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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Das Christentum ist nicht bloß für die Kirche und für die Betkammern, sondern für das ganze Leben." Dieses Zitat stammt von Adolph Kolping. Er war ein Mann des 19. Jh., ein Priester und Sozialreformer. Sonntagschristen und Pfarrer, die nur fromme Worte machten, waren ihm ein Gräuel. Sein Christentum war praktisch. Als junger Kaplan in Wuppertal - Elberfeld wurde er mit den sozialen Folgen der industriellen Revolution konfrontiert. Billige Industrieprodukte trieben die Handwerksbetriebe in den Ruin. Gesellen, die zuvor im Haushalt ihres Meisters wie Söhne mit gelebt hatten, landeten nun buchstäblich auf der Straße. Adolph Kolping war schockiert. Das hatte auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Aus einfachsten Verhältnissen stammend war es ihm gelungen, zu studieren und Priester zu werden. Sein Vater war Schäfer, der mit seinen Schafen, etwas Ackerland und einem Gemüsegarten eine fünfköpfige Familie durchbrachte. Für höhere Bildung der Kinder war kein Geld da. Der 13 - jährige Adolph Kolping machte also eine Schusterlehre. Aber er spürte, dass mehr in ihm steckte. Er wollte studieren. Ein Pfarrer in der Nachbarschaft gab ihm Privatstunden, Kolping büffelte neben seinem Schusterberuf. Mit bereits 24 Jahren ging er noch einmal zur Schule und später auf die Universität. Dieser Aufstieg prägte ihn. Sein Anliegen: Jeder Mensch muss die Möglichkeit bekommen, aus seinem Leben etwas zu machen! Umso schockierender war für ihn, mit anzusehen, wie die Handwerksgesellen verwahrlosten. Kolping wollte das nicht hinnehmen. So gründete er Herbergen für die Handwerksgesellen. Es ging nicht nur ums Übernachten und Essen. Die jungen Menschen sollten in diesen Herbergen eine Heimat haben, einen Familienersatz. Sie sollten Gemeinschaft erleben, aber auch beruflich weitergebildet werden. Das Konzept ging auf. Bald entstanden überall in Deutschland Gesellenhäuser. Noch heute setzt sich das Kolpingwerk in vielen Ländern der Welt für junge Menschen ein. Ganz im Sinne seines Gründers Adolph Kolping. Heute ist sein Gedenktag.

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Gott hat den Menschen erschaffen. Charles Darwin hat sich geirrt. Das war vor einigen Monaten die Botschaft einer Großveranstaltung im Raum Koblenz. Die Bibel hat Recht. Die Menschen sind nicht aus anderen Lebewesen entstanden, wie es Darwin im 19. Jh. festgestellt hatte. Solche Sätze kann man immer öfter hören oder lesen. Entweder hat die Bibel Recht, die von Schöpfung spricht. Oder Darwin und seine Nachfolger, die von der Entwicklung der Arten sprechen. Die das sagen, sind Menschen, die die Bibel wörtlich nehmen. Aber wer die Bibel wörtlich nimmt, nimmt sie deshalb noch lange nicht ernst. Solche Alternativen sorgen nicht für Klarheit. Im Gegenteil: sie sorgen für Verwirrung. Ich erlebe das zum Beispiel bei jungen Menschen, die Lehrerin oder Lehrer werden wollen. Vor allem dann, wenn sie sowohl Religion als auchBiologie studieren. Im Religionsunterricht sollen sie sagen: Gott hat den Menschen erschaffen. Im Biologieunterricht sollen sie erklären: der Mensch ist im Laufe von Jahrmillionen Jahre aus anderen Lebewesen entstanden. Wenn nur eine Seite Recht haben kann, ist das ein Widerspruch. Und damit ein Problem - für Lehrer und für Schüler. Dabei wäre der Widerspruch so einfach aufzulösen. Denn in der Biologie und in der Religion geht es um völlig unterschiedliche Fragen. In der Biologie wird mit wissenschaftlichen Methoden die Entstehung des Lebens erforscht. Mit solchen Methoden kann man keinen Schöpfergott finden. In der Religion dagegen geht es um die Frage, ob das Leben nur Zufall ist. Oder ob es jemanden gibt, der das Leben der Menschen will und ihm Sinn gibt. Daher kann man in der Bibel gar keine Erkenntnisse finden, wie das Leben entstanden ist. Die kann man getrost im Biologiebuch nachschlagen. In der Bibel findet man dagegen Antworten auf Fragen wie: Ist der Mensch ein Spielball finsterer Mächte? Ist er eine Laune der Natur? Die Antwort der Bibel lautet. Der Mensch ist Geschöpf Gottes - von Anfang an gewollt und geliebt.

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Spenden ist eine schöne Sache. Etwas geben, damit die Welt besser wird. Gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, sind viele Menschen besonders großzügig. Auch die Spendensammler wissen das. Sie tauchen überall auf. Ein Student erzählt mir folgendes Erlebnis. In einer Fußgängerzone wird er von einer Frau gefragt: „Sind sie nicht auch dafür, dass gegen die Abholzung des Regenwaldes dringend etwas getan werden muss?" Natürlich ist der Student dafür. Die Frau nennt ihm eine Hilfsorganisation. Der junge Mann soll nur seine Kontonummer eintragen und unterschreiben. Doch das geht dem Studenten etwas zu schnell. „Ich will mich erst mal informieren. Haben sie Informationsmaterial?" Die Frau kontert mit einer Gegenfrage. „Haben sie sich denn das letzte Mal informiert? Sehen sie! Deswegen haben wir auch gar keine Handzettel. Die meisten lesen das sowieso nicht. Außerdem wird doch ohnehin viel zu viel Papier produziert." Und schon drängt sie wieder auf die Unterschrift des jungen Mannes. „Nur fünf Euro monatlich, das Geld für einen Döner." Doch der junge Mann bleibt standhaft - er unterschreibt nicht. Doch während des Gespräches hat er sich sehr unwohl gefühlt, unter Druck gesetzt, nicht frei in seiner Entscheidung. Viele kennen solche unangenehmen Situationen, am Telefon oder an der Haustür. Ganz wichtig in solchen Situationen: Sich nicht überrumpeln lassen. Vor allem keiner Organisation spenden, die man nicht kennt. Wer sich gut überlegt hat, wem er spenden möchte, ist selbstsicher und lässt sich nicht so schnell ein schlechtes Gewissen machen. Ich habe mir zum Beispiel überlegt, solche Organisationen zu unterstützen, die auch die Ursachen von Armut und Umweltzerstörung in den Blick nehmen. Denn mit Geld allein sind die Probleme dieser Welt nicht zu lösen. Dieser Zusammenhang ist mir wichtig. Daher habe ich einer Organisation einen Abbuchungsauftrag erteilt, die sich auch politisch für gerechtere Strukturen einsetzt. So bewahre ich mir die Freude am Spenden. Und sehe der nächsten Spendenanfrage selbstbewusst entgegen.

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Rote Neonröhren formen die typischen Umrisse einer Kirche. Darunter fünf große Buchstaben.  „Offen" steht da. Das Ganze leuchtet weit sichtbar in die Dämmerung. Das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, denkt sich der Betrachter. Warum braucht man an einer Kirche noch diese Neonreklame? Welchen Sinn hat eine Kirche, wenn sie nicht offen ist? Diese Fragen haben ihre Berechtigung. Eine Kirche, die nicht offen ist, ist ja eigentlich auch zu nichts zu gebrauchen. Denn sie soll doch den Menschen Raum und Zeit geben, sich einmal zurückzuziehen, Zeit für sich und Gott zu haben, wann immer es möglich und nötig ist. Auch außerhalb der regulären Gottesdienstzeiten. Wer allerdings  die Probe aufs Exempel macht, der wird schnell merken, dass ein großer Teil der Kirchen in unserem Land tatsächlich fest verschlossen ist.  Vandalismus, Brandstiftung und Diebstahl sind die Hauptgründe dafür. Viele Gemeinden wissen sich nicht mehr anders zu helfen, als den Schlüssel herum zu drehen. Denn das ist immer noch die billigste Methode, kostbare Figuren zu schützen oder den Opferstock zu sichern. Nun ist Kirchendiebstahl ja nichts Neues. Das gibt es seit Jahrhunderten. Früher war es die allgemeine Armut, heute sind es oft organisierte Banden, die auf Bestellung klauen. Ich finde das alles unheimlich schade. Denn eine offene Kirche ist oft der einzige Raum weit und breit, in der niemand etwas von mir will.  Hier kann ich einfach nur sitzen und da sein, kann verschnaufen und Kraft sammeln. Nie waren solche Räume so wichtig wie heute. Und ausgerechnet die müssen zu sein. Jetzt im Advent bieten viele Kirchen so genannte  „Auszeiten" an, 15 Minuten vielleicht, mit Musik und Texten. Zeit zum Abschalten, Erholen, einmal Zeit haben für etwas Anderes. Da sind die Kirchen auf, Gott sei Dank. Danach werden sie wahrscheinlich schnell wieder abgesperrt.  Ich weiß ja auch nicht, was man dagegen unternehmen kann. Aber wenn Sie eine Idee haben, wie das zu ändern ist, dann sagen Sie bitte ganz schnell dem zuständigen Pfarrer Bescheid.

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„Johannes der Täufer, das ist doch der mit den Unkenrufen". Na ja, habe ich gedacht, so kann man es auch sagen. Wer ständig nur schwarzsieht, hinter jeder Ecke eine Katastrophe vermutet, der - so sagt man bei uns zu Hause - „unkt herum". Über Johannes den Täufer möchte ich das aber nicht sagen. Er war ein Prophet. Er erwartete das Ende der Welt und wollte die Menschen darauf vorbereiten. Ob jeder das gerne hören wollte, weiß ich nicht. Unglücksprophezeiungen stehen nicht hoch im Kurs. Es wird schon nicht so schlimm werden, sagen dann die meisten und machen weiter wie immer. Und dagegen hatte Johannes was. Und deshalb sind seine Rufe keine „Unkenrufe", sondern "Umkehrrufe". Und weil er die Menschen zur „Umkehr" aufruft, ist Johannes der Täufer eine feste Gestalt im Advent, wenn er auch nicht durch die Fußgängerzonen läuft und Geschenke verteilt. Er möchte, dass die Menschen mal still stehen, nachdenken und dann einen anderen Weg einschlagen, ihre Lebensweise - wenn nötig - korrigieren. Das kann durchaus von manchem als „Unkenruf" verstanden werden. „Was will der denn von mir, der soll mich mit seinen Sprüchen in Ruhe lassen."  Dabei wollen seine Umkehrrufe nichts anderes als eine Welt, in der es ein bisschen gerechter und liebevoller zugeht. In der Bibel hat Johannes ganz handfeste Beispiele dafür. Wer zu essen hat, der gebe dem etwas, der nichts hat. Wer Steuern eintreibt, soll nicht mehr nehmen, als zulässig ist. Soldaten sollen niemanden misshandeln und erpressen. „Unkenrufe" sind diese „Umkehrrufe" vielleicht für die, die sich ertappt fühlen. Wer den Advent ernst nimmt, für den sind sie ein Teil der Frohen Botschaft, d.h. des Evangeliums. Wer sie befolgt, der macht durch sein Leben die Welt ein klein wenig lebenswerter und bringt sie damit -bildlich gesprochen- dem Himmel ein kleines Stück näher. Genau das hat der „Umkehrrufer" Johannes gewollt. Und genau dafür wird an Weihnachten Gott Mensch: dass die Welt so wird, dass sie keine „Unkenrufer" mehr nötig hat.

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Der Advent soll ja irgendwie eine besondere Zeit sein. Das klappt aber nur, wenn man auch irgendetwas Besonderes macht. Im letzten Jahr habe ich  etwas ausprobiert, das eigentlich ganz einfach war. Ich habe mir  jeden Tag etwas Zeit geschenkt. Und das ging so:
Angefangen habe ich beim Einkaufen. Ich habe mir mit meinem Einkaufswagen die Kasse ausgesucht, an der die längste Schlange angestanden hat. Und es ging wirklich sehr langsam vorwärts. Ich habe mir die Leute angeschaut, das, was sie so an Waren ausgesucht haben und mit meinem Sortiment verglichen. Ich habe sogar jemanden vorgelassen, weil er wesentlich weniger im Wagen hatte als ich. Ich hatte auf einmal Zeit, denn ich wollte das ja auch so. Und ich habe gemerkt, dass ich ruhiger wurde. Und ich habe festgestellt: viel von dem Druck, den ein ganz normaler Tag so mit sich bringt, den erzeuge ich eigentlich selbst. Also kann auch nur ich allein ihn durch mein Verhalten verhindern.
Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, sich etwas Zeit zu schenken. So bin ich einmal eine Straßenbahnhaltestelle später eingestiegen als normal. Die eine Station bin ich zu Fuß gegangen. Diese Zeit war für mich. Man kann auch einfach im Auto sitzen bleiben, wenn man das Ziel schon erreicht hat und das Musikstück im Radio fertig hören. Oder anstatt von A nach B zu hetzen, zwischendurch einfach anhalten und irgendwo einen Kaffee trinken gehen. Das klappt in der Freizeit und der Fußgängerzone genauso wie im Büro und auf dem Flur. Ein Bekannter hat etwas ganz Spontanes gemacht. Der hat auf dem Weg von A nach B das Schaufenster eines Spielwarenladens betrachtet. Dann ist er ins Geschäft und hat sich einen kleinen Steiff-Bären gekauft. „Als Kind hatte ich genau so einen", erzählte er und freute sich riesig, dass er ihn gekauft hatte. Sich ein klein wenig Zeit nehmen, und dann vielleicht auf das Unerwartete treffen und mal was ganz Anderes tun. Dann ist Advent.

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Advent ist eine Zeit, die einen ganz schön auf Trab bringen und herausfordern kann. Geschenke besorgen, Christbaum kaufen, Karten schreiben, was soll es Weihnachten zu essen geben usw.  Aber auch  das, was in den Kirchen gesagt wird, kann einem die Schweißperlen auf die Stirn treiben:  Heute, am Sonntag im Gottesdienst heißt es: Seid wachsam!  Haltet euch bereit! Und dann geht es um das  Ende der Welt, darum wie das ist, wenn Christus wieder auf die Erde kommt, wenn das Ende, die Apokalypse bevor steht. Ganz schön sperrige Gedanken sind das, nichts Beruhigendes, Besinnliches ist daran. Und sie haben trotzdem mit Advent zu tun. Sie fragen mich an: „Was ist dir wichtig, wonach hältst du Ausschau, wohin bist du unterwegs?" Also muss ich mich ein paar Minuten hinsetzen und nachdenken. Und sie werden es nicht glauben, das geht sogar im Advent mitten in der belebten  Fußgängerzone. Ein Beispiel: gerade jetzt stehen nämlich wieder Statuen in der Stadt. Das sind Menschen, geschminkt und kostümiert, die nichts anderes tun, als stumm und still auf ihrem Podest zu stehen. Dafür möchten sie eine Spende. Denn so still zu stehen, ist eine schwere und anstrengende Angelegenheit. Ich habe jetzt einer solchen Statue auch etwas gespendet, zum ersten Mal übrigens. Und zwar dafür, dass sie mir die Gelegenheit gegeben hat, ebenfalls 5 Minuten still zu stehen, zu schauen und nachzudenken. Ehrlich gesagt, eigentlich habe ich gar nicht viel gedacht, nur gestanden. Aber das war genau so sperrig und ungewohnt, wie es der Advent eigentlich sein will. Advent ist Unterbrechung und Atempause, ein Geduldsspiel, gerade so wie das Stehen auf dem Podest. Heute, der 1. Advent ist quasi das Startsignal. Am nächsten Sonntag geht es weiter. Da ruft Johannes der Täufer: „Kehrt um!" So weit bin ich noch nicht. Aber ich habe wenigstens schon mal angehalten.

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