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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wer viel mit Menschen zu tun hat, die in Religion und Kirche beheimatet sind, dem begegnen hoffentlich viel Freude und Zuversicht – dies ist die eine Seite der Medaille. In den zurückliegenden Jahren – es sind sogar bereits drei Jahrzehnte – mache ich jedoch auch die Beobachtung, dass solche Menschen viel mit Frust und dessen Bewältigung beschäftigt sind, dass manchmal der Ansporn und die Begeisterung fehlen – weit über die Grenzen von Kirchen hinweg. Was kann der Grund dafür sein?
Hierzu ist mir folgende Anekdote aus dem Theaterleben begegnet: Ein Schauspieler stolpert eines Abends sehr angeheitert auf die Bühne seines Theaters. Sein Pech: Er findet beim besten Willen nicht in seine Rolle hinein. Die Souffleuse flüstert ihm immer verzweifelter das Stichwort für seinen Einsatz zu. Schließlich, nach mehreren vergeblichen Versuchen, wendet sich der Schauspieler sichtlich verärgert dem Souffleurkasten zu und ruft hinein: „Keine Einzelheiten bitte! Welches Stück denn?“
Und genau darin sehe ich manchmal das Problem, mit dem manche zu kämpfen haben, da möchte ich den Zuruf wagen: „Keine Einzelheiten bitte, welches Stück spielen wir denn in unseren Kirchen!?“
Warum ist nicht mehr Begeisterung, mehr Freude, mehr Schwung zu spüren – woran liegt es, dass wir nicht anziehender wirken, nicht fröhlicher leben? Sicherlich müsste ich mir selbst diese Frage auch gefallen lassen – so mancher Blick in den Terminkalender nimmt womöglich den Atem, angespannte Geschäftigkeit macht sich immer wieder breit. Ich bin sicher, es ist gut und notwendig, über manches gesund zu streiten, Veränderungen und Bewegungen nicht totzuschweigen und zu verhindern – Kirche muss immer reformiert und neu mit Leben gefüllt werden. Es ist wichtig, aktuell und lebensnah den Glauben zu leben. Wichtig ist aber auch, dass wir uns nicht in Einzelheiten verlieren, sondern fragen: „Welches Stück denn?“
„Um was geht es eigentlich?“ Uns christlichen Kirchen geht es doch darum, vom Glauben an Gott Zeugnis zu geben; es geht uns darum, den Glauben an Gott mit eigenem Leben zu füllen – das ist dann unser Stück: „Bei Dir, Gott, ist die Quelle des Lebens!“

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„Glauben Sie an die Schöpfungsgeschichte so wie sie in der Bibel steht?“ – wurde ich gefragt. „Ich glaube nicht an die Schöpfungsgeschichte, aber ich glaube an Gott, der Leben auf den Weg gebracht hat. Das, was auf den ersten Seiten der Bibel steht, ist vor dem Hintergrund eines Weltbildes entstanden, das vor einigen Tausenden Jahren anders war – damals kannten Menschen ihre Erde nicht als Kugel – zur Grundaussage kann ich aber auch heute „Ja!“ sagen – denn diese heißt: „Ich glaube daran, dass Gott die Welt erschaffen hat!“ – anders ausgedrückt: „Ich glaube daran, dass Gott etwas hat beginnen lassen, damit Leben möglich wird!“
Die Auswertung von Daten, die uns Satelliten übermitteln, sprechen für einen Beginn unseres Kosmos, die Materie ist nicht ewig, sie muss irgendwie einen Anfang besitzen. Diesen Anfang können wir auch heute als Schöpfungsakt bezeichnen. „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde…“ so lautet unser frühchristliches Credo, das Glaubensbekenntnis. Auch wenn vieles in Zusammenhang mit Urknall, mit Schöpfung und Evolution, in Theorien und Fragezeichen gehüllt ist, nur „Zu-fall“ wird dies nicht gewesen sein; ich glaube an einen personalen Gott, der oder die (!) für uns Leben zufallen lässt.
„Herr, unser Herrscher,“ – so ist es in Psalm 8 zu hören, „wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, über den Himmel breitest du deine Hoheit aus. Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob…“ – und weiter: „Seh’ ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst…!“
Faszinierend ist für mich immer wieder ein Blick zum Sternenhimmel in der Nacht oder zum schillernden Regenbogen und der leuchtenden Sonne.


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Heute Morgen gehen sicher viele Kinder mit Angst aus dem Haus. Und viele Eltern gucken Ihnen bangen Herzens hinterher. Ich auch. Das war gestern noch anders. Unbesorgt habe ich morgens die Kinder zur Schule gebracht. Und ich habe Ihnen zum Abschied zugerufen: Bis heute Nachmittag. Aber seit gestern habe ich auch Angst. Denn das Undenkbare ist passiert. 17 Menschen sind tot. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen, Fußgänger auf der Straße. Scheinbar wahllos erschossen. Hingerichtet. Nachmittags kamen sie alle nicht mehr nach Hause. Und sie werden nie wieder kommen. 16 Menschen, die gestern Morgen, vielleicht fröhlich, vielleicht still, vielleicht traurig oder auch verliebt aus dem Haus gegangen sind, sich von ihren Eltern, ihrer Familie verabschiedet haben. Und niemand wusste, dass das der letzte Abschied war. 16 Menschen, die noch mit Freunden und Freundinnen gequatscht, telefoniert, Witze gemacht haben, sie sind plötzlich tot.
Es sind Menschen, die ich nicht gekannt habe – aber Menschen, um die ich trotzdem trauere. Weil sie nicht mehr nach Hause kommen werden. Und ich denke an die vielen Menschen, die sie zurücklassen: ihre Eltern, ihre Familie, ihre Freunde, Angehörige, alle, die sie kannten. Ich weiß, ich kann mich nicht in sie hineinversetzen. Und ich mag mir auch gar nicht vorstellen, noch nicht einmal einen Augenblick, es wäre jemand von mir gewesen. Ich kann höchstens ansatzweise erahnen, was jetzt die Angehörigen und Freunde der Opfer in Winnenden durchmachen. Ich will mir nicht anmaßen, ihre Trauer zu verstehen. Und ich will ihnen keinen billigen Trost spenden.
Aber ich erlebe immer wieder, wenn ich selbst traurig bin: Es hilft mir, wenn andere an mich denken, mich berühren, da sind. Egal ob ich sie kenne, oder ob es Fremde sind. Und ich glaube, das gilt für alle Menschen.
Heute Morgen habe ich nicht nur Angst, heute morgen denke ich auch an die Menschen in Winnenden, an die Eltern, die Verwandten, die Freunde der Opfer des grässlichen Amoklaufs. Und ich bitte Gott, dass er bei ihnen ist, sie tröstet – und ihnen viele Menschen schickt, die ihnen beistehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5589
„Wenn Gott einen Kühlschrank besäße, hinge dein Bild daran.“ Ein starker Satz. Gott ist wie ein Mensch, der sich Fotos seiner Lieben an seinen Kühlschrank hängt, damit er das, was ihm lieb geworden ist und woran sein Herz hängt, mehrmals täglich sieht. Dass der christliche Gott ein Gott der Liebe ist, ist gute biblische Botschaft. Das an sich ist ja schon fantastisch. Dass er aber jeden Menschen mit dieser Liebe beschenkt, ist fast nicht zu glauben. Gottes Zuneigung ist wohl auch darin begründet, dass er uns erschaffen hat. Das kann ich gut nachvollziehen. Etwas, was man selbst entworfen und mit viel Liebe gemacht hat auf das achtet man und ganz besonders, wenn’ einem gelungen ist. Bekanntermaßen sagt die Bibel, dass Gott mit seiner Creation sehr zufrieden war. Ihm hat’s aber nicht genügt, etwas Tolles zu schaffen, ihm den erforderlichen Anfangsschubser zu geben und sich dann genüsslich zurückzuziehen, Nein, er ist so verrückt nach seinen Geschöpfen, dass er sie engagiert und mit Sympathie begleitet und für sie immer ein offenes Ohr hat. Wann immer Menschen mit Gott reden, hört er ihnen zu. Ganz selten gibt es zwar eine direkte Antwort, aber ich bin davon überzeugt, dass ihre Gebete, denn nichts anderes ist ja das Sprechen mit Gott, nicht ins unendliche All verschwinden, sondern von Gott wohlwollend aufgenommen werden.
Gottes Liebe hat sich in ihrer ganzen Fülle nicht nur darin gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn in Bethlehem zur Welt kommen ließ, sondern noch einmal mehr, dass er diesen Jesus Christus am Kreuz sterben ließ. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit wir Menschen erkennen, wie ernst es ihm um uns ist. Verrückt? Vielleicht, aber dann verrückt vor Liebe.
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In der Taufe wird gefeiert, dass Gott den Menschen ein Leben lang begleitet und behütet. Die Eltern und Angehörigen dürfen diese frohe Botschaft an die Täuflinge weitergeben.
Taufgespräche zu führen ist eine angenehme Aufgabe für einen Seelsorger. Man kommt in ein Haus und ist willkommen, die Gesprächsatmosphäre ist entspannt. Taufgespräche zu führen ist aber auch eine bedeutsame Angelegenheit, bieten sie doch die Chance, zu erklären, was die Taufe soll und warum sie so wichtig ist.
Am Besten zusammengefasst finde ich das in einem Kästchen, das auf meinem Schreibtisch liegt: „Der dich trägt, lässt dich nicht fallen“, steht darauf und darin befindet sich eine kleine Figur, ein kleines Kind, das von einer größeren Hand zart umfangen wird.
Genau das ist das Gottesbild das uns die Bibel in den Aussagen von Jesus vermittelt: Gott ist einer, der trägt und hält, der uns nicht fallen lässt selbst wenn wir am Fallen sind. Das gilt für Große wie auch für Kleine. Nur dass die Kleinen das gesagt bekommen müssen und man es ihnen vorleben muss. Denn die Erfahrung, dass es da einen gibt, der unbedingt zu mir hält, führt zu Selbstvertrauen und Stärke – da bin ich von überzeugt. Und genau das will die Taufe vermitteln. Ihre Symbole helfen dabei. Zum Beispiel wird die Taufkerze des Kindes an der Osterkerze also dem Symbol für die Auferstehung von Jesus, entzündet. Damit soll ausgedrückt werden. Wir glauben daran und hoffen darauf, dass auch dieses Kind einst mit Gott ganz vereint sein wird.
Für viele der Taufeltern ist das schon sehr hohe Theologie und sie fragen sich unsicher, wie sie das ihren Kindern vermitteln sollen. Alte Rituale, die schon unsere Eltern und Großeltern praktizierten, können dabei hilfreich sein. Mit den Kindern ein kurzes Abendgebet sprechen, in dem man vor Gott den Tag Revue passieren lässt, bei Tisch Gott für das Essen danken, gemeinsam an Weihnachten zur Krippe gehen und von der Menschenfreundlichkeit Gottes erzählen. Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wie es gelingen kann auch schon kleinen Kindern den christlichen Glauben näher zu bringen. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter immer das Brot segnete, bevor sie es anschnitt, oder wie sie uns Kinder ein Kreuzzeichen auf die Stirn malte, wenn wir in Kindergarten oder Schule gingen. Das sind Dinge, die ein Leben lang prägen.
Natürlich geht das alles auch ohne dass ein Kind getauft werden muss. Doch die Taufe macht in öffentlicher Form deutlich, wie es um uns und Gott steht, sie bietet die Chance einer Feier, die Eltern, Paten und andere lange nicht vergessen und so vielleicht selbst wieder ein Stück näher zu dem gelangen werden, der uns trägt und uns nicht fallen lässt.

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Selig zu werden und gelassen bleiben, die Ordensgemeinschaft der kleinen Schwestern von Paris hat hierfür einige Ratschläge.
„Selig die einen Berg von einem Maulwurfshügel unterscheiden können, denn es wird ihnen viel Ärger erspart bleiben.“ Eine Seligpreisung, die nicht von Jesus stammt, sondern von den kleinen Schwestern in Paris. Einer Ordensgemeinschaft zu deren Spiritualität es gehört, möglichst gelassen mit sich und der Welt umzugehen. Berge von Wäsche im Keller, Berge von Akten auf dem Schreibtisch, Berge von Sorgen und Nöten – solche Berge kennt ein jeder. Man kann sich in diese Berge hineinsteigern, so dass sie himalyamäßige Ausmaße annehmen. Man kann sie sich aber auch genauer ansehen, nüchtern analysieren und sortieren um dann vielleicht zu erkennen: Eigentlich sind die vermeintlichen Berge nur Maulwurfshügel. Und es ist gar nicht so schwer sie abzutragen. „Selig, die schweigen und zuhören können.“ Das ist eine weitere Seligpreisung der kleinen Schwestern. Ab und zu einfach mal den Mund halten und zuhören, den Anderen und seine Ansichten ernst nehmen, die eigene Meinung hinten anstellen, das ist gar nicht so einfach. Dazu passt ein dritter Satz der Seligpreisungen der kleinen Schwestern aus Paris: „Selig, wenn ihr lächelt und schweigen könnt, wenn man euch ins Wort fällt oder euch widerspricht.“ Nicht überhebliches Lächeln ist hier gemeint und nicht resigniertes Schweigen. Eher ein Lächeln aus Güte und Freundlichkeit und ein Schweigen, das souverän und selbstbestimmt auf eine harsche Kritik verzichtet.
Die Seligpreisungen der kleinen Schwestern aus Paris können dazu helfen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sie funktionieren aber nicht ohne den Glauben an das Gute im Menschen. Und das haben sie mit ihrer großen Vorlage, den Seligpreisungen Jesu wie wir sie in der Bibel finden, gemeinsam. Denn wie Jesus sind die kleinen Schwestern fest davon überzeugt, dass ihnen in jedem Menschen Gott selbst begegnet.

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