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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“, sagt Jesus.
Ich finde das ganz schön schwer.
Streng genommen urteile ich ständig über andere: über die Angewohnheiten meines Nachbarn, über die Fahrweise meines Kollegen, über die Lebensweise meiner Bekannten. Selbst Fremde, dir mir über den Weg laufen, entgehen meinem Urteil nicht, und sei`s nur über ihre Kleidung.
Und wenn ich ehrlich bin: ich habe auch meine Lust daran. Beim Frisör, beispielsweise, lese ich mit dem größten Vergnügen die Boulevardblätter. Und die bestehen ja bekanntlich nur so aus Klatsch und Tratsch und übler Nachrede.
Warum ist das so?
Das tut erstmal gut, weil man ja dann immer auf der guten Seite steht. Das ist, wie wenn man sich selber wohlwollend auf die Schulter klopft und zu sich sagt: „Nur gut, dass du nicht so bist wie die anderen.“
Aber Jesus sagt: „Mit genau dem Maßstab, den du an deine Mitmenschen anlegst, wirst du auch gemessen werden.“
Und dann wird´s ungemütlich.
Denn dann zählt mit einem mal nicht nur, wie oft mein Kollege mit seinem Auto die Luft verschmutzt hat, wo er doch genauso gut zu Fuß hätte gehen können. Dann zählt plötzlich auch, wie oft ich schon in ein Flugzeug gestiegen bin, nur um in den Urlaub zu fliegen.
Ich höre mich noch sagen: „Also Brot wegwerfen, das geht überhaupt nicht!“, und denke dabei an jemand ganz bestimmten. Und plötzlich fällt mir ein, wie ich zwei Tage zuvor das halbe Mittagessen weggeworfen habe, nur weil es nicht geschmeckt hat.
Und so weiter, und so weiter.
Mir wird ganz schwindelig, wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, wo ich meine Mitmenschen um Längen übertreffe. Und zwar haargenau an den Stellen, an denen ich mich über andere aufrege.
Deshalb rät uns Jesus auch, erstmal den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen, bevor wir uns mit dem Splitter im Auge des Nächsten befassen.
Das ist sehr lebensnah. Und gleich sehe ich meine Mitmenschen auch in einem ganz anderen, viel freundlicherem Licht. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7548
In Berlin ist mir das besonders unangenehm aufgefallen: An jeder Ecke wird man angebettelt! Man kann dem gar nicht entgehen. Und richtig aggressiv geht das teilweise zu. Da steigt ein abgehalfterter Amerikaner mit seiner Gitarre in die U-Bahn, singt ungefragt ein paar Strophen runter und meint, jetzt habe er ein Anrecht auf Bezahlung. Diejenigen, die ihn leer ausgehen lassen, werden wüst von ihm beschimpft.
Nichts geben wird da fast schon zur Mutprobe.
Mir geht das auf die Nerven: Wenn ich was gebe, dann will ich das aus freien Stücken tun. Ich will nichts geben, nur um jemanden loszuwerden; ich will nicht genötigt werden.
„Bittet, so wir euch wird gegeben“, sagt Jesus.
Und das macht den Unterschied: Wenn jemand bittet, soll er vertrauen und dem Anderen die Freiheit lassen, auch „nein“ zu sagen. Und wenn ihm das gelingt, wenn er dem Anderen die Freiheit lässt, dann bekommt er auch, um was er bittet.
Und auch das habe ich in Berlin erlebt:
Wir laufen nachts durch irgendwelche U-Bahngänge, und dann durch so eine Unterführung, alles ziemlich einsam und düster. Da sitzen zwei Männer auf dem Boden, ein paar Flaschen Bier um sich rum. Der eine hält seinen Hut hoch, als er uns sieht. „Habt Ihr `n bisschen Geld übrig?“
Wir gehen eilig an ihnen vorbei, ohne sie weiter zu beachten.
Da höre ich ihn ganz freundlich hinter uns her sagen:
„Wünsche euch trotzdem einen schönen Abend!“
Einen Moment hat es gedauert, dann blieb ich stehen. Ich konnte gar nicht anders: ich musste umkehren und ihm was geben. Und ich habe es richtig gern getan. Denn dieser Mann hat mich überrascht. Er hat unsere Abweisung akzeptiert. Und er ist freundlich geblieben, obwohl wir seine Bitte nicht einmal beachtet haben.
„Bittet, so wir euch wird gegeben.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=7547
„Suchet, so werdet ihr finden“, sagt Jesus. Wir werden also finden, wonach wir suchen, meint Jesus. Manchmal sogar auf ganz wundersame Weise.
Ich werde nie vergessen, wie mich diese junge Frau ansah. Ich hielt einen Gottesdienst im Krankenhaus. Unentwegt sah sie mich an, als ob es nicht nur Worte wären, die ich sprach, sondern als ginge auch eine geheime Kraft von meinen Worten aus. Ich hatte keine Ahnung, was die junge Frau genau angesprochen hat, aber sie sah aus, als hätte sie eine Erleuchtung gehabt.
Ich kann das nur schwer erklären, aber so hat mich noch nie jemand angesehen.
Jedenfalls, einige Wochen später wurde ich von der Stationsleitung wegen dieses Gottesdienstes gesucht. Ich hielt damals nur selten in diesem Krankenhaus Gottesdienst, deshalb war es gar nicht so einfach, meinen Namen rauszubekommen und mich zu finden. Es dauerte ganze zwei Tage.
„Sie müssen schnell kommen“, sagte die Stationsschwester. „Da liegt eine junge Frau im Sterben und sie wollte Sie noch unbedingt sprechen.“
Ich kam zu spät. Sie war schon entrückt, ganz weit entfernt von uns. Und doch: für einen winzigen Augenblick hat sie mich angesehen. Sie wusste, dass ich gekommen bin.
Ihr Mann erzählte mir, sie habe unbedingt in diesen Gottesdienst gehen wollen. Wie getrieben sei wie gewesen: Sie habe dahin gemusst, egal wie.
Danach hätte sie immer wieder davon gesprochen, auch zu den Schwestern. Später kam auch der Wunsch auf, mit mir zu sprechen. Und er wurde immer dringlicher, bis es dann zu spät war, leider. Dennoch habe ich eine Ahnung, was sie mir sagen wollte.
Sie hatte verzweifelt nach etwas gesucht und sie hat es in diesem Gottesdienst gefunden. Es muss dort etwas geschehen sein, das ich mir nur so erklären kann:
Gott hat durch mich zu ihr gesprochen.
Nach dem Gottesdienst sei sie verändert gewesen, sagte ihr Mann. Sie hätte wieder Hoffnung gehabt. Sie hatte Hoffnung, dass dieses Leben für sie weitergeht. Heute bin ich überzeugt: sie hatte plötzlich Hoffnung auf Leben, egal wie es ausgeht.
„Suchet, und ihr werdet finden“, sagt Jesus. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7546
„Klopfet an, so wird euch aufgetan“, sagt Jesus. (Mt 7,7)
Das ist eine direkte Aufforderung an uns: Wenn wir etwas von Gott wollen, sollen wir uns auch bemerkbar machen. Im richtigen Leben schaffen wir das doch auch. In der Not klopft man sogar bei Wildfremden an.
Wie der junge Mann in den Vorweihnachtstagen. Es war schon dunkel, es schneite wie wild und ich hatte keine Ahnung, wer da an unsere Haustür klopfen könnte. Deshalb lugte ich erstmal vorsichtig durch das Fenster. Da stand er und irgendetwas an seiner Haltung verriet, dass er Hilfe brauchte.
Sollte ich ihm wirklich aufmachen? Man weiß ja nie…
Aber irgendwie war ich sicher: der ist harmlos. Er sah aus wie ein armer Student; wie mein Sohn. Also machte ich auf.
„Tut mir leid, dass ich störe“, sagte der junge Mann atemlos, „aber ich hatte einen Unfall und mein Handy ist leer…“
„Kommen Sie erstmal rein“, sagte ich. Er klopfte sich den Schnee von der Jacke und zog sich brav die Schuhe aus.
„Ich bin ins Schleudern geraten“, erzählte er „und dann gegen die Leitplanke und zurück. Ich glaube, die Achse ist gebrochen…“ Er folgte mir in die Küche und ließ den Kopf hängen. „Was mache ich jetzt bloß? Ich wollte doch nur zu meiner Freundin fahren.“
„Ich hole Ihnen ein Telefon und Sie rufen einen Abschleppdienst an. Und Ihre Freundin, oder Eltern… Und ich mache uns einen heißen Tee.“
Er telefonierte in alle Richtungen und klang ziemlich verzweifelt. Allmählich dämmerte ihm, dass er sein Unglück selbst verschuldet hatte – bei dem Wetter mit Sommerreifen! Junge Liebe ist so unvernünftig! Nur gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist.
Er war schon lange gegangen, da stand ich immer noch mit meiner Tasse Tee in der Hand und betrachtete die Pfütze, die er auf dem Küchenboden hinterlassen hatte.
„Klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Es ist zwar auch nicht grad vernünftig, einen Wildfremden hineinzulassen. Aber Jesus hat recht: Es geschieht etwas, wenn man anklopft. Es hat eine Wirkung.
Und: Wenn ich einem Menschen aufmache, den ich nicht einmal kenne, um wie viel mehr wird Gott da aufmachen, der uns Menschen liebt? https://www.kirche-im-swr.de/?m=7545
„Warum lässt Gott das zu?“, werde ich oft gefragt. Ich bin dann immer etwas sprachlos, denn darauf weiß ich keine Antwort.
Mir scheint aber auch die Frage falsch.
„Warum lässt Gott das zu?“ Wer so fragt, geht davon aus, dass wir Gottes Beweggründe verstehen könnten - auf „Augenhöhe“ - wie man so schön sagt. Und genau das ist unmöglich.
In der Bibel sagt Gott: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken. Und eure Wege sind nicht meine Wege. Sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken.“ Jes 55,8f.
Zwischen uns Menschen und Gott ist also ein himmelweiter Unterschied. Wir hier haben einen begrenzten Horizont. Wir können nicht verstehen, was größer ist, als wir selbst. Eine Ameise versteht ja auch nicht, was in einem Menschen vor sich geht.
Gott ist unergründlich. Wir kommen ihm durch geistige Anstrengungen vielleicht näher, aber ganz verstehen werden wir ihn nie. Wie kann man damit klarkommen? Vor allem, wenn man ganz schlimme Dinge erlebt hat?
Es gibt nur einen Weg zu Gott - und den hat Gott uns selbst gezeigt: Wir können Gott nur näher kommen, wenn wir ihm vertrauen. Von Anfang an hat Gott immer und immer wieder darum geworben, dass wir Menschen ihm mehr vertrauen sollen als unseren eigenen Kräften.
Dazu ist Gott so weit gegangen, als Mensch unter uns Menschen zu leben. In diesem Menschen Jesus Christus hat Gott uns gezeigt, dass seine Liebe viel größer ist als alle menschliche Bosheit. Gott meint es gut mit uns; selbst mit solchen, die in unseren Augen die Hölle verdienen.
Gott vertrauen – das heißt für mich: ich brauche keine Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ Ich vertraue darauf, dass alles, was mich quält und mir so sinnlos erscheint, gut aufgehoben ist bei ihm. Gott allein weiß die Antwort auf die Frage, warum. Und irgendwann, da bin ich mir sicher, werden wir alle verstehen – und zwar dann, wenn Gott es so will. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7544
Schweigend saß der alte Indianer mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel.
Nach einer langen Weile sagte der Alte: „Manchmal fühle ich mich, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
„Welcher von den beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen“, fragte der Junge, „der rachsüchtige, grausame Wolf oder der liebevolle?“
„Der, den ich füttere“, antwortete der Alte.
Mir sind diese beiden Wölfe im Herzen sehr vertraut. Sie gehören zu mir, ob ich nun will oder nicht. Aber ich bin ihnen nicht machtlos ausgeliefert. Ich ent-scheide, wer gewinnt.
Es gibt Situationen, da kann ich mich so richtig in meinen Ärger reinsteigern: „Freund Soundso lässt auch nur von sich hören, wenn er was von mir will! Mal braucht er die Bierzeltgarnitur, weil er ein Gartenfest feiert – und bringt sie nicht zurück; ein anderes mal soll ich mir das Theater mit seiner neuen Stelle anhören; und jetzt will er auch noch medizinischen Rat, weil doch mein Mann Arzt ist. Aber wie es mir geht, danach fragt er nicht. Und an meinen Geburtstag hat er auch nicht gedacht…“
Das ist Futter für den rachsüchtigen Wolf. Und nach einer Weile fallen mir nur noch Sachen ein, die ich ihm am liebsten an den Kopf werfen möchte, so zornig werde ich bei diesen Gedanken!
Vergessen sind Situationen, in denen er mir ein guter Freund war:
Wie er mit mir für das Examen gelernt hat, und geduldig versucht hat, mir Dinge zu erklären, die einfach nicht in meinen Kopf wollten. Oder wie er auf meinen kleinen Sohn aufgepasst hat, als ich dringend weg musste. Oder was für eine gute Zeit wir schon miteinander hatten, mit abendfüllenden Gesprächen...
Bei diesen Gedanken spüre ich förmlich, wie der aggressive, grausame Wolf in meinem Herzen schrumpft. Und wie sich der liebevolle Wolf wohlig räkelt.
Welcher von den beiden den Kampf um mein Herz gewinnt?
Der, den ich füttere. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7543