinen Wanderengel brauchen. Danach werde ich ihn weiterverschenken. An jemanden, der ihn auch so nötig hat wie ich. Vielleicht wissen Sie jemanden?

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9551

Wann haben Sie zum letzten Mal da gesessen und zugehört? Einfach nur zugehört. Gar nicht so einfach. Besonders jetzt im Advent. Es gibt ja immer was zu tun, die Zeit ist kurz und was ist das schon: bloß zuhören!
Das hat schon Martha ihrer Schwester Maria vorgeworfen. Bloß zuhören!
Die Bibel erzählt, wie die beiden aneinander geraten sind. Das war, als Jesus plötzlich vor der Tür steht. Ganz überraschend. So wie jetzt wieder Weihnachten vor der Tür steht. Und nichts ist vorbereitet.
Martha läuft gleich zur Hochform auf. Essen kochen, Bett beziehen, Badewasser einlaufen lassen, das volle Programm. Jesus soll es schön haben. Maria aber- so heißt es - setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm zu. Unglaublich.
Und Jesus, für den Martha sich ja abrackert, der verteidigt Maria auch noch. Lass gut sein, meint er, Maria hat eine gute Wahl getroffen, nimm ihr das nicht weg.
Warum verteidigt Jesus die Maria so? Was ist das, was Martha nicht sehen kann?
Als meine Kinder noch klein waren, ging es mir auch oft wie Martha. Tausend Sachen, die eben schnell noch erledigt werden mussten, aufräumen, kochen, waschen, das volle Programm. Und manchmal kam eins der Kinder schreiend angelaufen. Mit aufgeschlagenem Knie, mit Hunger, mit Kummer. Und ich habe alles fallen lassen. Habe mich hingesetzt und einfach nur zugehört. Richtig zugehört. Bis es vorbei war.
Und es war tatsächlich wie von Zauberhand vorbei- mit dem wehen Knie, mit dem Hunger, mit dem Kummer. Wie weggeblasen. Einfach nur vom Dasitzen und Zuhören. Nie vergesse ich diese glücklichen, kostbaren Momente. Wir waren glücklich. Wir sind einander begegnet. Und haben einander spüren lassen, wie wertvoll, wie unersetzlich wir füreinander sind.
Was passiert beim dasitzen und zuhören? Man kann es nicht sehen, man kann es nicht hören, man kann es nicht riechen. Und doch passiert etwas ganz Großes. Eine Begegnung, in der alle reich beschenkt werden. Einfach so.
Deshalb- falls Sie manchmal auch so eine Maria sind- mitten im vollen Adventsprogramm, lassen Sie sich das nicht wegnehmen. Sie haben eine gute Wahl getroffen.

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Spekulatius, das ist der Klassiker unter den Weihnachtskeksen, mit Zimt und Mandeln. Und sie wurden traditionell heute gebacken, am Nikolaustag.
Spekulatius ist Latein. Und bedeutet dasselbe wie das griechische Wort Bischof. Ein Spekulatius oder ein Bischof, das ist einer, der „herumspekuliert", also herumschaut, einer, der genau hinschaut. Und so einer war der echte Nikolaus, der Bischof Nikolaus von Myra.
Sehen, aber nicht gesehen werden, war sein Motto. Deshalb hat er sich Lumpen übergeworfen und ist wie ein Tippelbruder, wie ein Berber um die Häuser gestrichen. Und bekam er Unglaubliches zu sehen.
Er sieht, wie zum Beispiel in einem Haus heftig gestritten wird. Ein Vater sagt seinen beiden Töchtern, sie müssten ab jetzt auf den Strich gehen. Sie müssten sich selber verkaufen, weil die Familie das Geld dringend braucht.
Ein normaler Bischof wäre sicher sofort aus seiner Deckung herausgekommen, hätte den Vater in den Senkel gestellt und die Töchter zur Tugend ermahnt. Aber Nikolaus war ein Spekulatius, Spekulatius war sein Beiname. Er hatte noch nicht genug spekuliert, nicht genug gesehen. Und so hörte er sich unerkannt die ganze Familiengeschichte an - eine furchtbare Tragödie, die nur durch eine Summe Geldes abgewendet werden konnte.
Am nächsten Abend schlich Nikolaus noch einmal um das Haus, legte das Geld vor die Tür und verschwand wieder.
Natürlich war die Freude in der Familie riesengroß. Der Alptraum war vorbei. Aber woher kam das Geld? Warum hat sich der Spender nicht zu erkennen gegeben? Und so schickten sie ihren Dank in den Himmel. Danke Gott, dass du uns einen Menschen geschickt hast, der uns geholfen hat. Danke für das Wunder.
Und das wollte Nikolaus. Dass sie nicht ihm danken oder irgendwelchen Umständen. Sondern dass sie ihren Dank dorthin schickten, wo er hingehört. In den Himmel.
Wenn heute Nikoläuse unerkannt um die Häuser streichen und Geschenke verteilen, dann geht es genau darum: Freude machen, und sich nicht mit dem Dank an irgendwen aufhalten, sondern ihn dorthin schicken, wo er hingehört- in den Himmel. Danke Gott, für den Menschen, der an mich gedacht hat- wer immer es war.

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Kopf hoch! Zeig mir dein Gesicht! Wenn mir das jemand sagt, freue ich mich. Hier bitteschön- mein Gesicht. So seh ich aus, so denke ich, davon bin ich überzeugt.
Schwieriger wird's, wenn jemand mit einem Fotoapparat in der Hand auftaucht. Mein Gesicht zeigen? Einen Moment bitte, da muss ich erst meine Nase pudern und mein Lächeln wieder auftauen. Ist grade eben eingefroren.
Sein Gesicht hat man schnell gezeigt. Aber wenn andere das festhalten. Was machen sie dann draus? Stellen sie es ins Internet? Was ist, wenn anderen meine Nase nicht passt- obwohl die gepudert ist? Und auf einmal hab ich mein Gesicht verloren. Und was bleibt mir dann noch- so ohne Gesicht?
„Schaut auf und erhebet eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."
Das ist der Mut-mach-satz für den heutigen Tag, den 2. Advent.

Er stammt aus dem Lukasevangelium. Lukas war ja nicht nur Geschichtensammler, er war auch Arzt. Er hat die Leute genau beobachtet. Wie sie mit eingezogenem Kopf durch die Gegend gelaufen sind.
Sie hatten wie wir heute viel Angst. Angst vor der römischen Großmacht, Angst, in Armut zu fallen, Angst, dass der Himmel einstürzt und das Meer die Erde verschlingt. Am meisten aber hatten sie Angst, ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihr Gesicht zu verlieren. Ein Nichts zu sein, ein Spielball der Mächte.
„Schaut auf und erhebt eure Häupter" meint Lukas. Zeigt euer Gesicht! Geht aufrecht als freie Menschen."
Und warum sollten wir das tun? Weil all das Schlimme, das wir erleben und durchmachen, nicht das Ende ist. Angst und Sorgen und Scham- sie sind nur ein Durchgang. Gott wird kommen in großer Kraft und Herrlichkeit.
Und das feiern wir an Weihnachten. Wie immer es ist, es ist nicht das Ende. Gott fängt mit uns noch einmal neu an. Ganz klein fängt er mit uns an. In dem kleinen Dorf Bethlehem, in einem Stall. In diesem kleinen Kind in der Krippe. Gottes große Kraft und Herrlichkeit- das ist dieses Kind, Jesus von Nazareth.
In ihm hat Gott ein Gesicht bekommen. Und dieses Gesicht ist wie das Gesicht eines Freundes aus der Kinderzeit. Dem man alles sagen kann und alles zeigen kann. Sogar die glänzende Nase und das eingefrorene Lächeln. So what!
Erhebet eure Häupter, Kopf hoch. Die Erlösung naht. Alles wird gut.

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