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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Welche Werte sind uns wichtig? Worauf legen wir wert? Was ist uns wertvoll? Eine neue Umfrage hat das wissen wollen. (Gfk Nürnberg)
Und das Ergebnis ist jetzt da:
Für die Mehrheit der Deutschen ist die SICHERHEIT der wichtigste Wert.
Aber was ist schon sicher?
Das Leben ist doch ein einziges Sicherheitsrisiko.
Niemand kann sich sicher sein. Wie auch?
Wir sind unsicher. In allen Richtungen: politisch, gesellschaftlich, beruflich, privat...
Ob ich gesund bleibe? Meine Arbeit behalte? Ob meine Beziehung hält? Ob aus meinen Kindern was wird? Wie es mal im Alter sein wird? Mit Sicherheit gibt es die absolute Sicherheit nicht. Und doch ist sie uns wert und teuer.
Gerade deswegen ist das so. Weil wir so wenig davon haben. Wir möchten so gerne gut aufgehoben, abgesichert sein. Kann es nicht irgendwie mehr davon geben, von dieser Sicherheit?
In der Bibel steht: Gott ist der Einzige, der uns so etwas schenken kann. Das Wort Religion kommt ja von dem lateinischen Wort religio -und das bedeutet: Rückbindung, Anhaltspunkt. Religio haben, einen Glauben also, das könnte so eine Art Sicherheitsleine sein, eine Verbindung, die hält, wenn drauf ankommt.
Dass ich weiß, was mich trägt über all die Unsicherheiten meines Lebens hinweg.
Geborgen ist mein Leben in Gott.
Er hält mich in seinen Händen. Da bin ich mir sicher. Alles andere kann dann sein, wie es will.
Das ist keine Garantie und kein Abonnement auf Glück und unfallfreies Fahren. Aber es ist so etwas, wie das Netz über dem ich meine Seiltänze mache. Sicher ist sicher sag ich mir da und vertraue auf Gott.
Einmal hat Gott sogar so eine Art Versicherung mit den Menschen abgeschlossen. Die Police schreibt er jedes Mal wenn Regen und Sonne sich küssen an den Himmel. Der Regenbogen ist seine Unterschrift unter der Zusicherung:
„Solange die Erde steht sollen nicht aufhören:
Saat und Ernte, Frost und Hitze
Sommer und Winter
Tag und Nacht."
- mit Sicherheit.

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Man darf jetzt wieder „Gesundheit!" sagen. Haben Sie das gehört? Es hat ja eine zeitlang geheißen, es sei ab sofort unanständig, so etwas zu sagen, wenn jemand hat niesen müssen.
„Gesundheit!" sagen, das wäre irgendwie tendenziell eine Unterstellung, würde sozusagen das Gegenüber als krank abstempeln. Stattdessen sollte man fürsorglich den Kopf neigen und sachte nachfragen: „Haben Sie sich erkältet?"
Nun aber haben Benimm Experten endlich wieder Schluss gemacht mit dieser merkwürdigen Tabulösung.
Zumindest nach dem Willen der Deutschen Knigge Gesellschaft dürfen wir uns wieder nach Herzenslust „Gesundheit" zurufen. Von offizieller Seite wurde zwar noch einmal bestätigt, dass es aus historischer Sicht nicht ganz korrekt sei, seinem Gegenüber Gesundheit zu wünschen.
Weil in Zeiten von Pest und Cholera sich die angeniesten Menschen eher selber Gesundheit gewünscht hätten in der Hoffnung, nicht angesteckt worden zu sein. Aber heute sei der Ausruf eben höflich gemeint und der Niesende eher beleidigt, wenn niemand Gesundheit sagt.
Wie gut, wie gut!
Dann hätten wir das endlich wieder geregelt. Denn es hat sich einfach gezeigt, dass die Leute an der Stelle unbelehrbar sind.
Sie lassen sich den  „Hatschi - Gesundheit!" Reflex einfach nicht nehmen. Und das finde ich wunderbar. Es ist ein Stück Menschenfreundlichkeit, dass wir die kleinen Botschaften in und auswendig kennen.
Und wenn wir uns  treffen: „Guten Morgen!" sagen oder „Guten Tag!"
Wenn wir essen, sagen wir: „Guten Appetit!" Ist jemand krank wünschen wir: „Gute Besserung!"
Gratulieren tun wir mit: „Herzlichen Glückwunsch!"
Wir senden einen schönen Gruß! Stoßen auf die Freundschaft an und sagen „Zum Wohl!"
Und wenn wir was falsch gemacht haben, sagen wir im besten Fall:
"Entschuldigung!"
Das sind die kürzesten Verbindungen mit ganz viel Botschaft drin.
Das sollten wir pflegen.
Solange wir noch „Gesundheit!" sagen, wenn jemand Schnupfen hat, solange sind wir noch Mitmenschen und aufmerksam für einander.
In der Kirche haben wir auch so eine Kurzform.
Wir segnen. Wir sagen: Geh mit Gott!

Sei behütet!
Segen, das ist sozusagen alle Gruß - und Kusssignale zusammen genommen.
Damit wünschen wir in Gottes Namen Gesundheit und senden Grüße, beste Wünsche, machen Appetit aufs Leben, ziehen den Hut und sagen Grüß Gott! Und das ist bestes Benehmen, im Einvernehmen mit Gott, der auch unser Bestes will, selbst wenn wir ganz viel niesen müssen.

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Kontaktschleifen sind wichtig. Das habe ich jetzt wieder mal gesehen. Am Rande unseres Wohngebietes auf dem Weg in die Stadt. Wir stehen vor einer roten Ampel. Die Schlange ist schon ziemlich lange. Und es dauert.
Vor roten Ampeln scheint ja sowieso manchmal die Zeit einfach stillzustehen.
Es vergehen minutenlange Ewigkeiten, aber es tut sich einfach nichts. Schließlich steigt aus dem Wagen vor uns jemand entschlossen aus und geht nach vorne zum ersten Auto. Wir schauen gespannt zu. Da wird doch nicht jemand unangenehm ausrasten, nur weil die Ampel halt einfach nicht umschalten will...
Aber nein. Sie klopft an die Scheibe, gestikuliert und schüttelt mit dem Kopf und dann nickt sie ganz erleichtert.
Na also! Schließlich fährt das Auto ein Stück nach vorne -und wenige Augenblicke später wird es grün. Wir fahren los und haben verstanden:
Da ist jemand nicht weit genug an die Ampel heran gefahren, hat die Kontaktschleife im Boden nicht berührt und deswegen haben wir nur noch rot gesehen. Kontaktschleifen sind nur dann aktiv, wenn genug Nähe entsteht und das Signal auch ankommt. Und das ist nicht nur an der Kreuzung so, sondern im Leben überhaupt.
Wenn wir nicht weiterkommen, und das eigene Leben und das Leben anderer auf der ganzen Länge aufgehalten und angehalten wird, dann liegt es oft einfach auch daran, dass wir zu weit weg bleiben voneinander, von dem Problem, von dem wunden Punkt. Die grüne Welle kommt nicht von allein. Vorwärts weiter auf unserem Weg kommen wir nur, wenn wir uns auch bemerkbar machen und sozusagen anmelden.
In der Bibel wird eine zauberhafte Geschichte von einer kranken Frau erzählt, die unbedingt von Jesus bemerkt und geheilt werden will.
Aber sie steht im Stau.
Es geht einfach nicht voran. Viel zu viele wollen drankommen und beachtet werden. Da kämpft sie sich durch ganz in seine Nähe und schafft es gerade so bis zur Kontaktschleife. Das ist diesmal der Saum seines Kleides.
Von hinten sogar nur, so dass Jesus sie eigentlich gar nicht sehen kann.
Aber sie schafft es. Es wird grün, grün wie die Hoffnung, weil Jesus merkt, dass er berührt worden ist und sich umdreht zu ihr mit seiner ganzen Aufmerksamkeit. Wunderbar. Näher mein Gott zu Dir.

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Kontaktanzeigen sind interessant. Jetzt habe ich wieder mal eine ganz besondere gelesen. Die hat es mir wirklich angetan. Eine Frau sucht einen Mann. Das ist ja noch nicht so besonders. Aber sie formuliert es so charmant, sodass man einfach beeindruckt sein muss.
Suche tageslichttauglichen Mann heißt ihre besonders anspruchsvolle Botschaft.
Tageslichttauglich verstehe ich so, dass sie mit dem nicht nur nach Anbruch der Dunkelheit vor die Tür gehen will, sondern sogar am helllichten Tage. Sie möchte mit anderen Worten sich nicht schämen müssen, mit ihm gesehen zu werden, das darf nicht etwa zum Imageproblem werden. Tageslichttauglich. Also vorzeigbar, passend, schön, ansehnlich mindestens.
Wer von uns möchte nicht umgeben sein von Menschen, die tageslichttauglich sind, in deren Nähe man und Frau sich wohl fühlt und gerne gesehen wird. Und jetzt denke ich mir, als Pfarrer eben, Sie werden es mir hoffentlich nachsehen, dass das doch auch auf unseren Glauben anzuwenden sein könnte.
Solange wir unser Christ sein irgendwie verschämt zuhause einsperren und uns kaum damit vor die Haustür trauen, solange ist er eben alles andere als tageslichttauglich. Wir schämen uns, ihn öffentlich zu zeigen. Nur im stillen Kämmerlein aber verkümmert er so vor sich hin.
Er braucht  auch frische Luft und freien Ausgang, er möchte gerne mit unter die Leute genommen werden. Dass wir an Gott glauben, das muss so attraktiv und anziehend sein, finde ich, dass wir damit gerne aus uns herausgehen.
Und wenn uns jemand anspricht und fragt:
Hallo, was hast du denn da bei dir? Dann soll es uns nicht die Schamesröte ins Gesicht treiben, wenn wir sagen:
Darf ich vorstellen, das ist mein Glaube, der gehört zu mir, wir sind ernsthaft zusammen und wollen es auch bleiben. Alles was sich nicht als tageslichttauglich erweist, taugt doch auch nichts, oder?
Übrigens auch nicht für die Nacht, schon gar nicht für die.
Die Schönheit unseres Glaubens entdecken, ihn mit hinaus nehmen und gerne zu ihm stehen, das wäre ein großes Ziel, das unserer ganzen Umgebung gut täte.
In einem Psalm der Bibel wird einmal sogar von Gott geschwärmt, wie von einem betörend schönen Partner an unserer Seite. Da heißt es so:

„Lobe den Herrn meine Seele!
Herr mein Gott
Du bist sehr herrlich, Du bist schön und prächtig geschmückt, Licht ist dein Kleid, das du anhast..."
(Psalm 104)

Tageslichttauglich oder?

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Peinlich aber wahr! Mit dem Auto auf dem Heimweg schaue ich auf die Tankuhr nur noch knapp ein Drittel. Die Tankstelle liegt auf dem Weg. Kein Problem also. Während ich tanke, fasse ich so nach hinten an die Gesäßtasche und stelle fest: Nichts dabei. Geldbeutel wird im Auto liegen. Liegt er aber nicht. Ich stehe in der Schlange vor der Kasse. Komme dran.
„Ich habe an der 7 Diesel getankt!" sage ich.
Und dann:
„Kann aber nicht bezahlen. Habe meinen Geldbeutel zuhause liegen lassen. Tut mir leid." Jetzt soll ich meinen Ausweis zeigen. Aber der ist doch auch im Geldbeutel. Führerschein natürlich auch. ALLES: Meine ganze Identität liegt zuhause.
Irgendjemanden vom Personal höre ich von Polizei sprechen.
Mir fährt der Schreck in die Glieder. Ich muss warten, bis der Chef kommt. Aber der kommt nicht. Ich steh da so dumm rum... Es dauert. Gefühlte 50 Minuten. Inzwischen würde ich jedes Geständnis ablegen, wenn sich nur jemand um mich kümmern würde. Dann endlich kommt der Chef. Er schaut mich an, wie man eben einen anschaut, der halt getankt hat und nicht bezahlen kann.
„Na dann füllen sie mal dieses Blatt da aus. Und dann bitte hier unterschreiben.
Ich versichere feierlich, dass ich ja nur wenige Minuten entfernt wohne und  im Nu wieder da bin, um zu bezahlen.
„Das hätten ihm schon viele erzählt!" sagt der Gute und traut mir nicht.
Dieses doofe Gefühl, eine so durch und durch ehrliche Haut zu sein -und es glaubt Dir keiner.
Wer bin ich denn, wenn mir keiner traut? Wie steh ich denn da, wenn ich nicht nachweisen kann, dass es mich gibt? Ohne Ausweis, ohne Papiere?
Schließlich darf ich gehen, werde auf Bewährung freigelassen, um flugs nachhause zu fahren und das Geld zu holen. Ich bezahle wie ein reuiger Sünder und fühle noch nicht einmal Erleichterung, als endlich alles gut ist. Und obwohl der Chef gar nicht danach fragt, gebe ich ihm meinen Ausweis, nur um zu versichern, dass ich wirklich ganz offiziell registriert bin. Er nickt.
Aber das reicht nicht, um mir ein gutes Gefühl zu geben. Menschenskind ist das doof, wenn Du ein Niemand bist und verdächtig dazu.
Da ist mal wieder klar, wie wichtig und wertvoll es ist, dass wir als Menschen geachtet und geschätzt werden. Dass man uns über den Weg traut. Dass uns die anderen nicht unterstellen, Schurken zu sein.
Darum sage ich Ihnen:
Nehmen sie ihren Geldbeutel mit, vergessen sie den Ausweis nicht und wenn sie tanken müssen, überprüfen sie zuerst noch mal, ob sie auch bezahlen können. Und wenn sie irgendwo in der Nähe einer Kasse einen anderen so dumm rum stehen sehen, gehen sie hin und leisten sie erste Hilfe. Das ist dann wie ein Gruß vom lieben Gott. Weil der weiß letzten Endes am besten, dass jeder von uns echt ist.

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Gewusst wie! Jetzt habe ich mal wieder was dazu gelernt. Es war bei unserem Umzug im Juli. Einige Möbelstücke konnten nur am Stück transportiert werden. Mein Schreibtisch zum Beispiel. So ein schönes altes Erbstück. Ich zeigte es dem Chef der Umzugsfirma.
Wir stellten fest, der passt nicht durch die neue Haustür.
Ich war sofort einsichtig und bereit, mich von dem alten Brocken zu verabschieden.
Aber der Chef nicht. Den packte jetzt der Ehrgeiz und er sagte: der geht mit und irgendwie kriegen wir den auch rein. Ich konnte es mir nicht vorstellen.
Und dann kam es so, wie es kommen musste. Er ging beim besten Willen nicht durch die Haustür. Was sich dann abgespielt hat, geht mir heute noch nach.
Die 4 Männer gingen ums Haus, sahen den Balkon, nickten sich zu, zwei gingen hoch, zwei blieben unten. Und jetzt jonglierten sie mit einer Seelenruhe und in einem unglaublichen Geschick das Ding nach oben, drehten es, legten es schräg und schafften es durch die Balkontür ohne einen Kratzer rein ins Haus und ab ins Arbeitszimmer.
Später fragte ich den Chef noch immer schwer beeindruckt von dem Meisterstück, wie er das schaffe, so schwere Sachen jeden Tag zu heben, ohne zusammen zu brechen. Da schaute der mich viel sagend an und sprach einen Satz, der könnte in jedem teueren Coaching, bei jeder Beratung auf der Couch, in jedem Seelsorgegespräch erfunden worden sein.
„Wenn sie etwas Schweres heben wollen, -sagte er gelassen-dann müssen sie es so anfassen, dass sie es tragen können, ohne sich dabei weh zu tun."
Gewusst wie!
Was unsere Tragfähigkeit betrifft, so könnte diese Berufserfahrung eines professionellen Trägers eine wahre Lebenshilfe sein. Ohne viel Aufhebens davon machen zu wollen ertragen wir doch alle allerhand jeden Tag.
Und auch heute werden wahrscheinlich wieder Altlasten und allerlei Lästiges auf uns warten. Unerträgliches ist womöglich dabei!
Und ehe wir uns wieder das Kreuz brechen, verheben, verbiegen, zu tief bücken, ohne Erfolg, aber mit viel Ach und Weh, sollten wir genau hinschauen, wie wir das anders, besser, geschickter anpacken. An welcher Stelle wir den Hebel ansetzen. Wir das besser begreifen können.
Wo wir eine Chance sehen, Bewegung rein zu bringen. Und sehen wir zu, dass wir dazu noch ein paar andere finden, die mit anpacken. Die Tragweite dieser Vorüberlegungen ist enorm.
Und die Bibel sagt dazu:
Gott legt uns zwar immer wieder eine Last auf, aber er hilft uns auch zu tragen.

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Ohne Sonntag gäbs nur noch Werktage. Der Sonntag ist ein Schatz, ein Geschenk des Himmels. Einmalig, wunderbar, unverwechselbar.
Trotzdem steht er auf der Liste der bedrohten Arten und Weisen unseres Lebens ganz weit oben.
Er verliert an Glanz und Würde. Dabei ist er doch ein Tag wie kein anderer. Auf dem Bauernhof meiner Kindheit war das unübersehbar:
Das hat man schon am Samstag gemerkt, wenn im Dorf um 3 Uhr am Nachmittag der Sonntag eingeläutet wurde, da mischte sich der betörende Geruch von Bohnerwachs und Streuselkuchen im Treppenhaus.
Irgendwie schien die Welt für einen Moment zumindest angehalten.
Futter für 2 Tage wurde rangekarrt. Gass und Hof wurden gekehrt, das Hoftor geschlossen.
Die ganze Mannschaft am Abend gebadet, gemeinsam ferngesehen. So etwas gab es nur am Vorabend, wenn der Sonntag kam.
Und am Sonntagmorgen dann wurden wir Kinder in Sonntagskleider gepackt.
Die Schuhe sind die besten Weglaufsperren gewesen, denn sie drückten gewaltig und ließen Herumtoben erst gar nicht zu.
Wir duften uns nach dem unantastbaren Sonntagskodex auf keinen Fall schmutzig machen, zumindest nicht vor dem gemeinsamen Kirchgang, und der wurde wie ein allgemeines Festellen der Vollzähligkeit gewertet.
War eine Familie nicht vertreten, so stand sie unter dem Verdacht über Nacht ausgewandert zu sein.
In der Kirche lief immer alles gleich ab. Und genau darauf kam es auch an.
Der Pfarrherr war würdig und recht die Institution zur wöchentlichen Bestätigung, dass wirklich und wahrhaftig alles so bleibt, wie es ist.
Männer und Frauen, Kinder und Presbyter saßen jeweils getrennt. Die meisten schliefen und genossen die Ruhe, die Jungs und Mädels flirteten und ritzen Namen und Herze und schoben damit den ersten Kuss auf die lange Kirchenbank.
Auf dem Heimweg wurde getratscht und gelacht, und bis man zuhause war, wusste man alles, was wichtig sein konnte.
Und das war nicht wirklich sehr viel.
Bald hat man auch schon den Sonntagsbraten gerochen, Rotkohl und Kartoffeln gab es dazu.
Und nach dem Spülen und Kehren und kurzen Verweilen wurden wir Kinder zum unvermeidbaren Sonntagsspaziergang aufgestellt.
Einer einzigartigen Art, sich fortzubewegen, ohne wirklich vorwärts zu kommen.
Wir sind dabei immer nur beinahe dem völligen Stillstand entgangen.
Wir sind nie wirklich weit gekommen, schon gar nicht bis zu dem versprochenen Ziel, wo es angeblich ein Eis oder eine Sinalco gegeben hätte, aber wir waren spaziert, durch Feld, Wald und Wiesen und zuhause wartete die Oma schon mit dem guten Marmorkuchen und dem duftenden Bohnenkaffee.
Und wenn es dann am Abend so merkwürdig melancholisch still wurde im Haus, haben alle gemerkt, wie schnell doch die Zeit vergeht, weil ja morgen schon wieder Montag ist. Ich weiß nicht, wie Ihr Sonntag heute aussehen wird und welche Erinnerungen sie haben, aber eines weiß ich bestimmt:
Ohne Sonntag, gäbs nur noch Werktage. Und das  wär ein Jammer. Darum wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag, wahlweise mit Sonntagskleidern, Flirt, Braten, Marmorkuchen und Oma und womöglich einem Platz auf der Kirchenbank.

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