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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Himmel und Erde - für den Papa mit gebratener Blutwurst, wir Kinder mochten es aber pur. Kartoffelpüree und Apfelkompott, lecker. Meine Mutter wusste: Liebe geht durch den Magen. Und sie kochte gern Kinderessen für uns und für den Mann etwas Herzhaftes dazu. Vor dem Essen wurde gebetet: Jedes Tierlein hat zu essen, jedes Blümlein trinkt von dir. Hast auch mich heut nicht vergessen, lieber Gott, ich danke dir. Was war das leicht und klar in meiner Kinderwelt. Vom Spielen nach Hause kommen, Hunger haben, die Mama hat gekocht, der liebe Gott hat es uns geschenkt, in den Mahlzeiten lagen Himmel und Erde ganz nah beieinander und die Blümlein und Tierlein waren auch im Blick. Heute viel schwieriger. Die Mahlzeiten sind zwar aufwendiger aber gebetet wird längst nicht immer, ganz sicher nicht laut. Ich schick gelegentlich nach dem Essen ein Stoßgebet ab, laut in Worte gefasst hört sich das so an:„lecker satt" und es meint: lieber Gott, ich danke dir. Das ist mir durch Kartoffelpüree und Apfelkompott in Fleisch und Blut übergegangen und so auch Teil meines Erwachsenenlebens, aber auf einer mehr unbewussten Ebene. Albert Schweitzer erzählt die Geschichte von dem Bauern, der in die Stadt kam, im Gasthaus zu Mittag aß und vor dem Essen betete. Die Städter an der Theke kommentierten das spöttisch. Na, bei euch auf dem Land, da beten wohl noch alle? Ne, sagt der Bauer, bei uns beten auch nicht alle. Ochs und Esel gehen ohne Gebet an den Trog. 1: 0 für den Bauern. Und auch ein Anstoß für mich.

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„Weißt du noch" so fangen viele gute Geschichten an, auch solche aus meiner Studienzeit in Trier in einer Wohngemeinschaft.3 Zimmer, 3 Frauen, ein kleines Bad mit einer Sitzbadewanne, eine Küche mit einem kleinen runden Tisch. Erstaunlich, wie viele Stühle um so einen Tisch passen und wie viele Menschen in eine Küche. Die Küche war der Mittelpunkt. Hier wurde aus Nix etwas gezaubert, und irgendwie wurden immer alle satt. Wir unterschieden da  drei Sorten von Lebensmitteln. Ein Teil diente der Existenzerhaltung, die braucht man einfach zum Leben. Brot, Nudeln, Käse, Obst, so was eben. Dann gab es Dinge, die dienten eher der Existenzerweiterung: Schokolade, Kuchen, Kekse, Pudding, Eis  braucht man nicht zum Leben, macht dick, also Existenzerweiterung. Davon unterschieden sich die Lebensmittel, die zur Existenzerheiterung dienten, also zur Lebensfreude. Vielleicht ein Wein, manchmal ein Frühstücksbrötchen, je nach dem auch nur Luft und Liebe. Dient der Existenzerheiterung. Existenzerhaltung - Existenzerweiterung - Existenzerheiterung. In der Studienzeit war das gut - wie ist es heute? Gibt es von allem genug? Von manchem vielleicht zu viel? Oder zu wenig ? Das ist eine gute Frage für Menschen um die 50, die sowieso grade ihr Leben neu ordnen. Die Frage schadet aber niemandem. Hab ich alles zur Erhaltung meiner Existenz? Vielleicht auch Sport und Musik und auf jeden Fall eine sinnvolle Tätigkeit, geht ja um mehr als um Essen und Trinken. Sorge ich für die Existenzerweiterung - nicht, dass ich unbedingt gewichtsmäßig zunehme, aber an Erfahrung und Erkenntnis. Gibt es genug Neues in meinem Leben, das meine Existenz erweitert und bereichert? Und schließlich die Existenzerheiterung. Frühstücksbrötchen, ein Glas Wein, Luft und Liebe -so war das vor 30 Jahren. Und das gibt's heute noch. Wie heiter!

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„Dann bist du ja wohl ziemlich fromm", so stellte etwas misstrauisch ein Mann fest, den ich kürzlich kennen gelernt habe. Er war sehr verblüfft darüber, wie ein Mensch auf den Gedanken kommen könne, Theologie zu studieren. In seinem Leben war Glaube und Gebet höchstens ein Randthema, nicht wirklich wichtig. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir dann, dass er den Kontakt mit dem Pfarrer beim Tod seiner Frau als angenehm empfunden hat. Aber fromm - sei er nicht. Bin ich fromm? Das wollte ich im ersten Augenblick von mir weisen, es hat so einen altmodischen Beigeschmack. Und es kommt mir auch etwas angeberisch vor, wenn ich mich als fromm bezeichne, dafür bete ich bestimmt nicht oft genug und tue auch nicht genug Gutes. Was heißt das eigentlich, fromm? Es leitet sich ab aus dem Althochdeutschen und bedeutet, Erfurcht vor allem Lebendigen auf der Erde zu haben, auch Ehrfurcht vor Gott. Das klingt ja nicht verkehrt, mehr nach einer inneren Einstellung als nach bestimmten Handlungen. Etwas was da ist, ohne dass ich genau darüber nachdenke. Die Gehirnforscher haben dafür ein Fremdwort: subkortikal. Hab ich auch erst vor kurzem gelernt. Damit bezeichnen sie all das, was wir ohne nachzudenken tun. Morgens aufstehen, ins Bad torkeln, Zähne putzen. Dazu muss mein Gehirn noch nicht eingeschaltet sein, ich mach das quasi im Halbschlaf, subkortikal eben. Oder mein Auto von der Arbeit nach Hause steuern. Zwar passe ich auf den Verkehr auf, aber über den Weg dahin mach ich mir keinerlei Gedanken, den kennt das Auto allein - nicht das Auto, ich, subkortikal eben. Und ich merke so bei mir, ich bin auch subkortikal fromm. Ich denk nicht groß drüber nach, aber wenn ich morgens aufstehe und seh' den Morgen hell werden, dann werfe ich einen Blick in den Himmel, bestaune das Farbenspiel und denke „ Dankeschön". Wenn fromm bedeutet, ein Auge auf Gottes Spuren in der Welt zu haben, ja, dann bin ich fromm, gerne.

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„Ich bin zufrieden" sagt der Freund mit leiser Stimme. Jedes Mal sagt er es, wenn ich ihn frage, wie es ihm geht. Immer sagt er: „Ich bin zufrieden". Dabei treibt ihn manche Sorge um. Und das verschweigt er auch nicht, erzählt von den gesundheitlichen Problemen und von allem, was ihn bewegt. Und doch ist er zufrieden?
Klar, in seinem langen Leben hat er manches Ziel erreicht. Beruflich erfolgreich konnte er manche Reisen machen und interessante Leute kennen lernen, und auch einiges bewegen. Er hat viel gearbeitet, viele Menschen gefördert, und auch ehrenamtlich viel für andere getan. Das ist ihm immer noch ein Anliegen, trotz seines Alters. Immer noch ist er wach, kümmert sich um andere, interessiert sich für deren Leben und Sorgen. Wie jeder andere Mensch hat er auch manches hinnehmen müssen, angefangen von Krieg und Hungerzeiten, ist verletzt worden und enttäuscht, und manche gewichtigen Wünsche blieben unerfüllt. Mir tut es gut, neben einem Menschen zu sitzen, der von sich sagt: Ich bin zufrieden. Er ist ruhig und gelassen. Meistens. Aber was ist das Geheimnis seiner Zufriedenheit? Nein, es ist nicht Haus, Auto, Beruf ...... und es sind nicht die Erfolge von früher. Darauf schaut er sehr dankbar, keine Frage. Aber wirklich zufrieden macht ihn etwas anderes. Zufrieden macht ihn, dass er mit vielen Menschen verbunden ist, bis heute. Er pflegt Kontakte, Besuche, Briefe, Austausch, und viele Menschen mögen ihn. Zufrieden macht ihn aber vor allem sein starker Glaube. Er hat sein ganzes Leben auf Gott gesetzt. Er sagt von sich auch, dass er das wieder tun würde. Er war und ist ein Gott-Sucher. Einer, der manche Nacht schlaflos liegt bis heute, weil ihm Gott unerklärlich bleibt und ihn ratlos macht. Aber an anderen Tagen kann er fröhlich vor sich hinpfeifen, weil er spürt, dass der Boden unter den Füßen trägt. Dass das Leben ihn trägt. Dass Gott ihn trägt. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann das: ich möchte auch irgendwann ruhig und leise sagen können: Ich bin zufrieden.

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Sympathisch waren die drei Herren im Zugabteil .....Geschäftsleute, freundlich, angenehm. Auf der langen Fahrt von Berlin nach Frankfurt unterhielten sie sich noch einige Zeit über eine Konferenz, die hinter ihnen lag, dann wurde es still. Über das Umräumen von Koffern und Mänteln suchte einer von ihnen das Gespräch mit mir. Irgendwann erzählte er, dass er sich in seiner Freizeit als SymPate engagiere.
Was ist denn das, ein SymPate? SymPaten gibt es im Bistum Mainz in vielen Städten, erzählte er. Als SymPate kümmert er sich ehrenamtlich jeweils ein Jahr lang um einen Jugendlichen, der zwischen Schule und Beruf steht und von Zuhause wenig Unterstützung bekommt. Alle 2 Wochen treffen sie sich, dazwischen telefonieren sie auch miteinander, wenn der Jugendliche das will. „Und worüber reden sie dann", fragte ich? „Suchen Sie gezielt für ihn nach Ausbildungsplätzen?"
„Nein", sagte er. „Ich kümmere mich nicht konkret um seine berufliche Zukunft. Sondern ich kümmere mich um den Jugendlichen, eben wie ein Pate das tun kann. Ich höre vor allem zu, wenn es was zu erzählen gibt. Natürlich gebe ich ihm auch Tipps, für die Bewerbungsgespräche zum Beispiel. Dass er da nicht mit zerlöcherten Jeans hingehen kann oder Kaugummi kaut. Ich rufe ihn auch manchmal an, damit er pünktlich aufsteht. Er hat niemand, der ihm das sagt. Kein Vorbild in der Familie. Da wir uns länger kennen, erzählt er auch schon mal von seinen Sorgen. Für ihn ist es neu, dass ihm jemand zuhört oder fragt, wie es ihm geht. So versuche ich ihm den Rücken zu stärken."
Im Stillen denke ich an die vielen Gespräche, die wir als Eltern mit den inzwischen erwachsenen Kindern führen. Wie oft sie uns noch als Ratgeber brauchen. Oder einfach nur, weil sie dringend mal sagen müssen, dass sie einen wunderschönen oder einen völlig blöden Tag hatten. Und ich habe große Achtung vor den SymPaten, die einem fremden jungen Menschen ihre Sympathie schenken. Wer spürt „Ich bin wichtig" kann sich einfach besser um seine Zukunft kümmern.

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Versprochen wurde viel - herausgekommen ist wenig: Ganze 5 Euro pro Monat mehr zum Regelsatz für Hartz IV-Empfänger! Soll ich darüber lachen oder weinen? Ich kenne Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, und wirklich jeden Euro mehrfach umdrehen müssen. Für sie sind 5 Euro pro Monat ein Witz.
Ich weiß aber auch: Die Fachleute widersprechen sich. Die einen sagen, jeder Euro mehr mindere bei Langzeitarbeitslosen den Anreiz, sich bezahlte Arbeit zu suchen. Andere sagen, Hartz IV ist schuld an einer neuen Armut, vor allem der Armut von Kindern. Wieder andere weisen zu Recht darauf hin, dass auch Städte und Gemeinden immer ärmer werden, weil ihnen die sozialen Kosten über den Kopf wachsen. Es ist ein schwieriges Thema. Und doch komme ich als Christin nicht daran vorbei, mir Gedanken zu machen - und nach meinen Möglichkeiten zu handeln. Dass Kinder arm aufwachsen, ist schlimm in einem reichen Land. Es ist deshalb schlimm, weil in unserem Land vieles vom Geldbeutel abhängt. Kinder sollten aber lernen dürfen, egal wie viel Geld da ist.
Nehmen wir als Beispiel den Blockflötenunterricht. Da geht es natürlich darum, ein Instrument zu spielen, Noten lesen zu können. Aber es geht um viel mehr: Indem Kinder miteinander singen und flöten, öffnet sich ihnen die Welt von Musik und Klängen. Nebenbei erlernen sie soziale Fähigkeiten: sie lernen aufeinander hören und sich einfinden in eine Gruppe. Sie lernen, dass sie selbst etwas gestalten können, und sie lernen auch, dass vor dem Erfolg das Üben nötig ist. Wenn sie dann zu besonderen Gelegenheiten anderen vorspielen, bekommen sie Beifall und Anerkennung - .und das ist für jeden Menschen so wichtig wie Essen und Trinken. Solche Erlebnisse zusammen mit einer guten schulischen Ausbildung helfen mit, dass ein junger Mensch leichter seinen Platz in der Gesellschaft findet. Aber auch mit 5 Euro mehr ist Blockflötenunterricht für Hartz-IV-Empfänger nicht zu bezahlen.
Mehr Geld ist nicht das Allheilmittel. Es gibt auch andere Lösungen: ehrenamtliche Initiativen, Geldgeber, kostenlose Angebote, kreative Ideen, und vor allem ein öffentliches Interesse an dieser Not. Weil alle Kinder eine Chance verdient haben! Und die fängt beim Blockflötenunterricht an.

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Schon wieder.....wünscht sich meine erwachsene Patentochter nichts Bestimmtes zum Geburtstag. Selten hat sie einen konkreten Wunsch. Wenn ich sie frage, sagt sie nur: „Ich wünsche mir ein Geschenk!" Die Patentante zieht dann vergnügt los zum Einkaufen. Fröhlich denke ich mir etwas aus, was ihr gefallen könnte. Und sie freut sich immer - vor allem, wenn das Geschenk genau ihren Geschmack getroffen hat. Umgekehrt ist es übrigens auch so. Meine Patentochter überrascht mich mit Dingen, die wunderbar zu mir passen, die ich mir selbst aber nie gekauft hätte. Warum uns beiden das gegenseitige Beschenken so viel Freude macht? Ich glaube, das Geheimnis ist einfach: Wir kennen einander recht gut. Und wir mögen uns sehr. Haben die Augen offen füreinander. Wir hören aufeinander. Was interessiert dich, was interessiert mich? Was könntest du brauchen?
Das Geheimnis von Wünschen und Schenken ist anscheinend: Sich in den anderen einfühlen und genau zuhören.
Und wie ist das mit den Wünschen zwischen Gläubigen und ihrem Gott? Wie oft sind Menschen enttäuscht: „Nun habe ich so viel gebetet, aber Gott hat mich nicht erhört". Sie haben sich in ihren Nöten an Gott gewandt, und konkrete Wünsche und Hoffnungen ausgesprochen. Aber diese Wünsche wurden nicht erfüllt. Das ist zweifellos hart.
Hat Gott nicht richtig zugehört? Interessiert er sich nicht für diesen Menschen? Warum werden manche Bitten erfüllt, und andere nicht? Das ist schwer zu verstehen. Denn einerseits ermutigt uns die Bibel sehr, mit allen Bitten vor Gott zu treten, hartnäckig zu wünschen und zu fordern. Andererseits weiß jeder, dass manches im Leben anders verläuft, als ich mir das wünsche.
Glauben - das ist genau dieses Zweifache: dass ich mich einerseits für mich selbst einsetze und mein Leben in die Hand nehme mit allen Wünschen und Plänen. Und dass ich andererseits genau dieses Wünschen und Planen gleichzeitig wieder loslasse. Dass ich darauf vertraue, dass Gott genau zugehört hat. Und dass er weiß, was für mich gut ist. Weil er sich einfühlt und mich mag. Auch wenn ich das momentan vielleicht nicht erkennen kann.

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