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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Denken wir bei heiterem Himmel an den Sturm und im Sturm an den Steuermann!“ Das finde ich ein gutes Motto für das neue Jahr. Ich leg’s mir auf den Schreibtisch. Damit ich immer wieder dran denke.
„Denken wir bei heiterem Himmel an den Sturm“, das heißt: Auch wenn’s gut läuft, pass auf, es kommen sicher wieder schwierigere Tage. Tage mit Gegenwind. Tage, an denen es dir die Laune verhagelt. Tage, an denen du im Regen stehst.
Aber der Satz geht zum Glück weiter. „Denken wir im Sturm an den Steuermann“. Jetzt wird klar, worum es geht. Der Satz ruft das Bild von einem Schiff hervor. Das kämpft im Sturm mit den Wellen, mit der Gischt, mit starkem Wind und Seegang. Aber das Schiff hat einen Steuermann und der kennt sich mit dem Wetter aus – und dem Schiff. Auch jeder Matrose weiß, wenn er unter Deck kämpft, gegen eindringendes Wasser, wenn er auf den Planken steht und die Segel zusammenholen will: Da achtet einer aufs Ruder, der holt mich aus dem Sturm raus.
„Denken wir bei heiterem Himmel an den Sturm und im Sturm an den Steuermann!“ Das ist mehr als nur ein Motto für die Seefahrt. Es stammt von dem Theologen Gregor von Nazianz. Die Katholische Kirche erinnert sich heute an diesen Mann. Ein Mann, der sich mit Stürmen auskannte. Gregor lebt im vierten Jahrhundert, lebt in einer Zeit, in der die Christen mit harten Bandagen um ihren Glauben kämpfen. Und Gregor steht im Gegenwind. Klar, könnte man denken, der ist Theologe, der bringt Gottvertrauen mit und glaubt: Gott bringt mich aus dem Sturm. Aber von Gregor wissen wir auch: Der hatte enge Freunde. Menschen, mit denen er gelebt, geredet, diskutiert hat, Menschen, die ihn unterstützt haben. Der Steuermann, mitten im Sturm, das ist nicht nur Gott, das kann auch ein guter Freund sein. Ein Mensch, der mich begleitet, eine Freundin, die mir die Richtung zeigt, ein Nachbar, der mich aufmuntert. Jemand, der mir zur Seite steht.
Dass das neue Jahr auch Sturm bringt, da bin ich mir sicher. Es wird nicht nur heitere Himmel geben. Aber ich werde mich in diesem Jahr auch auf die Suche nach Steuermännern und –frauen machen, die mir im Sturm beistehen. Dann wird 2010 sicher ein gutes Jahr. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7477

Den Reichen klauen und den Armen geben. Das war das Motto von Robin Hood. Dem Rächer der Entrechteten. Damals, in England, im Mittelalter. Mich hat der schon als Kind beeindruckt. Ich hab gespürt: Das kann nicht richtig sein, dass ein paar ganz viel besitzen und viele gar nichts.
Heute gehöre ich auch zu denen, die was besitzen. Gerade jetzt, ein paar Tage nach Weihnachten wird mir das klar. Für jedes Kind gab’s Geschenke, für die Familie, für Freunde – und ich selbst wurde auch beschenkt. Klar, da sind keine Luxussachen dabei. Aber für jeden ein oder zwei Geschenke, das ist allemal drin.
Und ich weiß: Anderen geht’s nicht so gut. Es gibt Menschen auch in unserem reichen Land, die auch in diesem Jahr kein Geld für Weihnachten übrig hatten. Die stellte selbst ein kleines Geschenk vor unlösbare Rätsel.
Heute, an Silvester vor dreiundsechzig Jahren, hat der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings eine berühmte Predigt gehalten. Es herrschte bittere Not, kurz nach Kriegsende und mitten in einem grimmigen Winter. Und Frings sagte sinngemäß: Jeder darf in Zeiten der Not das nehmen, was er für sein Leben und seine Gesundheit nötig hat. Danach bürgerte sich in Köln und später auch in ganz Deutschland das Wort „fringsen“ für das ’Organisieren’ von Essen und Heizbriketts oder Kohle ein. Für viele war klar: Der Bischof hat erlaubt, dass wir Kohlen und Lebensmittel aus Zügen und Lastwagen klauen. Um überleben zu können.
Anders als bei Robin Hood klauten also hier die Armen direkt von den Reichen.
Das ist heute undenkbar. Diebstahl würden wir schreien. Zu recht. Aber niemand hindert uns, dass wir uns selbst beklauen. Und dann das Gestohlene denen geben, die es nötiger haben. Eine verrückte Idee? Die hatten vor einigen Jahren ein paar Düsseldorfer. Anlass: Die Düsseldorfer Südbrücke wurde in Josef-Kardinal-Frings-Brücke umbenannt. Aus diesem Anlass konnte man „rückwärts fringsen“. Ganz praktisch Briketts für Arme kaufen und dann spenden. Und ich hab gedacht, dass ich das ja auch für mich ganz alleine kann. Heute. Mich selbst beklauen und anderen was geben. Damit diese Welt vielleicht doch ein bisschen gerechter wird. Und ich bin sicher: zu so einem „rückwärts fringsen“ hätte der alte Kölner Kardinal sicher seinen Segen gegeben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7476

Das Jahr ist fast vorbei. Ich hab durch meinen Terminkalender geblättert und wieder mal festgestellt, wie viel ich mit anderen geredet habe. Vor allem im Beruf, ich hab im Radio gesprochen und mit vielen Kollegen. Dann aber auch beim Bäcker, mit Freunden und mit ganz zufälligen Bekanntschaften. Vieles steht nicht im Terminkalender – und vielen ging’s ähnlich. Die Situationen unterscheiden sich – aber immer wieder reden Menschen miteinander.
Manche Gespräche sind kurz, andere dauern ewig – aber wenn’s wirklich wichtig wird, dann brauchen Menschen, jeder von uns, nur wenig Worte. Meist reichen drei aus. „Wie geht’s dir?“, „Mach es gut!“, „Du fehlst mir!“, „Wann kommst du?“, „Ich liebe dich!“ Das sind wichtige Sätze. Manchmal sind es nur Floskeln. Aber ernst gemeint, machen diese kurzen Sätze das Leben reich. Klar, es lässt sich unendlich viel mehr erzählen und reden. Aber in den grundlegenden und kurzen Sätzen konzentriert sich das Leben, kommt Lebenshoffnung und Lebenssehnsucht auf den Punkt: ich hoffe auf Nähe, ich sehne mich nach Liebe, nach Beziehung, nach dem anderen.
Die knappen Sätze sind wichtige Sätze – und es sind bedingungslose Sätze. Sie stellen keine Bedingungen, in ihnen bin ich als Mensch gefragt und gemeint.
„Folge mir nach!“ ist auch so ein Satz. Er stammt von Jesus. Der sieht im Vorbeigehen den Levi am Zoll sitzen. Und sagt zu ihm: „Folge mir nach!“ Und dieser Levi steht tatsächlich auf und zieht mit Jesus durch die Lande (Vergleiche Markus 2,14). „Folge mir nach“ ist auch so ein wichtiger Satz, der mich in meiner Sehnsucht treffen kann. Die Sehnsucht, dass ich einen finde, mit dem ich unterwegs sein kann, auf meinem Weg durchs Leben. Einen, der mich meint und der mir etwas zutraut. Einen, der mich sieht und mir vertraut. Und der sagt: Mit dir halte ich es aus.
„Folge mir nach!“ ist ein starker Satz. Weil er mich ins Leben ruft. Er macht mir Mut, nicht sitzen zu bleiben, stehen zu bleiben, wo ich bin. Sondern will mich weiterbringen, auf den Weg bringen. Wie alle kurzen Sätze, die mich in meinem Innersten treffen können. Wie alle kurzen Sätze, die ich auch anderen sagen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7475

Heute Nachmittag fliegen Sie wieder. Die Skispringer auf der Vierschanzentournee. Und ich muss da einfach zugucken. Weil mich dieser Sport bei jedem Springer aufs Neue fasziniert. Da klettern die Sportler erst einen über vierzig Meter hohen Turm rauf, und dann geht’s ohne Umstände die Schanze runter. Wenn sie abheben, haben sie fast hundert Sachen drauf. Dann reicht ein Ruck am Schanzentisch – und dann fliegen sie. Fast schwerelos gleiten sie dann am Hang entlang. Sekunde um Sekunde. Nur langsam kommt die Erde näher und sie gleiten immer noch durch die Luft, als würd’s immer so weitergehen. Die Besten kommen über 140 Meter weit. Und wenn sie dann endlich landen, dann ist mir, als würden sie nur widerwillig zur Erde zurückkehren.
Und ich merke, wie ich mitgehe, mitfliege, ein bisschen auch im Sessel vor dem Fernseher von dieser Freiheit, von der Schwerelosigkeit spüre. Eine Freiheit und Leichtigkeit, die ich immer wieder mit in den Alltag nehme. Denn es gibt ja tagtäglich die Situation, dass auch ich Anlauf nehmen und springen muss. Nach dem Streit in der Familie. Den ersten Schritt machen will. Das Missverständnis mit Kollegen endlich ausräumen. Klar Schiff machen. Da hab ich oft das Skispringer-Gefühl. Dass ich nämlich jetzt Anlauf nehmen muss und losfliegen muss. Sonst wird es nichts mit der Versöhnung. Sonst wird’s nicht mit dem nächsten Projekt.
Das gelingt mir selten. Im Alltag ist es gar nicht so leicht, zu fliegen. Das Leben gelingt eben nicht immer wie im Flug, schwerelos, leicht. Aber ich weiß ja auch, dass auch bei den Skispringern alles stimmen muss, damit der Flug gelingt. Viel Training, die richtigen Windverhältnisse, Erfahrung, Glück, alles kommt zusammen. Aber wenn, dann kann so ein Sprung richtig weit gehen. Mitten hinein ins Glück. Und ähnlich geht’s mir im Leben, im Alltag. Wenn ich meinen ganzen Mut zusammennehme, und wenn der andere mich vielleicht mit einem Blick, einer Geste aufmuntert, wenn sozusagen das Wetter gut und günstig ist, dann klappt das manchmal, mit dem Fliegen im Alltag. Die Skispringen rufen mir das immer wieder ins Gedächtnis.
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Im Mittelalter ging heute, am 28. Dezember, die Post ab. Karneval war angesagt – in Schulen und Klöstern. Verkleiden inklusive. Höhepunkt der Fete: Die Schüler an den Kloster- und Domschulen wählten aus ihren Reihen einen Bischof. Der ließ ein gewaltiges Fest steigen und führte einen pompösen Umzug durch die ganze Schule an. Es heißt, dass dieser falsche Bischof sogar Gottesdienste leitete.
Klar, dass der Kirche dieser wilde Karneval gegen den Strich ging. Aber trotz aller Verbote, das Fest hielt sich hartnäckig. Bis in die Neuzeit hinein stellten Kinder in Klosterschulen am heutigen Tag die gewohnte Ordnung für ein paar Stunden auf den Kopf.
Hintergrund des nachweihnachtlichen Karnevals ist das Fest der unschuldigen Kinder, dass in den Kirchen heute gefeiert wird. In der Bibel wird erzählt: König Herodes lässt alle neugeborenen Kinder umbringen (Matthäusevangelium 2, 16). Sein Ziel: Jesus, der als neuer König angekündigt ist, soll aus dem Weg geräumt werden. Keine Konkurrenz mehr für den regierenden König. Das blutige Gemetzel aber verfehlt seinen Sinn. Der gerade geborene Jesus ist schon längst mit seinen Eltern geflohen und entkommt.
Heute wissen wir: Das ist keine historische Erzählung. Das ist eine Geschichte um Macht und Ohnmacht. Da ist der mächtige König, der Angst vor einem kleinen Kind hat. Eine Angst, die jeder Mensch kennt. Die Angst, einmal keine Macht, keine Bedeutung mehr zu haben. Die Angst, einmal abtreten zu müssen.
Die Party im Mittelalter macht das ziemlich handfest deutlich. Sagt spielerisch: Wir Kinder übernehmen eines Tages die Macht. Und daran wollen viele nicht erinnert werden. An das Ende ihrer eigenen Macht.
Mir aber hilft’s heute. Weil es mir sagt: Nimm dich nicht so wichtig. Egal, was du im Moment auch machst oder bist, auch du kommst an ein Ende. Aber das ist kein Grund zur Verzweiflung, das Leben geht trotzdem weiter. Andere übernehmen irgendwann meine Aufgaben und meine Verantwortung. Und das wieder ist doch eine ganz schöne Aussicht.
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Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen. Obwohl: Ich muss zugeben, ich hab heute Morgen schon auch ein bisschen gestöhnt. Sonntag. Noch ein freier Tag. Da hatten wir erst Heiligabend, dann die Weihnachtsfeiertage – und dann setzt der Kalender dieses Jahr auch noch einen Sonntag drauf. Vier Tage feiern, vier Tage frei. Eigentlich wunderbar. Aber schon drei Tage Weihnachten können ganz schön lang werden. Denn ganz egal, wie man feiert, ob mit Familie oder allein, ob ausgiebig oder gar nicht – an Weihnachten kommt ja niemand vorbei. Die Feiertage prägen das Leben. Geschäfte geschlossen. Viele Leute weg und unterwegs. Im Fernsehen extra Feiertagsprogramm. Das wünscht man sich doch mal einen ganz normalen Tag. Wer da über den vierten Feiertag, den Sonntag heute, schimpft, den kann ich gut verstehen.
Mir ist klar geworden: Es gibt im Leben nur wenige Tage, wo ich gedacht habe, dieser Tag, der darf nie enden. Das war immer in besonderen Lebenssituationen.
Als unsere Kinder geboren wurden. Da waren die ersten Tage nach der Geburt angefüllt mit Glück. Jeder Tag ein Feiertag. Und es konnten nicht genug sein. Erst langsam habe ich mich da im Alltag wieder zurechtgefunden.
Oder als mich so richtig verliebt hatte. Kaum schlafen konnte vor lauter Glück und Seligkeit und Schmerz. Und die Tage voll waren mit den Gedanken an die andere. Da wollte ich vom Alltag nichts wissen.
Tage, die nie vergehen sollen, das sind im Grunde genommen alles Geburtstage – im übertragenen Sinn: Das sind nämlich Tage, an denen etwas Besonderes, etwas Neues anfängt. Ein Menschenleben, eine Liebe, ein neuer Lebensabschnitt. Ich behaupte mal: Von solchen Tagen kann niemand genug kriegen. Weihnachten, das habe ich mir angesichts der vielen Feiertage vorgenommen, Weihnachten feiere ich dieses Jahr auch als einen Geburtstag. Nicht nur, weil Jesus da geboren wurde. Auch, weil ich mich an all die Geburten erinnern will, die ich in meinem Leben schon erlebt habe. Die wunderbaren Stunden und Tage, an denen etwas neu anfing: Ein Menschenleben, die große Liebe, das kleinen Glück. Damit mir dieser Tage heute nicht lang genug sein kann.
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