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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Viel zu heiß sind diese Sommertage. Zu heiß zum Denken, zu heiß zum Arbeiten, zum Straßekehren und zum Radfahren, viel zu heiß für jede Anstrengung.
Nur keine Anstrengung! Das ist eine wichtige Übung - auch für den Glauben. Viele haben das anders gelernt, wenn es um Religion geht. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht genug beten, oder nicht regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Sie sagen: „Ich weiß, ich sollte - müsste - muss mehr tun, weil Gott sonst beleidigt ist".
Da protestiere ich. Nein, wir sollen, müssten und müssen gar nicht so viel. Denn Jesus hat uns andere Bilder von Gott überliefert. Er erzählt von einem barmherzigen Vater, der nicht fragt, ob das Leben seiner Kinder immer wohlanständig war oder nicht - sondern dem ist wichtig, dass sie bei ihm und mit ihm sein wollen. Oder er vergleicht Gott mit einem Arbeitgeber, der allen den gleichen Lohn zahlt, ohne zu fragen, wie lange sie gearbeitet haben. Ja, genau - wir dürfen uns Gott so ganz anders vorstellen. Weil er offensichtlich so ganz anders ist.
Gott ist eine Herausforderung für alle, die es gern menschlich gerecht und genau hätten.
Er ist kein Buchhalter, der genauestens überwacht, wie viel Mühe ich mir gebe, ihm zu gefallen. Und ich ahne sogar immer mehr, dass er überhaupt nicht will, dass ich IHM gefalle. Für Gott muss ich nicht beten. Er braucht auch keinen Gottesdienst. Er nicht. Aber ich, als gläubiger Mensch, brauche Gelegenheiten, dass Gott zu mir kommen kann. Oder dass ich ihn in meinem Leben entdecke.
Eine Bekannte sagte einmal spontan zu, sich am Heiligen Abend um Notleidende zu kümmern. „Das ist heute mein Gottesdienst" sagte sie fröhlich, und alle spürten das. „Gottesdienst" hat viele Formen: Feierliche Zeremonien, stilles Gebet, Sorge um andere, Gespräch über den Glauben, Respekt gegenüber der Schöpfung, gegenseitige Hilfe - am besten in einer guten Mischung. So verstandener Gottesdienst ist keine Anstrengung, sondern macht froh, und gibt Kraft!

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„Glauben - das ist nur was für Schwache!" Ein Satz wie ein Fallbeil. Ich schlucke. Hole Luft. Aha, bin ich also schwach? Weil ich offen sage, dass mein Glauben mir leben hilft. Und ungezählte andere Menschen sind auch schwach...verstehe ich das richtig? Menschen meiner Gemeinde. Oder gar die, die ALLES auf Gott setzen: die Ordensfrau Ruth Pfau, die in Pakistan erfolgreich die Lepra bekämpft. Der Apostel Paulus, im 1.Jahrhundert ruheloser Missionar in Kleinasien. Oder Jesus selbst: alles Schwächlinge?
‚Glauben ist nur was für Schwache' - sagte einer, der äußerlich viel Erfolg hat. Sein Credo lautet: „Alles, was ich bin, bin ich durch mich selbst!" Für ihn gilt es so und ist für ihn sicher auch wahr. Seine Ansicht über das Leben ist anders als meine. Das darf ja auch sein.
Aber ich widerspreche dennoch. Der Satz ist ein abfälliges Urteil über Glaubende.
Glaubende sind nicht schwächer als andere Menschen auch. Für viele Menschen ist der Glaube an Gott eine starke Kraftquelle. Eine Kraft, die zum Leben hilft. Das schon. Aber Glauben ist kein Hilfsmittel wie meine Brille, ohne die ich hilflos wäre. Niemand kann über den Glauben und seine Wirkung verfügen - man kann ihn nicht einfach nutzen wie eine Brille. Glauben ist anders.
An Gott glauben ist eher eine innere Haltung, die ausdrückt: ich muss nicht mehr alles selbst steuern und regeln. Glauben ist eher die Haltung: ich gebe mein Bestes, und Gott wird es hoffentlich vollenden. Und das gilt immer, ob ein Chirurg eine schwierige Operation leitet oder junge Eltern ihre Kinder erziehen. Glauben, das ist Vertrauen darauf, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt. Eine Wirklichkeit, die ich nicht beeinflussen kann. Einen Gott, der hinter allem steht. Glauben, das ist die Hoffnung darauf, dass vielleicht alles doch einen Sinn ergibt. Alles. Auch wenn ich diesen Sinn oft genug noch nicht verstehe.
Glauben ist „Loslassen". Ich lasse die Überzeugung los, alles selbst machen zu müssen. Zu so einem Loslassen muss man ganz schön stark sein.

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„Keine Widerrede!" - Kennen Sie diesen Satz? „Keine Widerrede!" - also ich habe ihn früher häufig gehört. Widersprechen war verboten! Protestieren war verboten! Und wenn die Situation noch so ungerecht war: Kinder hatten zu schweigen. Bestraft wurde, wer versuchte, Mitschüler gegenüber Lehrern zu verteidigen. Einem Erwachsenen widersprechen galt als respektlos. Heute gehen Erwachsene und Kinder meist anders miteinander um, der Ton ist lockerer geworden. Vielleicht fehlt es sogar manchmal am Respekt gegenüber Älteren.
Aber Gott gegenüber bleiben viele Menschen so wie früher: vorsichtig und unterwürfig. Sie suchen brave Worte für ihr Gebet. Sie trauen sich nicht, Gott zu widersprechen. Protestieren nicht gegen Zumutungen. Zu groß ist die Angst, etwas falsch zu machen. „Ich kann doch nicht einfach so beten, wie mir der Schnabel gewachsen ist? Kann doch nicht alles sagen, wie es gerade kommt? Gott widersprechen?" Wo bleibt da die Ehrfurcht?
Genau hier widerspreche ich. Denn das sehe ich anders! Beim Beten gibt's keine Zensur.
Wenn Gott ein liebender Gott ist, zu dem ich Vater sagen darf, dann darf ich ihm beim Beten auch alles ins Gesicht sagen. Beim Beten darf ich wirklich sagen: „Heute ist nichts in Ordnung, und ich klage dich an, Gott. Ich klage dich an, und ich bin nicht einverstanden". Not lehrt beten, sagen manche Menschen. Aber Not lehrt auch klagen, schimpfen und jammern! Klage ist ungefiltert, direkt, heftig und sie darf es sein. Da ist alles erlaubt, jedes Wort. Wie gesagt: Gott hält das aus! Was wäre er auch für ein Gott, wenn er uns unterwürfig haben wollte, und ängstlich?
In den Psalmen der Bibel finde ich genau diese ungeschminkten Worte. Was haben manche Beter mit ihrem Gott geschimpft. „Ich habe mich müde geschrieen. Mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange warten muss auf meinen Gott", betete da einer (Psalm 69) und rückt mit seiner Klage Gott ziemlich nah. Und ich bin sicher: genau deshalb ist umgekehrt Gott auch diesem Beter sehr nah!

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»Wer war froh, dass es dich gab?« Eine Zeile aus einem Lied der großen Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef. Auf ihrer allerletzten Platte hat sie es veröffentlicht. Die Knef singt: „Egal, ob man es mag, doch es kommt der Tag, wo einer fragen wird, was den Menschen an dir lag." Und der Refrain formuliert dann genau diese Frage: „Gib mir Antwort - wer war froh, dass es dich gab?"
Das Lied lässt mich seitdem nicht mehr in Ruhe. Bei Hildegard Knef klingt das nach Bilanz am Ende des Lebens. Aber für mich ist es zu einer Frage geworden, die mich jetzt umtreibt: Wer ist froh, dass es mich gibt? Eine Frage, die an die Nieren geht. Sie riecht nach Abrechnung, nach Beichtstuhl und schlechtem Gewissen. Aber ich kann mich nicht dagegen wehren: Die Frage lässt in mir Bilder aus meinem Leben auftauchen. Oh ja, mir fallen einige Menschen ein, die ich enttäuscht habe, die ich verletzt habe, Menschen, die vielleicht nicht so froh sind, dass es mich in ihrem Leben gab. Mir fallen die kleinen und größeren Fehler ein, die ich gemacht habe. Und durch die ich andere verärgert und getroffen habe. Zu schnell dahingesagte Sätze, die eigentlich witzig gemeint waren, aber dann doch kränkend angekommen sind. Freundschaften, die merklich abgekühlt sind, weil wir Missverständnisse nicht klären, Verletzungen nicht rückgängig machen konnten.
Aber es fallen mir auch Menschen ein, die, so habe ich den Eindruck, froh sind, dass es mich gibt. Meine Frau, unsere Kinder, meine Eltern und Geschwister. Vielleicht die Jugendlichen, mit denen ich neulich bei ihrer Firmung Musik gemacht habe, vielleicht ein paar Hörerinnen und Hörer hier im Radio, vielleicht meine Kolleginnen und Kollegen. Allerdings merke ich auch, wie ich da ins Stocken gerate. Sind die wirklich alle froh, dass es mich gibt? Ich hoffe es, manche haben es mir gesagt oder gezeigt. Und ich spüre, es tut mir gut, wenn andere froh sind, dass es mich gibt. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus: Wissen denn andere, dass ich froh bin, dass es sie gibt? Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen öfter zu sagen: „Ich bin froh, dass es dich gibt!"

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In diesen Tagen muss ich immer wieder staunen. Der Morgentau liegt auf den Wiesen, die Sonne schimmert durch die Bäume, die Luft ist kühl. Ein Sommertag. Ich bin auf dem Fahrrad unterwegs, und kann an diesem Morgen nichts anderes, als staunen. Ich denke: Wahnsinn, wie unglaublich diese Welt ist!
Ich staune und bisweilen staune ich auch, dass ich staunen kann. Staunen heißt: Ich nehme nicht alles für selbstverständlich. Ich glaube, das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft: sich über sich selbst und seine Welt zu wundern und darüber zu staunen.
Im Staunen passiert aber etwas Ungewöhnliches. Wer staunt, tritt aus sich selbst heraus, verlässt den üblichen Blickwinkel. Und kann dann sehen, dass die Welt groß, reich, einfach unglaublich ist.
Staunen fängt an, wo Menschen richtig sehen. Und die Welt richtig, die Welt ganz tief anzusehen, heißt, sie mit den Augen Gottes anzuschauen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel erzählt davon. Am Ende eines jeden Schöpfungstages heißt es dort: „Und Gott sah, dass es gut war." Da hab ich fast das Gefühl, dass Gott selbst über seine Schöpfung staunt. Eine Schöpfung, für die er sich immerhin sieben Tage Zeit nimmt. Ganz schön viel, wenn man ein Gott ist. Ich deute das so, dass die biblischen Autoren Gott als einen aufmerksamen und liebevollen Gott verstehen. Einer, der nicht mal aus Langeweile zwischen Mittagessen und Kaffee eine Welt schafft, sondern ein Gott, der an der Schöpfung interessiert ist, der an jedem einzelnen Geschöpf interessiert ist. Das ist allerdings zum Staunen, aber von ganz anderer Art als das Staunen über die Natur und die Welt. Es ist das Staunen, dass ich als Mensch wirklich gewollt und angenommen bin.
Es gibt eine schöne Geschichte, die das Staunen über dieses Angenommen-sein ausdrückt. Ein Mann kommt immer wieder in die Kirche - und sitzt einfach nur da. Ein Priester beobachtet ihn - und hält es schließlich nicht mehr aus. Er fragt den Mann, was er da die ganze Zeit macht. Der antwortet: „Ich schaue Gott an und lasse mich von ihm anschauen."Staunen geht nur, wenn ich etwas genau ansehe. Wie schön das ist, spüre ich am eigenen Leib, wenn ich bemerke: Da sieht mich jemand, da werde ich bemerkt.

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Jetzt ist also doch Spanien Weltmeister geworden. Hut ab. Ein verdienter Weltmeister. Obwohl ein Wermutstropfen bleibt: Wir sind es diesmal nicht geworden. Dabei haben wir doch so tolle Spiele abgeliefert - nur gegen Spanien lief's nicht so, wie erhofft. Schade, dass es für uns nicht geklappt hat.
„Wir haben gespielt", „wir haben gewonnen", „es hat für uns nicht geklappt". Das sind Sätze, die werden mir von dieser Weltmeisterschaft im Ohr bleiben. Nicht: Die Fußballer haben gespielt, sondern: unsere Jungs. Nicht: Die haben gewonnen, sondern: wir haben vier Tore gemacht. Nicht: Die haben es vergeigt, sondern: wir waren einfach fürs Finale nicht gut genug.
Im Sieg und in der Niederlage haben sich viele in Deutschland mit dieser Mannschaft identifiziert, haben mitgefiebert, als säßen sie auf der Bank, wollten viele die untröstlichen Spieler nach der Halbfinalniederlage in den Arm nehmen, als ständen Sie mit auf dem Platz.
Ein tolles Gefühl von Gemeinschaft zeigte sich da. Und dass Menschen zusammenhalten, egal, ob beim Gewinnen oder Verlieren, das finde ich ein großartiges Zeichen.
In solchen Momenten spüre ich auch, warum mein Glaube so viel Wert auf Gemeinschaft legt. Klar, es gibt auch Einsiedler, die sich zurückziehen und über ihren Glauben meditieren. Aber sonst setzt Glaube auf Gemeinschaft, setzt darauf, dass Menschen sich zusammenfinden und gemeinsam ihren Glauben feiern. Nicht umsonst begleitet Gott ein ganzes Volk auf ihrem Weg aus der Unterdrückung in ein neues Land, nicht umsonst versammelt Jesus mehr als ein Fußballmannschaft um sich, um mit ihnen durch dick und dünn zu gehen.
Zusammen halten, zusammen feiern, sich unterstützen, dafür gibt es das starke Wort »Solidarität«. In den politischen Diskussionen der letzten Wochen spielte dieses Wort nur eine untergeordnete Rolle. Egal ob Umbau der Krankenversicherung oder Sparen im öffentlichen Haushalt: Dass Menschen füreinander einstehen, zusammenhalten, das ist in unserer Gesellschaft nicht der Normalfall.
Deshalb wünsche ich mir mehr von dem Gefühl der letzten vier Wochen: Dass wir zusammengehören und uns füreinander einsetzen. Wenn dann ein dritter Platz dabei rauskommt, ist das wirklich aller Ehren wert.

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Heute, endlich, wird die Fußballweltmeisterschaft entschieden. In Südafrika, auf dem Platz, in 90 oder 120 Minuten oder nach Elfmeterschießen. Und für Sieg oder Niederlage sorgen zweiundzwanzig Fußballer auf dem Rasen. Sollte man meinen. Viele sind da aber anderer Ansicht. Sieg und Niederlage hängen für nicht wenige an einem Kraken, einem Delfin, an Seehunden, Schildkröten, Papageien oder Hunden. Die orakeln den Ausgang einzelner WM-Spiele. Auch andere skurrille Blüten treibt die Leidenschaft der Fans für ihre Mannschaften. Nach dem Spiel gegen Argentinien habe ich mit einem Freund telefoniert, der steif und fest behauptet hat: „Wir haben gewonnen, weil ich zu jedem Spiel ein Trikot der Weltmeistermannschaft von 1954 angezogen habe." Das habe ich wieder anderen Freunden erzählt. „Nein," haben die protestiert, „wir spielen so gut, weil wir am Anfang immer die Nationalhymne im Stehen mitsingen." Andere zünden eine Kerze neben dem Fernseher an, rasieren sich am Spieltag nicht oder stehen morgens immer mit dem linken Fuß auf. Nur Aberglaube? Erstaunt bin ich schon. Menschen, die ganz nüchtern und intelligent durch die Welt gehen, die glauben plötzlich daran, dass sich bei einem Fußballspiel ein paar tausend Kilometer entfernt etwas tut, wenn sie bestimmte Klamotten anhaben, fest an den Sieg glauben oder Kerzen anzünden. Reiner Blödsinn? Ich gebe zu, ich glaube an die Kraft der Rituale und Gedanken. Beide gehören auch zum christlichen Glauben dazu. Auch hier gibt es wiederkehrende Rituale. Auch hier bitten wir zum Beispiel für Menschen, die uns weder sehen noch hören können. Wir denken im Gottesdienst an die Menschen, die Hilfe brauchen. Aber einen entscheidenden Unterschied zu den Fußballritualen sehe ich doch. Ich bin sicher: Gedanken und Rituale machen weder gesund, noch gewinnen sie Weltmeisterschaften. Ihre Kraft liegt auf einem anderen Feld. Rituale, Bitten, das Denken an jemanden, sind vor allem für mich und die Gemeinschaft gut, in der ich lebe. Sie zeigen uns: Ich bin nicht allein, wir sind verbunden mit anderen Menschen. Und das - tut einfach gut. Ganz egal, ob meine Mannschaft Weltmeister wird - oder schon in der Vorrunde ausgeschieden ist.

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