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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wir packen es!“ steht auf den Umzugskartons. In ein paar Tagen ziehen wir um. Nur in die Nachbarstadt. Trotzdem müssen wir jetzt jedes Teil einzeln in die Hand nehmen und einpacken. In diese schnöden Umzugskartons, auf denen fett gedruckt steht: „Wir packen es!“

Was da jetzt alles durch meine Hände geht: Alte Schulbücher, Schulzeugnisse, Fotoalben, in die ich hineinschaue und dabei denke: Mann, wie die Zeit vergeht! Wie viel gelebte Zeit, wird hier jetzt von mir verpackt und für den Umzug konserviert in diesen Kartons!

„Wir packen es!“, steht da als Werbung auf den Kartons und ich spüre: Vieles von dem, was ich da „packe“, ist ein Teil von mir. Von meinem Leben. Hier wird Erinnerung verpackt: Die guten Zeiten, die ich erlebt habe und auch die schweren Momente, Krankheit, der Tod von lieben Angehörigen. All das begleitet mich. All das zieht mit mir und meiner Familie nun um.

Wir brechen jetzt unsere Zelte ab. Aufbruch zu neuem Ort. Was wird uns dort alles begegnen? Unbekanntes Gelände. Menschen, die wir neu kennen lernen, Straßen und Wege, die wir noch nie gegangen sind. Wir freuen uns als Familie darauf und sind nicht bange, denn aus der Bibel wissen wir:

Gott kennt sich mit Umzügen gut aus. In der Bibel finde ich dazu viele Geschichten: Gott begleitet sein Volk Israel durch die lange Wüstenzeit. Er wandelt in einer Wolke stets vor ihnen und zeigt ihnen den Weg. Ich lese: „Er lässt sie leben auf ihren Wegen und gibt ihnen Trank und Speise zur rechten Zeit.“
Gott ist ein mit uns wandernder, ein mit uns „mitgehender Gott“. Einer, der uns behütet und erhält, wenn wir mit ihm durch das Leben ziehen wollen.

Jetzt kommen die Bibelausgaben in meinem Bücherregal dran und ich denke: Die bekommen einen extra schönen Umzugskarton. Da schreibe ich dick mit rotem Filzstift drauf: „Gott, deine guten Worte begleiten uns!“ Und darunter gedruckt der Werbespruch der Umzugsfirma: „Wir packen es!“.

Gott weiß viel von unserem Nomadenleben. Von unseren Wegen, die wir durch unser Leben gehen. Ich glaube, er ist ein „mitgehender Gott“. Er ist bei uns am Morgen und am Abend. Und ganz gewiss an diesem neuen Tag.

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Heute ist Frühlingsanfang. Endlich! Steht so im Kalender. Der Winter lässt uns jetzt also offiziell los und Neues ist versprochen: Frühling liegt in der Luft.
Ich mag diese Aufbruchstimmung. Meine Heimatstadt lebt jetzt wieder auf und wird sich hübsch machen für unser Miteinander. Der Marktplatz wird sich wieder mit Menschen füllen, die länger beieinander stehen und dabei die ersten warmen Sonnenstrahlen genießen. Ich freu mich schon darauf, dass die Wärme wieder kommt. Auch in unsere Herzen.

Frühlingsluft. Meine Kinder werden sofort die Eisdielen entdecken und mich daran erinnern, dass das Leben voller schöner Angebote ist. Es dauert nicht mehr lange, da werden die Blätter an den Bäumen neue Farben in die Welt bringen. Die Vögel werden ihre Nester bauen und die Natur erwacht zu neuem Leben.

Dazu möchte ich Ihnen heute aus einem Psalm vorlesen. Über 2000 Jahre alt sind die Verse, die von Gottes wunderbarer Schöpfung singen:

„Gott, deine Welt ist schön und prächtig geschmückt. Du breitest den Himmel aus, wie einen Teppich und machst die Winde zu deinen Boten. Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffst. Du lässt das Gras wachsen für das Vieh zum Nutzen der Menschen, damit du Brot aus der Erde hervorbringst und der Wein das Herz des Menschen erfreue. Damit auch sein Ansehen schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke. Du hast den Mond gemacht, das Jahr danach zu teilen und die Sonne weiß ihre Zeit des Niedergangs, damit der Mensch seiner Arbeit nachgeht bis an den Abend. Gott, du hast deine Werke weise geordnet und die Erde ist voll deiner Gaben.“

Der Psalm 104. Ein Loblied auf den Schöpfer der Welt. Ich lese diese jahrtausend alten Worte und Liedtexte gerne. Weil sie mir ein Gespür geben, dass wir Menschen von guter Gabe Gottes umgeben sind. Wir sind umrahmt von guter Schöpfung, die uns jetzt Frühlingsluft atmen lässt, die uns erhält und lebendig macht.

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Wir waren vor kurzem im Allgäu, das Schloss Neuschwanstein besichtigten. Kennen Sie das? Tolle Immobilie. Wunderschön am Berg gelegen. Sagenhafte Aussicht von dort: Forggensee, Schwansee. König Ludwig von Bayern hatte sich hier ein Traumschloss bauen lassen. Romantisch und traumhaft in die Landschaft gepflanzt.

Einer seiner vielen Träume, die nicht fertig gestellt wurden. Denn ihm ging schlicht das Geld aus. Nur 16 Zimmer wurden fertig. Für den Rest reichte es nicht. Dabei hatte er noch viel Größeres vor: Schloss Falkenstein, eine Semper-Oper in München. Zum Schluss jammerte und fluchte er: Lieber wolle er nicht mehr leben, als dass er ein König ohne Geld, ohne Traumschlösser und ohne Macht sei! Und so kam es dann: Eines Tages fand man ihn am See: Tot. Von seinen Ärzten zuvor für wahnsinnig erklärt, entrückt von aller Realität.

„Woher hatte er eigentlich das ganze Geld?“ fragt mich meine Tochter. „Gute Frage“, sage ich. „Er hat es vom Volk genommen, durch hohe Steuern und auch durch Kriege.
„Dann hat er das Geld also gar nicht selber verdient!“, grummelt sie ärgerlich. „Stimmt“, sage ich. „Verdienen kann man so viel Geld wohl gar nicht, manche bekommen es einfach, das ist ein Unterschied.“

„Zufrieden war er aber nicht mit dem, was er geschenkt bekam“, spöttelt unsere zweite Tochter, „wenn er deswegen nicht mehr leben wollte. Komischer König! Steinreich und unzufrieden! Papa, sind wir eigentlich reich?“

„Hey“, sage ich, „wir sind hier gerade im Urlaub und haben eine Ferienwohnung gemietet. Die ist hell, warm und bezahlbar. Ich fühle mich reich beschenkt.
Außerdem steht in der Bibel: „Wer Geld liebt, wird daran niemals satt und wer Reichtum liebt, wird schnell einsam und wird keinen Nutzen davon haben.“
„Wir haben gerade gut gegessen. Haben miteinander gelacht. Ich finde, es geht uns ganz gut! Auch ohne 16 Zimmer und leider, leider auch ohne Dienstboten: Übrigens: heute seid ihr dran mit Geschirr abwaschen.“

Die beiden schauen mit sanftem Blick auf das Schloss in der Ferne.
„Traumhaft schöner Anblick“, sagt die Ältere.
„Leider sind wir nicht steinreich, murmelt die Jüngere, aber dafür zufrieden“
Dann tippt sie ihrer großen Schwester auf die Schulter und sagt:
„Los, komm, lass uns Geschirr abwaschen.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=5632
Glaubst du eigentlich an die Auferstehung?
Tante Irmela legt die Zeitung auf den Küchentisch und blickt Onkel Heinz erwartungsvoll an. Knackige Frage am frühen Morgen. Auch für Onkel Heinz, der ja einiges von Tante Irmela gewohnt ist. Äh, ne zweite Tasse Kaffee wär' jetzt erst mal gut, sagt er. Irmela legt die Hand auf die Kaffeekanne. Kriegste erst, wenn du geantwortet hast: Glaubst du an die Auferstehung?

Wie kommste denn auf so was am frühen Morgen?
Ich lese Zeitung, und da steht, dass ein Theologieprofessor nicht daran glaubt.
Ein Theologieprofessor! Und was sagst du als einfacher Christ dazu??
Hat wahrscheinlich von seiner Frau keinen Kaffee bekommen, murmelt Heinz.
Irmela zieht die Kaffeekanne zu sich: Spinn' nicht rum, glaubst du dran oder nicht?
Es stärkt mich, antwortet Heinz.
Was stärkt dich?
Auferstehung bedeutet für mich: Gott im Rücken zu haben.
Dass es andere Mächte gibt als nur solche, die jemand ans Kreuz nageln. Weil sie nur dann sich richtig mächtig fühlen. Mit Gott im Rücken werde ich richtig froh.
Kriege einfach einen anderen Blick für mein Leben.
Zum Beispiel? Irmelas Hand hält die Kaffeekanne immer noch fest.
Mit Gott im Rücken kann ich tief mich bücken kann auflesen, was andere achtlos liegen gelassen haben, kann ich wagen, nächstes Mal mehr Fehler zu machen,
alles lockerer und entspannter anpacken
mich nicht so ernst nehmen
mehr Gelegenheiten einfach ergreifen
und – jetzt huscht ein Lächeln über das Gesicht von Onkel Heinz -
kann auch mehr Berge besteigen
mehr Flüsse durchschwimmen
früher im Frühling barfuss gehen
und später im Herbst damit aufhören
mehr zum Tanzen gehen
Mit Gott im Rücken kann ich wagen....
Halt, halt, halt, das reicht! Irmela schiebt Heinz die Kaffeekanne hin.
Das reicht ja komplett für ein ganzes Jahr! Hier, trink deinen Kaffee, das stärkt dich ja auch ein bisschen, oder? Und wo wir schon beim tief bücken sind: Holst du mir nachher auch die Wäsche aus dem Trockner?
Klar doch, sagt Heinz, und fügt mit funkelnden Augen hinzu:
Mit Gott im Rücken kann ich sogar Irmela entzücken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5596
Danke für diesen guten Morgen / danke für jeden neuen Tag
danke, dass ich all meine Sorgen / auf dich werfen mag.

Wunderbar, dieses Lied aus dem evangelischen Gesangbuch. Ein richtiger Schlager.
Jeder kann es auf Anhieb verstehen und mitsingen. Und das in einem Rhythmus, der richtig ansteckend ist. Das habe ich öfter überraschend erlebt. Als Pfarrer treffe ich ja Leute in den verschiedensten Situationen.
Zum Beispiel junge Paare, die sich trauen lassen wollen. Für einen Gottesdienst hatte sich das Paar das Danke-Lied gewünscht. Während des Gesprächs über die Gestaltung des Gottesdienstes
entstanden spontan folgende Verse.

1) Ach, Herr, dass wir uns kennen lernten, / Ach, Herr, das ist so wunderbar.
Gib, Herr, dass daraus Liebe wächst / Und Demut immerdar.
2) Schau doch wie unsre Träume glänzen / Golden erstrahlt Nadines Haar
Gib, Herr, das stets in unsren Herzen / Blüht der Liebe JA!

Ähnlich ging es mir mit Eltern, die ihr Kind taufen lassen wollten. Auch sie wünschten sich auch das Danke-Lied. Die Geburt war nicht einfach gewesen, und die beiden waren überglücklich,
dass das kleine Wesen nun im Arm der Eltern lag. Im Taufgespräch entwickelten wir dann zwei neue Strophen:

1) Danke für dieses neue Leben, / danke für jedes kleine Kind.
Danke, dass die erschöpften Eltern / froh und glücklich sind.
2) Danke für das Geschenk der Taufe, / danke, dass du jetzt bei uns bist,
danke für deinen guten Segen, /den du nicht vergisst.


Und mit Konfirmanden haben wir das Danke-Lied fröhlich gesungen.
Als Hausaufgabe sollte die Gruppe einen Bericht über ein Konfi-Wochenende schreiben.
Ein Konfirmand schloss seinen Bericht mit einem eigenen Vers zum Danke-Lied ab:

Danke, für meine guten Eltern / Danke, dass ich 'ne Schwester hab,
Danke, dass ich ihr meine Sorgen / anvertrauen darf.


Große Dichtung ist das alles nicht, klar. Aber all diese selbst geschriebenen Liedstrophen brachten etwas unter uns ins Schwingen. Und sie öffneten die Augen für das, was uns trotz aller Sorgen immer wieder geschenkt wird.

Natürlich: Nicht jeder Morgen fängt gut an. Aber meine Sorgen auf Gott werfen: das kann ich.
Danke sagen, dass es eine verständnisvolle Schwester gibt.
Oder andere Menschen, die einfach ein Geschenk des Himmels sind.

Danke, auch für diesen Morgen.

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"Schade, dass wir nicht klauen!", sagte das Mädchen und legte die Geldscheine in die Kommodenschublade zurück.

Eine Szene aus einem Film. Zusammen mit ihrem Vater hatte das Mädchen sich durch kleine Schwindeleien das Zutrauen einer Wohnungsinhaberin erworben. Und die hatte die beiden spontan zum Übernachten eingeladen. Weil nur noch wenig im Kühlschrank war, ging die Wohnungsinhaberin noch mal schnell was zu essen kaufen. Diese Gelegenheit nutzten der Vater und das Mädchen, um die Wohnung zu durchsuchen. Und dann lag da das Geld einfach offen in einer Schublade. "Schade, dass wir nicht klauen!" sagte das Mädchen, hoffentlich kommt die Frau bald mit was zum essen zurück!

Ich finde das eine faszinierende Umsetzung des Siebten Gebotes aus der Bibel:
Du sollst nicht stehlen! Dieses Gebot klingt zunächst wie eine barsche Drohung: Du sollst nicht stehlen! So habe ich es jedenfalls damals im Konfirmandenunterricht kennen gelernt.
Du sollst nicht stehlen! Ein Satz wie ein Peitschenhieb.

Später habe ich dann erfahren, dass man auch anders übersetzen kann:
"Du BRAUCHST nicht." - "Du brauchst nicht stehlen."
Warum?

Wenige Zeilen über dem siebten Gebot steht eine Art Überschrift für alle Gebote:
Ich bin der Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.

Diese Überschrift macht deutlich: Die Gebote sind nur die Folge einer Vertrauensbeziehung.
Gott, der mir hilft, will mich zum Vertrauen anstiften. "Du brauchst nicht zu stehlen!" sagt Gott. Du brauchst das nicht, wenn du dein Vertrauen auf mich setzt, deinen Gott.

So formuliert klingt das wie eine Einladung zum Nachdenken: Warum meinst du stehlen zu müssen. Bist du sicher, dass du das brauchst? Und wenn du es tust, machst du dich damit nicht zum Knecht derer, die reinen Egoismus predigen?

"Schade, dass wir nicht klauen!", sagte das Mädchen in dem Film und legte das Geld in Schublade zurück. Es klingt trotz eines gewissen Bedauerns in der Stimme irgendwie vergnügt. Und am Ende bekommen die beiden von der Wohnungsbesitzerin dann auch genug zu essen.

In diesem Sinne stelle ich mir seit den letzten Monaten öfter eine Fortsetzung des Films vor:
Ein Investmentbanker sitzt vor dem Bildschirm, auf dem die Kredit-Kurse flimmern.
Schade, dass wir nicht zocken, seufzt er, und schaltet den Fernseher aus.
So einen würde ich gerne zum essen einladen.
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