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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Jeder Mensch ist gleich wertvoll. Und seine Würde ist unantastbar. Diese Überzeugung stammt aus der Bibel und sie steht in unserem Grundgesetz. In der Wirklichkeit sieht das aber oft ganz anders aus. Heute wie vor zweitausend Jahren. Als Beispiel erzählt die Bibel die Geschichte von Lydia. Die ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Tuchhändlerin. Nur wenige können sich ihre Stoffe leisten, aber diese wenigen kommen und kaufen bei ihr ein. Doch trotz ihres beruflichen Ansehens lässt man sie spüren: Du bist nur eine Frau - im Geschäftsleben, in der Gesellschaft und auch in der Religion. Die Götter der Griechen hat Lydia hinter sich gelassen. Seit einiger Zeit hält sie sich stattdessen zu den Juden. Die glauben an den einen Gott, der zu seinem Volk sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der einzige. Ich habe dich aus der Sklaverei befreit." Lydia weiß, damit ist die Geschichte gemeint, als das ganze Volk Israel vom ägyptischen Pharao versklavt war. Aber Gott hat sein Volk befreit. Glücklich, wer zu diesem Gott gehört.
Aber so richtig gehört sie nicht dazu. Denn sie ist eine Frau. Frauen dürfen nicht mit Männern zusammen beten - sagen die Männer. Darum sitzt Lydia mit den anderen Frauen draußen am Fluss und betet dort und redet.
Da kommen zwei Männer zu ihnen, setzen sich zu ihnen, hören zu, erzählen von dem einen Gott, der auch heute noch befreit und der selber ein Mensch wurde, Jesus, damit die Menschen Gott besser begreifen und frei werden. Ein Satz dieser Christen trifft das Herz der Geschäftsfrau: „Bei Jesus werdet ihr nicht danach bewertet, ob ihr Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, Mann oder Frau seid. Für Jesus Christus seid ihr alle gleich viel wert."
Alle sind gleich viel wert - die Einsicht ist heute noch genauso aktuell wie vor zweitausend Jahren. Diese Botschaft kann gar nicht oft genug gesagt und gehört werden, damit sich keiner das Gegenteil einreden lässt.Lydia entscheidet sich beherzt: Ich will getauft werden, sagt sie. Zu diesem Gott und zu Jesus Christus will ich gehören. Die mutige Griechin Lydia wird die erste Christin in Europa.

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Homo homini lupus. Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf. Diesen Satz haben Generationen von Schulkindern gelernt. Menschsein heißt: Ellenbogen raus, ich oder der andere. Das Wesen des Menschen ist: er ist aggressiv und duldet neben sich keinen anderen. Folglich ist das Leben ein einziger Kampf. Diese Vorstellung musste immer dann herhalten, wenn eine Grausamkeit gerechtfertigt werden sollte. Wir sind halt so; wir können nicht anders.
Doch Gott sei Dank: es besteht noch Hoffnung für uns! Denn bis zu vier Prozent unseres Erbguts stammen vom Neandertaler. Das haben Wissenschaftler jetzt bei der Analyse des Erbguts herausgefunden. Wir sind nicht nur homo sapiens, wir sind nicht nur der Wolf im Schafspelz. Wir sind auch ein bisschen homo neandertalensis. Und dieser Neandertaler war ganz anders. Früher wurden die Neandertaler oft als halbe Affen dargestellt und verspottet, weil sie dem Homo sapiens weichen mussten und ausstarben. Doch die Neandertaler waren Menschen mit Kultur, sie haben zum Beispiel ihre Toten ordentlich bestattet. Eigentlich nichts, wofür wir uns heute schämen müssten.
Und jetzt hat man herausgefunden: wir haben auch Neandertaler-Gene. Das bedeutet, dass irgendwann in grauer Vorzeit beide miteinander Nachkommen gezeugt haben. Liebe statt Hiebe. Austausch von Küssen statt Einsatz von Ellenbogen.
Ich persönlich kann mit Neandertaler-Vorfahren ausgesprochen gut leben. Dass ich vier Prozent Neandertaler-Gene in mir habe, zeigt mir: so fest gelegt, wie du immer denkst, bist du gar nicht. Du kannst auch anders. Red' dich nicht auf deine angeborene Aggressivität heraus. Zum Einsatz von Ellenbogen gibt es Alternativen. Denk an den Neandertaler in dir. Such den Kompromiss, such den Schulterschluss oder noch mehr...
Wir sind Menschen. Wir können auch anders. Und mit der Bibel bete ich deswegen zu Gott: Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.

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Die Griechen haben es zurzeit nicht leicht. Der Bankrott des griechischen Staats bringt unseren Wohlstand in Gefahr, so heißt es. Ich finde, da ist es an der Zeit, eine Lanze für die Griechen zu brechen. Denn das Erste, was wir in der Bibel über sie erfahren, ist, dass die Griechen großzügige Menschen sind. Sie organisieren nämlich die erste interkontinentale Spendensammlung der Geschichte.
Anlass für ihre Aktion ist die Not der Christen in Jerusalem. Denen geht es nicht wirklich gut. Zu viele Anfeindungen von außen, zu viele Witwen und Waisen, die alle versorgt sein wollen. Und dazu noch das brutale Besatzungsregime der Römer. Bei deren Steuerpolitik ist ein Notgroschen schnell aufgebraucht. Die Jerusalemer sind auf Unterstützung von außen angewiesen. Und zwar schnell.
Von dieser Notlage in Jerusalem erzählt Paulus in den noch wenigen Gemeinden in Griechenland. Zu einer Kirche gehören damals kaum mehr als drei Dutzend Menschen. Was können die schon ausrichten? Müssen sie sich nicht erst um ihre eigene Finanzausstattung kümmern? Mitarbeiter einstellen, eine Gebäudeinfrastruktur schaffen und, wenn dann noch etwas übrig bleibt, erst einmal Rücklagen bilden? Müsste es nicht heißen: Griechenland zuerst? Was gehen uns die Probleme des Auslands an?
Aber so haben die Griechen damals nicht gedacht. Sie sammeln, was das Zeug hält. Jedes Mal, wenn Paulus oder einer seiner Mitarbeiter zu Besuch kommt, geben sie ihm Geld mit. Solange, bis Paulus den interkontinentalen Spendentopf schließt und von einem Kontinent zum anderen reist, von Europa nach Asien, um das Geld zu überreichen.
Es werden natürlich keine Milliarden gewesen sein, aber auf jeden Fall eine ordentliche Summe. Von Herzen gegeben. Die christliche Großzügigkeit über Ländergrenzen und Kontinente hinweg kommt aus Griechenland.
Der Kommentar des Apostels Paulus dazu lautet: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
Das können wir von den Griechen lernen.

 

Donnerstag, 27.05. 2010

Ein Fest für die Freiheit

Freiheit als Fest - diese Idee stammt aus der Pfalz. Heute vor 178 Jahren wurde dort das Hambacher Fest gefeiert. Politisch litt Deutschland in jener Zeit unter einer von oben verordneten Friedhofsruhe. Frei waren damals höchstens die Fürsten, nicht die Bürger. In der Pfalz hatte damals die bayrische Staatsregierung das Sagen. Sie führte eine strenge Zensur ein und verbot den Bürgern den Mund. Politische Versammlungen, auf denen man diskutieren konnte, wurden nicht genehmigt. Um sich treffen und austauschen zu können, musste man zu einer List greifen: Der Obrigkeit wurde keine demokratische Veranstaltung zur Genehmigung vorgelegt, sondern ein „Volksfest". Denn bei Laune wollten die Regierenden das Volk schon gerne halten. Nur denken sollte es besser nicht. Und so kamen schließlich Zehntausende und feierten ein Fest - für die Freiheit.
Was heute selbstverständlich und deshalb oft langweilig erscheint, war damals brandaktuell. Es erforderte Mut, sich dafür einzusetzen: Meinungsfreiheit, Wahlrecht, Mitbestimmung. Und noch mehr Mut erforderte es, wirklich alle einzuladen. Das geschah damals. Und so wurden ganz besonders begrüßt die Polen, deren Land unter den Nachbarn aufgeteilt war, die „Franken", sprich die Franzosen, deren Revolution man bewunderte, und die Frauen, die ansonsten nur die zweite Geige zu spielen hatten. Nach dem Fest wurden die Veranstalter dann mit fadenscheinigen Vorwürfen wie „Beamtenbeleidigung" zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Freiheit lebt davon, dass ich etwas riskiere und mich dafür einsetze. Zugleich ist sie ein Gottesgeschenk. Schon die Bibel weiß: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. - Will sagen: Wo Menschen von Gottes Geist beseelt sind, da denken sie nicht nur an ihre eigene Freiheit, da achten sie auch darauf, dass die anderen frei sind.
Wo der Geist des Herrn ist, da kann ich feiern, weil die Freiheit vielleicht unterdrückt, aber nicht besiegt werden kann. Wo der Geist des Herrn ist, da sind auch  „Franken, Polen und Frauen" mit dabei - und da können wir heute über diese Einteilung lachen. Was heute selbstverständlich ist, die Pfälzer und der Geist Gottes haben's schon damals in Hambach gewusst.

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Haben Sie schon einmal ein Kirchenbuch in der Hand gehabt? So ein dickes, schweres Buch, in Leder eingebunden, mit ganz vielen Seiten? Für jede Kirche gibt es solche Bücher. In ihnen wird aufgeschrieben, wenn jemand getauft, getraut, konfirmiert oder beerdigt wird.
Irgendwann, nach vielen Jahren, ist dann selbst das dickste Buch voll. Dann beginnt man ein neues Buch. An sich ist das ein nur ein einfacher Verwaltungsakt. Doch manchmal wird er zum Zeichen der Hoffnung.
In Dörsdorf im Taunus liegt so ein Kirchenbuch der Hoffnung. Es stammt aus dem Jahr 1643. In Deutschland wütet der dreißigjährige Krieg. Von Dörsdorf ist nicht mehr viel übrig in jener Zeit. Nur noch wenige Menschen leben dort mehr schlecht als recht. Hoffnungslosigkeit pur.
Da kommt ein neuer Pfarrer. Er sorgt dafür, dass die Toten ein christliches Begräbnis bekommen, und ist ansonsten damit beschäftigt, selbst am Leben zu bleiben. Er ist verzweifelt in all dem Elend. Was kann er hier schon groß tun? Da erinnert er sich an eine seiner Amtspflichten. Er muss Kirchenbücher führen. Doch die alten Bücher sind geraubt oder verbrannt. Er muss ganz neu anfangen.
Er nimmt ein paar kleine Blätter aus grobem Papier, so eine Art Schulheft ohne Einband. Drumherum als Schutz kommt eine einzelne ausgerissene Seite aus einem alten Buch. Und fertig ist das erste neue Dörsdorfer Kirchenbuch. Denn das Leben soll ja weiter gehen. Und Leben ist es wert, fest gehalten zu werden. Die erste Eintragung ist übrigens eine Taufe.
Bei Gott im Himmel, sagt die Bibel, da liegt das Buch des Lebens. Ein Buch, das allem Leiden, aller Krankheit und allem Tod zum Trotz vom Leben erzählt. Ein Buch, in dem unsere Namen stehen und in dem unsere Lebensgeschichte ihren Platz hat. Und bei Gott ist es wie im Dörsdorfer Kirchenbuch. Da gehören auch unscheinbare Blätter zum Buch des Lebens.

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