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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Mir zittern richtig die Knie." Mehr brachte die neue Sekretärin nicht heraus, als ich ihr sagen durfte: Das Bewerbungsgespräch ist toll gelaufen - Sie haben die Stelle! „Mir zittern richtig die Knie", sagte sie. Unsere Zusage hat sie voll getroffen - sogar ihr Körper reagiert auf die Nachricht.
Zitternde Knie, die kenne ich auch gut. Mir haben sie gezittert, als ich an Fastnacht einen Auftritt hatte, als ich meinen ersten Arbeitstag an der neuen Schule hatte, als der Umzugswagen in unseren Hof einbog, um die gepackten Kisten abzuholen. Und als ich beim Rückwärtsfahren mit dem geliehenen Auto den Abstand falsch eingeschätzt habe. Schwierige, schöne, aber auch unfassbare Momente, die mir nahe gehen - da zittern die Knie. Das alles sind Situationen, die mich voll und ganz fordern und die offen lassen, wie es weitergeht, ob ich dem Ganzen gewachsen bin. Und ob ich will oder nicht: Da stehe ich  im Mittelpunkt. Da muss ich durch!
Ich gebe zu: Ich drücke mich gerne vor solchen Situationen - wenn es eben geht.  Aber manchmal kann ich mir auch nicht aussuchen, was passiert. Es geschieht einfach und dann bin ich gefragt - und muss mit meinen zitternden Knien klarkommen. Für mich gilt dann: Erst mal tief durchatmen! Oft hilft mir auch ein kurzes Stoßgebet, um die Ruhe zu bewahren.
Und dann erfahre ich auch immer wieder: Nehme ich eine neue Situation oder eine ergreifende Nachricht an und lass mich treffen von den Gefühlen, die sie auslösen, darf ich spüren: Ich zittere, aber ich falle deshalb noch lange nicht um. Ich erlebe: Ich bin auch an manchen Herausforderungen gewachsen, hab durchgehalten. Manchmal entdecke ich sogar ganz neue Seiten an mir. Das Zittern kann weichen! Nur Mut!

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Ich muss immer wieder zum Augenarzt. Er  kontrolliert, ob die Brillengläser die optimale Stärke haben. Er überprüft die Sehschärfe und stellt die Gläser neu ein. Manches Detail kann ich anschließend klarer erkennen. Mein Blick wird geschärft. Ebenso wichtig wie der Besuch beim Augenarzt kann es sein, gelegentlich einige Sichtweisen zu überprüfen. Zugegeben, das ist anstrengender als viel Zeit im Wartezimmer des Arztes zu verbringen und einige lästige Sehübungen zu machen. Wenn ich meine Sichtweise zu einem Thema, zu einem Streit  oder zu einer Situation überprüfe, muss ich andere Meinungen zulassen und bedenken. Ich muss kritisch prüfen, ob ich die Dinge tatsächlich so klar sehe oder ob sich bei genauem Hinschauen eine andere Sicht der Dinge ergibt.
Vielleicht habe ich mich nur auf das verlassen, was ich beim flüchtigen Hinsehen mitbekommen habe. Das Problem mit dem Nachbarn könnte sich verändern, wenn ich meinen Garten aus seiner Sicht betrachte. Vielleicht hat er recht und ich muss doch ein paar Sträucher zurückschneiden. Und vielleicht verstehe ich den Wunsch der Kinder besser, wenn ich versuche, mit ihren Augen ihre Bitte zu prüfen; zu schauen, welche Bedürfnisse haben meine Kinder zu recht.
Wenn ich mich bemühe, genau hinzusehen, kann ich entdecken, wo meine Ansicht einseitig ist, wo ich vielleicht zu sehr meinen Vorteil, meine Gewohnheit im Blick habe. Oder wo ich wichtige Details übersehen habe.
Manchmal krieg ich die Kurve und komme von alleine auf eine neue Sichtweise;  manchmal helfen mir aber auch andere, eine Situation klarer zu sehen, meinen trüben Blick zu schärfen oder auch die Blickrichtung zu ändern.
Und ich erlebe immer wieder: Es hilft mir, wenn andere mir auch mal klipp und klar sagen: „Da liegst du mit deiner Einstellung daneben. Das siehst du falsch!" Klar, das höre ich nicht so gern. Sorgt aber für eine klare Sicht!

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Eine junge Frau kniet am Boden, in der Hand hält sie einen Putzlappen, neben ihr steht ein Eimer mit Wasser. Eine Tür wird geöffnet, Licht dringt ins Zimmer. Die Frau blickt auf und unterbricht ihre Arbeit.
»Verkündigung an Maria« nennt die Künstlerin Beate Heinen dieses Bild. Und so heißt auch das Fest, das die Kirche heute, genau neun Monate vor Weihnachten, feiert. Sie erinnert damit an die biblische Geschichte, in der ein Engel zu Maria kommt und ihr mitteilt, dass sie ein Kind erwartet.
Das Bild fängt diesen Augenblick ein. Die Nachricht des Engels trifft Maria mitten im Alltag: sie putzt und kümmert sich um das Zuhause. Und ich vermute: In ihren Träumen und Plänen kömmt eine so plötzliche Schwangerschaft nicht vor. Sie ist jung und unverheiratet, da träumt man noch anders. Und dann das! Völlig unerwartet, aus heiterem Himmel, wird ihr Lebensentwurf gestört, ihr Alltag unterbrochen.
Die Botschaft des Engels heißt: Lass dich auf Neues ein! Und so einen Engel kann ich auch heute noch treffen, mitten in meinem Alltag. Er sagt zu mir: „Durch dich soll etwas Neues beginnen!" Zum Beispiel, wenn es am Arbeitsplatz um neue Ideen und  Projekte geht, wenn ungewohnte Wege gegangen werden sollen oder wenn der Alltag durch unangemeldete Vorhaben unterbrochen wird. Ja, dann könnte die Botschaft lauten: Durch dich soll etwas Neues beginnen!
Gerne wehre ich mich erst mal gegen große Veränderungen; Neues gehe ich meist kritisch und zaghaft an. Aber ich erfahre auch: es lohnt sich, zu fragen: was muss ich lernen, um das Neue zu bewältigen, um etwas Neues anzufangen. Was kann sich eröffnen? Was kann lebendiger werden?
Der Engel ermutigt Maria mit den Worten: Fürchte dich nicht! Fürchte dich nicht vor dem, was durch dich leben will und neu beginnen soll.
Im Hintergrund des Bildes malt die Künstlerin den Blick aus einem Fenster. Ein Baumstumpf ist zu sehen, aus dem ein zarter, grüner Zweig wächst. Diese  Aussicht ist viel versprechend. Ein  neuer Zweig darf wachsen; neues Leben setzt sich durch. Ein neuer Anfang  mitten im Alltag. Wer weiß, welch großartige Veränderung heute beginnt!

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„Das Fest der Faulenzer ist nun vorbei." - diesen Satz schleudert der Prophet Amos der Oberschicht im Volk Israel entgegen (Am 6, 7). Er liest den Reichen die Leviten: Sie lassen es sich gut gehen und führen ein Leben im Luxus. Sie kreisen um sich selbst. Noch dazu leben sie auf Kosten der einfachen Leute: Sie unterdrücken sie und beuten sie aus. Den Armen geschieht Unrecht; nicht einmal vor Gericht bekommen die Schwachen das, was ihnen zusteht. All das ist gegen Gottes Gebot. Und deshalb kündigt der Prophet der Führungsschicht des Landes an, dass Gott sie jetzt zur Rechenschaft ziehen wird. Es wird bald aus sein mit ihrem verantwortungslosen Lotterleben.
„Das Fest der Faulenzer ist nun vorbei." - Amos macht deutlich, dass der Reichtum Menschen negativ verändern und egoistisch machen kann. Deshalb sagt Jesus in der Bergpredigt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt 6, 24). Aber man kann Besitz und Vermögen sehr wohl im Sinne Gottes gebrauchen. Dafür ist Solidarität grundlegend wichtig. „Eigentum verpflichtet" sagt die katholische Soziallehre. Wer mehr hat, hat auch eine größere Verpflichtung. Er kann mehr zum Gemeinwohl, zum Wohl der Gesellschaft beitragen.
Solidarität ist eine Grundhaltung, die den Schwächeren im Blick hat, den, der benachteiligt ist, den, der weniger leistungsfähig ist. Solidarität ist eine Grundhaltung, die eine gerechtere Verteilung der Lebenschancen in unserer Gesellschaft zum Ziel hat, das Wohl aller. Damit verträgt es sich zum Beispiel nicht, wenn Vermögende alle möglichen Steuerschlupflöcher ausnutzen oder gar mit Hilfe von Steueroasen das Gemeinwohl kriminell schädigen. Gottseidank gibt es auch positive Beispiele: Die Bankdirektorin, die mit viel Engagement und Geld ein Hilfsprojekt unterstützt. Der Freundeskreis „X %", dessen Mitglieder einige Prozente ihres Einkommens für eine Landwirtschaftsschule in Brasilien spenden. Prominente, die ihren Namen und ihr Geld geben für Menschen, die es nötiger haben als sie selbst.
Wer mehr hat und mehr leisten kann als andere, der hat auch eine entsprechende Verantwortung für die Gesellschaft im Ganzen. Damit unsere Gesellschaft weiter zusammenhält, brauchen wir einen neuen Geist der Solidarität.

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Gleich gibt's wieder Nachrichten. Viele sind gespannt darauf. Wir wollen ja Bescheid wissen und mitreden können. Die Nachrichten halten uns auf dem Laufenden. Sie bringen das, was gerade passiert ist. Sie lenken die öffentliche Aufmerksamkeit auf das, was anders ist als erwartet, anders, als es sich gehört. Nachrichten lenken den Blick auch auf Spektakuläres, auf Unfälle, Katastrophen und auf Verbrechen.Das ist wichtig, zumal es die Menschen interessiert. Aber eine Gefahr ist dabei: Nur das, was die Nachrichten und die Zeitungen bringen, wird wahrgenommen. Alles andere gibt es nicht. Und da nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, verstärken sie oftmals das Negative; das, was gut läuft, kommt nicht in den Blick.
Ein Beispiel: Tausende arbeiten täglich dafür, dass bei der Eisenbahn alles möglichst reibungslos läuft. Wenn das klappt, ist das keine Meldung wert. Wenn die Züge sich aber wegen eines Wintereinbruchs erheblich verspäten, dann kommt die Bahn in die Schlagzeilen.
So ist es auch bei vielem anderen: Ein Politiker, der Geld unterschlägt, der fremd geht, der hat die öffentliche Aufmerksamkeit; ein Politiker, der still und redlich seine Arbeit tut, kommt in den Medien nicht vor. Es wird keine Notiz davon genommen, solange alles so ist, wie es sein sollte, solange alles gut läuft. Weil das selbstverständlich ist, allzu selbstverständlich.
Deshalb hätte ich einen Vorschlag. Die Fastenzeit dient ja dazu, dass wir mal aus gewohnten Bahnen herauskommen. Auch aus den eingeschliffenen Bahnen unserer Wahrnehmung, wie wir unsere Welt sehen. Mein Vorschlag: Lenken Sie Ihren Blick einmal bewusst auf all das, was scheinbar so selbstverständlich ist, auf all das, was gut geht. Nehmen sie einmal bewusst all die Menschen wahr, die unauffällig ihren Dienst tun, die einfach dafür sorgen, dass das Leben gut weiter geht. Die vielen Menschen, die das für unseren Alltag Notwendige gewährleisten, die Bäcker, die Mitarbeiter in den Elektrizitätswerken, in den Krankenhäusern und sonstwo. Richten Sie Ihre innere Aufmerksamkeit einmal auf die Mitmenschen, die still und ungenannt viel Gutes tun, in ihrem Beruf, in den Familien, in ehrenamtlichen Diensten. All diese Menschen sind für unsere Gesellschaft vielleicht wichtiger als diejenigen, denen die Schlagzeilen gewidmet werden.

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„Soll man sich im Gesicht liften lassen oder nicht?" Das Thema war vor kurzen eine Talkshow wert. „Anti-Aging" ist derzeit in. Das englische Wort „Aging" heißt Altwerden. Bei Anti-Aging wird alles Mögliche versucht, um das Altern zu vermeiden. Und wenn es dann doch kommt, dann soll man es zumindest nicht so merken.
„Alter bringt Gewinn." sagt dagegen Ursula Lehr. Sie ist Deutschlands bedeutendste Altersforscherin - und inzwischen selbst 78 Jahre alt. Sie sagt: „Ich könnte hochgehen, wenn ich die Anti-Aging-Kampagnen sehe. Dass wir älter werden, daran können wir doch nichts ändern. Wie wir älter werden, darauf kommt's an. Deshalb bin ich für Pro-Aging: Ja sagen zum Älterwerden, und das Beste daraus machen."
„Alter bringt Gewinn." Das erlebe ich derzeit bei meinem Vater. Er ist 82 Jahre alt. Letztes Jahr begann für ihn nochmals ein neuer Lebensabschnitt. Nach 55 gemeinsamen Jahren in Ehe und Familie ist unsre Mutter gestorben. Nun ist unser Vater allein im Haus. Ich bewundere ihn, wie er sich auf die neue Lebenssituation eingestellt hat. Er hat Kochen gelernt, hat mit 82 den ersten Kuchen seines Lebens gebacken.
Und er geht weise mit seinem Älterwerden um. Körperlich ist er noch rüstig, aber er reißt keine Bäume mehr aus, sondern teilt seine Kräfte gut ein.
Er mutet sich auch sonst nicht zuviel zu. Er weiß, was ihm im Alter gut tut, und darauf konzentriert er sich. Weit fortfahren oder Urlaub braucht er nicht mehr. Sein Haus und der Garten sind ihm wichtig, die Verwandten und seine Freunde. Und der tägliche Gang zum Friedhof, zum Grab unserer Mutter.
Seine Welt ist kleiner als früher geworden, aber darin lebt er intensiv. Er nimmt regen Anteil an dem, was passiert. Und er ist uns, seinen Kindern und Enkeln, innerlich nahe. Wir profitieren viel von ihm, von seiner Lebenserfahrung. Wenn ich ihn besuche, sitze ich oft abends mit ihm vor dem Kamin im Wohnzimmer und erzähle aus meinem Alltag. Und jedes Mal erlebe ich es als einen großen Gewinn, was er in seiner Altersweisheit dazu zu sagen hat - abgeklärt und gelassen, mit einem tiefen Gottvertrauen.
So möchte ich auch einmal alt werden. Es stimmt: Alter bringt Gewinn. 

Die Zitate von Ursula Lehr stammen aus dem Interview „Alter bringt Gewinn", das „Die Rheinpfalz am Sonntag" in ihrer Ausgabe vom 5. April 2009 auf Seite 3 veröffentlicht hat.

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