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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Die Katholische Kirche feiert heute ein schwieriges Fest : Die Aufnahme Mariens in den Himmel oder wie es volkstümlich heißt „Mariä Himmelfahrt“. Das Fest ist doppelt schwierig. Zum einen ist es eine fantastische Vorstellung, Maria sei mit unversehrtem Körper, gewissermaßen mit Haut und Haar nach ihrem Tod in den Himmel aufgenommen worden. Zum anderen stellt sich die Frage: Was soll`s? Welche Bedeutung soll dieses Fest für aufgeklärte Christen im 21. Jahrhundert haben?
Einer Legende nach versammelten sich die Apostel nach dem Tod Marias an ihrem Grab. Als sie die Gruft öffneten, fanden sie aber nicht den verwesenden Leichnam, sondern nur Blumen und Blüten. Der Dichter Wilhelm Willms schildert das mit den Worten: Ein wunderbarer Rosenduft stieg den Aposteln entgegen. Maria hatte sich verduftet. Maria hatte sich mit Gottes Hilfe davon gemacht, noch bevor Moder und Verwesung ihr etwas anhaben konnten. Wo die Apostel naturgemäß mit Leichengestank rechnen mussten, überraschte sie Rosenduft.
Eine Legende und ein romantisches Bild, gewiss, aber mit einer bleibenden Botschaft: Maria endet nicht in Verfall und Verwesung. Sondern Gott sorgt dafür, dass sie sich davonmacht, dass sie sich verduftet, bevor Moder und Fäulnis endgültig nach ihr greifen können. Und nach der Überzeugung der Kirche ist das kein außerordentlicher Einzelfall. Maria ist nicht die Einzige, sondern die Erste mit der Erfahrung, dass das Leben stärker ist als Tod und Sterblichkeit. Gott rettet den ganzen Menschen mit Leib, Geist und Seele. Und diese Hoffnung gilt für alle Menschen.
Deshalb können wir dieses Fest auch als aufgeklärte Christen gut feiern. Wir feiern heute, dass am Ende unserer Existenz nicht Verwesung und Verfall stehen, nicht die Vernichtung unserer Person, sondern die Rettung von allem, was uns ausmacht: Leib, Geist und Seele. Wie Maria werden wir uns einmal mit Gottes Hilfe verduftet und davon gemacht haben, damit uns als Allerletztes nicht Moder und Fäulnis blühen, sondern ein Leben, das mehr mit Rosenduft als Leichengestank zu tun hat. Ich wünsche Ihnen heute ein frohes Fest an dem Tag, an dem Maria sich als erste verduftet hat.
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„Die Opposition hat ihre Martyrerin“. Das stand über dem Foto einer jungen Demonstrantin, die während der jüngsten Unruhen im Iran auf offener Straße niedergeschossen wurde. Martyrer waren immer wichtig. Sie machen eine Sache oder Bewegung glaubwürdig. Denn wer wie die junge Frau sein Leben wagt, verleiht seinem Einsatz einen letzten Ernst und eindringliche Überzeugungskraft. Gegner werden dadurch in Frage gestellt, Mitstreiter werden ermutigt.
Dieses ideale Bild weist freilich Flecken auf. Auch politische oder religiöse Terroristen nennen ihre Selbstmordattentäter „Martyrer“. Doch ich bin sicher: Wer an der eigenen Gewalt zugrunde geht, kann kaum ein glaubwürdiger Zeuge für eine gute Sache sein. Mancher sogenannter Martyrertod löst eine Spirale der Gewalt aus, und auf beiden Seiten gibt es dann Tote. Auch das kann nicht überzeugen. Ich finde, ein Martyrer überzeugt dadurch, dass er auf Gewalt verzichtet, seine Ohnmacht aushält und gerade dadurch die Gewalt in Frage stellt. Dadurch bewirkt er mehr als die Täter – und ist nur scheinbar das Opfer .
Maximilian Kolbe war so ein glaubwürdiger Mensch. Die Kirche feiert ihn heute. Kolbe, ein polnischer Priester, wurde in der NS-Zeit verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Bei einer Strafaktion im Lager wurden Menschen ausgesondert, die im Hungerbunker qualvoll sterben sollten. Maximilian Kolbe bot sein Leben für das eines Familienvaters an. Der Lagerleiter akzeptierte das Angebot, so dass Kolbe mit anderen Leidensgenossen in den Bunker gebracht und nach tagelangem Hungern schließlich mit einer Giftspritze getötet wurde.
Maximilian Kolbe verband persönliches Zeugnis, Einsatz des Lebens und rettende Tat. Er hat glaubwürdig unterstrichen, was es heißt, im Leben und im Tod auf Gott zu vertrauen. Im Bunker soll er gesungen und gebetet haben; wir dürfen annehmen, dass er wie viele christliche Märtyrer vor ihm auch für seine Peiniger gebetet hat. Seine Tat hat nicht zu neuen Gewalttaten angestiftet, sondern den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen.. Sein Leben und Tod hat mehr bewirkt als die Täter. Denn an den Namen des Lagerleiters erinnert sich heute niemand mehr, aber das Zeugnis von Maximilian Kolbe macht immer noch Hoffnung.
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„In jeder Krise steckt auch eine Chance.“ Ein Satz, den wohl jeder kennt – und den ich immer häufiger höre, wenn die Diskussion auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise kommt, auf drohende Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen. Manche sehen darin tatsächlich eine Chance: Die Finanzmärkte sollen besser reguliert und der Sozialstaat endlich verschlankt werden. Für mich hört sich das an, als ob es bei der Krise um ein liegen gebliebenes Auto ginge. Mit einem neuen Bauteil und durch eine genauere Einstellung wird es besser laufen als je zuvor.
Ich bin da sehr skeptisch. Das Auto-Modell reduziert die Krise auf ein technisches Problem. Es geht aber um mehr. Die Sehnsucht nach dem schnellen, leicht verdienten Geld, die Hoffnung auf stetiges, unbegrenztes Wachstum, die Überbewertung von Konsum und Waren und die Geringschätzung von sozialen und immateriellen Werten – all das ist ja nicht das technische Problem weniger fehlgeleiteter Manager. Tausende, wenn nicht Millionen teilten diese Erwartungen und Sehnsüchte und haben mitgemacht,. Wenn sich an dieser Haltung nichts ändert, reicht es nicht, die Maschine zu reparieren. Es wird nicht besser, wenn man statt mit 50 mit 100 Stundenkilometern in die Sackgasse fährt.
In der Sackgasse gibt es nur eins: Umkehren. Auch die Bibel spricht von Umkehr. Sie meint damit nicht eine nostalgische Rückkehr in die ach so gute alte Zeit. Sie meint den Ausbruch aus der engen Sackgasse, in der man sonst notgedrungen an die Wand fährt. Die Bibel nennt auch eine Richtung für die Umkehr: Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe. Die Bibel sagt, wir leben schon in einer Zeit, in der Mehr und Besseres zählt als alleine Geld und Besitz, materielle Sicherheit und steigender Konsum. Schon jetzt zählen ein freundlicher Blick, eine ausgestreckte Hand und ein offenes Ohr mehr als eine krampfhaft zugehaltene Geldbörse. Schon jetzt zählen Gastfreundschaft und Beziehungen, Solidarität und Gemeinschaft mehr als der Aktienindex und der Geldkurs. Das Reich Gottes ist nahe und bestimmt die wirklichen Werte, die man für ein gelingendes Leben braucht.
In der Krise müssen vielleicht einige die Maschine reparieren. Aber andere müssen dafür sorgen, dass sie in die richtige Richtung fährt. Darin liegt in Wirklichkeit die Chance in der Krise.
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Es ist ja schon ein bisschen seltsam: Im Urlaub ist alles einfach viel besser als zuhause. Die Pizza in Italien schmeckt natürlich viel leckerer als beim Italiener um die Ecke. Und die Fachwerkhäuser in Frankreich sind scheinbar so viel schöner als die in Rheinhessen. Der Sternenhimmel und der Sonnenuntergang sind selbstverständlich ein paar hundert Kilometer weit weg auch viel eindrucksvoller. Und irgendwie sind auch Partner und Kinder und Freunde im Urlaub besser, angenehmer, freundlicher.
Oder doch nicht? Natürlich stimmt das auch: Die Wahrscheinlichkeit, eine richtig gute Pizza zu bekommen, ist in Italien vielleicht immer noch größer als in Deutschland, der Sternenhimmel funkelt in den Alpen stärker als im Rhein-Main-Gebiet, und die Mitreisenden sind im Urlaub womöglich wirklich netter – weil sie eben einfach entspannter sind als zuhause. Aber das bin ich ja vermutlich auch. Und wahrscheinlich hat auch diese Stimmung und Haltung etwas damit zu tun, dass in den Ferien alles irgendwie viel besser als ist als daheim. Im Urlaub schau ich die Welt mit entspannten Augen an. Mit Augen, die Schönes sehen wollen, die sich freuen wollen an dem, was um sie herum ist. Und sich dann auch wirklich freuen können. Im gestressten Alltag geht’s ja meist anders zu: Da stolpere ich schon mal in den Tag hinein mit der Haltung: Das kann nichts werden, alles hässlich, alles nervig. Und dann wird das auch eher ein matter Alltag – ohne all das Schöne und den Glanz eines Urlaubstages.
Ich genieße sie im Sommer in vollen Zügen, meine glanzvollen, entspannten Urlaubstage. Aber ich wünsche mir, dass ich dabei Energie tanken kann, um auch zuhause wieder entspannter in den Tag zu starten. Um auch dort die Welt weniger mit Argusaugen zu betrachten, mehr mit Urlaubsaugen. Denn schließlich gibt’s die schönen, eindrucksvollen Dinge auch zuhause: Die Pizza, die richtig lecker schmeckt, wundervolle Fachwerkhäuser zum Staunen – und Sterne funkeln manchmal sogar über Städten wie Mainz oder Ludwigshafen. Wenn ich aufmerksam bin, wenn ich es sehen will: Dann kann ich faszinierende Urlaubsmomente auch daheim erleben. Vor allem natürlich mit Menschen, die ich ansehe mit Urlaubsaugen.
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Es ist nicht gerade der Urlaub, von dem die meisten träumen und mit dem Reiseunternehmen Werbung machen würden: Sie schlafen vier Wochen lang in einem Zelt, draußen sind Giftschlangen und Skorpione unterwegs, also aufgepasst, wenn Sie nachts mal raus müssen! Morgens zum Waschen geht es drei Kilometer zu Fuß zur Wasserstelle. Und statt zu faulenzen müssen sie arbeiten, Stein um Stein richten Sie Mauern auf, setzen ein Dach darauf. Ein Haus entsteht – und es soll fertig sein, wenn Ihr Urlaub zu Ende ist.
Das klingt wahrlich nicht nach Traumurlaub, aber Träume werden so trotzdem wahr: In einem Dorf in Uganda wird in diesen Sommerwochen eine Schule gebaut. Und zehn „Mzungus“, zehn Weiße helfen dabei mit. Statt am Strand zu liegen oder zu wandern, reisen sie nach Afrika und packen beim Schulbau mit an. Drei Klassenzimmer sollen entstehen, für 340 Kinder. Bisher werden sie in einer Hütte unterrichtet, die nur notdürftig vor Sonne und Wetter schützt. Wenn Dorfbewohner und weiße Urlauber vier Wochen zusammen geschuftet haben, soll das neue, feste Schulgebäude stehen. Am besten auch noch mit einem eingebauten Regenwassertank. Damit Erwachsene und Kinder nicht mehr drei Kilometer bis zur Wasserstelle laufen müssen.
Ich gestehe: Für mich ist dieser Traumurlaub eher nichts. Mir reichen Stechmücken – Skorpione müssen es nicht sein, und ich lege lieber meine Füße hoch, statt Häuser zu bauen. Aber ich bewundere meinen Freund Andy, der in Uganda mitmacht. Natürlich könnte auch er einen erholsameren Urlaub gebrauchen, und auf die Skorpione hat er ebenfalls keine große Lust. Aber abenteuerlustig ist er und afrikabegeistert dazu . Vor allem aber ist ihm wichtig: Er will dort mithelfen, wo andere ihn brauchen, mit anpacken und nicht nur reden über Nächstenliebe. Er will etwas verschenken, von sich, seinen Fähigkeiten, seinem Glauben. Und vermutlich wird er auch einiges dafür bekommen. Ein bisschen beneide ich Andy auch. Ich habe etwas gespendet für die Schule, ein klein wenig immerhin habe ich das Gefühl, etwas beizusteuern. Aber Andy wird erleben, dass am Ende des Urlaubs wirklich ein riesiger Traum in Erfüllung geht, ein Traum, der für ein paar hundert Kinder das Leben verändert und verbessert. Das nenne ich Traumurlaub.

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Nichts ist schwerer, als dem anderen wirklich zuzuhören. Da sagt jemand etwas – und ich hab schon im Kopf, was ich selber sagen möchte. Ich hab so einiges auf dem Herzen, noch bevor der andere den Mund auftut. Oder natürlich: Ich kenne mein Gegenüber und erwarte schon so manches. Da fällt es schwer, sich darauf zu konzentrieren: Was sagt denn der andere wirklich, was meint er? Wirklich Zuhören ist eine Kunst.
Im Beruf, in dienstlichen Diskussionen fällt mir das immer wieder auf. Da beginnt ein Kollege etwas ganz ausführlich zu erklären – und ich denke: Aber das hat doch eben noch eine andere in der Runde so ähnlich gesagt. Hat er das denn nicht mitbekommen? Oder ich erwische mich selbst dabei: So beschäftigt bin ich damit, meine eigenen Gedanken zu sortieren, dass ich dem Gespräch gar nicht richtig folge. Und natürlich gibt’s das auch im Privaten, da bekommt es dann erst recht Gewicht: Wenn ich dem Partner oder der guten Freundin nicht richtig zuhöre, weil ich ganz mit mir selbst beschäftigt bin. „Was hast du gesagt?“ frage ich dann manchmal – oder denke es mir auch nur.
Gespräche, Dialoge – das sind oft genug eigentlich nur Monologe, Sätze, die aufeinander folgen, ohne Verbindung zueinander. Schade eigentlich, denn wenn wir wirklich aufeinander hören, lassen sich geniale Erfahrungen machen. In Diskussionen, in denen wirklich der eine auf den anderen hört: Da geht es ganz anders voran. Vielleicht hab ich dann auch mal den Mut zu sagen: Jetzt hab ich Ihnen so zugehört, ich habe ganz vergessen, was ich selbst sagen wollte. Oder auch: Jetzt ist mein eigener Beitrag nicht mehr so wichtig. Wenn sich jeder zurücknimmt, auf den anderen so hört, wie auf sich selbst – dann können richtig gute Ergebnisse entstehen. Und so ähnlich kann es natürlich auch im Gespräch mit Partnerinnen und Freunden gehen: Wenn ich wirklich interessiert hinhöre auf das, was mir mein Gegenüber sagt, dann bleibt vielleicht manch eigener Satz ungesagt. Aber ich bekomme dafür neue Einsichten über den anderen. Und es kann eine echte Verbindung entstehen, über die zwischen Wörtern und Sätzen hinaus - zwischen den Menschen.

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Kurz vor dem Urlaub kennen viele dieses Gefühl, und manchen lässt es sogar im Urlaub nicht los: erschöpft zu sein, ausgelaugt, k.o. Mir ist dann nach einem großen Seufzer zumute: Ich kann einfach nicht mehr! Ich sehn mich so nach Ausruhen und Ausschlafen. Es ist genug!
Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, die mit solch einem Seufzer beginnt. Gerade rund um den Urlaub ist sie mir besonders sympathisch. Sie handelt vom Propheten Elija. Oft tut dieser Prophet kraftvoll und machtvoll seinen Dienst – aber in dieser Szene nicht. Jetzt sitzt er unter einem Ginsterbusch und seufzt: Es ist genug, Herr. Nimm mein Leben! Richtig lebensmüde ist dieser Prophet, er kann einfach nicht mehr, er legt sich hin, will nur noch schlafen. Und was tut Gott in dieser Geschichte? Er sagt nicht: Stell dich nicht so an, es gibt viel zu tun für einen Propheten! Er tröstet ihn auch nicht mit billigen Sprüchen: Du kommst schon wieder auf die Beine! Gott antwortet überhaupt nicht groß mit Worten.
Gott schickt einen Engel. Und dieser Engel, so heißt es, rührt den Elija an, er weckt ihn mit einer Berührung. Und er bringt etwas mit: Brot und einen Krug Wasser. Elementare Nahrungsmittel, Lebensmittel, Mittel zum Leben. „Steh auf und iss“, sagt der Engel zu Elija (1 Könige 19). Und Elias kommt wieder zu Kräften. Ich finde diese Szene in der Bibel einfach schön. Und ich weiß: Solche Engelserfahrungen gibt es ja auch heute noch. Manchmal berührt mich und stärkt mich die Natur, ein Sonnenuntergang über der Stadt, ein wunderbarer Rundblick vom Berggipfel aus. Manchmal richten mich Menschen auf, sind wie Engel für mich: die Freundin, die mich im Urlaub massiert, die mich sanft berührt, wie der Engel in der Geschichte. Oder der Freund, der für mich kocht, der mir wunderbare Lebensmittel bereitstellt, die mir gut tun an Leib und Seele.
Und natürlich kann auch ich zum Engel werden für andere. Gerade rund um die Urlaubszeit.

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