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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es ist eine sehr besondere Reisegruppe, die heute wieder nach Polen aufbricht. Sechs Frauen und Männer, um die achtzig Jahre alt, und sie waren in der vergangenen Woche vor allem in Schulen und an der Uni unterwegs, in Mainz, Ingelheim, Alzey und Nieder-Olm. Den jungen Leuten dort haben sie aus ihrem Leben erzählt - besonders aus ihrem Leben in der NS-Zeit. Ghetto, Konzentrationslager, Zwangsarbeit haben sie überlebt, es sind unglaubliche Geschichten, die sie zu erzählen haben, und sie machen den, der sie hört, ganz still und nachdenklich.

Auch mir ging das schon einmal so. Vor ein paar Jahren habe ich eine von den sechs Menschen einen Abend lang erlebt, Ruta Wermuth-Burak heißt sie, 1928 ist sie geboren, 1942 lebt sie mit ihrer Familie in Kolomea im damaligen Ostpolen. Ihr Leben hätte eigentlich damals im Vernichtungslager Belzec enden müssen, 600.000 Juden wurden dort zwischen März und Dezember 1942 ermordet. Ruta überlebt nur, weil ihr Vater sie aus dem Todeszug wirft. Es folgt eine Odyssee durch Galizien, bis sie schließlich mit einer falschen Identität als Zwangsarbeiterin ins Deutsche Reich kommt und überlebt. Die Eltern und ihr Bruder Pawel werden ermordet.

14 Jahre ist Ruta Wermuth-Burak, als sie ohne Familie und in größter Lebensgefahr da steht: Es graut mir immer noch und ich werde wirklich ganz still, wenn ich mir das vorstelle. Und ich frage mich auch: Wie wird ein Mensch, wenn er so etwas erlebt hat? Was mich an Ruta Wermuth-Burak am meisten beeindruckt hat: Welch unglaublich positive Kraft diese Frau ausstrahlte. Kein bisschen Bitterkeit war da zu spüren, keine Aggression auch gegenüber den Deutschen. Stattdessen: Humor, Lust am Leben - und Versöhnung. Diese ungeheure Lebens- und Versöhnungskraft: Das war ihre größte Botschaft. Und sie ist mir damit auch immer wieder Vorbild. Wenn ich selbst, manchmal nur wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, nachtragend, unversöhnlich sein will: Dann denke ich manchmal an Menschen wie Ruta Wermuth-Burak. Lasse mich anstecken von ihrer Versöhnungskraft.

Wie schön, dass in dieser Woche wieder Hunderte von Menschen in Rheinland-Pfalz solch eine Begegnung und solch eine Versöhnungskraft erleben durften.

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Heute also wird sie zum zweiten Mal spielen, die deutsche Nationalmannschaft, gegen Serbien. Dummerweise schon um 13.30 Uhr, da müssen denn doch noch einige Leute arbeiten, ich leider auch. Aber vermutlich werden sich trotzdem wieder viele zum Fußballgucken treffen, in den Kneipen, vor großen Leinwänden. „Public viewing", das ist ein echtes Phänomen, seit dem Fußball-Sommermärchen vor vier Jahren. Ich finde es klasse, dass Fußball gemeinsam geschaut und gefeiert wird. Freunde und Fremde kommen zusammen, um miteinander zu bibbern und zu schreien, um sich zu ärgern über Fouls und Fehlschüsse und natürlich vor allem: um zu jubeln über Tore und Siege für die eigene Mannschaft. Es ist einfach schöner, all das gemeinsam zu tun.

Vielleicht genießen wir das in Deutschland gerade auch deshalb, weil wir in einer so genannten „individualisierten" Gesellschaft leben. Viele Menschen leben allein, sind für sich alleine zuständig und verantwortlich. Und wir Deutsche definieren uns ja alle ganz gerne als Individuen, wollen als Einzelne wichtig genommen werden - das ist ja auch gut und richtig so. Aber es ist eben auch ganz wunderbar zu erleben: gemeinsam, am besten in einer richtig großen Gemeinschaft: da lebt es sich auch ziemlich gut. Da kann ich eintauchen in eine große Runde, da bin ich nur ein kleiner Teil in einem großen Ganzen, eine Stimme von vielen. Letzten Sonntag hab ich das ganz stark so erlebt: Die erste Halbzeit gegen Australien hab ich noch vor dem eigenen Fernseher geschaut. Aber dann hat es mich um halb zehn doch noch nach draußen gezogen. Und ich hab es richtig genossen, gemeinsam Fußball zu schauen und zu feiern. In einer großen Gemeinschaft einzutauchen.

Übrigens geht mir das mit Glauben und Kirche ganz ähnlich: Ich bin froh, dass ich vor Gott als Einzelne, als Individuum zähle. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, nur als Einzelne zu glauben und meinen Glauben zu feiern. Ich brauche immer wieder die Gemeinschaft, ich brauche das gemeinsame Beten, das „public praying" sozusagen. Ob beim Fußball oder beim Gebet: Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier. Es tut ihm einfach gut, wenn er seinen Frust und vor allem auch seine Freude mit anderen teilen kann.

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Heute ist ein Tag, an dem sich ein Wunder bestaunen lässt. Ich brauche dafür nur meinen alten Dierke Weltatlas hervorkramen, den aus den achtziger Jahren, aus meiner Schulzeit. Eine andere Welt war das damals. Und der Tag heute, der 17. Juni war ein Feiertag. Der „Tag der deutschen Einheit", von 1954 bis 1990. In meinem Weltatlas gibt es eine gestrichelte Linie mitten durch Deutschland. Er trennt die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik voneinander. Und ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie mein Gemeinschaftskundelehrer noch im Frühjahr 89 sagte: Daran wird sich auch nichts ändern. Ich werde die Wiedervereinigung nicht erleben und ihr auch nicht. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer, und ab 1990 war der 3. Oktober der „Tag der deutschen Einheit". Und die Einheit war Realität. Für mich ist das manchmal immer noch wie ein Wunder.

Etwas, was man überhaupt nicht erwartet. Was kein Mensch für realistisch hält: So was nennt man gemeinhin: ein Wunder. Und auch wenn die Einheit Deutschlands heute so selbstverständlich erscheint, wenn auch beim Fußball alle zusammen, Ost und West für Deutschland jubeln: Damals war diese Einheit ja noch etwas unvorstellbar Überraschendes. Wenn ich in meinen Dierke-Weltatlas schaue, wird mir das wieder vor Augen geführt.

Für mich hat diese deutsche Einheit - so seltsam das vielleicht klingen mag - mein Verhältnis zu Wundern geändert. Wenn ich heute manchmal denke - oder mir besonders wünsche: Etwas möge passieren, was ganz unwahrscheinlich ist, was kaum einer für möglich hält: Dann denke ich an dieses Wunder der Einheit. Und ich bekomme dadurch Zuversicht: Ja, so etwas ist möglich. Etwas, was keiner für möglich hält, es passiert. Eine Versöhnung vielleicht im Freundeskreis oder in der Familie. Veränderungen in der Gesellschaft oder in der Kirche. Oder eben auch: eine schwere Krankheit, die sich bessert. Da stabilisiert sich ein Zustand, da wird jemand sogar geheilt, für den die Ärzte eher schwarzsahen. Ja, so etwas passiert. Und ich glaube, es passiert vor allem dann, wenn Menschen daran glauben, wenn sie zusammenhalten, wenn sie gemeinsam und füreinander beten. Dann können Dinge passieren, die kaum einer für möglich hält.

Wunder gibt es immer wieder.

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Beten bringt nichts. Was soll auch dabei herauskommen, wenn man mit jemand spricht, der keine Antwort gibt! Beten ist in der Tat eine einseitige Angelegenheit. Ob es deshalb aber nichts bringt, ist eine ganz andere Frage. Die Religionslehrerin eines Gymnasiums hat vor einiger Zeit dieses Thema mit Schülerinnen und Schülern einer sechsten Klasse behandelt. Auf ein großes Blatt schrieb sie den Satz: „Gott spricht, aber er antwortet nicht." Die Kinder bekamen den Auftrag, diesen Satz zu erklären. Dazu sollten sie ihre Gedanken auf das große Papier schreiben. Die Lehrerin war ziemlich gespannt, ob die Kinder mit dem Satz überhaupt etwas anfangen konnten. Aber ihre Skepsis war unbegründet. Die Kinder schrieben munter drauf los. Nach zehn Minuten lasen sich die Schülerinnen und Schüler ihre Kommentare gegenseitig vor. Schnell wurde deutlich, dass es für die Kinder kein Problem war, dass Gott nicht wie ein Mensch antworten kann. „Ist ja klar. Denn er ist ja keine richtige Person." schrieb beispielsweise die zwölfjährige Pia. Fast alle Kinder machten aber deutlich, dass Gott auf irgendeine Art und Weise in den Menschen spricht. Pia sagte es so: „Er ist halt ein Teil von mir. Und ja, er spricht durch mich mit mir." Denise formulierte es anders, aber im Prinzip ähnlich: „Er gibt uns eine Antwort. Die er aber nicht ausspricht. Denn die Antwort von Gott, die wir meist suchen, ist in unserem Herzen. Wir müssen sie nur finden." Gott spricht also im Menschen, auch wenn er nicht wie ein Mensch antwortet - das schien für die Kinder die Lösung zu sein. Wer also betet, seine Sorgen und Freuden Gott anvertraut, in dem verändert sich etwas - ob nun in Gedanken oder in Gefühlen. Vielleicht deshalb, weil er das Gefühl hat, dass ihm jemand zuhört. Für die elfjährige Verena ist das jedenfalls das Entscheidende: „Gott spricht mit uns beim Beten, indem er zuhört. Antworten kann er nicht. Aber wir wissen, dass er zuhört, und das ist auch eine Antwort."

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Tun, was der Vorgesetzte einem sagt. Anweisungen von oben nicht in Frage stellen. Diese Einstellung hatte Johannes Feldmeyer bisher nie geschadet. Im Gegenteil. Er hatte sich bis ganz nach oben gearbeitet. Er war das geworden, was man einen Topmanager nennt. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem seine Folgsamkeit zum Problem für ihn wurde. Sein Vorgesetzter hatte ihm einen äußerst heiklen Auftrag gegeben. Er sollt eine arbeitgeberfreundliche Gewerkschaft gründen. So sollte die schon bestehende Gewerkschaft geschwächt werden. Es durfte natürlich niemand erfahren, dass nicht die Mitarbeiter, sondern das Unternehmen selbst hinter der neuen Gewerkschaft steckte. Johannes Feldmayer sollte die entsprechenden Schritte veranlassen. Der Manager tat, was ihm aufgetragen war. In den nächsten Jahren flossen Millionen an Firmengeldern - als Honorarrechnungen getarnt - an eine Pseudogewerkschaft. Doch die Sache flog auf. Für den 51 - Jährigen kam es knüppeldick. Nicht nur, dass seine Manager - Karriere abrupt zu Ende war. Er wurde auch noch wegen Veruntreuung von Firmengeldern und Steuerhinterziehung vor Gericht gestellt. Und sein eigener Arbeitgeber forderte von ihm Schadenersatz. Da nutzte es dem Manager wenig, dass er nur ausgeführt hatte, was man ihm aufgetragen hatte. Im Gegenteil: Sein Gehorsam wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Zu spät wurde ihm klar, dass Loyalität Grenzen hat. Dass es ratsam sein kann, auch auf sein Gewissen zu hören - selbst wenn das zu Konflikten führt. Damit das Gewissen wachsam bleibt, braucht es Ermutigung. Für mich ist eine solche Ermutigung ein Satz aus der Bibel: „Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen." Der Apostel Petrus sagt diesen Satz, als er von den religiösen Autoritäten der Gemeinde in Jerusalem unter Druck gesetzt wird. Petrus kann deshalb so reden, weil er überzeugt ist, dass es über allen Autoritäten dieser Welt noch eine höhere Instanz gibt. Menschen müssen eben nicht alles machen, was man ihnen sagt - ob man nun an Gott glaubt oder nicht.

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Er hatte alles gegeben. Er hatte sich völlig verausgabt. Und doch erschienen ihm jetzt alle Anstrengungen umsonst. Der Apostel Paulus hatte das, was man heute wohl einen Durchhänger nennt. Er zweifelte an sich selbst. Tausende von Kilometern hatte er zu Fuß zurückgelegt, unvorstellbare Strapazen auf sich genommen, und das, obwohl er nicht ganz gesund war. Doch wo auch immer er auftrat: es gab Streit und heftige Auseinandersetzungen. Mehrfach wurde er verprügelt, einige Male sogar verhaftet und wegen Störung der öffentlichen Ordnung ins Gefängnis geworfen. Seine Gegner machten sich über ihn lustig, weil er kein so guter Redner war. Paulus widerfuhr das, was engagierte Menschen sehr gut kennen: sie gehen bis an ihre Grenzen und sehen trotzdem keinen Erfolg. Viele kennen solche Erfahrungen aus der Berufswelt. Man strengt sich an, man rackert sich ab, um dann zu hören: Du bist raus. Nicht wegen schlechter Leistungen. Sondern einfach deshalb, weil es die Gesetze des Marktes so verlangen. Mancher neigt dann dazu, den Misserfolg als ganz persönliches Versagen zu betrachten. Selbst wenn das gar nicht stimmt. Aber man muss sich in einer Situation der Erfolglosigkeit nicht auch noch selbst fertig machen. Das kann man an Paulus sehen. Zwar gerät der Apostel in eine Krise. Doch gerade als er meint, der Boden würde unter seinen Füßen weg brechen, spürt er, dass er von Gott getragen wird. Paulus fasst diese paradoxe Erfahrung in dem wunderbaren Satz zusammen: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark." Als er sich an nichts mehr festhalten kann, ist es Gott, der ihn festhält. Paulus muss seine Stärke nicht mehr an seinen Erfolgen fest machen. Auch die Angriffe und Demütigungen seiner Gegner können ihn nicht mehr umhauen. Denn Gott, so erlebt es Paulus, steht vorbehaltlos hinter ihm. So wachsen ihm ausgerechnet in der Schwachheit ungeahnte Kräfte zu. Manchmal sind es eben gerade die Rückschläge und Misserfolge, in denen Menschen erfahren, was sie wirklich trägt.

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