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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Schade, dass die Ferien schon zu Ende sind." Die Sommerferien sind vorbei, ab Montag geht's wieder in die Schule!
„Schade, dass etwas zu Ende geht," sagen aber sicher nicht nur Schüler und Lehrer nach sechs Wochen Ferien. „Schade", sagen andere, „die Städtereise ist schon zu Ende"; oder „die Kirmes im Ort", oder „das tolle Geburtstagsfest ist vorbei!"
Meistens freuen wir uns schon lange auf ein bestimmtes Ereignis oder ein Vorhaben und dann geht alles viel zu schnell vorbei und wir sind traurig, dass wir diese Zeiten nicht verlängern oder festhalten können.
Manche machen viele Fotos, um sich noch lange an das Fest oder den Ausflug zu erinnern, um diese unbeschwerten und schönen Zeiten festzuhalten. Und doch: Was vorbei ist, ist vorbei! Da helfen auch noch so viele Fotos nichts!
Mich tröstet da ein Gedanke: Wenn es schade ist, dass etwas vorbei ist, dann heißt das ja auch: das Erlebte war super, die Begegnung mit den Freunden hat gut getan, die Stille in den Bergen oder die Zeit mit den Kindern habe ich genossen. „Schade, dass etwas zu Ende ist," kann dann eigentlich auch heißen: „Danke, dass überhaupt etwas angefangen hat! Danke, dass ich etwas Tolles erleben durfte! Danke, dass ich Erholung, Freude, Ruhe erfahren habe!" Das halte ich nicht für selbstverständlich.
Und ich finde, die Sehnsucht nach mehr, vielleicht nach längeren Ferien oder nach häufigeren Festen, darf ruhig bleiben. Ich darf mich sehnen nach dem, was mir gut tut, wofür es sich zu leben lohnt. Denn das kann mich antreiben, auch im Alltag danach zu suchen und zu leben. Vielleicht reicht dann auch das gute Gespräch mit Freunden ohne Torte und Sekt oder die Sandburg auf dem Spielplatz nebenan ohne Mittelmeer in Sicht. Das Beste daran: Das geht auch ohne Ferien und Urlaub - sogar heute!

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»30 Jahre Prerow« - Ein Schriftzug im Sand, rund um einen Strandkorb. Mit Muscheln verziert. Da hatten doch tatsächlich welche 30 Jahre lang ihren Sommerurlaub in Prerow an der Ostseeküste verbracht. Als wir dort waren, war ich auch begeistert. Aber für ein 30- jähriges Ferienjubiläum bin ich nicht gemacht. Im Urlaub lerne ich gerne etwas Neues kennen, bin gespannt auf fremde Leute, landestypisches Essen und eine abwechslungsreiche Gegend.
Im Alltag sieht's da schon etwas anders aus: Da bin ich auch froh, wenn ich mich auf Gewohntes verlassen kann und mich nicht ständig auf etwas anderes einstellen muss: Dann soll am Computer nichts neu eingestellt werden, die Kollegin die Stelle behalten und der Lieblingsjoghurt im dritten Regal ganz rechts stehen. Da brauch ich weder Abwechslung noch Veränderung!
Und doch muss ich mich immer wieder auch fragen, wann und wo hindern mich Gewohnheiten oder auch Bequemlichkeiten? Es kann sein, dass Veränderungen angesagt sind, damit etwas lebendiger werden kann, auch sinnvoller oder angemessener; damit etwas Neues möglich wird. Vielleicht erleichtert mir das neue Computerprogramm ja doch die Arbeit, vielleicht lerne ich in einer neuen Abteilung interessante Menschen kennen.
Es ist schön, wenn ich Veränderungen selbst bestimmen kann - wie zum Beispiel einen Urlaubsort. Viele Veränderungen muss ich aber auch hinnehmen, muss akzeptieren, dass das Wiesengrundstück in meiner Straße bebaut wird oder meine Fußverletzung die gewohnte Herbstwanderung unmöglich macht oder die Kinder langjährige Familienrituale ablehnen.
Klar, da fällt die Veränderung nicht so leicht. Aber ich denke, auch dann kann ich mit der Zeit entdecken, was lebendiger und passender geworden ist. Statt »30 Jahre Prerow« habe ich deshalb in den Sand geschrieben: »Lebendig - wo auch immer!«

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ELTERNTANZSTUNDE. Mit Großbuchstaben hat unsere Tochter diesen Termin in den Familienkalender eingetragen. „Ich will mich schließlich nicht mit euch am Abschlussball blamieren", verkündet sie am Frühstückstisch.
Elterntanzstunde. Mein Mann und ich müssen uns nur angucken. Und uns fallen spontan eine Menge Ausreden ein: Termin im Büro, Vereinsfest, und der rechte Fuß tut auch unheimlich weh. Aber unsere Tochter bleibt hart. Keine Ausrede gilt. Und so schleppen wir uns dann doch eher weniger motiviert zur Elterntanzstunde.
Die Überraschung: In kurzer Zeit schafft es die Tanzlehrerin müde, ungeübte, von ihren Kindern geschickte Eltern in Bewegung zu bringen. Rasch wird herzhaft gelacht, sich für misslungene Schritte entschuldigt oder eine elegante Drehung ausprobiert.
„Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen", sagt der christliche Theologe und Philosoph Augustinus. Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet tanzen? Wenn ich jedoch daran denke, wie sich alle auf den jeweiligen Rhythmus eingelassen haben, die passenden Schritte ausprobiert haben, wie alle auf den Partner, die Partnerin geachtet haben, wie leicht und beschwingt die Stimmung war, - ja, dann kann ich mir vorstellen, warum wir ausgerechnet tanzen lernen sollen.
Ich hab an diesem Abend vergessen, was im Büro noch unerledigt auf dem Schreibtisch liegt, was zuhause noch aufgeräumt werden muss, was am nächsten Tag auf dem Programm steht. Ich konnte mich so ganz auf den Augenblick konzentrieren.
Ob im Himmel tatsächlich getanzt wird, das weiß ich nicht, aber vieles fand ich beim Tanzen einfach himmlisch: zu lachen, sich anzuschauen, sich zu entschuldigen, aufeinander zu achten, Gemeinschaft zu erleben. Das macht das Leben leicht und lässt das, was schwierig ist, ein wenig in den Hintergrund geraten. Und wer weiß: vielleicht gibt uns das Tanzen ja wirklich einen Vorgeschmack auf das, was die Engel im Himmel mit uns vorhaben.
Deshalb freue ich mich schon darauf, wenn unsere zweite Tochter in den Kalender Elterntanzstunde einträgt.

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11AUG2010
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„Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast" sollen die letzten Worte der heiligen Klara gewesen sein. Heute ist ihr Gedenktag. Anders als bei Edith Stein und Laurentius, deren Gedenktage gestern und vorgestern waren, ist Klara ein Beispiel dafür, dass Frauen und Männer auch heilig gesprochen werden können, ohne ihr Leben als Märtyrer beendet zu haben. Klara zeichnet sich vor allem durch Mut, Beharrlichkeit und ein vitales Glaubensleben aus.
„Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast" mit diesen ihren letzten Worten auf dem Sterbebett nimmt sie Bezug auf den „Sonnengesang", diesem wunderschönen Text des Mittelalters, der dem heiligen Franziskus zugeschrieben wird. Klara kennt Franz und eifert ihm nach.
Es ist die Geschichte einer Powerfrau, die sich von nichts und niemand einschüchtern lässt und beständig und beharrlich ihren Idealen folgt. Mit 18 flieht sie aus dem adeligen Elternhaus, lässt sich von Franziskus feierlich die Haare abschneiden, legt ebenso feierlich ihr Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam ab und lässt sich selbst durch Gewaltandrohungen einiger ihrer Familienmitglieder nicht mehr von ihrem Weg abbringen. Ihr Benehmen ist ein Skandal und eine Provokation ohnegleichen. Klara will diese Konfrontation nicht. Aber sie hat erkannt, dass es für ihr Leben nur einen Weg gibt, den mit Gott und das in einer ganz bestimmten Weise. Sie gründet einen Orden und schafft es, als erste Frau überhaupt, dafür vom Papst eine Regel zu erhalten. Obwohl immer kränklich und schon mit 30 Jahren ganz ans Bett gefesselt, arbeitet sie unermüdlich für den Aufbau ihres Klarissenordens. Tiefe Frömmigkeit und Geduld in den schweren Leiden zeichnen sie aus, sie gilt als verständnisvoll und feinsinnig. Aber sie kann auch anders: Als 1241 die Sarazenen schon die Mauern ihres Klosters ersteigen, lässt sich die Schwerkranke vor die Pforte tragen, hält die Monstranz mit der Hostie, dem Leib Christi, in innigem Gebet empor und bringt die Angreifer dazu, zu fliehen. Die heilige Klara ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Menschen sich von Gott in Besitz nehmen lassen können. Ohne frömmlerisch oder duckmäuserisch zu sein. Das gibt es bis heute, Gott sei Dank, auch wenn nicht jeder oder jede dafür heilig gesprochen wird.

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10AUG2010
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Wer Laurenz, Lorenz, Lawrence, Lorah oder Laurentia heißt, hat heute Namenstag. Und dass das so ist, liegt an einem Mann aus dem 3. Jahrhundert: dem Heiligen Laurentius. Laurentius lebte zur Zeit der Christenverfolgung in Rom und ist dort den Märtyrertod gestorben. Der römische Kaiser hat ihn auf sehr brutale Weise umbringen lassen, er wurde bei lebendigem Leibe auf dem Rost verbrannt. In unserer heutigen Zeit hinterlassen Märtyrer in unserer Wahrnehmung eher ungute Gefühle. Wie die Sprengstoffattentäter, die sich in Menschenansammlungen in die Luft jagen, in der Hoffnung, möglichst viele Umstehenden mit in den Tod zu reißen. Viele von Ihnen geben für ihr Verhalten religiöse Motive an. Das ist aber auch das einzige, was sie mit den Märtyrern wie dem Heiligen Laurentius gemeinsam haben. Durch das Wirken des Laurentius sind nicht andere in den Tod gerissen worden, sondern er hat sich im Namen Jesu für das Leben anderer eingesetzt und weil dies den Herrschenden nicht passte, musste er sterben. So weiß man weiß von ihm, dass er auf Geheiß seines Bischofs, der ebenfalls der Christenverfolgung zum Opfer fiel, den Kirchenschatz an die Leidenden und Armen verteilen sollte. Der Kaiser aber hatte auf eben diesen Schatz ein Auge geworfen. Laurentius erbat sich 3 Tage Bedenkzeit, die er dazu nutzte, den Schatz zu veräußern und den Erlös unter den sozial Schwachen zu verteilen. Das hat dem Kaiser natürlich nicht gepasst und das war dann mit ein Grund, ihn zu verurteilen. Wahrhaft edle Motive waren es also, die zum Martyrium des Heiligen Laurentius führten. Und trotzdem bleibt ein Nachgeschmack. Hätte er nicht einfach dem Kaiser den Kirchenschatz übergeben können und damit sein Leben retten können? Er hätte dann weitergelebt und vielleicht noch vieles Gute erreichen können. Oder wäre eine kleine Notlüge oder eine Entschuldigung nicht besser gewesen, statt beharrlich und sicher dem fürchterlichen Tod entgegen zu trotzen? Ich stelle mir vor, was Laurentius auf solche Einwände gesagt hätte. Vielleicht Folgendes: Es gibt Prinzipien, die kann man nicht über Bord werfen. Es gibt Überzeugungen, die wichtiger sind als der Tod. Und es gibt einen, auf den ich ganz fest vertraue, dem ich mein Leben anvertraue, weil ich weiß, dass er mich in einem jenseitigen Leben liebevoll erwartet. Darauf setze ich, daran glaube ich und dafür sterbe ich. Eine Haltung, die uns heute vielleicht befremdet, aber hoffentlich auch ein wenig nachdenklich stimmt.

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09AUG2010
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Märtyrer sind Menschen, die den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi mit ihrem Blut bezeugt haben, so steht's im Lexikon.
Heute feiert die evangelische und katholische Kirche so eine Märtyrerin: Edith Stein. Ihr Leben war nicht gradlinig und glatt. Edith Stein wächst mit 7 Geschwistern in einer geistig regen, streng jüdischen Familie auf. Sie verliert mit 2 Jahren ihren Vater und mit 14 ihren Glauben. Die Teenagerin nennt sich selbst Atheistin, die sich das Beten bewusst abgewöhnt hat. Sie ist hoch intelligent, studiert Germanistik, Geschichte und Philosophie, was Anfangs des 20. Jahrhunderts für eine Frau als unerhört galt. Der Kontakt zu der jungen Witwe Pauline Reinach verändert ihr Leben. Die ist keine verzweifelte Kriegerwitwe, sondern eine tiefgläubige Frau, die sich am Kreuz Christi festhielt und aus ihm Kraft bezog. Das trifft Edith Stein bis ins Innerste. Sie sagte später darüber: „Es war dies meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt." Das Kreuz und seine Theologie lässt sie nicht mehr los. Sie tritt zum katholischen Glauben über. Als Lehrerin tätig, setzt sie sich in Reden und Schriften für die Emanzipation der Frauen ein. Die Doktorin der Philosophie wird Dozentin an der Uni Münster. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wird sie als Jüdin verstoßen. Schon im April 1933 versucht sie mehrfach Papst Pius XI zu einer Stellungnahme gegen Antisemitismus und Pogrome der Nazis zu bewegen. Sie tritt 1933 in den Orden der Karmelitterinnen ein und flieht 1938 in ein Ordenshaus nach Holland, wo sie sich vor den braunen Schergen sicher wähnte. Aber im August 1942 wird sie dort von der Gestapo verhaftet, nach Birkenau überführt und vergast. Edith Stein vereint alles in sich. Tiefreligiöse Frau, hochbegabte Wissenschaftlerin, Kämpferin für die Rechte der Frauen in Studium und Beruf, jüdische Märtyrerin. Als 14 jährige hatte sie sich von Gott  losgesagt, doch er hat sie nicht losgelassen: Wenn der Lexikoneintrag stimmt, dass Märtyrer Menschen sind, die den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi mit ihrem Blut bezeugt haben, dann war Edith Stein eine davon.

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„Haltet Euch bereit!" sagt Jesus im Evangelium, das an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten verlesen wird (Lukas 12,35-40) „Haltet euch bereit !" Das klingt bedrohlich! Zumal Jesus ja noch anfügt, dass niemand die Stunde kennt, wo der Menschensohn wieder kommt. Wo das Ende der Welt erreicht ist. An anderen Stellen in der Bibel ist im Zusammenhang vom Ende der Welt auch von Gericht, ewiger Verdammnis und Hölle, die Rede. Die dem drohen, der sich nicht bereit gehalten hat. In der Lehre der Kirche hat diese Drohung in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt, es wurde viel Angst und Schrecken damit verbreitet. Ich glaube nicht, dass Jesus das wollte. Vielmehr verwendet er das damals übliche Bild vom Gericht am Ende der Welt, um zu sagen: Lebt so, dass ihr jederzeit Rechenschaft über euer Denken und Tun ablegen könnt, oder noch einfacher ausgedrückt: Lebt so, dass ihr euch morgens im Spiegel anschauen könnt. Ohne Gericht und Hölle dafür bemühen zu müssen, ist das an sich schon ein anspruchsvolles Programm. Denn damit ist mehr gemeint als bestimmte Normen und Gebote einzuhalten. Es kommt entscheidend auf die innere Haltung an. Wenn man von sich absehen kann und sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen vermag, zum Beispiel. Oder man zuhört und aufhört, immer nur sich hören zu wollen. Oder uneigennützig hilft und sich anbietet noch bevor man gefragt wird. Solche Menschen müssen hellwach sein. Jesus preist sie deswegen auch selig. Selig heißt aber auch glücklich. Glücklich kann sich preisen, wer kein Ich-Mensch sondern ein Du-Mensch ist. Der hält sich bereit. Für den kann Jesus ruhig kommen.

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