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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Viele sind gekommen, um die neuen Glocken des Stadtteils zu segnen. Jahrelang haben sie gespart und verhandelt, damit in ihrer Gemeinde Glocken läuten können. Doch im Vorfeld waren auch kritische Stimmen zu hören: „Hätte man das Geld nicht besser anlegen können? Gibt´s nicht wichtigere Projekte, für die sich eine Gemeinde einsetzen kann?" „Ich bin froh, nicht in der Nähe des Kirchturms zu wohnen und zu den unmöglichsten Zeiten durch den Krach gestört zu werden," stellt ein anderer fest. Sind die Glocken unnötig? Gar störend? Ich finde, Glocken wollen vor allem eins: einladen! In vielen Orten läuten sie am frühen Morgen, zur Mittagszeit und am Abend. Sie läuten, wenn die Gemeinde sich zum Gottesdienst trifft, wenn ein Kind getauft wird, zwei Menschen sich trauen und heiraten, wenn jemand im Ort gestorben ist. Sie laden ein, zu danken, zu bitten, zu trauern, zu beten. Sie laden ein, das Leben an die große Glocke zu hängen. Das Leben und auch den Glauben. Beides gehört an die große Glocke. Denn jedes Glockengeläut erinnert uns daran, dass Gott unser Leben begleitet, wenn wir froh und dankbar sind. Und dass Gott uns stärkt und schützt, wenn wir bedrückt und ratlos sind. Von diesem Glauben erzählen uns die Glocken und sie laden ein, diesen Glauben zusammen mit anderen zu feiern und zu stärken. Eine alte Frau hat mir erzählt, wie sehr sie sich freut, wenn sie die Glocken läuten hört. Schon lange kann sie nicht mehr zur Kirche gehen, aber wenn sie die Glocken hört, fühlt sie sich verbunden mit denen, die in der Gemeinde beten, heiraten oder sterben. Sie fühlt sich nicht so allein.
Daran musste ich bei der Glockenweihe denken als wir gebetet haben: „Segne alle, zu denen der Ruf dieser Glocken dringen wird!" Die alte Frau, da bin ich mir sicher, hat diesen Segen empfangen.

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Die dreckigsten und dunkelsten Ecken gehören zu seinem Arbeitsplatz; um verzweifelte und gewalttätige Jugendliche legt er seinen Arm: Der Jesuitenpater Georg Sporschill lebt und arbeitet mit Straßenkindern in Rumänien. Mit vielen Projekten versucht Pater Georg junge Menschen, die mit Drogen, Gewalt und Diebstahl ihren Tag verbringen, eine Zukunft zu ermöglichen.
Wenn Jugendliche zu Pater Georgs Team kommen, dann dürfen sie als erstes warm duschen, wenn sie wollen stundenlang und dann bekommen sie frische Kleider. Danach dürfen sie in den Spiegel schauen.
So einfach fängt für die jungen Menschen ein neues Leben an: sie werden gesehen, angesprochen und eingeladen; sie dürfen den alten Geruch und den Schmutz der Straße abwaschen. Sie erhalten frische Kleider und dürfen sich selbst dann ins Gesicht schauen. Die Jugendlichen lernen, sich zu achten und mit sich selbst würdevoll umzugehen, weil andere ihnen liebevoll und achtsam begegnen.
Als ich von Pater Georgs Arbeit gehört habe, musste ich an eine Taufe denken: Frisches, klares Wasser wird über den Täufling gegossen. Ein weißes, sauberes Kleid wird ihm angezogen; mit Öl wird er eingerieben. Wasser, Taufkleid und Öl sind hier Zeichen unseres Glaubens. Sie machen deutlich, dass Gott jeden Menschen „wie neu" macht, dass jeder Mensch Würde hat und Ansehen genießen darf.
Pater Georg hat mit einigen Straßenkindern einen Friseursalon errichtet. Obwohl sie nicht genug zu essen haben. Das hat mich zunächst erstaunt. Aber seine Erfahrung: „Die Entdeckung ihrer eigenen Schönheit verwandelt die Kinder. Sie sind weniger gewalttätig." Hier spüren die jungen Leute am eigenen Leib: Ich kann mich verändern. Weil es da jemanden gibt, der gut zu mir ist, mir hilft und mich schützt. Weil mir jemand seine Freundschaft schenkt und mir eine Zukunft ermöglicht. Sie erfahren: Es gibt da jemanden, der einen neuen Menschen aus mir macht. Und genau das feiern wir auch bei einer Taufe.

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„Schuhtick: Von kalten Füßen und heißen Sohlen", so heißt eine Ausstellung, die ich in Mainz besucht habe. Wanderschuhe, Pumps, Turnschuhe und Sandalen, Schuhe von Kardinälen, Sportlern, Models, Schauspielern und Sängern sind dort zu sehen.
Ich selbst mache mir nicht so viel aus Schuhen. Sie sollen mich vor allem vor kalten und nassen Füßen schützen; sie sollen verhindern, dass ich mich am Fuß verletze; sie sollen bequem sein.
Die Ausstellung zeigt mir aber auch: Schuhe sagen etwas über denjenigen aus, der sie trägt. Schuhe machen deutlich: Schaut nur, wie wichtig oder mächtig, wie sportlich oder elegant mein Besitzer ist! Und manche Schuhe werden sogar als Glücksbringer verehrt: der Sportschuh, mit dem ein Wettkampf gewonnen wurde, die ersten Schuhe der Kinder, die Hochzeitsschuhe.
Im Museum haben viele Besucher ihre ganz persönliche Schuhgeschichte aufgeschrieben und berichtet, was sie mit bestimmten Schuhen Besonderes erlebt haben. Auch in der Bibel wird von einem besonderen Erlebnis mit Schuhen erzählt. Mose hütet in der Wüste Schafe und Ziegen. Er bemerkt, wie in der Nähe ein Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. Als er sich dem Feuer nähert, hört er: „Mose, komm nicht näher heran; leg deine Schuhe ab!"
„Leg deine Schuhe ab!" Wenn ich daran denke, welche Bedeutung Schuhe für uns haben können, dann heißt das vielleicht: Leg alles ab, was dich schützt! Leg alles ab, was dich groß und mächtig erscheinen lässt! Leg ab, was dich an vergangene Zeiten erinnert! „Denn", so heißt es in der Bibel weiter: „der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden". Dort, wo Mose sich aufhält, wo er seiner ganz alltäglichen Arbeit nachgeht, ist heiliger Boden.
Als meine Nachbarin bei mir geklingelt hat, weil sie mir überglücklich ihr neugeborenes Baby vorstellen wollte, da hatte ich den Eindruck, auf heiligem Boden zu stehen. In diesem Moment war wirklich nichts wichtiger als die Freude und Dankbarkeit über das Kind. Damit hat sie mich angesteckt. Die Liebe, die sie ihrem Kind schenkt, konnte ich direkt vor meiner Haustür spüren. Manchmal ist der „heilige Boden" ganz nah.

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„So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock". So heißt das Buch von Melda Akbaş. Sie hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht. Ihre Eltern sind aus der Türkei nach Berlin ausgewandert. Dort ist sie groß geworden. „Ich bin Türkin, aber ich bin Deutsche." schreibt sie. Einerseits lebt sie in ihrer türkisch-muslimischen Großfamilie. Darin möchte sie verwurzelt bleiben. Aber andererseits ist sie von modernem westlichem Denken geprägt. Sie möchte ihr Leben frei und selbstbestimmt führen. Eine enorme Spannung.
Eine Entscheidung auf ihrem bisherigen Weg hat mir besonders imponiert: Mit 17 arbeitete sie bei einem Projekt mit: Sie wollte Schüler mit Migrationshintergrund ansprechen - mit dem Ziel: Sie sollen sich in ihren Schulen mehr engagieren. Doch das Projekt lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie merkte, woran das lag: Sie selbst lebte in einer anderen Welt als die Jugendlichen, die sie motivieren wollte. Sie dachte wie ihre deutschen Mitschüler, mit denen sie auf's Gymnasium ging. Und deshalb traf sie eine Entscheidung: Sie wechselte die Schule. Obwohl sie kurz vor dem Abitur war. Sie ging bewusst auf eine Schule mit 98 % Migrantenkindern. Denn sie wollte ihre türkischstämmigen Altersgenossen besser verstehen können. Und das hieß für sie nicht: Ich treffe sie öfter und tausche mich mit ihnen besser aus. Das hieß für sie, dass sie mit ihnen in ihrer Schulwelt leben will, dass sie ihr Leben teilt. Um sie von innen heraus besser zu verstehen. So hat sie gelernt, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen.
Mir selbst ging es ähnlich, als ich in Guatemala war. Für kurze Zeit haben wir auf einer Kaffeeplantage das Leben von entlassenen Arbeitern geteilt, die wie Sklaven gehalten wurden. Seitdem ich mit diesen Familien mitgelebt habe, kann ich erst richtig verstehen, wie es ihnen geht.
Und diese Familien haben uns gesagt: „Euer Aufenthalt ist für uns ein Zeichen Eurer Solidarität mit uns." So wie auch Melda Akbaş sich durch den Schulwechsel mit den anderen Migrantenschülern solidarisch gezeigt hat.
Mit anderen solidarisch sein und sich in andere hineinversetzen können - das sind zwei Fähigkeiten, die einander fördern. Und zwei Haltungen, die dem Zusammenleben in unserer Gesellschaft nur gut tun. 

Der Bericht über das Projekt und den Schulwechsel finden sich im Kapitel „5. Habe Mut!", S. 126-160, in: Melda Akbaş, So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock, C. Bertelsmann - Verlag, München 2010, ISBN 978-3-570-10043-1.

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108 Jahre alt werden - das muss man erst mal schaffen. Und dann auch noch zufrieden bleiben. Eine Leistung. Das hat mich fasziniert. Und deshalb musste ich gleich zweimal in diese Ausstellung gehen. So sehr hat sie mich angesprochen. Im Mainzer Rathaus waren Portrait-Fotos von Deutschen ausgestellt, die 100 Jahre und älter sind. Frauen und Männer, bis zu 108 Jahre alt.
Faszinierende, ausdrucksstarke Gesichter. Ich habe sie voller Ehrfurcht angeschaut. In den Gesichtszügen hat ein ganzes, langes Leben seine Spuren hinterlassen: Die Augen, Falten auf Stirn und Wangen, der Gesichtsausdruck im Ganzen. In jedem Angesicht gab es viel zu entdecken und zu lesen. Wenn Menschen so uralt werden, dann bildet sich in ihrem Gesicht alles intensiver ab als bei Jüngeren, es kommt deutlicher zum Ausdruck, wie es um sie steht.
Die meisten haben einen zufriedenen Gesichtsausdruck gehabt. Ich habe mich gefragt: Was ist das Geheimnis, dass es einem Menschen in so hohem Alter gut gehen kann? Mein Eindruck: Dass er versöhnt ist mit seinem Leben, so wie es ganz konkret war und ist; dass er versöhnt ist mit sich selbst, wie er geworden ist. Damit er am Ende nicht sagen muss: „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich gerne wäre."
Auch als Seelsorger bekomme ich mit: Je älter ein Mensch wird, je mehr Lebenszeit hinter ihm liegt, desto wichtiger wird die Aufgabe, dass er mit sich selbst versöhnt ist. Erst recht, wenn manches anders kam als erhofft. Schade, wenn jemand Altlasten mit sich herum schleppt: unverdaute Erfahrungen, Enttäuschungen, die ihn niederdrücken, die ihm die Hoffnung und Lebensfreude vergällen.
Mit meinen 54 Jahren bin ich gerade halb so alt die wie Ältesten in der Fotoausstellung. Ich habe hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir. Ich möchte die vor mir liegenden Lebenschancen nutzen. Das kann ich umso besser, je mehr ich „Ja!" dazu sagen kann, wie mein bisheriger Lebensweg war und wie ich davon geprägt worden bin. Dann bin ich innerlich frei und offen für die konkreten Lebensmöglichkeiten, die Gott mir jeden Tag neu zuspielt.  

Die Fotoausstellung unter dem Titel „Jahrhundertmensch" zeigt Aufnahmen des Frankfurter Fotokünstlers Karsten Thormaehlen und wurde auf ihrer Reise durch Deutschland im Sommer 2010 in Mainz gezeigt. Im Internet kann man bei den Hinweisen auf Ausstellungsorte auch manche der Fotos sehen.

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„Führer, befiehl, wir folgen!" An diesen Satz denken viele wohl beim Begriff „Gehorsam". Aber diese Art von Gehorsam, von Hörigkeit ist hoffentlich ein für allemal Geschichte. Denn diese Haltung hat fatale Auswirkungen gehabt. Von daher ist zu recht alles verpönt, was nach blindem Gehorsam riecht. Niemand will unnötig fremdbestimmt (werden) oder gar gefügig gemacht werden. Gehorsam lässt sich aber auch ganz anders verstehen. So zum Beispiel: „Gehorsam kommt von hören, horchen, aufeinander hören. Er umfasst mehrere Dimensionen: das Hören auf sich selbst, das Hören auf Gott und seinen Willen, das Hören auf den Mitmenschen, das Hören auf die Zeichen der Zeit und das Leben in der Verantwortung mit Gott, den Menschen, der Welt und sich selbst." Dabei heißt „Hören auf sich selbst", dass jemand ‚seine Fähigkeiten erkennt und bereit ist, diese einzusetzen; dass er die eigenen Grenzen erkennt und akzeptiert'.
Diese Definition stammt von den Barmherzigen Brüdern, einem Orden mit Sitz in Trier. Die Sätze spiegeln das Verständnis von Gehorsam wider, wie es christliche Ordensgemeinschaften heutzutage praktizieren. Die Barmherzigen Brüder haben sich ganz dem caritativen und sozialen Dienst verschrieben. Sie hören auf die Not der Menschen, die sie auch als einen Anruf Gottes an sie verstehen. Davon lassen sie sich bestimmen. Ein ganz anderes Verständnis von Gehorsam.
Als erste Dimension des Gehorsams ist „das Hören auf sich selbst" genannt. Es kommt auch darauf an, die eigenen Begabungen und Grenzen zu erspüren und sich davon leiten zu lassen. Und dann kommen die anderen Dimensionen ins Spiel: dass ich hellhörig werde für das, was meine Mitmenschen und meine Lebenswelt mir vermitteln; dass ich lausche auf das, was Gott mir auf verschiedenste Weise zu verstehen gibt.
So verstandener Gehorsam lässt Menschen innerlich wachsen und reifen. Zu offenen, wachen Menschen, die ihrem Leben eine klare Ausrichtung geben. Und das tut nicht nur Ordensleuten gut.

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 „Ich suche nicht - ich finde." (Pablo Picasso)
Unser Land hat sich in den vergangenen 20 Jahren rapide verändert. Und Veränderung wird Tag für Tag auch von mir verlangt. Wie aber kann ich mich im Laufe meines Lebens weiterentwickeln? Der Maler Pablo Picasso hat für sich eine spannende Antwort gefunden. Er sagt: „Ich suche nicht - ich finde. Suchen" - so schreibt Picasso weiter - „ist das Ausgehen von alten Beständen und ein Findenwollen von bereits Bekanntem. Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die im Ungeborgenen sich geborgen wissen, die in der Ungewissheit, in der Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem sichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen." Da spricht einer, der nicht in eingefahrenen Bahnen lebt und sich nicht von Gewohnheiten beherrschen lassen will. Einer, der nicht im Altbekannten nach Sicherheit strebt und am Ende vielleicht nur noch funktioniert - und so das Leben verpasst. Da spricht einer, der sich von seiner Sehnsucht leiten lässt. Da spricht einer, der sich ‚im Dunkeln einem sichtbaren Stern überlässt'. Mir gefallen diese Gedanken Picassos: Das Leben „ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer." Worauf kommt es an, damit jemand mit Entdeckerfreude und Abenteuerlust seinen Weg gehen kann? Dass er sich in aller Offenheit führen lassen kann, auch wenn er das Ziel nicht im Griff hat. Sich auf das Leben einlassen können deshalb diejenigen, „die im Ungeborgenen sich geborgen wissen", wie Picasso sagt. Den christlichen Glauben erlebe ich als eine Einladung, sich so geborgen zu wissen. Er schenkt mir ein großes Grundvertrauen - und die nötige innere Freiheit, dass ich getrost und beherzt auf das zugehen kann, was auf mich zukommt. Dass ich mich einlassen kann auf das Leben als „ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer", eine große Entdeckungsreise. Weil da einer ist, der mit mir geht und mich durch seinen Geist führt. Und der mir, wie Jesus selbst sagt, nichts anderes schenken möchte als „Leben in Fülle" (Joh 10, 10).

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