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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

17 18 19 mit dem zählen komme ich kaum nach! Wie oft ist diese kleine Person jetzt schon vom Ein-Meter-Brett ins Wasser gesprungen! Mal macht sie eine kleine Drehung nach rechts, dann elegant nach links, gelegentlich lässt sie sich auch einfach so fallen. Immer wieder stemmt sie sich aus dem Wasser; bloß nicht bis zur Leiter schwimmen, das würde nur Zeit kosten. Sie will schließlich springen üben, sonst nichts. Ist ganz bei der Sache und offenbar der Überzeugung, dass sie es mit einiger Übung schaffen kann, jeden Sprung durchzuführen, der ihr in den Sinn kommt. Tja, und ich? Wenn ich etwas nicht auf Anhieb schaffe, neige ich eher mal dazu, gleich mutlos zu werden. An den Computer traue ich mich mittlerweile zwar, aber es hat lange gedauert und ich lerne es auch nur mühsam. Das Spielerische dieses Mädchens geht mir ab. Dieses Unverdrossene, wieder und wieder, ganz auf die Zukunft gerichtete: Ich werde es schon schaffen. Nicht nur beim Computer, auch sonst gelegentlich denke ich: Dafür bist du zu alt, das macht man doch nicht, Frauen und Technik, das klappt sowieso nicht... Klar, Kinder haben es leichter. Sie erleben ja täglich, dass sie vieles noch nicht können. „Dafür bist du noch zu klein." „Ich binde dir die Schleife." „Lesen lernst du in der Schule, wenn du 5 oder 6 Jahre alt bist." Also ist es klar, dass sie durch  Älter werden und Übung mehr können werden, als jetzt. Vielleicht ist das der Fehler. Dass ich als Erwachsene denke: Ich muss schon alles können, Übung hilft nicht mehr, denn ich bin schon fertig, alles muss sitzen und passen, Fehler und Umwege und Wiederholungen - das geht gar nicht. Die Kleine im Schwimmbad lehrt mich etwas anderes. Sie lebt mir das vor: Hab Zutrauen zu dir selbst, glaub an dich, entwickele deine Fähigkeiten, irgendwann kannst du alles! Jeden Sprung im Schwimmbad und lesen und Schleifen binden. Das will ich übernehmen und üben werde ich auch  20 30 40 mal, wenn nötig auch noch öfter!

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Ich schlag gern mehrere Fliegen mit einer Klappe!  Das ist effektiv und weniger anstrengend, als wenn ich jede Fliege einzeln erwischen müsste. In meiner Heimatstadt gibt es eine Straße, da liegen der Bäcker, der Metzger und der Bauernladen ganz nah beieinander. Beim Bäcker lachen mich die knusprigen Brötchen an, es duftet nach den unterschiedlichen  Broten und das  Auge erfreut sich am Anblick köstlicher Torten. Ähnlich beim Metzger, wo es fast nichts fertig abgepackt zu kaufen gibt: alles frisch aufgeschnitten und der verführerische Duft nach Frikadellen zieht durch den Laden. Und dann der Hofladen: Rotbackige Äpfel, grüne und braune Birnen,im Frühjahr Erdbeeren, im Sommer Kirschen, im Herbst Nüsse und Pflaumen, im Winter Grünkohl, Rotkohl und Wirsing.  Wenn ich in solchen Geschäften einkaufe, schlage ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die Kinder aus unserer Stadt finden hier Ausbildungsplätze, und die Erwachsenen haben ihre Arbeitsstelle. Durch meinen Einkauf trage ich dazu bei, dass das so bleibt.Die Lebensmittel, die ich vorfinde, haben in der Regel keine weiten Wege hinter sich - bis auf die Granatäpfel, die kommen aus Ägypten. Das schont die Umwelt in Bezug auf die Transportkosten. Das Fleisch stammt von Tieren aus der Umgebung und die Eier von glücklichen Hühnern, die auf Wiesen leben, nicht in einer Legebatterie. Mit meinem Einkaufskorb mache ich mehr als nur den Einkauf. Ich mache Politik. Ich erhalte Arbeits- und Ausbildungsplätze in meiner Heimat. Ich schone die Umwelt und fördere den Anbau einheimischer Produkte, nachhaltiges Wirtschaften, wie man das heute nennt. Die Menschen, die in solchen kleinen Betrieben arbeiten, bekommen in der Regel einen gerechten Lohn; dazu trage ich bei. Wenn ich jetzt auch noch Kaffee aus dem fairen Handel mitnehme, unterstütze ich sogar Menschen in den Entwicklungsländern. Meine Einkaufspolitik hat mit meinem Glauben zu tun. Denn ich glaube, dass es auch in der Wirtschaft gerecht und fair zugehen muss. Ich bin sicher, dass wir mit einer solchen Einkaufspolitik mit der Natur und den Menschen besser umgehen. Aber ich weiß natürlich auch: Ich bin gelegentlich zu bequem, so einzukaufen, und manchmal ist es mir zu teuer. Und so geht es anderen auch. Ich weiß: Ich muss nicht jeden Tag mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Aber gern immer mal wieder.

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Da lacht er wieder: mein innerer Schweinehund. Der Wecker hat schon zweimal geschellt, aber ich dreh mich auf die andere Seite und lausche noch den Vögelnund zögere den Moment heraus, wo ich mich wirklich aus dem warmen Bett lösen muss. Der Schweinehund lacht auch, wenn ich mir vorgenommen hatte, nach der Arbeit schwimmen zu gehen und dann doch eine Ausrede finde, mich auf die Couch zu legen und ein Stündchen zu telefonieren. Soziale Kontakte sind auch wichtig, sage ich. Der Schweinehund grinst. Und wenn im Stadtverkehr mal wieder ein junger, sportlicher Mensch auf einen Rollstuhlfahrerparkplatz fährt und ich wieder mal den Mund nicht aufmache, dann denkt sich der Schweinehund sein Teil. Und ich schäme mich. Wollte etwas mehr Zivilcourage zeigen und hab doch wieder geschwiegen. Der Schweinehund ist stark. Er besiegt mich öfters. Es gibt aber ein Gegenmittel, das hab ich erstaunlicherweise aus der Bibel. Dort steht über Jesus geschrieben: Er ging nach seiner Gewohnheit in die Synagoge. Nach seiner Gewohnheit. Nicht, weil es ihn da besonders hingezogen hätte. Nicht, weil er riesige Lust dazu hatte. Nicht, weil ein toller Gottesdienst angekündigt war. Nein: er ging nach seiner Gewohnheit. Die Gewohnheit ist stärker als der Schweinehund. Wenn der Schweinehund sagt: bleib doch liegen - dann kann ich trotzdem aus Gewohnheit aufstehen und zur Arbeit gehen. Oder zum Sport. Oder zum Blut spenden. Oder auch zum Gottesdienst. Wenn der Schweinehund sagt: Setz dich nicht in die Nesseln, halt dich da raus, das geht dich nichts an, dann kann ich mir angewöhnen, immer etwas zu sagen, wenn jemand den Rollifahrern den Parkplatz wegnimmt. Eine kleine Mutprobe, immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt - was kann mir schon passieren ?Aus Gewohnheit mach ich den Mund auf, weil ich es immer so mache. Anfangs erscheint der Schweinehundwie eine riesige, unbezwingliche Bestie. Mit jedem gewohnheitsmäßigen Handeln meinerseits wird er kleiner. Wenn er dann so klein ist wie ein Schoßhündchen,dann gebe ich ihm auch mal nach und bleib liegen. Aber nur einmal, damit das nicht zur Gewohnheit wird. Nur, um dem Schweinehund eine Freude zu machen.

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„Mein Gott!" sag ich, wenn's auf der Straße mal nicht weiter geht oder wenn die Bahn wieder mal Verspätung hat. „Mein Gott!", wenn sich mal wieder jemand künstlich aufregt und aus einer Mücke einen Elefanten macht.
Und dann sag ich auch „Gott sei Dank!" wenn dann doch der Verkehr rollt und der Bummelzug in den Bahnhof einbiegt. „Gott sei Dank!", wenn mal jemand fünfe gerade sein lässt und nicht alles so eng sieht.
„Mein Gott!" und „Gott sei Dank!" gehen mir leicht über die Lippen. Aber das sind mehr als nur Floskeln. Dass ich »Gott« sagen kann, dass ich »Gott« denken kann, weist auf mehr hin. Anselm von Canterbury, einer der größten Theologen des Mittelalters, war sich sicher: Wer in der Lage ist, Gott zu sagen oder zu denken, der liefert einen Beweis, dass es diesen Gott auch gibt. „Gottesbeweis" heißt das in der Philosophie- und Theologiegeschichte. Gott beweisen, mag man denken, wer lässt sich denn so was einfallen?
Anselm ist allerdings alles andere als ein Spinner. Er ist ein Theologe, der auf die Vernunft setzt. „Ich glaube, um zu erkennen" ist sein bekanntester Satz. Der Glaube ist dazu da, mehr zu sehen, zu erkennen, zu verstehen. Und der Gottesbeweis hilft, Gott zu verstehen. Der Gedankengang ist gar nicht so schwer: Anselm weist Gottes Existenz damit nach, dass der Mensch in der Lage ist, überhaupt Gott zu denken. Gott wird im Mittelalter definiert als ein Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Und tatsächlich, das zeigt Anselm, lässt sich über Gott hinaus nichts Vollkommeneres denken.
Ein echter Beweis, das können wir heute sagen, ist das nicht. Viele Autoren sprechen deshalb auch vom »Gottesaufweis«. Allerdings kommen sie auch nicht daran vorbei, dass das Reden von Gott ein menschliches Reden ist. Und das heißt: Ein beschränktes Reden. Ein Reden, dass sich auf Erfahrungen bezieht, die wir machen. Wenn wir also Gott erfahren, von Gott sprechen oder auch nur »Gott sei Dank!« sagen, heißt das noch lange nicht, dass dieser Gott auch wirklich existiert.
Aber bis heute stellt uns Anselm, dessen Gedenktag heute die christlichen Kirchen feiern,  mit seinem Gottesbeweis eine Aufgabe: Uns mit diesem Gott auseinanderzusetzen, weil wir ihn denken können.

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Es ist mit Sicherheit das geheimnisvollste Tuch der Weltgeschichte: Das Grabtuch von Turin. Und bis Anfang Mai werden es fast zwei Millionen Menschen im Turiner Dom bestaunen. Selbst der Papst wird in Norditalien erwartet. Dabei gibt's ehrlich gesagt gar nicht so viel zu sehen. Ein über vier Meter langes Leinentuch, einen guten Meter breit. Darauf zeichnen sich schwach die Umrisse eines Mannes ab. Er liegt. Der Körper scheint verletzt. Dunkle Flecken werden von vielen als Blutspuren gedeutet. Andere behaupten, der Mann sei gekreuzigt worden.
Nicht wenige Menschen glauben deshalb: Das ist das Grabtuch Jesu. Das Tuch, in dem Jesus nach seiner Kreuzigung beerdigt wurde. Aber: Vieles spricht dagegen. Das Tuch taucht erst im Mittelalter auf, über tausend Jahre nach dem Tod Jesu. Und die Art, wie der Mensch auf dem Leintuch erscheint, zeigt keine realistische Abbildung. Denn wenn man einen Menschen in ein Tuch wickeln würde, dann würde etwa das Gesicht völlig anders abgebildet. Umfangreiche Tests ergaben außerdem, dass das Tuch aus dem 13. Jahrhundert stammt. Aber das ist - wie so vieles an dem Tuch - umstritten.
Ich finde die Diskussion um das Tuch spannend. Klar will ich gerne wissen, was es mit dem seltsamen Bild auf sich hat. Und zu wissen: So hat Jesus ausgesehen - das hat was. Aber für meinen Glauben ist es völlig unwichtig, ob nun Jesus in dem Tuch gelegen hat oder ob irgendein findiger mittelalterlicher Maler dafür verantwortlich ist. Jesus, das weiß ich, ist eine historische Gestalt. Er hat gelebt und ist hingerichtet worden. Und mehr kann mir das Tuch beim besten Willen auch nicht sagen. Aber es kann doch eins deutlich machen: Auf dem Tuch sehe ich einen geschundenen, gequälten Menschen. Einen Mensch im Leid. Und das Tuch selbst unterstreicht das noch einmal. Denn der Leinenlappen hat ja selbst vieles durchgemacht: Er wurde durch viele Länder geschleppt, hat Brand- und Löschwasserflecken davongetragen. Auch das Tuch selbst ist geschunden.
Mir macht das deutlich: der christliche Glaube an Jesus ist kein Schönwetterglaube. Hat nicht nur mit heiler Welt und Orgelmusik und feierlicher Prozession zu tun. Sondern eben auch mit Leid und Schmerz. Und wenn das Grabtuch von Turin an diesen zentralen Aspekt des Glaubens erinnert, dann ist schon viel erreicht.

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das damals eine Sensation. Weißer Rauch steigt aus dem Vatikan. Und dann tritt er auf den Balkon am Petersplatz: Joseph Ratzinger. Der erste deutschstämmige Papst seit fast 500 Jahren. »Wir sind Papst« titelt eine Zeitung und viele Deutsche haben tatsächlich dieses Papst-Gefühl.
Und es stellen sich Hoffnungen ein. Dass dieser Papst etwas bewegen kann. Zum Beispiel in Sachen Ökumene. Schließlich kommt Benedikt aus dem Land Martin Luthers. Oder dass viele alte Zöpfe in der Kirche endlich abgeschnitten werden. Schließlich gehört Ratzinger zu den bekanntesten Theologen in Deutschland.
Seit fünf Jahren steht Benedikt XVI. als 263. Nachfolger des Petrus der römisch-katholischen Kirche vor. Und ernüchtert stellen viele fest: Der weiße Rauch aus dem Vatikan ist schon lange verweht und mit ihm viele Hoffnungen. Selbst für viele Katholiken steht Benedikt XVI. für einen problematischen Kirchenkurs. Nach dem weltoffenen polnischen Papst Johannes Paul II. wirkt Benedikt seltsam distanziert. Die Kirche scheint sich unter ihm abzuschotten. Von einer Auseinandersetzung mit der Welt ist nicht viel zu spüren. Statt den Glauben mit einer modernen Welt zusammenzubringen, wird der alten tridentinischen Messe Platz gemacht. Statt Dialog mit Konfessionen und Religionen sorgt der Papst für Konflikte mit Protestanten und Muslimen. Und schließlich hinterlässt der Missbrauchsskandal in der Kirche seine Spuren auch bei Joseph Ratzinger. Sogar unter den Katholiken vertrauen nur noch ein gutes Drittel dem Papst.
Von »Wir sind Papst« ist nach fünf Jahren Benedikt nicht mehr viel zu spüren. Manche mögen das bedauern. Ich finde das gut. Endlich lässt sich nüchtern über Papst und Papstamt sprechen. Der Papst ist nicht automatisch ein Heiliger. Und sein Amt macht aus einem Menschen noch lange keinen Gott. Der Papst, das lernen wir gerade durch diesen deutschen Papst, ist eben auch nur ein Mensch. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, ein Mensch, der viel leistet, aber sich eben auch Fehler leistet. Und dadurch wird, das hoffe ich, auch wieder der Blick frei auf das, worum es eigentlich geht, wenn wir über Papst und Kirche sprechen. Eigentlich geht es um den Glauben. Und die Frage, wie ich selbst diesen Glauben leben kann. Wie ich dieser unglaublichen Botschaft des Jesus von Nazareth eine Gestalt geben kann, der Botschaft, dass Gott den Menschen nahe ist. Das kann mir kein Papst abnehmen. Sondern ich selbst bin da gefordert.

 

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