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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern." Dieses Sprichwort stammt aus Afrika. Und heute Abend kann man das mit Händen greifen.
Heute kommen 418 Delegierte des Lutherischen Weltbundes zusammen, die wiederum über 70 Millionen Menschen aus allen fünf Kontinenten vertreten. Ein Abend der Begegnung in Stuttgart. Da werden viele dieser sprichwörtlich kleinen Leute aus vielen kleinen Orten der Welt einander erzählen, was sie alles so für „kleine Dinge" tun. Nachbarschaftshilfe, sich um alte Leute kümmern, Kindergruppen, Brunnen bohren, Kranke versorgen. Jedes für sich betrachtet ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Zusammen gesehen ist klar: das alles verändert jetzt schon das Antlitz der Welt.
 „Unser tägliches Brot gib uns heute"- diese eine Bitte aus dem Vater unser ist der Leitfaden für das, was die Delegierten einander erzählen. Unser täglich Brot- hier geht es nicht um mein oder dein- es geht um das Brot, das uns, der Weltgemeinschaft zur Verfügung steht. Das Brot, das Gott so üppig und reichhaltig wachsen lässt. Und das wir, die vielen kleinen Leute an den vielen kleinen Orten, bisher einfach nicht vernünftig verteilen.
Jesus hatte mal 5000 kleine Leute um sich versammelt. Und als es Abend wurde und Essenszeit, da war viel zu wenig da. Nur 5 Brote und zwei Fische! Aber das Brot hat gereicht.
Weil Jesus aus dem bisschen Brot ein Brot für alle gemacht hat. Er hat es auseinandergebrochen, hat Gott dafür gedankt und hat es weitergegeben. Und alle haben es ihm nachgemacht.
Vielleicht hat der letzte nur einen kleinen Krümel bekommen, vielleicht ist der auch nicht wirklich satt geworden. Aber er hat gesehen, dass der vor ihm sein bisschen Brot mit ihm geteilt hat. So etwas zu erleben, macht seelensatt und befreit von Gier.
Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, verändern das Antlitz der Erde. Vielleicht ist das heute nicht nur in Stuttgart zu sehen, sondern auch in dem kleinen Ort, in dem Sie wohnen.

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Ich bin dann mal weg! Nach diesem Motto hat am vergangenen Sonntag wieder mal ein Politiker seinen Hut genommen. Ole von Beust, langjähriger Bürgermeister von Hamburg gab seinen Rücktritt bekannt. Nach so vielen Amts- und Krisenjahren in der Politik sei es jetzt genug.
Ich bin dann mal weg! Wie zuvor schon Roland Koch und Horst Köhler. Alle haben sie dankend ihre Ämter vor der Zeit zurückgegeben. Von Beust hat das sogar mit der Bibel begründet: „Alles hat seine Zeit."
Und das steht auch im Buch Kohelet. „Alles hat seine Zeit. Das Schöne und das Schreckliche. Alles geht vorbei. Deshalb sollten wir dankbar sein für das Schöne. Und Mut haben inmitten des Schrecklichen. Denn alles hat seine Zeit. Und wie lange die dauert, bestimmt Gott allein. Nein, diese Bibelstelle taugt nicht als Rechtfertigung für einen Rücktritt.
Ich bin dann mal weg. Menschlich ist das verständlich. Wer denkt nicht dran, den Bettel hinzuschmeißen, wenn es dicke kommt. Und je mehr Verantwortung man trägt, desto dicker kann es kommen.
Aber ich frage mich doch: in welchem Land leben wir, wenn die Bürger darum bangen müssen, ob den Politikern ihr Job noch Spaß macht? Wenn sich die Bundeskanzlerin am Mittwoch mit einem beruhigenden: es macht noch Spaß- ich komme wieder" in den Urlaub verabschiedet?
Ole von Beust hat bei seiner Rücktrittserklärung die Bibel zitiert. Und die hat in der Tat eine Menge zum Thema Verantwortung zu sagen.
Denn Verantwortung ist ein hohes Gut. Aber da geht's nicht nur darum, ob es mir gut damit geht. Wenn ich verantwortlich bin für das Wohl von anderen, dann stehe ich erst einmal ganz allein mit seinem Gewissen vor Gott. Gott gibt mir und jedem Menschen einen Auftrag. Und darauf habe ich zu antworten.
Der Prophet Jesaja zum Beispiel, der wollte auch nicht mehr. Aber Gott hat ihm gesagt: mach weiter, ich bin bei dir. Ich helfe dir. Und rückblickend sagt Jesaja: "Die auf den Herrn vertrauen, die kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden."
Bin ich dann mal weg? Oder bleib ich da? Für die, die Verantwortung tragen ist das keine leichte Entscheidung. Aber immer eine Entscheidung, bei der Gott ein Wörtchen mitreden will.

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Als unsere 3 Kinder zwischen 12 und 15 Jahre alt waren, wollte ich gerne wieder ganztags in meinem Beruf arbeiten. Seid ihr damit einverstanden? Fragte ich sie. Wenn du dann noch genug Zeit hast mit mir abends zu reden, ja. Meinte unsere Tochter. Und unsere Söhne meinten: „Geht klar. Aber unter einer Bedingung. Kriegen wir dann mittags noch ein warmes Essen?"
Essen hält Leib und Seele zusammen. Manchmal habe ich den Eindruck, für Männer ist das besonders wichtig. Die sind ja körperlich viel stärker als Frauen und können ganz viel aushalten. Wenn nur das Essen stimmt!
Aber essen ist nicht gleich essen. Meine Söhne wollte nach der Schule nicht einfach nur abgefüttert werden. Ein warmes Essen sollte es schon sein. Und zwar mit Liebe gekocht.
Jesus muss auch so ein Mann gewesen sein. Oft hat ihn jemand zum Essen eingeladen und er hat sich gern einladen lassen. Askese und Diät war seine Sache nicht. Deshalb haben ihn seine Gegner einen „Fresser und Weinsäufer" geschimpft. Sein erstes Wunder hat Jesus nicht an einem Krankenbett vollbracht, sondern auf einer Hochzeit. Da hat er Wasser in Wein verwandelt. Und dann war dann noch jene legendäre Brotvermehrung- da hat er 5000, also unendlich viele Leute mit nur 5 Broten und 2 Fischen satt gemacht. Mein Gott, wie viel Liebe haben die Leute mit ihren Brotstücken einander da weitergereicht!
Essen ist viel mehr als Nahrungsaufnahme. Miteinander essen und trinken- das  hat es in sich.
Als Jesus zum letzten Mal mit seinen Freunden zusammen war, da hat er den Weinkelch und das Brot in die Höhe gehoben und hat gesagt: Das hier, das bin ich. So wie ihr Wein und Brot esst und trinkt, so sollt ihr mich in euer Herz aufnehmen- so sollt ihr mit mir verbunden sein. Ich will für euch nicht nur eine Idee sein, sondern auch ein Bauchgefühl.
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Mit Vitaminen, Mineralien und ganz viel Liebe. Essen hat ganz viel mit Beziehung zu tun. Eine Beziehung, die nährt und im Innersten zusammenhält. So können aus kleinen Jungs liebesfähige Männer werden. Und aus kleinen Mädchen gestandene Frauen.

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Bepackt mit einem Korb voll Salat, Äpfeln, Brot und einer Tüte Wurst komme ich aus dem Supermarkt. Ein Mann fixiert mich. Sonnengegerbte Haut, grauzotteliger Bart, fleckige Hose, in der Hand eine Zigarettenkippe. Gleich bettelt er mich um Geld an, denke ich und schaue ihm direkt ins Gesicht. Er- ein bisschen verlegen- fuchtelt mit seiner Kippe in der Luft herum, zeigt auf meine Tüte und meint: „Ohne so was läuft der Motor halt nicht."
Aha. Der Körper ein Motor. Und Essen ist Treibstoff. Hält den Körper am Laufen. Nein, der Mann will kein Geld. Er will mir was beibringen.
Dass wir eines gemeinsam haben. Nämlich einen Motor, einen Körper.
„Unser tägliches Brot gib uns heute." Das ist das erste, um was wir Gott bitten, wenn wir das Vater unser sprechen. Das Gebet, das Jesus uns ans Herz gelegt hat. Wenn wir so beten, denken wir zuerst an das, was uns über alle Grenzen von Religion, Geschlecht und sozialer Schicht hinweg verbindet. Wir sind alle höchst bedürftige Wesen. Wir brauchen alle was zu essen. Heute und morgen und übermorgen. Musik machen, nachdenken, forschen, lernen und lehren. Nur wer genug Brot hat, kann das alles.
Unser täglich Brot gib uns heute. Unter diesem Motto tagt in dieser Woche die Vollversammlung des lutherischen Weltbundes. Über 400 Delegierte aus allen Kontinenten der Welt vertreten über 70 Millionen Menschen lutherischen Bekenntnisses.
Gemeinsam erinnern sie daran: ohne Essen geht nichts. Und deshalb darf es in Sachen Brot nicht um mein oder dein gehen, sondern immer nur um uns.
Gott der Schöpfer hat genug Nahrung für uns alle wachsen lassen. Und es ist pure Gnade, dass wir in Deutschland leben, wo wir denken und forschen und Musik machen können, weil unser Motor läuft, weil wir genug zu essen haben.
In Stuttgart machen sich diese Woche viele Christen über eine gerechte Verteilung von Essen Gedanken. Eine wahrhaft globale Aufgabe.
Die aber auch schon vor unserer Tür beginnt. Wenn ein zottelig aussehender Nächster mit Zigarettenkippe uns dran erinnert, dass ohne so was Einfachem wie essen auch unser Motor nicht läuft.

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Wie kann man das- jemandem vergeben, der einem Übles getan hat? Das habe ich von Lea gelernt. Lea ist Jüdin und ihre Eltern haben das KZ überlebt. Nie haben sie davon erzählt, sagt Lea, aber es lebte in allem. Wenn Lea als Kind nach Hause kam, wusste sie nie: Soll ich klingeln? Soll ich die Tür aufschließen? Soll ich rufen? Egal was sie tat. Die Eltern sind immer zu Tode erschrocken.
Wenn ich mein Leben davon abhängig mache, ob mir Gerechtigkeit widerfährt, sagt Lea, das ist so, wie wenn ich mich mit dem Täter an unseren Unfallort festkette. Ich will aber frei sein. Und deshalb gibt es keinen anderen Weg als zu vergeben.
Heute vor 60 Jahren wurde in Frankfurt der Zentralrat der Juden gegründet. Ganz unspektakulär in einer Privatwohnung. Damals lebten gerade noch 15 000 Juden in Deutschland. Und jeder hatte Bruder, Vater, Tante oder Cousine im KZ verloren. Jeder wollte eigentlich auswandern. Aber manche blieben doch. Weil Deutschland nun mal ihre Heimat war.
Von Lea habe ich gelernt: Vergeben ist der einzige Weg, wenn man leben will. Weil es oft eben keine Genugtuung für erlittenes Unrecht gibt. Weil es oft nicht gelingt, Beziehungen wieder gut zu machen. Sieben mal siebzig mal sollst du vergeben, hat Jesus gesagt. Also unendlich oft.
Aber wie geht das- die Ketten abwerfen, die einen an seinen Gegner und an seinen Unfallort fesseln?
Aus Gesprächen mit Naziverbrechern weiß Lea: Nicht nur das Opfer- auch der Täter ist von seiner Tat gezeichnet. Auch ihn hat die Tat um ein Stück seiner Menschlichkeit gebracht. Auch er ist darunter erstarrt.
Als Opfer ist man frei, den Unfallort zu verlassen, meint Lea. Wenn man Abschied davon nimmt, Genugtuung zu erfahren. Wenn man nicht nur auf die Gerechtigkeit setzt, die man hier in der Welt bekommt. Wenn man der Gerechtigkeit, die Gott schaffen einmal wird, auch etwas zutraut.
Lea hat sich entschieden, von der Rolle des Opfers Abschied zu nehmen. Zu verzichten auf Wiedergutmachung. „Jeden Tag, sagt sie, bin ich verantwortlich für mein Leben. Gott hat es mir geschenkt, dass ich etwas Gutes daraus mache."

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Nach den anerkannten flugmechanischen Gesetzen
kann die Hummel nicht fliegen. Wegen ihrer Gestalt und ihres Gewichtes
im Vergleich zur Flügelfläche. Aber die Hummel weiß es nicht und fliegt trotzdem.
Diesen Spruch finde ich ungemein tröstlich. Die Hummel fliegt, obwohl sie eigentlich nicht fliegen kann- bei 0,7 Quadratzentimeter Flügelfläche und ihren 1,2 Gramm Gewicht. Nach den geltenden Gesetzen der Schwerkraft jedenfalls.
Am Montagmorgen geht es mir manchmal wie der Hummel. Wenn ich daran denke, was bis zum Ende der Woche alles getan werden muss, dann hab ich das Gefühl: das geht ja gar nicht. Das schaffe ich nie. Bei der Hummel haben sich Wissenschaftler jahrelang den Kopf darüber zerbrochen. Dass sie eigentlich nicht fliegen kann. Die Hummel war zum Glück hummeldumm. Und ist schon mal geflogen.
Jesus ist übers Wasser gelaufen- damals auf dem See Genezareth. Bis heute suchen Forscher nach den Steinen unter der Wasseroberfläche, die das möglich gemacht haben. Weil- nach den geltenden Gesetzen vom Auftrieb im Wasser, ist so ein Gang völlig unmöglich. Jesus hatte keine Ahnung von moderner Physik. Er ist einfach losgelaufen.
Was ist ihr Geheimnis? Das von der Hummel- und das von Jesus?
Warum haben die das Unmögliche möglich gemacht?
Bei der Hummel ist es so: sie hat eine besondere Flugtechnik. Sie fliegt nicht wie ein Flugzeug, sondern schlägt mit den Flügeln so durch die Luft, dass kleine Luftwirbel entstehen, die ihr Auftrieb geben.
Und Jesus? Warum konnte der übers Wasser laufen? Was hat ihn getragen und gehalten? Ich weiß nicht, ob er wirklich leibhaftig übers Wasser gelaufen ist. Vielleicht ist das auch ein Bild. Tun, was eigentlich unmöglich ist. Das hat Jesus gekonnt. Weil er nicht alles von seinen Fähigkeiten erwartet hat.
„Was immer du tust, dein Vater im Himmel lässt dich niemals fallen. Davon war Jesus beseelt. Gottes Liebe in dir kann dich über Abgründe und Untiefen hinweg führen. Wenn du losläufst. Ja, hat der Apostel Paulus gesagt „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig".
Und deshalb ist das nun mal so: die Hummel kann fliegen, Jesus geht übers Wasser und wir machen uns an die Arbeit. Wer weiß, welches Montagswunder uns heute erwartet.

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„Bewahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben."
Roger Schütz hat das gesagt. Der Abt von Taizé. Als ob er geahnt hätte, wie schockierend sein Ende sein würde. Vor fast fünf Jahren, am 16. August 2005, ist er von einer geistesverwirrten Frau erstochen worden.
„Bewahre in allem die innere Stille!" hat er gesagt. In allem. Dabei könnte man doch laut schreien. 64 Jahre hat er Roger Schütz in dem kleinen Ort Taize in Frankreich Generationen von jungen Leuten den Weg der Gewaltlosigkeit gezeigt. Im Kloster von Taize haben sie nicht nur innere Stille gefunden. Auch die Kraft, die von ihr ausgeht.
Warum wurde dieser friedliche Mann zur Zielscheibe von Gewalt? Und all die anderen Apostel der Gewaltlosigkeit, Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Olof Palme- alle sind sie eines gewaltsamen Todes gestorben.
Es passiert auf der großen Bühne der Politik und in der kleinen Welt zu Hause. Eine hilflose Frau wird verprügelt, ein Mitarbeiter gemobbt, ein Kind von seinen Klassenkameraden gehänselt. Warum? Oft, weil sie einfach nur anders sind. Und weil sie keine Angst verbreiten.
„Bewahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben" sagt Roger Schütz. Ich verstehe das so:
Wenn es laut ist, wenn Gewalt ganz nah kommt und dich zu unversöhnlichem Zorn und Hass reizt- dann geh in die Stille. Lass dich nicht hineinziehen in diesen Teufelskreis von Beleidigung und Gewalt. Auch dann nicht, wenn du für eine gerechte Sache kämpfst.
„Bewahre in allem die innere Stille." Meint Roger Schütz. Weil nur in dieser inneren Stille Gott zu uns sprechen kann. Weil wir nur inmitten dieser inneren Stille, uns der Liebe bewusst werden können. Diese Liebe, die stärker ist als alle Gewalt und die Wunden heilen kann.
„Bewahre in allem die innere Stille." Das können Sie heute ganz praktisch ausprobieren. Wenn Sie in der Natur wandern oder heute mal in die Kirche gehen- allein oder mit anderen zusammen. Singen, schweigen, nachdenken. Spüren, dass man da drinnen gar nicht allein ist. Sondern zu einem großen Ganzen gehört.
An manchen Sommerabenden, sagte Roger Schütz, hören wir in Taizé die Jugendlichen durch die geöffneten Fenster.... Sie suchen, sie beten. Und wir sagen uns: Ihr Verlangen nach Frieden, ihre Sehnsucht nach Vertrauen sind wie diese Sterne, kleine Lichter in der Nacht.«
(Frère Roger in einem »Brief 2005)

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