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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP


Berlin- Schnee, Madrid- Sturm, Paris- Regen. Und die Frisur hält! An die Werbung für Haarspray muss ich immer denken, wenn meine Tochter mir erzählt, wo sie überall war. Amsterdam, London, Leipzig- als Musikerin reist sie in einer Woche schon mal quer durch Europa. Das ist sehr interessant. Aber auch anstrengend, meint sie. Na, Hauptsache, deine Frisur hält! albere ich rum. Und frage mich: was hält sie eigentlich? Wo ist sie zu Hause?

Wo sind sie zu Hause, die ständig so unterwegs sind? Es gibt ja Paare, die pendeln jahrelang zwischen zwei Wohnungen. Die haben ein Zuhause unter der Woche und eins fürs Wochenende. Wo sind die Väter zu Hause, die die meiste Zeit ihres Lebens nicht bei ihrer Familie und den Kindern verbringen, sondern in der Bahn, im Auto, in Hotels?
Wo ist man Zuhause? Jesus hat von sich gesagt: Der Fuchs hat Höhlen, der Vogel hat ein Nest, aber ich habe nichts, wohin ich mein Haupt legen kann.“ Jesus ist- in heutigen Maßstäben gemessen, nicht weit in der Welt herumgekommen. Aber ein Zuhause hat er auch nicht wirklich gehabt. Er war ständig unterwegs zu den Menschen.
Von Jesus habe ich gelernt: wenn du dich nicht erden kannst, dann mach dich am Himmel fest. Sei zuhause bei dir und sei zu Hause bei deinem Vater im Himmel.
Dann trägst du deine Heimat in dir- in deinem Herzen, in deinen Träumen und Zielen, in den Menschen, die du liebst. Wenn du dich nicht erden kannst, dann mach dich am Himmel fest. Dann bist du überall zu Haus. Dann hast du Heimat to go.
Und so ungefähr macht das auch meine Tochter, scheint mir. Als Musikerin findet sie Heimat in Fülle in der Musik und in den Menschen, die wie sie davon beseelt sind. Musik ist für sie ein Stück vom Himmel. Und so kommt sie immer ganz munter von ihren Reisen zurück. Ob Berlin, Madrid oder Paris. Gott hält sie. Da ist die Frisur nicht ganz so wichtig.

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Gott ist heruntergekommen vom Himmel. Das haben wir an Weihnachten gefeiert. Und deshalb ist er denen nah, die auch runtergekommen sind.
Zum Beispiel einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern. Weil sie mit denen nicht mehr klarkommt, ruft sie die Supernanny. Und Supernanny, die Diplompädagogin Katja Saalfrank, kommt, um ihr zu helfen. Und das Fernsehen kommt mit und alle können es sehen. Auch ich sehe, wie die Mutter zum Beispiel nackte Nudeln auf drei Plastikteller schüttet und Ketchup drüber gießt. Essen und Schnauze! Herrscht sie ihre drei Kinder an. Die sind erst 2,4 und 6 Jahre alt. Ziemlich verschüchtert stochern sie mit ihren Plastikgäbelchen in den Ketchupnudeln, während die Mutter rauchend vor dem Computer sitzt. Am Abend dann zerrt sie die Kinder irgendwann vom laufenden Fernseher weg, wirft sie auf ihre Betten und schreit: Ruhe jetzt.

Mir tut das körperlich weh, es anzusehen. Und ich ärgere mich, dass ich es trotzdem tue, ärgere mich über das Fernsehen, das mit dem Jammer noch Quote macht. Ärgere mich über diese unglaublich lieblose Mutter.
Aber Supernanny setzt sich neben sie. Erklärt ihr mit einer Engelsgeduld, dass es etwas mit ihr zu tun hat, dass die Kinder so schreien. Und wie sie es mal anders versuchen könnte. Irgendwann sitzen die beiden auf der Couch und schauen sich die Szenen an, die die Kamera festgehalten hat von ihr und den Kindern. Und darauf weint sie bitterlich und kann sich kaum noch beruhigen. So lieblos bin ich? Fragt sie. Und Supernanny nickt und schaut mit ihr weiter und nimmt sie dabei in den Arm. Am Ende sieht man eine ernste, viel älter wirkende Mutter. Sie will ihre Kinder vorübergehend in die Obhut anderer geben. Und selber erst mal gesund werden.
Ich weiß nicht, ob ich diese Geduld gehabt hätte. Aber Gott sei Dank gibt es immer wieder Menschen, die es machen wie Gott: die runterkommen und bei denen bleiben, die sich selber schon verloren gegeben haben. Aber Gott gibt niemanden verloren. Und alle, die versuchen, ihm zu folgen, geben uns eine Ahnung davon, was Gottes Wille ist. Und dass er sich nicht mal zu schade ist, in so ein schreckliches Fernsehprogramm runterzukommen.
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Kinder können das besonders. Und Künstler. Mit Hingabe was tun. Mit Hingabe haben meine Kinder ein Bild gemalt oder Strohsterne gebastelt. Mit Hingabe und ganz selbstvergessen. Und hätte man sie gefragt, ob das wohl anstrengende Arbeit war, sie hätten nur komisch geguckt. Mit Hingabe was Leckeres kochen, mit Hingabe anderen was vorsingen, mit Hingabe eine Rede schreiben. Das ist wunderbar. Kein Stress. Keine Arbeit.
Einmal sollte ich eine Rede halten. Vor wichtigen Leuten, wie man mir sagte. Gebildete und Einflussreiche Leute. Leute mit Niveau und Ansprüchen. Und ich wollte ihnen zeigen: auch eine Pfarrerin nicht auf den Mund gefallen.
Wie fängst du an? habe ich mir überlegt. Mit einem Gag? Mit einem Weisheitsspruch? Mit einem Kompliment? Und dann weiter- sollte ich eher locker flockig reden wie die Manager oder abstrakt und gebildet wie die Professoren? Nach zwei Stunden hatte ich grade mal einen Anfang und war schon am Ende. Es war mir alles nicht gut genug. Nichts mit Hingabe. Ich kam mir vor wie jemand, der über dünnes Eis läuft, ständig in Angst, einzubrechen.
Eine Lehrerin sagte zu mir: Wenn jemand auf dünnem Eis läuft, sollte er nicht auf Zehenspitzen gehen, sondern sich hinlegen. Und das hab ich dann getan, in Gedanken. Immer wenn es vor mir auftauchte, dieses „alles nicht gut genug“, dann habe ich mich in Gedanken hingelegt. Wenn ich mich schon nicht hingeben kann, dann will ich mich wenigstens flach legen.
Wenn ihr nicht wisst, was ihr reden sollt, hat Jesus gesagt, dann vertraut darauf, dass Gottes guter Geist euch die richtigen Worte eingeben wird. Wenn ihr das Gefühl habt, über dünnes Eis zu gehen, dann legt euch flach hin, verzichtet darauf, groß rauskommen zu wollen. Gott gibt uns alle Kraft, die wir brauchen, sagt der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir seine Kraft nicht mit unserer Kraft verwechseln und uns was drauf einbilden.
Gott gibt uns die richtigen Worte, die richtige Idee, wenn wir loslassen, selber wer sein zu wollen. Und mit Hingabe tun, was zu tun ist. Um Gottes und der Sache willen.
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20 C-M-B. Vielleicht steht das heute Abend auch auf Ihrer Tür, in Kreide geschrieben: CMB wie Christus mansionem benedicat- Christus segne dieses Haus. CMB wie Caspar, Melchior und Balthasar. Heute ist ihr Tag. Und heute sind sie unterwegs, die Heiligen drei Könige aus der Weihnachtsgeschichte. Will sagen, Kinder, die sich angezogen haben wie die drei, Sternsinger, die an Ihren Türen klingeln, singen, segnen und spenden- für andere Kinder in der Welt.
So ähnlich haben die Heiligen drei Könige das auch gemacht. Gold Weihrauch und Myrrhe haben sie dem Jesuskind gebracht. Dabei stammten die drei aus einer ganz anderen Kultur und Religion. Sie waren auch keine frommen Männer, sondern vor allem Wissenschaftler. Sie sind einer Sternenkonstellation am Himmel gefolgt. Und als sie da waren, haben sie sich nicht irritieren lassen von dem armseligen Stall oder von den zerlumpten Gestalten um die Krippe. Und sie haben das Kind später auch nicht an den König Herodes verraten, der ihm nach dem Leben trachtete. Es waren eben drei Weise.
Christen waren es nicht und sind es auch nie geworden. Aber sie haben von dem Kind erzählt. Und sie haben Segen gebracht über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg. In einem Relief über dem Eingang der Geburtskirche in Bethlehem hat Kaiser Justinian im 5. Jahrhundert ihnen ein Denkmal gesetzt. Und als die Perser kamen, um alles, was nach Christentum roch, niederzubrennen, erkannten sie in den drei Weisen über der Tür der Geburtskirche ihre eigenen Landsleute. Und so wurde die Geburtskirche als einzige christliche Kirche verschont.
Heute sind eine halbe Million Kinder im Auftrag der drei Könige aus dem Morgenland unterwegs- singen, segnen und sammeln für Kinder in der Welt, dass sie in die Schule gehen, medizinisch versorgt und ausreichend ernährt werden. Gold, Weihrauch und Myrrhe- das waren im letzten Jahr fast 40 Millionen Euro. Vielleicht kommen sie ja heute auch bei Ihnen vorbei. Ein gesegnetes Haus, das wünsche ich Ihnen in diesem Jahr. Dass ein Segen darauf liegt und auf allen, die sich darin begegnen.
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Und was ist Ihre persönliche Agenda 2010? Agenda 2010. Das war ja mal ein guter Plan: eine sozial gerechte Gesellschaft- jeder bemüht sich und keiner wird fallen gelassen. Mehr Arbeit und mehr Netto vom Brutto. Eine gute Idee. Aber dann kam einiges dazwischen. Vor allem die Finanzkrise und deren Folgen.
In der Politik ist es wie im wirklichen Leben. Die Ideen sind gut. Aber ständig kommt einem was dazwischen. Gesünder leben, mehr Sport treiben- will ich schon lange, aber ständig kommt mir was dazwischen. Mich für ein soziales Projekt in der Stadt engagieren- wichtig, aber die Arbeit lässt immer zu wenig Zeit. Noch einmal eine große Reise machen- und man wird krank.
Da macht man sich einen so schönen Plan und dann kommt das Leben und wirft alles über den Haufen. Lebe jetzt! Sagen viele. Aber was wären wir ohne unsere Träume und Visionen? Was wäre die nächste Generation ohne unsere Fürsorge?
Ich möchte meine persönliche Agenda 2010 deshalb unter ein Motto von Martin Luther stellen. Der hat nämlich gesagt: wenn du scheiterst an deinen Zielen, wenn du dich weit entfernst von dem, was dir wichtig ist, dann mach dir nichts vor. Steh dazu. Aber hab Vertrauen.
„Sündige tapfer“ hat er gesagt, „aber glaube noch tapferer“.
Fürchte dich nicht davor, wenn du an deinen guten Vorsätzen und Zielen scheiterst. Hab keine Angst, wenn du anderen sagen musst: ich hab mich verschätzt. Ich muss nachbessern, auf später verschieben, zurückschrauben. Sondern glaube noch stärker:
An eine überraschende Wende- an ganz neue Möglichkeiten- an die vielen Türen, die sich öffnen, wenn die eine Tür geschlossen bleibt. Vielleicht ist das eine verpassten Ziel gerade der Anstoß zu einem anderen, besseren Ziel.
Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer- und zwar an Gott und seine Möglichkeiten.
Ich glaube: Gott kann aus allem, auch aus dem Bösen, etwas Gutes machen, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Dafür aber braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Guten dienen lassen. Auch ihre persönliche Agenda 2010.
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Nicht erschrecken
Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Jesus hat das gesagt- und ich grüße Sie damit herzlich zum Neuen Jahr.
Erschreckt nicht- ein guter Wunsch fürs Jahr 2010, finde ich. Denn 70% der Deutschen sollen laut Umfrage eher pessimistisch und mit einem „erschrockenes Herz“ ins Neue Jahr gehen. Von 44 Branchen rechnen mehr als die Hälfte mit Stellenstreichungen. Ein Jahr der Jobkrise ist uns vorausgesagt mit allem, was das nach sich zieht. Wir haben guten Grund, ein „erschrockenes Herz“ zu haben. Aber Jesus meint: lasst euch nicht leiten von eurem erschrockenen Herzen. Nehmt den Schrecken und die Angst nicht als Ratgeber. Man kann wohl ein erschrockenes Herz haben, aber man muss sich nicht davon leiten lassen.
Zur Angst gibt es nur eine Alternative: Vertrauen. „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ sagt Jesus zu seinen Freunden. Und das ausgerechnet in einer Situation, in der er sie alle enttäuschen wird. Er wird nicht die Macht im Land übernehmen. Er wird an den Mächtigen des Landes scheitern. Sein Tod steht unmittelbar bevor. Und doch: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Vertrauen gegen den Augenschein?
Gott vertrauen, auch wenn das schöne Projekt nicht klappt? Gott vertrauen, wenn völlig unklar ist, wie es weitergehen soll? Im Beruf, in der Beziehung?
Gottvertrauen ist meistens ein Vertrauen gegen den Augenschein. Gottvertrauen ist eine Entscheidung, nicht dem zu folgen, was Prognosen, Umfragen und Erhebungen nahelegen: nämlich zu sagen: man kann ja doch nichts machen. Rette sich wer kann.
Warum aber sollen wir gegen den Augenschein vertrauen? Weil es mehr gibt als die eigene kleine Kraft. Es gibt eine Kraft, die weit über unser Vermögen hinausgeht. Es gibt einen Frieden, der höher ist als unsere Vernunft. Gott vertrauen ist, wie wenn man in einen großen Fluss einsteigt und sich forttragen lässt von der Kraft der Strömung. Wir müssen nicht alles alleine schaffen. Wir brauchen nur einzusteigen in diesen Fluss und uns mittragen lassen von der Strömung, von Gottes Geist, von der Kraft, die in den Worten Jesu liegt. Gott kann aus unserer kleinen Kraft etwas Großes machen. Wir dürfen gespannt sein.
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